Zhuangzi

Zhuangzi

Warum Zhuangzi lesen?

Warum sollte man heute, mehr als zweitausend Jahre später, noch Zhuangzi lesen? Vielleicht gerade deshalb, weil dieses Buch sich jeder einfachen Antwort verweigert. Zhuangzi ist kein Philosoph des Systems, sondern des Perspektivwechsels, kein Lehrer fertiger Wahrheiten, sondern ein Meister darin, die Gewißheiten der Leser ins Wanken zu bringen. Was ist richtig und falsch? Was wissen wir wirklich? Was unterscheidet den Menschen vom Schmetterling, den Träumenden vom Erwachten, das Leben vom Tod? Im Grunde genommen fragt Zhuangzi: Woher wissen wir überhaupt, daß unsere Unterscheidung von wahr und falsch die richtige ist? Und er versucht gar nicht, endgültige Antworten zu finden, sondern versucht, uns von dem Zwang zu befreien, auf alles eine eindeutige Antwort haben zu müssen. Er entwickelt einen „weltlichen Skeptizismus“, der nicht einfach eine neue absolute Wahrheit an die Stelle der alten setzt.
 
Das macht Zhuangzi zu einem erstaunlich modernen Buch. Seine Geschichten, Parabeln, Anekdoten, Meditationen und Dialoge handeln von Freiheit, Selbstbestimmung und der Kunst, sich nicht von äußeren Erwartungen beherrschen zu lassen. Sie kritisieren eine Welt, in der alles nach Nutzen, Leistung und Anerkennung beurteilt wird. Was ist ein Mensch wert, wenn er nicht durch Produktivität oder ökonomische Effizienz hervorsticht? Zhuangzi’s berühmter „nutzloser Baum“ kann gerade deshalb alt werden, weil niemand ihn fällen will. Der vollkommene Koch kämpft nicht gegen die Anatomie der Tiere an, die er zerlegt, sondern folgt ihr, als würde er ein Musikstück hören und dabei tanzen.
 
Auch Zhuangzi selbst lebte nach dieser Philosophie. Über die historische Person Zhuang Zhou wissen wir erstaunlich wenig. Eine der ältesten Biographien berichtet, er habe im Lackgarten ein Amt bekleidet, sei arm gewesen und habe sich von den Angeboten der Herrscher, einen Ministerposten anzunehmen, nicht verlocken lassen. Wie selten ist diese Verbindung von Leben und Denken! Zhuangzi mißtraut dem Tauschgeschäft mit der Macht. Der Mann aus dem Lackgarten wird zum Philosophen der Natur, der Wandelbarkeit und der Nutzlosigkeit. Der Baum, der überlebt, weil er zu nichts zu gebrauchen ist, könnte geradezu als Sinnbild seines Denkens gelten. Im Buch Zhuangzi wimmelt es von Bäumen, Holzfällern, Handwerkern, Pferden, Fischen, Vögeln, Pflanzen, Flüssen, Bergen, Gärten, Wachstum und Verfall. Eine neuere Forschungsarbeit aus Hongkong (Lingnan University) widmet sich genau diesem Zusammenhang und stellt fest, die Tätigkeit im Lackgarten könnte für Zhuangzi’s Denken über Bäume, Natur und Herrschaft eine wichtige Erfahrungsgrundlage und Anregung gewesen sein: Der Philosoph, der die Nützlichkeit der Dinge in Frage stellt, war ausgerechnet mit einem Garten verbunden – mit einem Ort also, an dem Natur gepflegt, kultiviert und damit nutzbar gemacht wird... Freilich wird Zhuangzi nicht müde, die Zurichtung der natürlich gegebenen Dinge und der Lebewesen zu kritisieren. Im Kapitel Pferdehufe werden Pferde gerade dadurch verdorben, daß der Mensch sie dressiert. Besonders radikal ist Zhuangzi’s Umgang mit Leben und Tod. Als seine Frau stirbt, trauert er zunächst wie jeder andere Mensch. Dann begreift er ihren Tod als eine weitere Wandlung innerhalb des großen Naturprozesses, vergleichbar mit dem Wechsel der Jahreszeiten. Und am Ende seines eigenen Lebens lehnt er ein aufwendiges Begräbnis ab: Himmel und Erde seien sein Sarg, Sonne und Mond sein Schmuck, die zahllosen Lebewesen seine Grabbeigaben. Leben und Tod erscheinen hier nicht als Gegensätze, sondern als unterschiedliche Formen eines unaufhörlichen Wandels.
 
In Deutschland mußte Zhuangzi allerdings erst entdeckt und aus den Schichten früherer Übersetzungen und Deutungen herausgelöst werden. Martin Buber, Richard Wilhelm, später auch die literarische und philosophische Rezeption von Laozi und Zhuangzi bei Autoren wie Klabund und Denkern wie Heidegger machten den chinesischen Klassiker für die deutsche Geisteswelt zugänglich – allerdings häufig durch europäische Vorstellungen und Übersetzungen vermittelt. So veröffentlichte Martin Buber 1910 als erster eine deutschsprachige Auswahl aus dem Zhuangzi,  aber – und das ist wichtig – nicht direkt aus dem Chinesischen übersetzt, sondern ausgehend von englischen Vorlagen in eine eigene deutsche Fassung bracht. Mit Buber kam das Buch Zhuangzi sozusagen gar nicht als chinesischer Text nach Deutschland, sondern als europäische Interpretation eines chinesischen Textes, denn Buber las Zhuangzi stark durch seine religionsphilosophische Brille. Für Martin Heidegger gehörte Zhuangzi zu den chinesischen Autoren, mit denen sich sein Denken auf eigentümliche Weise berührte. So trug er 1930 nach einem Vortrag die berühmte Geschichte von der „Freude der Fische“ vor: Hier streiten zwei Menschen darüber, ob sie überhaupt wissen können, was ein Fisch empfindet.

Die neue Übersetzung von Viktor Kalinke setzt nun einen bemerkenswerten Akzent. Sie verbindet philologische Genauigkeit mit einer ungewöhnlich unmittelbaren, beweglichen Sprache und befreit Zhuangzi von jener Patina, die ältere deutsche Fassungen teilweise umgab. 
So erscheint Zhuangzi heute weniger als exotischer „Weiser aus dem alten China“ denn als ein überraschend gegenwärtiger Gesprächspartner. Kalinke gibt Zhuangzi als einen lebendigen Text wieder. Die Leser müssen sich nicht durch eine dicke Schicht „Weisheitssprache“ hindurchbeißen – die Übersetzung läßt Zhuangzi selbst sprechen. Und siehe da: Es klingt ironisch, manchmal frech und gelegentlich geradezu witzig. „Worte sind nicht bloß Luft, Worte sagen etwas.“

„Wer viel weiß, hat Schwierigkeiten; wer wenig weiß, hat Muße.“ Zhuangzi’s Antwort auf unsere Welt der Selbstoptimierung, der Verwertbarkeit und des permanenten Bewertens und Urteilens lautet nicht: Mach es anders! Sie lautet zunächst: Halte inne. Schau dich um. Vielleicht ist die Welt größer als die Begriffe, mit denen du sie festhalten willst. Genau darin liegt die eigentliche Frische dieses alten Buches.

Zhuangzi war ein Mann aus Meng (heutiges Anhui), sein Rufname war Zhou. Er bekleidete in Meng ein Amt im Lackgarten (Qiyuan) und war ein Zeitgenosse von König Hui von Liang (r. 369-335) und König Xuan von Qi (r. 369-301). Es gab kein Gebiet, auf dem er sich nicht auskannte, in der Hauptsache aber berief er sich auf die Sprüche von Laozi. So schrieb er ein Buch mit mehr als 100’000 Wörtern, die überwiegend Gleichnisse darstellen. Er war ein begnadeter Dichter und Wortkünstler, schilderte Tatsachen und entdeckte Zu­sam­men­hänge; all dies nutzte er, um die Konfuzianer und Mohisten bloß­zustellen, selbst die größten Gelehrten seiner Zeit vermochten es nicht, ihn zu widerlegen. Die Worte flossen und sprudelten aus ihm hervor und trafen unvermittelt den Kern. Daher gelang es weder den Königen und Fürsten noch sonstigen großen Männern, ihn an sich zu binden. (Biographie des Zhuangzi von Sima Qian, Historiker am Hof der Westlichen Han-Dynastie, 2. Jahrhundert v.u.Z.)

  

Im Leipziger Literaturverlag sind von und über Zhuangzi erschienen: 

Zhuangzi: Gesamttext und Materialien, chinesisch - deutsch
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Das Buch Zhuangzi zählt zu den wichtigsten Quellen des altchinesischen Daoismus. Zhuangzi lenkt auf das Eigentliche zurück, das Einfache, das eigentlich keiner Hinlenkung bedarf: die Freiheit, nichts Besonderes zu tun, die Freiheit, sich selbst zu folgen, die Freiheit, mit der Natur zu leben. Im deutschen Sprachraum existiert bis heute keine vollständige Übersetzung des Zhuangzi aus dem Chinesischen. Diese Lücke wird durch die hier vorgelegte, zweisprachige Ausgabe geschlos­sen.
124,95 EUR
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Zhuangzi: Gesamttext und Materialien, chinesisch - deutsch als eBook
 Das Buch Zhuangzi zählt zu den wichtigsten Quellen des altchinesischen Daoismus. Zhuangzi lenkt auf das Eigentliche zurück, das Einfache, das eigentlich keiner Hinlenkung bedarf: die Freiheit, nichts Besonderes zu tun, die Freiheit, sich selbst zu folgen, die Freiheit, mit der Natur zu leben. Im deutschen Sprachraum existiert bis heute keine vollständige Übersetzung des Zhuangzi aus dem Chinesischen. Diese Lücke wird durch die hier vorgelegte, zweisprachige Ausgabe geschlos­sen.
99,95 EUR
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Laozi & Zhuangzi: Die Freude der Fische - mp3
Zhuangzi war ein Mann aus Meng (heutiges Anhui), sein Rufname war Zhou. Er lebte im 4. Jahrhundert v.u.Z. und bekleidete in Meng ein Amt im Lackgarten (Qiyuan). Es gab kein Gebiet, auf dem er sich nicht auskannte, in der Hauptsache aber berief er sich auf die Sprüche von Laozi. Er war ein begnadeter Dichter und Wortkünstler, schilderte Tatsachen und entdeckte Zusammenhänge, selbst die größten Gelehrten seiner Zeit vermochten es nicht, ihn zu widerlegen. Die Worte flossen und sprudelten aus ihm hervor und trafen unvermittelt den Kern.
16,95 EUR
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Laozi & Zhuangzi: Die Freude der Fische - CD
Zhuangzi war ein Mann aus Meng (heutiges Anhui), sein Rufname war Zhou. Er lebte im 4. Jahrhundert v.u.Z. und bekleidete in Meng ein Amt im Lackgarten (Qiyuan). Es gab kein Gebiet, auf dem er sich nicht auskannte, in der Hauptsache aber berief er sich auf die Sprüche von Laozi. Er war ein begnadeter Dichter und Wortkünstler, schilderte Tatsachen und entdeckte Zusammenhänge, selbst die größten Gelehrten seiner Zeit vermochten es nicht, ihn zu widerlegen. Die Worte flossen und sprudelten aus ihm hervor und trafen unvermittelt den Kern.
19,95 EUR
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Zhuangzi & Wittschier, Michael: Auf dem Weg ins südliche Blütenland
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Die Lebensgeschichte von Meister Zhuang vermittelt die ganze Bandbreite der eng mit der Natur und den Lebensgewohnheiten der Menschen verbundenen daoistischen Weisheitslehre. 
19,95 EUR
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Wittschier, Michael: Zhuangzi besser verstehen
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Hier wird der Versuch unternommen, das Buch Zhuangzi mit bestimmten Fragen aus den Problemfeldern Erkenntnistheorie, Moralphilosophie, Anthropologie, und Staatsphilosophie  abzuklopfen und die Antworten, die im Zhuangzi über den gesamten Text verteilt sind, als Verständnishilfe so zu bündeln, dass die eigenständige Lektüre erleichtert und das Denken angeregt wird. Die Einführung soll dazu beitragen, dass das Buch Zhuangzi als philosophisches Vademecum seine Wirkung entfaltet.
19,95 EUR
-> in Deutschland für Endkunden kostenfreier Versand
Zhuangzi & Wittschier, Michael: Auf dem Weg ins südliche Blütenland - eBook
Die Lebensgeschichte von Meister Zhuang vermittelt die ganze Bandbreite der eng mit der Natur und den Lebensgewohnheiten der Menschen verbundene daoistische Weisheitslehre.
14,95 EUR
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Wittschier, Michael: Zhuangzi besser verstehen - eBook
Hier wird der Versuch unternommen, das Buch Zhuangzi mit bestimmten Fragen aus den Problemfeldern Erkenntnistheorie, Moralphilosophie, Anthropologie, und Staatsphilosophie  abzuklopfen und die Antworten, die im Zhuangzi über den gesamten Text verteilt sind, als Verständnishilfe so zu bündeln, dass die eigenständige Lektüre erleichtert und das Denken angeregt wird. Die Einführung soll dazu beitragen, dass das Buch Zhuangzi als philosophisches Vademecum seine Wirkung entfaltet.
14,95 EUR
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Wahre Worte werden nicht gesprochen - mit Laozi, Zhuangzi und Fangnei über das Dao sprechen und schweigen
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9,95 EUR
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Wahre Worte werden nicht gesprochen - mit Laozi, Zhuangzi und Fangnei über das Dao sprechen und schweigen - mp3-Hörbuch
9,95 EUR
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Autor des Monats August 2026