Charlotte van der Mele
Markus Sahr empfiehlt Gedichte "Gegen die Zeit" von Charlotte van der Mele
selbstverständnisse
für Jan Skácel
dichterin
sing uns von
der liebe
den feuern der heimat
dem sturzflug der vögel
von der klirrenden schönheit
des eises sing uns
dein lied
ihr irrt
ich sammle nur die späne
der linde
die ihr gefällt habt.
für Jan Skácel
dichterin
sing uns von
der liebe
den feuern der heimat
dem sturzflug der vögel
von der klirrenden schönheit
des eises sing uns
dein lied
ihr irrt
ich sammle nur die späne
der linde
die ihr gefällt habt.
Der Band "kairologoi – gegen die zeit" ist als poetisches Jahresbuch angelegt: 112 Gedichte sind chronologisch von September bis August geordnet und lesen sich wie verdichtete Tagebucheinträge, in denen Augenblicke, Erinnerungen, Liebeserfahrungen und politische Erschütterungen festgehalten werden. Stilistisch verbindet Charlotte van der Mele eine ausgesprochen knappe, oft elliptische Sprache mit starken Bildern, Wortspielen und überraschenden Brechungen; neben zarten Natur- und Liebesbildern stehen schroffe politische Texte, Ironie und Selbstbefragung. Besonders charakteristisch ist die Spannung zwischen Melancholie und Widerstand: Die Gedichte kreisen um Fremdheit, verlorene Heimat, Alter, Tod und Abschied, halten aber zugleich an Begehren, Zärtlichkeit, Schönheit und der Möglichkeit eines Neuanfangs fest. Der Titel wird dabei zum poetischen Programm: Gegen die abstrakte, gesellschaftlich durchgetaktete „Zeit“ setzt die Autorin den Kairos, den jeweils einmaligen, erfüllten Augenblick, den das Gedicht aus dem Zeitfluss herauslösen kann. (Leipziger Zeitung) Im Vergleich mit den früheren Bänden "mein lavendel trägt schwarz" (2021) und "ich rede nicht von auferstehung" (2021) wirkt "kairologoi" stärker als zusammenhängende poetische Reflexion über Zeit, Geschichte und Gegenwart; die früheren Bücher sind stärker von Liebe, Tod, Fernweh, Verzweiflung und dem Versuch geprägt, angesichts der Gegenwart nicht in Zynismus zu verfallen. Zugleich führt "kairologoi" diese Themen weiter: Die Liebesgedichte bleiben sinnlich und unmittelbar, während Gedichte wie „wie gut“, „der schmerz der (russischen) dichterin“ oder „barbarisch ist es“ die private Erfahrung immer wieder mit Krieg, Macht und Geschichte konfrontieren. Auch der spätere Band "spiegel scherben spiel" konzentriert sich stärker auf Liebe, Begegnung und das Scheitern von Beziehungen; "kairologoi" erscheint demgegenüber politischer und zeitgeschichtlicher. Van der Mele's poetische Biografie kreist um Heimatverlust, Fremdheit und die Suche nach einem anderen Ort, den sie als „Heterotopie“ der Poesie bezeichnet. Ein Teil dieser Erfahrung lässt sich mit ihrer ostdeutschen Herkunft verbinden. Im Band wird diese biografische Grundspannung immer wieder poetisch sichtbar – etwa in „eine vergangenheit bin ich“, „in den zeiten“, „wer ich bin“ oder „in wiederkehr“: Die Sprecherin ist in ihrer Zeit verwurzelt und fühlt sich ihr zugleich fremd. Gerade darin liegt die besondere Qualität des Bandes: Er ist nicht einfach ein persönliches Tagebuch in Versen, sondern verwandelt persönliche Heimatlosigkeit, Liebeserfahrung und historische Erschütterung in eine grundsätzliche Frage danach, wie man in einer Zeit leben kann, der man sich nicht zugehörig fühlt. Van der Mele erweist sich als eine „Dichterin des 21. Jahrhunderts“ , deren Liebeslyrik sich nicht mehr auf die romantischen Gewissheiten des 19. Jahrhunderts stützen kann. Ihre Gedichte sind zarte, beinahe pastellartige Versuche, die Uneindeutigkeit von Sprache, Liebe, Nähe und Fremdheit einzufangen.
Über die Autorin: geb. 1988, lebt in Leipzig. Verabschiedet aus den utopischen Hoffnungen, sucht sie Wohnung in einer Heterotopie, in der die Regeln bestimmt werden von der Poesie und wo Ethik und Ästhetik in eins fallen. Und sie weigert sich standhaft, ihre Ideen für eine Hoffnung zu verraten.
Im Leipziger Literaturverlag ist von Charlotte Van der Mele erschienen:
1 bis 2 (von insgesamt 2)
Dichterin des Monats September 2026