Charlotte van der Mele

Charlotte van der Mele

Markus Sahr empfiehlt Gedichte "Gegen die Zeit" von Charlotte van der Mele

 
Eines der gängigen Zitate von Augustinus von Hippo, dem Kirchenvater aus dem 4. und 5. Jahrhundert, ist eine Aussage über das Wesen der Zeit. „Was ist also die Zeit? Wenn mich niemand darüber fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber jemandem auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht.“ Fast jeder Autor, jede Autorin schreibt gegen das scheinbar übermächtige Verrinnen der Zeit an, mal so bewußt wie Charlotte van der Mele, mal unausgesprochen und, wer weiß, unbewußt. Daß die Zeit langsam verstreichen möge, ein Innehalten ermögliche und somit bewußtes Erleben, ist der Wunsch fast aller Kunst. „Verweile doch! du bist so schön…“ ist Fausts Bedingung für den Pakt mit Mephisto. Bei Charlotte van der Mele ist das gepaart mit einem Leiden an deutscher Geschichte, an Faschismus und neu erstarkendem Rechtsextremismus, aber auch an Fremdheit und Entfemdung, auch und gerade in Beziehungen, in der Liebe. Ein wenig Weltschmerz schwingt in den Ausbrüchen mit, warum auch nicht, gibt es ja Anlaß genug. Kriege, falscher Patriotismus, das Mißlingen von Liebe, die Zerstörung von Welt und der Dimension des Menschlichen. Oder, wie es in einer Selbstaussage am Ende des Buches „kairologoi – gegen die zeit“ (die durchgehende Kleinschreibung in den Gedichten ist beabsichtigt) heißt: „Geboren in einem anderen Jahrtausend und / einem verschwundenen Land lebt Charlotte van / der Mele in wachsender Entfremdung.“ Das Selbstverständnis des lyrischen Ichs steht gegen das Selbstverständnis der – oh, wie schön – Kunst erwartenden Menge:
 
selbstverständnisse
für Jan Skácel
 
dichterin
sing uns von
der liebe
den feuern der heimat
dem sturzflug der vögel
von der klirrenden schönheit
des eises sing uns
dein lied
 
ihr irrt
ich sammle nur die späne
der linde
die ihr gefällt habt.

Der Band "kairologoi – gegen die zeit" ist als poetisches Jahresbuch angelegt: 112 Gedichte sind chronologisch von September bis August geordnet und lesen sich wie verdichtete Tagebucheinträge, in denen Augenblicke, Erinnerungen, Liebeserfahrungen und politische Erschütterungen festgehalten werden. Stilistisch verbindet Charlotte van der Mele eine ausgesprochen knappe, oft elliptische Sprache mit starken Bildern, Wortspielen und überraschenden Brechungen; neben zarten Natur- und Liebesbildern stehen schroffe politische Texte, Ironie und Selbstbefragung. Besonders charakteristisch ist die Spannung zwischen Melancholie und Widerstand: Die Gedichte kreisen um Fremdheit, verlorene Heimat, Alter, Tod und Abschied, halten aber zugleich an Begehren, Zärtlichkeit, Schönheit und der Möglichkeit eines Neuanfangs fest. Der Titel wird dabei zum poetischen Programm: Gegen die abstrakte, gesellschaftlich durchgetaktete „Zeit“ setzt die Autorin den Kairos, den jeweils einmaligen, erfüllten Augenblick, den das Gedicht aus dem Zeitfluss herauslösen kann. (Leipziger Zeitung) Im Vergleich mit den früheren Bänden "mein lavendel trägt schwarz" (2021) und "ich rede nicht von auferstehung" (2021) wirkt "kairologoi" stärker als zusammenhängende poetische Reflexion über Zeit, Geschichte und Gegenwart; die früheren Bücher sind stärker von Liebe, Tod, Fernweh, Verzweiflung und dem Versuch geprägt, angesichts der Gegenwart nicht in Zynismus zu verfallen. Zugleich führt "kairologoi" diese Themen weiter: Die Liebesgedichte bleiben sinnlich und unmittelbar, während Gedichte wie „wie gut“, „der schmerz der (russischen) dichterin“ oder „barbarisch ist es“ die private Erfahrung immer wieder mit Krieg, Macht und Geschichte konfrontieren. Auch der spätere Band "spiegel scherben spiel" konzentriert sich stärker auf Liebe, Begegnung und das Scheitern von Beziehungen; "kairologoi" erscheint demgegenüber politischer und zeitgeschichtlicher. Van der Mele's poetische Biografie kreist um Heimatverlust, Fremdheit und die Suche nach einem anderen Ort, den sie als „Heterotopie“ der Poesie bezeichnet. Ein Teil dieser Erfahrung lässt sich mit ihrer ostdeutschen Herkunft verbinden. Im Band wird diese biografische Grundspannung immer wieder poetisch sichtbar – etwa in „eine vergangenheit bin ich“, „in den zeiten“, „wer ich bin“ oder „in wiederkehr“: Die Sprecherin ist in ihrer Zeit verwurzelt und fühlt sich ihr zugleich fremd. Gerade darin liegt die besondere Qualität des Bandes: Er ist nicht einfach ein persönliches Tagebuch in Versen, sondern verwandelt persönliche Heimatlosigkeit, Liebeserfahrung und historische Erschütterung in eine grundsätzliche Frage danach, wie man in einer Zeit leben kann, der man sich nicht zugehörig fühlt. Van der Mele erweist sich als eine „Dichterin des 21. Jahrhunderts“ , deren Liebeslyrik sich nicht mehr auf die romantischen Gewissheiten des 19. Jahrhunderts stützen kann. Ihre Gedichte sind zarte, beinahe pastellartige Versuche, die Uneindeutigkeit von Sprache, Liebe, Nähe und Fremdheit einzufangen.

Über die Autorin: geb. 1988, lebt in Leipzig. Verabschiedet aus den utopischen Hoffnungen, sucht sie Wohnung in einer Heterotopie, in der die Regeln bestimmt werden von der Poesie und wo Ethik und Ästhetik in eins fallen. Und sie weigert sich standhaft, ihre Ideen für eine Hoffnung zu verraten.
 
Im Leipziger Literaturverlag ist von Charlotte Van der Mele erschienen: 

van der mele, charlotte: kairologoi
Einhundertzwölf Kairologoi chronologisch angeordnet. Der Verzweiflung so treu wie dem Zweifel. Es bleiben Fragezeichen. Und Ironie. Gedichte wie Tagebucheinträge - Momentaufnahmen. Aus dem Zeitfluss geborgen, um den Augenblick zu sich kommen zu lassen.
19,95 EUR
-> in Deutschland für Endkunden kostenfreier Versand
van der mele, charlotte: kairologoi - eBook
Einhundertzwölf Kairologoi chronologisch angeordnet. Der Verzweiflung so treu wie dem Zweifel. Es bleiben Fragezeichen. Und Ironie. Gedichte wie Tagebucheinträge - Momentaufnahmen. Aus dem Zeitfluss geborgen, um den Augenblick zu sich kommen zu lassen.
14,95 EUR
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