Robert Hodel

Robert Hodel

Viktor Kalinke empfiehlt das Werk von Robert Hodel: 

Robert Hodel betreibt im Leipziger Literaturverlag nicht einfach Übersetzungsarbeit, sondern eine Form „literarischer Archäologie“. Seine Bücher holen Autoren der süd- und ostslawischen Literaturen aus der Fachgelehrsamkeit heraus und stellen sie in einen historischen, biografischen und poetischen Zusammenhang. Das editorische Werk von Robert Hodel im Leipziger Literaturverlag lässt sich über die Zeit als ein zusammenhängendes Projekt lesen: Es beginnt 2011 mit Hundert Gramm Seele, führt über Momčilo Nastasijević (2013), Vor dem Fenster unten sind Volk und Macht (2015), Dragoslav Mihailović (2018), Sie ging durch Russland (2019) und Bora Stanković (2023) bis zu Rastko Petrović: Der sechste Tag (2026). Robert Hodels Forschungsinteressen als Slawist liegen genau in den Feldern, die diese Bücher verbinden: Narratologie, Realismus und Moderne in Russland und Jugoslawien sowie vergleichende slavische Literaturwissenschaft. Hodel belässt es nicht bei einer Auswahl von Texten und einem knappen Klappentext. Bei Nastasijević, Mihailović, Stanković und Rastko Petrović wird die Biografie zu einem eigenständigen interpretatorischen Zugang. Er verbindet als Herausgeber Autor, Lebensgeschichte, Werk und Zeitgeschichte.

Die serbische Linie: vom untergehenden Patriarchat zur Moderne

Hundert Gramm Seele erscheint dabei als programmatischer Ausgangspunkt. Die Anthologie versammelt 28 serbische Dichterinnen und Dichter der zwischen 1940 und 1960 geborenen Generation – darunter Radmila Lazić, Jovan Zivlak, Vojislav Despotov, Tanja Kragujević, Miroslav Maksimović, Stevan Tontić, Novica Tadić und Miloš Tešić. Jeder Autor ist mit sieben Gedichten aus unterschiedlichen Schaffensphasen vertreten. Dadurch entsteht nicht bloß ein Querschnitt durch serbische Lyrik, sondern ein Zeitpanorama aus individuellen Lebensläufen: Geschichte erscheint nicht als nachträglich erklärter politischer Hintergrund, sondern als etwas, das sich in poetischen Stimmen, Tonlagen und Themen ablagert. Die Anthologie zeichnet ein „plastisches Gemälde“ der Ereignisse und Stimmungen in Jugoslawien und Serbien.

Mit Nastasijević geht Robert Hodel zurück zur serbischen literarischen Moderne. Der Band Sind Flügel wohl … ist weit mehr als eine Übersetzung: Die 70-seitige Einführung versucht, einen im Deutschen nahezu unbekannten, hermetischen Autor überhaupt erst lesbar zu machen. Nastasijevićs „Fünf lyrische Kreise“ verbinden archaische, folkloristische und mystische Elemente mit sprachlichen Neuschöpfungen und einer teilweise bewusst gegen die Grammatik gerichteten Syntax. Die zweisprachige Ausgabe erweist sich hier als besonders sinnvoll. Mónika Koncz hebt in ihrer Rezension (planetlyrik.de) hervor, dass sich Hodel in der Übertragung stärker am Sinn als an der äußeren Form orientiert; gerade weil Nastasijevićs musikalische Sprachgestalt so zentral ist, erlaubt der serbisch-deutsche Paralleldruck dem Leser, Inhalt und Klang gegeneinander zu halten.

Mit Bora Stanković verschiebt sich die Perspektive von der hermetischen Moderne in die sinnlich-konkrete Welt des südserbischen Vranje. Erzählungen vom Balkan enthält Erzählungen und literarische Skizzen und wird durch eine mehr als 120 Seiten umfassende Einführung begleitet. Stanković zeigt eine patriarchalische Gesellschaft im Übergang: Besitz, Familie, Sexualität, soziale Hierarchie und unerfüllte Liebe bestimmen das Leben seiner Figuren. Hodel interessiert sich auch für die literarische Form, in der gesellschaftlicher Wandel als widersprüchliches Seelenleben sichtbar wird. In ihrer ausführlichen Buchbesprechung in den Südosteuropa Mitteilungen hebt Danica Trifunjagić diesen Gewinn hervor: Hodel liefert neben der Übersetzung einen „Schlüssel“, mit dem die spezifische lokale Kultur und ihre historischen Schichten lesbar werden. (Spiegelungen 2.24)

Mit Dragoslav Mihailović führt dieser Entwicklungspfad in das sozialistische und postjugoslawische 20. Jahrhundert. Wie ein Fleck zurückblieb versammelt zwölf Erzählungen aus dem Milieu von Gefängnis, Partisanenwesen, Bergarbeit, Armut und Provinz und verbindet sie mit einer rund 120 Seiten umfassenden Darstellung von Leben und Werk. Die Rezensentin Vesna Cidilko lobt Hodels Fähigkeit, seine profunde Fachkenntnis einem nicht fachlich spezialisierten Publikum zugänglich zu machen. (edoc)

Rastko Petrović: ein konsequenter vorläufiger Höhepunkt

Mit Rastko Petrović schließt sich der Bogen wieder zur klassischen Moderne. Der sechste Tag erschien Anfang 2026. Petrović war eine zentrale Figur der jugoslawischen Avantgarde, bewegte sich im Paris der Zwischenkriegszeit im Umfeld von Picasso, Éluard und Breton, arbeitete später als Diplomat und Ethnologe und bereiste Afrika und Amerika. Hodel verbindet Übersetzung, Biografie, historische Fotografien und literaturwissenschaftliche Einführung zu einem 364 Seiten starken Band. Ralf Julke beschreibt in der Leipziger Zeitung treffend, was Hodels Editionsweise ausmacht: Er erzählt ausführlich die Lebensgeschichte des Autors, von ihren literarischen Netzwerken und Freundschaften und rekonstruiert auch ihren späteren Nachruhm – also gerade jene Dimensionen, die in kurzen Literaturlexika verschwinden. (Leipziger Zeitung vom 6.2.2026) Damit entsteht eine kleine Geschichte der jugoslawischen Moderne von innen her: Stanković am Übergang aus der patriarchalen Welt, Nastasijević als hermetischer Modernist, Petrović als Avantgardist, Mihailović als literarischer Zeuge des kommunistischen und postkommunistischen Jugoslawiens.

Die russische Linie: Literatur als Seismograph politischer Veränderung

Noch deutlicher wird Hodels Methode in den beiden russischen Anthologien: Vor dem Fenster unten sind Volk und Macht versammelt 31 Autoren der Generation 1940–1960 – von Dmitri Prigow, Lew Rubinstein, Eduard Limonow und Olga Sedakowa bis zu Jelena Schwarz, Wiktor Kriwulin und Sergei Sawjalow. Die Auswahl reicht von der frühen Sowjetzeit über Tauwetter und Breschnew-Ära bis ins postsowjetische Russland. Die Anthologie ist chronologisch nach Geburtsjahrgängen geordnet. Wieder zeigt sich, was man „literarische Seismographie“ nennen könnte. Die Autoren reagieren nicht einfach auf politische Ereignisse. Ihre Gedichte zeigen, wie sich die Wahrnehmung der Welt verändert: zwischen offizieller Sprache und privater Erfahrung, zwischen Utopie und Ernüchterung, zwischen sowjetischer Gemeinschaftsrhetorik und individueller Vereinzelung. Bemerkenswert ist Hodels Übersetzungsprinzip. Er versucht nicht zwanghaft, jede formale Eigenschaft zu konservieren, sondern orientiert sich primär an der semantischen Struktur; wo es für das Gedicht entscheidend ist, werden jedoch Metrum oder Reim erhalten. Sie ging durch Russland setzt diese Methode mit der Generation 1960–1980 fort. Die 28 vertretenen Dichter – darunter Maria Stepanowa, Dmitri Bykow, Polina Barskowa, Jelena Fanajlowa, Boris Ryzhy, Wjera Pawlowa, Alexandra Petrowa und Maxim Amelin – erleben Perestroika, Jelzin-Zeit, die frühen Putin-Jahre und die erneute Konfrontation Russlands mit dem Westen. Die beiden Anthologien, die jeweils sechs Texte pro Autorin oder Autor enthalten, um nicht den einzelnen „berühmte“ Text hervorzuheben, sondern ein Bild von verschiedenen Lebens- und Schaffensphasen zu geben, lassen sich als miteinander verbundene literarische Chroniken lesen: von der spätsowjetischen Gesellschaft, durch die Zeit des Tauwetters und der Stagnation, zur Perestroika und dem Zerfall der Sowjetunion sowie der nachfolgenden Ära Jelzins und Putins. Robert Hodel erzählt diese Geschichte nicht von oben, sondern aus der Perspektive von Schriftstellern. Politische Geschichte kennt Regierungen, Kriege, Verfassungen und Machtwechsel. Literaturgeschichte kennt dagegen Stimmungen, Ängste, Hoffnungen, Sprachveränderungen, private Widersprüche und Formen des Schweigens. Die Bücher zeigen nicht nur, was geschehen ist, sondern wie Geschichte sich im Bewusstsein von Menschen anfühlt. Hodel interessiert sich nicht nur dafür, was ein Autor sagt, sondern aus welcher Perspektive er es sagt, wie Figuren sprechen, wie Erzähler und Figurenstimme ineinandergreifen, wie gesellschaftliche Ideologien sprachlich in Texte eindringen und wie literarische Formen auf historische Veränderungen reagieren. Die Übersetzung wird dadurch zu einer Art angewandter Narratologie. Und umgekehrt verändert die Übersetzungsarbeit die Wissenschaft: Wer einen hermetischen Dichter wie Nastasijević oder einen dialektal und sozial stark markierten Autor wie Stanković ins Deutsche überträgt, muss Entscheidungen treffen, die eine rein theoretische Interpretation niemals in gleicher Schärfe erzwingt.

Und was haben die Leserinnen und Leser davon?

Robert Hodels Bücher laden zu Entdeckungsreisen ein: Man stößt auf bedeutende Autoren, die im deutschen Literaturbewusstsein erstaunlich wenig präsent sind. Gerade Petrović, Stanković und Nastasijević werden nicht einfach „vorgestellt“, sondern erhalten im Deutschen erstmals einen literarischen Resonanzraum.Die Bücher tragen dazu bei, Kontexte zu verstehen: Die umfassenden Einführungen verhindern, dass der fremde Text exotisch bleibt. Die Leser verstehen, woher eine bestimmte Bildwelt, ein bestimmtes Schweigen, eine bestimmte Obsession kommt. Schließlich stellen Robert Hodels Bücher historische Tiefenschärfe her: Die Texte machen Geschichte lebendig, nicht als Lehrbuchwissen, sondern als individuelle, gelebte Erfahrung. Und ganz nebenher entsteht etwas, was wissenschaftliche Monografien und reine Belletristik jeweils nur selten leisten: Man liest gleichzeitig Literatur und ihre Entstehungsbedingungen. Robert Hodels Verdienst liegt vielleicht weniger darin, dass er einzelne „unbekannte“ Autoren übersetzt hat, als darin, eine Lesemethode nach Deutschland zu importieren: philologisch präzise, historisch interessiert, sprachkundig, vergleichend – aber zugleich überzeugt davon, dass Literatur nicht hinter Glas in einem Museum liegen darf. Man versteht eine Literatur besser, wenn man ihre Texte, ihre Autoren und ihre Zeitgeschichte gemeinsam liest. Die von ihm im Leipziger Literaturverlag herausgegebenen Bücher sind mehr als Übersetzungen: In ihnen begegnen sich Biografie, Poetik, Zeitgeschichte und Erinnerung. Die Autoren werden nicht als Stellvertreter ihrer Nation gesehen; vielmehr bleibt ihre individuelle Stimme hörbar. Das erklärt auch die eigentümliche Wirkung der drei großen Lyrikanthologien: Sie schildern keine politische Geschichte Russlands oder Serbiens, sondern zeigen, wie politische Geschichte durch einzelne Menschen hindurchgeht. Der rote Faden besteht letztendlich darin: Geschichte wird dort wahrnehmbar, wo sie zur persönlichen Stimme wird.

Im deutschsprachigen Raum wurde Robert Hodel vor allem innerhalb der Slavistik, der Südosteuropa-Forschung und des literarischen Feuilletons wahrgenommen. Die Neue Zürcher Zeitung besprach sowohl Hundert Gramm Seele als auch Sind Flügel wohl …; Ilma Rakusa bezeichnete Nastasijević als einen serbischen Hermetiker und hob die außergewöhnliche Schwierigkeit seiner Übertragung hervor. In Serbien und im ehemals jugoslawischen Raum ruft Hodels Werk eine äußerst starke Resonanz hervor. Er publiziert in Belgrad, Novi Sad und Sarajevo, arbeitet in wissenschaftlichen Redaktionen mit und wird regelmäßig von RTS, Politika, Večernje novosti und anderen Medien interviewt. 2021 erhielt er die Goldene Verdienstmedaille der Republik Serbien für seinen Beitrag zur serbischen Kultur und zur Förderung der deutsch-serbischen Beziehungen. (Министарство спољних послова) 2022 folgte die Bora-Stanković-Urkunde, 2024 der Preis der Matica srpska für die Pflege der serbischen Sprach- und Kulturtradition und 2025 die Auszeichnung des serbischen Slavistenverbands. Robert Hodel wird in Serbien als Kulturvermittler und eigenständiger Interpret der serbischen Literatur wahrgenommen. Auch in Russland fand Hodels Arbeit eine ungewöhnliche Resonanz. Für Vor dem Fenster unten sind Volk und Macht erhielt er 2015 den Petropol-Preis in Sankt Petersburg. Die russische Presse und Radio Fontanka berichteten über das Buch und über Hodels Übersetzungsarbeit. Interessant ist dabei, dass die Anthologie nicht einfach als „deutsche Sicht auf Russland“ wahrgenommen wurde, sondern als Rückkehr zu einer Generation russischer Dichter und zu deren eigener Erinnerung an die Sowjet- und postsowjetische Zeit.

So gesehen sind Hodels Bücher „literarische Archive“: In ihnen bewahren sich nicht nur Texte, sondern Lebensgeschichten, Sprachwelten und die feinen Erschütterungen ganzer Gesellschaften. Ihr besonderer Gewinn liegt darin, dass sie uns Geschichte nicht erklären, sondern erfahren lassen – durch die Stimmen derer, die in ihr gelebt haben. Robert Hodel ist damit nicht nur Übersetzer und Herausgeber, nicht nur Slawist und Literaturhistoriker. Er ist ein Kulturvermittler im anspruchsvollsten Sinne: einer, der Stimmen über Grenzen hinweg hörbar macht und dabei zeigt, dass Literatur dort ihre größte historische Wahrheit besitzt, wo sie ganz persönlich wird.

Robert Hodel: geb. 1959 in Buttisholz (Luzern), studierte Slavistik, Philosophie und Ethnologie in Bern, Sankt Petersburg, Novi Sad und Prag. Seit 1997 ist er Professor für Slavische Literaturwissenschaft an der Universität Hamburg. Seine Übersetzungen und Biographien sind mit dem Petropol-Preis der Stadt Petersburg (2015), der Goldenen Verdienst-Medaille der Republik Serbien (2021) und dem serbischen Slawistenpreis (2025) ausgezeichnet worden.

 Im Leipziger Literaturverlag sind folgende Übersetzungen von Robert Hodel lieferbar: 

Hodel, Robert (Hg.): Hundert Gramm Seele
Die Anthologie vereint zum ersten Mal die Generation der zwischen 1940 und 1960 geborenen serbischen Dichter. Ihre Vielstimmigkeit ermöglicht eine facettenreiche Innenperspektive auf ein Land, das in den letzten beiden Jahrzehnten vor allem von außen wahrgenommen wurde. Jeder Autor ist mit sieben Gedichten vertreten, die einen Blick auf die Entwicklung von den ersten Gedichtbänden bis in die Spätphase eröffnen. Diese individuellen Zugänge ergeben zusammen ein plastisches Gemälde der Ereignisse und Stimmungen in Jugoslawien und Serbien der letzten fünfzig Jahre.
 
19,95 EUR
-> in Deutschland für Endkunden kostenfreier Versand
Hodel, Robert (Hg.): Hundert Gramm Seele - eBook
Die Anthologie vereint zum ersten Mal die Generation der zwischen 1940 und 1960 geborenen serbischen Dichter. Ihre Vielstimmigkeit ermöglicht eine facettenreiche Innenperspektive auf ein Land, das in den letzten beiden Jahrzehnten vor allem von außen wahrgenommen wurde. Jeder Autor ist mit sieben Gedichten vertreten, die einen Blick auf die Entwicklung von den ersten Gedichtbänden bis in die Spätphase eröffnen. Diese individuellen Zugänge ergeben zusammen ein plastisches Gemälde der Ereignisse und Stimmungen in Jugoslawien und Serbien der letzten fünfzig Jahre.
 
14,95 EUR
-> versandkostenfrei (für Endkunden)
1 bis 11 (von insgesamt 11)
Autor des Monats Oktober 2026