Schöne Unvollkomenheiten
Band 1
Rotwerden verbindet Gedichte und kurze poetische Reflexionen über das Erröten. Ausgangspunkt ist die Scham als grundlegende menschliche Erfahrung, die sich im Erröten körperlich sichtbar macht und zugleich mit Verletzlichkeit, Beziehung, Blicken und Grenzen verbunden ist. In zahlreichen Therapieszenen erzählt Dietrich Wagner von Begegnungen mit suchtkranken, traumatisierten, einsamen oder verunsicherten Menschen und reflektiert dabei immer auch seine eigene Rolle als Therapeut. Die Gedichte greifen Motive wie Liebe, Begehren, Verlust, Krieg, Natur, Körper und Sprache auf und verschieben das Erröten vom vermeintlichen Makel zu einer Form sichtbarer menschlicher Anwesenheit. So entsteht ein bewusst hybrider Text zwischen therapeutischer Erfahrung, Essay, Lyrik und persönlicher Selbstbefragung.
Dietrich Wagner: geb. 1967 in Eisenhüttenstadt, Studium der Psychologie in Jena und Heidelberg. Gründer und Leiter des Lore-Perls-Haus in Pforzheim, seit 2006 zusätzlich tätig als systemischer Therapeut in eigener Praxis, schreibt Prosa, Lyrik, Theaterstücke, mit dem Stück Die Bürgermeisterin von Lampedusa Gewinner des Marburger Kurzdrama-Wettbewerbs 2016, Festivalgründer TheaterTherapieTreffen, 2022 Aufführung des Stückes Innsbruck am Meer in Innsbruck, Utopie- und Glücksforscher, Begründer der Neuenbürger PEKTINIManufaktur, lebt seit 2003 im schwarzen Wald.
Dies ist kein therapeutischer Text, aber aus der Therapie – ich bin praktizierender Therapeut – habe ich das Material bezogen. Eigentlich meine ich alle, mich eingeschlossen, die rot werden können.
Seit über 25 Jahren arbeite ich mit Suchtpatienten und immer wieder muss ich erfahren, manchmal schmerzvoll, dass bei Menschen mit Suchtproblemen oder gar einer Suchterkrankung das Thema Scham eine, wenn nicht gar die entscheidende, Rolle spielt.
Am Anfang erlebe ich bei Patienten oft Scham, nicht über ihr Problem reden zu können. Schweigende bringen mich in therapeutische Not. Es kommt vor, dass ich einem Patienten zurufe:
„Es haben sich schon viele zu Tode geschämt. Wir können über alles reden. Am Anfang hilft auch gemeinsames Schweigen.“
Ein Patient braucht oft Jahre, um sich für einen Therapieplatz anzumelden. Entweder gibt es zu wenige oder die Scham ist zu groß oder beides. Dann sitzt er in einer Gruppe oder in einem Einzelgespräch mir gegenüber und hat erneut getrunken und schämt sich. Die therapeutische Arbeit beginnt meist damit, zu erkunden, was ein Sprechen, ein sich selbst Anschauen verhindert.
Hier begegnet mir das Thema Scham. Doch Scham ist nicht nur ein Thema meiner Suchtpatienten!
Die Scham über unsere Unvollkommenheit, aber doch perfekt sein zu wollen, mit einer Maske durchs Leben zu laufen und erst im Erröten sichtbar zu werden, betrifft nicht nur meine Suchtpatienten.
Fange ich an, mit den Patienten darüber zu sprechen, dass auch ich das Thema Scham kenne, selbst in diesem Moment, wo ich hier mit ihnen rede, werden Sie neugierig, entsteht Augenhöhe.
Scham ist ein Beziehungsangebot bzw. eine Beziehungsmöglichkeit. Es ist ein Zeichen von Hilflosigkeit und zieht den Wunsch nach, sich zu verbergen.
Das Verbergen wird unnötig, wenn jemand da ist, der die Scham auffängt. Oder aushält.
Mein Projekt Rotwerden ist nichts anderes, als eine Fortsetzung des Gesprächs, jetzt mit meinen Lesern. Die Erfahrung des Rotwerdens haben wir alle. Ich werde rot, also bin ich. Dass ich mein berufliches Wissen benutze, bedeutet nicht, dass jetzt eine Therapiestunde beginnt. Nennen wir es eine literarische Unterhaltung.
Die anrührenden Momente in der Therapie haben oft etwas von Poesie.
Fühlen Sie sich eingeladen über Ihr Erröten nachzudenken.
Lass uns schmunzeln.
Lachen.
Lass uns.
Lass uns erröten.
Die Disziplinierung
unserer Blicke
ging verloren.
Über das Erröten
stellst du wieder
eine Grenze
her.
Ich will dir nicht
die Würde nehmen.
Ich muss nur immer
wieder zu dir hinschauen
und will dir etwas
sagen.
Anblicken.
Anschauen.
Nicht zu lange.
Nicht zu kurz.
Ein Blick folgt
auf den nächsten.
Auf jenen Blick - dieser.
Dann dein Erröten.
Wohin ging dieser,
mein Blick?
Wohin fiel er?
Wohin?
Rotes Köpfchen. Rotes Bärtchen, rotes Bäckchen.
Rote Wange. Rote Fahne. Rote Ampel. Rote Rose.
Rotbart, Rotkohl. Rotkraut.
Rotköpfchen. Rotkehlchen. Rotkäppchen.
Rotes Blut. Rotlichtlampe. Rotlicht.
Roter Teppich. Scharlachrot. Kardinalspurpur.
Papstrobe. Purpurfarbstoff der Purpurschnecke.
Das heilige Rot des Wüstengottes Seth.
Wurzelchakra und die Farbfrequenz Rot.
Rot, die Farbe für Feuer und Blut.
Rot, die Farbe für Leben und Auferstehung,
für die Sünde, erotische Liebe, das Heilige.
Rothemden. Rotröcke. Rot der Hanseflaggen. Chromrot.
Rote Karte. Rote Laterne. Zinnoberrot.
Duschöne Rotrücken-Zimtelfe.
Rot.
Ich rede mit meinen Patienten gerne über die Liebe. Sie sitzen mir mit ihrer Sucht, ihren Ängsten, ihren Depressionen gegenüber und ich rede mit Ihnen über die Liebe.
Warum? Ich glaube, dass sie Liebe suchen. Wie wir alle.
Ich rede über die Symptome, höre mir genau alles Schlimme an. Aber gelegentlich breche ich aus, entfliehe dem ganzen Trübsal, dem Schweren und schlage vor: „Lassen Sie uns über Liebe reden!“
Beim Reden über Liebe geraten die Symptome, die Krankheiten in den Hintergrund. Den Raum erfüllt plötzlich eine Feierlichkeit.
Es gibt so unendlich viele Facetten der Liebe.
Ich klage dann meist, dass die Psychologie in den Lehrbüchern viel zu wenig über die Liebe zu sagen weiß. Aber die Literatur! Lesen Sie Gedichte über die Liebe? Sie müssen Gedichte lesen!
Für einen kurzen Moment kommt Scham auf. Jetzt dreht er durch, der Psychologe!
Oft trage ich zum Schluss meine eigene Definition von Liebe vor. Dabei schmunzele ich und jeder im Raum weiß, wie ich dies meine. Auch ich suche die Liebe.
Ich spreche die Definition zwei Mal. Immer zwei Mal.
Liebe
Ich gebe Dir
von dem ich nicht wusste,
dass ich es habe.
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