Pfammatter, Christine: Zwei Sommer
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Eine Essay-Erzählung
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Und wieder ist ein Sommer vergangen. Was bleibt in Erinnerung? Zwei Sommer ist ein Buch, das auf ungewöhnliche Weise zwei Bewegungen miteinander verschränkt: den Blick auf die Welt und den Blick nach innen. Der erste Teil ist ein essayistischer Streifzug durch die Gegenwart. Ausgehend von der Katastrophe von Blatten im Lötschental – dem Bergsturz, der ein ganzes Dorf unter sich begräbt – entfaltet die Erzählerin eine weit ausgreifende Reflexion über Klimawandel, politische Verwerfungen, Digitalisierung, Medien, Erinnerung, Naturverlust und gesellschaftliche Verantwortung. Über allem schwebt die Frage: Wie leben wir in einer Zeit, in der die Warnzeichen unübersehbar sind und dennoch so oft verdrängt werden? Dabei geht es der Autorin weder um Fakten noch um Meinungen. Statt dessen kehrt sie immer wieder zu einer existenziellen Frage zurück: Warum sehen wir die Zerstörung, ohne entsprechend zu handeln? Was gewinnt unsere Aufmerksamkeit, was blenden wir aus? Warum vergessen wir so schnell? Und was geschieht mit Menschen, die sich von Natur, Wahrheit und Mitgefühl entfernen?
Der zweite Teil des Buches erzählt die Geschichte des Einsiedlers Jean-Marie. Nach einer spirituellen Erschütterung hat er sich aus der Gesellschaft zurückgezogen und versucht, in den Walliser Bergen ein Leben zwischen Gebet, Naturverbundenheit und radikaler Einfachheit zu führen. Doch auch er kann der Welt nicht entkommen. Er hat ein Radio und läuft einem Wolf über den Weg, begegnet Dorfbewohnern, kirchlichen Institutionen, Freundschaften, Krankheit, Alter, Klimaveränderungen und den ganz praktischen Anforderungen des Lebens. Sein Versuch ist weniger eine Flucht als eine Suche: Was bedeutet Glauben jenseits von Dogmen? Was bedeutet Nächstenliebe? Reicht Beten aus oder sollte ich handeln? Die gegenwärtigen Sorgen der Essayistin tauchen im Denken Jean-Maries wieder auf. Beide Stimmen fragen nach Verantwortung, nach der Beziehung des Menschen zur Natur und nach einer Haltung, die nicht in Zynismus abgleitet. Der Einsiedler wird gewissermaßen zum Gegenbild einer rastlosen Gegenwart: Er lebt langsam, aufmerksam und fragend. Doch auch er findet keine einfachen Antworten.
So stellt das Buch recht unbequeme Fragen, springt von einer Beobachtung zur nächsten, verbindet einen Bergsturz mit Hölderlin, einen Friedhofsbesuch mit der Klimakrise oder eine Zugfahrt mit Überlegungen zur digitalen Öffentlichkeit. Es stellt sich ein assoziativer, mäandernder, sehr persönlicher Ton ein. Das Buch versucht, die großen Fragen unserer Zeit mit den großen Fragen eines einzelnen Lebens zu verbinden. Es fragt nach dem Zustand der Welt und zugleich nach dem Zustand der Seele. Es verteidigt Aufmerksamkeit gegen Gleichgültigkeit, Erinnerung gegen Vergessen und Menschlichkeit gegen Zynismus. Es bietet einen Denkraum – einen Ort, an dem sich Leserinnen und Leser fragen können: Wie wollen wir leben, wenn die Welt sich verändert? Und was bleibt, wenn Sicherheiten verschwinden?
Christine Pfammatter: geboren 1969 in Leuk-Stadt, Schweiz, studierte Philosophie, Literatur und Kunstgeschichte in Bern, lebt und arbeitet als Schriftstellerin und Übersetzerin in Berlin. Sie schreibt regelmässig und gern über zeitgenössische Kunst.
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Und wieder ist ein Sommer vergangen. Was bleibt in Erinnerung? Zwei Sommer ist ein Buch, das auf ungewöhnliche Weise zwei Bewegungen miteinander verschränkt: den Blick auf die Welt und den Blick nach innen. Der erste Teil ist ein essayistischer Streifzug durch die Gegenwart. Ausgehend von der Katastrophe von Blatten im Lötschental – dem Bergsturz, der ein ganzes Dorf unter sich begräbt – entfaltet die Erzählerin eine weit ausgreifende Reflexion über Klimawandel, politische Verwerfungen, Digitalisierung, Medien, Erinnerung, Naturverlust und gesellschaftliche Verantwortung. Über allem schwebt die Frage: Wie leben wir in einer Zeit, in der die Warnzeichen unübersehbar sind und dennoch so oft verdrängt werden? Dabei geht es der Autorin weder um Fakten noch um Meinungen. Statt dessen kehrt sie immer wieder zu einer existenziellen Frage zurück: Warum sehen wir die Zerstörung, ohne entsprechend zu handeln? Was gewinnt unsere Aufmerksamkeit, was blenden wir aus? Warum vergessen wir so schnell? Und was geschieht mit Menschen, die sich von Natur, Wahrheit und Mitgefühl entfernen?
Der zweite Teil des Buches erzählt die Geschichte des Einsiedlers Jean-Marie. Nach einer spirituellen Erschütterung hat er sich aus der Gesellschaft zurückgezogen und versucht, in den Walliser Bergen ein Leben zwischen Gebet, Naturverbundenheit und radikaler Einfachheit zu führen. Doch auch er kann der Welt nicht entkommen. Er hat ein Radio und läuft einem Wolf über den Weg, begegnet Dorfbewohnern, kirchlichen Institutionen, Freundschaften, Krankheit, Alter, Klimaveränderungen und den ganz praktischen Anforderungen des Lebens. Sein Versuch ist weniger eine Flucht als eine Suche: Was bedeutet Glauben jenseits von Dogmen? Was bedeutet Nächstenliebe? Reicht Beten aus oder sollte ich handeln? Die gegenwärtigen Sorgen der Essayistin tauchen im Denken Jean-Maries wieder auf. Beide Stimmen fragen nach Verantwortung, nach der Beziehung des Menschen zur Natur und nach einer Haltung, die nicht in Zynismus abgleitet. Der Einsiedler wird gewissermaßen zum Gegenbild einer rastlosen Gegenwart: Er lebt langsam, aufmerksam und fragend. Doch auch er findet keine einfachen Antworten.
So stellt das Buch recht unbequeme Fragen, springt von einer Beobachtung zur nächsten, verbindet einen Bergsturz mit Hölderlin, einen Friedhofsbesuch mit der Klimakrise oder eine Zugfahrt mit Überlegungen zur digitalen Öffentlichkeit. Es stellt sich ein assoziativer, mäandernder, sehr persönlicher Ton ein. Das Buch versucht, die großen Fragen unserer Zeit mit den großen Fragen eines einzelnen Lebens zu verbinden. Es fragt nach dem Zustand der Welt und zugleich nach dem Zustand der Seele. Es verteidigt Aufmerksamkeit gegen Gleichgültigkeit, Erinnerung gegen Vergessen und Menschlichkeit gegen Zynismus. Es bietet einen Denkraum – einen Ort, an dem sich Leserinnen und Leser fragen können: Wie wollen wir leben, wenn die Welt sich verändert? Und was bleibt, wenn Sicherheiten verschwinden?
Christine Pfammatter: geboren 1969 in Leuk-Stadt, Schweiz, studierte Philosophie, Literatur und Kunstgeschichte in Bern, lebt und arbeitet als Schriftstellerin und Übersetzerin in Berlin. Sie schreibt regelmässig und gern über zeitgenössische Kunst.
Verbindet sich etwas Altes mit etwas Neuem,
werden beide neu.
Franz Hodjak
werden beide neu.
Franz Hodjak
Im Wallis bröckelten die Berge. Tonnen von Gestein waren in Bewegung und so konnten die Walliser wieder einmal beweisen, was sie seit Jahrhunderten immer schon tun mussten: mit Naturgefahren rechnen. Und ihnen aus dem Weg gehen.
Im Lötschental lebte man mit ihnen. Alle Bewohner von Blatten wurden angewiesen, das Dorf zu verlassen, man leerte den Stausee, flog die Kühe mit dem Helikopter aus, beobachtete mit Experten und der neusten Technik Tag und Nacht den Berg. Der Triftgletscher und das Kleine Nesthorn brachen ab und drohten, als Schuttkegel den Bach zu stauen und das Dorf zu verschütten. Und wieder mussten die Lötschentaler bangen. Doch man half einander, wie es nur ging und brachte an die 300 Leute bei Verwandten und Bekannten unter. Die Behörden, gemeinsam mit Wissenschaftlern und zahlreichen Sicherheitskräften, schätzten die Gefahr richtig ein und handelten mit der Evakuation vorbildlich.
Durch die Medien wurde der Bergsturz zum Grossereignis. Man schaltete Liveticker auf und berichtete stündlich. Die Sache war ein Event. Als solches konnte es bald wieder vergessen werden, zumal die nächsten Nachrichten, die nicht minder erschreckend waren, schon in den Redaktionen bereit lagen. Die Welt, um es unumwunden zu sagen, schien an allen Ecken und Enden in Aufruhr und Aufmerksamkeit forderten noch andere Katastrophen, Krisen und Kriege, ohnehin geschah mehr Unrecht, als in einer Sendung Platz hatte und jeden Tag kam Neues hinzu.
Dieses Mal sollte es aber etwas anders werden.
Denn plötzlich brach der ganze Gletscher ab und mit ihm das aufgestaute Gestein und verschüttete mit einem kurzen Gerumpel und einer Staubwolke ganz Blatten unter sich.
Nachdem sich die Staubwolke verzogen hatte, sah man das Ausmass der Zerstörung: Tonnen von Kubik Geröll, darunter irgendwo das Dorf, begraben, ausgelöscht. Eine neue Talsperre war entstanden, man traute den Augen kaum und bevor man sich an das Bild von Schuttmassen gewöhnen konnte, drohte eine Sturzflut vom aufgestauten Wasser der Lonza, das im Osten des ehemaligen Dorfes zu einem See angewachsen war. Niemand wusste, wie lange der Ausnahmezustand dauerte, schon sprach man von noch mehr losem Gestein oben am Berg. Die Menschen unten im Tal, in Gampel und Steg, sollten sich nun für eine mögliche Evakuierung bereit machen. Sobald die Sirenen läuteten, hatten sie zwei Stunden Zeit, sich zur Sammelstelle zu begeben. Mit Katzen, Hunden und allem Nötigsten, das in einer Tasche Platz fand.
Am Ausgang des Lötschentals war ein Stausee. Vorsorglich hatte man das Staubecken entleert, das zum Glück das Wasser aufnehmen konnte. Die Dörfer unten im Tal blieben vorerst verschont, es gab Entwarnung. Doch oben beim Bergsturz nicht. Früher oder später kam auch das Geröll, das sich auf dem gegenüberliegenden Hang abgelagert hatte, instabil war das ganze Gelände und man fragte sich, ob gewisse Täler nicht für immer verlassen werden mussten. Die Betroffenen waren entschlossen, das Dorf wieder aufzubauen. Mit einem gewissen Trotz wollten sie der Natur die Stirn bieten. Aber wann kam der nächste Starkregen, der nächste Berg?
Ich sass im Literaturhaus Salzburg, wo ich über die Nachrichten von der Tragödie erfahren hatte, und sprach mit einem Theatermacher über die schwierige Situation, die wir immer noch nicht fassen konnten. Menschen, die wir kannten, hatten alles verloren. Ihr Haus, ihren Garten, ihre Bushaltestelle, ihre Strasse- einfach alles. Der Theatermacher sagte, hier hat man noch die Mittel, ihnen zu helfen; an anderen Orten lässt man sie allein. In der Tat ging gleich nach dem «Jahrhundertereignis», das einige «Jahrtausendereignis» nannten, die ganze Hilfsketten-Maschinerie los und das war tröstlich. Auch die Armee war da. Aber in Sicherheit fühlte man sich nicht mehr. Denn kaum zu übersehen war, dass die Natur einen Transformationsprozess durchmachte, den wir nicht aufhalten konnten. Oder genauer gesagt, nicht aufhalten wollten. Tausende Wissenschaftler hatten uns unsere Möglichkeiten aufgezeigt. Wir mussten, sagten sie, mindestens auf erneuerbare Energien umstellen. Doch wenige Politiker schienen ernsthaft daran interessiert. Vielmehr hielten die Meisten am Status Quo fest - als würden wir bei Änderung grundlegende Sicherheiten verlieren. Dabei konnten wir nur gewinnen. Die Zunahme an Populisten, Ultranationalisten, Narzissten und hasserfüllten Faschisten an Regierungen, die lieber Krieg führten und die Grenzen dicht machten, als gemeinsame Lösungen zum Überleben zu suchen, erleichterten die Sache allerdings auch nicht. Sie liessen eine angemessene Umweltpolitik in weite Ferne rücken. Immerhin gab es in der Schweiz eine Vorgabe, bis 2050 auf erneuerbare Energien umzusteigen. Nicht ausgeschlossen, dass wir versagten. Sollte dann die Natur zu unserem Feind werden?
Die Natur konnte nicht zu unserem Feind werden, aber sie konnte uns das Leben ziemlich schwer machen. Nicht ausgeschlossen, dass wir uns dann, wenn sich die Ereignisse häuften, das Leben noch schwerer machen würden, als ohnehin schon. Jedenfalls waren Schlagworte wie «Verteilungskampf» schon jetzt geläufig. Die vielen «Zwischenfälle», die es bereits gegeben hatte, tilgten wir regelmässig aus dem Gedächtnis. Wer erinnerte sich noch an die Überschwemmung der Rhone bei Chippis im letzten Jahr? Das war schon vergessen. Gelöscht wie eine ungewollte Werbemail auf dem Computer.
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