Laozi

Laozi

Bild: 宋晁補之老子騎牛圖軸, zugeschrieben Chao (Zhao) Buzhi (1053–1110), Palastmuseum, Taipei, Inv.-Nr. 故畫000071N000000000 (Ausschnitt).
 
Viktor Kalinke empfiehlt die Lektüre des Daodejing von Laozi - am besten ständig in der Hosentasche bei sich tragen...


Über kaum einen Philosophen des alten China wissen wir so wenig, scheint es, wie über Laozi – und dennoch spricht heute mehr für seine historische Existenz als noch vor wenigen Jahrzehnten angenommen wurde. Nach der ältesten zusammenhängenden Überlieferung von Sima Qian, dem Großen Historiker der Han, stammte Laozi, dessen persönlicher Name Li Er (李耳) lautete und der auch als Lao Dan (老聃) bezeichnet wurde, aus dem Staat Chu im Süden des damaligen chinesischen Kulturraums. Er wirkte in der nördlich gelegenen Hauptstadt Luoyang als Archivar oder oberster Schrifthüter am Hof der Zhou-Dynastie und bekleidete damit einen der höchsten Posten zu dieser Zeit, denn so war er Hüter der königlichen Archive, der rituellen und historischen Überlieferung sowie nicht zuletzt der Durchsetzung der königlichen Dekrete. Seine Lebenszeit wird heute meist in die zweite Hälfte des 6. Jahrhunderts v.u.Z. eingeordnet, womit er etwa eine Generation älter gewesen wäre als Konfuzius.

Unabhängige frühchinesische Quellen berichten von mehreren Begegnungen zwischen Konfuzius und Laozi. Konfuzius soll Laozi als älteren Gelehrten beispielsweise über die Riten befragt und ihn anschließend mit einem Drachen verglichen haben – einem Wesen, dessen Bewegungen sich dem gewöhnlichen Verstand entziehen. Berühmt geworden ist die Begegnung, bei der sie sich anlässlich einer Beerdigung darüber austauschten, ob diese bei einer Sonnenfinsternis unterbrochen werden solle - tatsächlich lässt sich in der Lebenszeit der beiden Philosophen eine über China sichtbare Sonnenfinsternis identifizieren. Zahlreiche chinesische Forscher betrachten die Schilderung der Begegnungen von Laozi und Konfuzius als Indiz dafür, dass Konfuzius einen älteren Weisheitslehrer aufgesucht hat. Die heute führenden Daoismus-Forscher Chen Guying und Liu Xiaogan gehen  davon aus, dass Laozi tatsächlich gelebt hat und bereits zu Lebzeiten als außergewöhnlicher Denker angesehen wurde: Er war der erste Philosoph Chinas, noch vor Konfuzius – die Sprengkraft dieser Erkenntnis ist kaum zu unterschätzen. Die wichtigsten Argumente dafür, dass Laozi mit hoher Wahrscheinlichkeit eine historische Persönlichkeit gewesen ist, lauten:

  • Bereits sehr frühe Texte wie das Zhuangzi, Hanfeizi, Lüshi Chunqiu oder Huainanzi setzen Laozi als bekannte Persönlichkeit voraus.

  • Die berühmte Begegnung zwischen Konfuzius und Laozi erscheint in mehreren voneinander unabhängigen Überlieferungen.

  • Die in den Shiji des Sima Qian überlieferte Biographie enthält zwar legendäre Elemente, weist aber nach Liu Xiaogan einen historischen Kern auf.

  • Neue Handschriftenfunde aus Guodian und Mawangdui zeigen, dass wesentliche Teile des Daodejing bereits im 4. Jahrhundert v.u.Z. existierten und auf ältere Überlieferungen zurückgehen.

  • Die sprachlichen Eigenheiten des Textes sprechen gegen eine späte Fälschung aus der Han-Zeit.

So sprechen mehrere frühe Quellen dafür, dass Konfuzius Laozi als außergewöhnlichen Weisheitslehrer verehrte. Das berühmte Bild vom „Drachen“, mit dem Konfuzius Laozi beschrieben haben soll, ist in der chinesischen Überlieferung tief verwurzelt und wurde über viele Jahrhunderte tradiert. Der Überlieferung zufolge zog sich Laozi angesichts des politischen Niedergangs der Zhou-Dynastie aus dem Staatsdienst zurück und verließ das Reich in westlicher Richtung. Am Grenzpass bat ihn der Grenzwächter Yin Xi, seine Lehre niederzuschreiben. Daraufhin soll Laozi das aus rund fünftausend Schriftzeichen bestehende Daodejing verfasst haben, bevor er endgültig verschwand. Ob sich diese Begebenheit historisch genau so ereignete, lässt sich nicht entscheiden; sie bringt jedoch auf eindrucksvolle Weise zum Ausdruck, wie die Chinesen seit über zweitausend Jahren den Ursprung ihres bedeutendsten philosophischen Klassikers verstanden haben. Bertolt Brecht hat darüber eine wunderbare Ballade verfasst, die zugleich den Kern des daoistischen Denkens trifft. Neuere archäologische Funde, insbesondere die Handschriften aus Guodian und Mawangdui, sowie sprachwissenschaftliche und textgeschichtliche Untersuchungen haben die historische Forschung erheblich verändert. Während im 20. Jahrhundert westliche Sinologen häufig annahmen, Laozi sei lediglich eine legendäre Gestalt oder der Name einer später zusammengestellten Textsammlung, sprechen heute zahlreiche Indizien dafür, dass hinter dem Daodejing tatsächlich ein historischer Denker stand, dessen Lehre von Schülern bewahrt und später redaktionell geordnet wurde. So bleibt Laozi zugleich historische Persönlichkeit und mythischer Weiser – ein Philosoph, dessen Denken zu den wirkmächtigsten der Weltgeschichte gehört.

Es gibt Bücher, die Antworten geben. Und es gibt Bücher, die dazu anregen, Fragen zu stellen. Das Daodejing gehört zu den wenigen Werken der Weltliteratur, die ihre Leser seit zweieinhalb Jahrtausenden nicht deshalb faszinieren, weil sie ewige Wahrheiten verkünden, sondern weil sie sich jeder endgültigen Festlegung entziehen. Vielleicht ist gerade dies der Grund, weshalb der schmale Text von etwas mehr als fünftausend Schriftzeichen – nach der Bibel – als das am häufigsten übersetzte Buch der Welt gilt. Jede Generation glaubt, den eigentlichen Laozi gefunden zu haben, und jede Generation entdeckt sich selbst in ihm neu. Der Text des Daodejing ist für den Leser ein Spiegel: In die Leerstellen projiziert er sich selbst hinein und hat Gelegenheit, sich zu erkennen und mit sich selbst auseinander zu setzen. 

Der erste Grund, das Daodejing heute zu lesen, liegt darin, dass es den Leser dazu anregt, anders zu denken. Die europäische Philosophie fragt seit den Griechen häufig nach dem Wesen der Dinge: Was ist Wahrheit? Was ist Gerechtigkeit? Was ist Sein? Laozi fragt stattdessen: Wie entstehen Wirkungen? Wann schlägt Stärke in Schwäche um? Warum erzeugt übermäßiges Eingreifen das Gegenteil des Beabsichtigten? Der Blick richtet sich nicht auf statische Begriffe, sondern auf Prozesse. In einer Welt, die zunehmend durch komplexe Wechselwirkungen bestimmt wird – in der Natur, der Wirtschaft und in der Politik –, wirkt diese Perspektive erstaunlich modern.

Ein zweiter Grund besteht darin, dass das Daodejing dem Leser geistige Beweglichkeit abverlangt. Der Text vermeidet Definitionen. Fast jede Aussage besitzt mehrere Lesarten. Er beschreibt Gegensätze nicht als logische Widersprüche, die zwischenmenschlich in Feindseligkeit münden, sondern als wechselseitige Bedingtheit. Schönheit existiert nur im Verhältnis zur Hässlichkeit, Stärke zur Schwäche, Seiendes zum Nichtseienden. Diese Denkweise erschüttert das aristotelische Bedürfnis nach eindeutigen Urteilen ("Satz vom ausgeschlossenen Dritten") und fördert eine Haltung, die Ambivalenzen aushalten kann – eine Fähigkeit, die im politischen wie persönlichen Leben kaum überschätzt werden kann.

Drittens eröffnet das Werk einen ungewöhnlichen Begriff von Handlung. Das berühmte Wei wu wei – meist als „Handeln durch Nichthandeln“ übersetzt – ruft keineswegs zu Passivität auf. Vielmehr warnt Laozi davor, Systeme durch übermäßiges Eingreifen zu destabilisieren. Erfolgreiches Handeln besteht darin, günstige Entwicklungen zu erkennen, Widerstände nicht unnötig zu erzeugen und den richtigen Zeitpunkt abzuwarten. Diese Einsicht findet sich heute in Managementtheorien, der Systemtheorie, der Psychotherapie oder der Konfliktforschung wieder, lange bevor diese Disziplinen entstanden.

Ein vierter Grund ist seine zeitlose Machtkritik. Das Daodejing entstand in einer Epoche politischer Zersplitterung und fortwährender Kriege, daher richtet sich ein großer Teil des Textes an die Herrschenden. Gute Regierung bedeutet nicht maximale Kontrolle, sondern Zurückhaltung. Der ideale Herrscher regiert so, dass das Volk kaum bemerkt, dass regiert wird. Macht legitimiert sich nicht durch Gewalt oder Propaganda, sondern dadurch, dass sie Bedingungen schafft, unter denen Menschen ihre Angelegenheiten selbst ordnen können. Diese Skepsis gegenüber Aktivismus und Herrschaftsanspruch besitzt bis heute politische Aktualität. Der ideale Herrscher regiert, indem er für Bedingungen sorgt, unter denen Ordnung von selbst, von unten her, entstehen kann.

Schließlich ist das Daodejing ein Buch über Selbstkultivierung. Es empfiehlt Bescheidenheit statt Selbstinszenierung, Einfachheit statt Überfluss, innere Sammlung statt äußerer Geschäftigkeit. Dabei handelt es sich nicht um moralische Gebote, sondern um Beobachtungen darüber, welche Haltungen langfristig Stabilität und Gelassenheit fördern. Gerade deshalb wirkt das Buch bis heute überraschend frisch.

Warum gibt es so viele Übersetzungen?

Das Daodejing lässt sich nicht einfach übersetzen – weil der chinesische Originaltext vielfach gar keine eindeutige Übersetzung zulässt. Das klassische Chinesisch kennt kaum grammatische Markierungen. Substantive können Verben sein, Verben Adjektive, Zeitformen fehlen fast vollständig, Satzzeichen existierten ursprünglich nicht. Schon die Frage, wo ein Satz endet, ist häufig eine Interpretationsentscheidung. Hinzu kommt, dass viele Schriftzeichen mehrere Bedeutungen besitzen. Deshalb übersetzt jeder Übersetzer zugleich den Text und seine eigene Interpretation. Dies erklärt auch, warum selbst in China fortlaufend neue Übertragungen ins moderne Hochchinesisch erscheinen. Für heutige Chinesen ist das klassische Chinesisch etwa so fremd wie für europäische Leser das Althochdeutsche oder Latein. Jede Generation formuliert den Text neu, weil sich Sprache verändert, aber auch, weil sich philosophische Fragestellungen verändern. Ein chinesischer Leser des 21. Jahrhunderts liest das Daodejing nicht mit denselben Voraussetzungen wie ein Gelehrter der Tang- oder Song-Dynastie. Mehrere Faktoren kommen zusammen: Der Text ist kurz und dennoch außerordentlich dicht, er behandelt universelle Fragen wie Macht, Natur, Erkenntnis, Sprache, Lebensführung, gehört keiner einzelnen Religion exklusiv an, so dass seine Offenheit sehr unterschiedliche weltanschauliche Interpretationen erlaubt. Last not least lädt seine poetische Sprache immer wieder zu neuen Übersetzungsversuchen ein. Jede Epoche entdeckt einen anderen Laozi: Mystiker, Staatsphilosoph, Anarchist, Ökologe, Pazifist, Managementberater oder Vertreter systemischen Denkens. Gerade weil der Text keine eindeutige Dogmatik besitzt, bleibt er anschlussfähig.

Warum existieren so viele Kommentare?

Die chinesische Kommentarliteratur versteht Kommentare traditionell nicht als bloße Erläuterungen, sondern als Fortsetzung des philosophischen Gesprächs über Jahrhunderte, ja sogar Jahrtausende. In Bezug auf Laozi lassen sich im Wesentlichen folgende Strömungen unterscheiden:

  • Westliche Han-Zeit (2. Jh. v.u.Z.): kosmologisch-politische Kommentare, insbesondere Han Feizi widmet sich auf radikale Weise einer politischen Auslegung, während sich der Heshang-Gong-Kommentar der Selbstkultivierung zuwendet und damit die Entwicklung des spirtitiellen Daoismus einleitet.

  • Wang Bi (3. Jh. u.Z.): philosophisch-metaphysische Interpretation, das Dao wird als Grundprinzip allen Seins verstanden. Dieser Kommentar prägte fast sämtliche späteren Ausgaben und gilt heute als textus receptus.

  • Religiöser oder spiritueller Daoismus: die Kommentatoren lesen das Werk als Anleitung zu spiritueller Praxis, Meditation, gesunden Lebensgestaltung und zum Erlangen von Langlebigkeit.

  • Buddhistische Rezeption: zahlreiche Begriffe werden im Licht buddhistischer Philosophie neu interpretiert.

  • Neo-Konfuzianismus: versucht, Laozi mit konfuzianischer Ethik und Staatslehre zu verbinden.

  • Moderne Sinologie: untersucht Handschriften, Sprachgeschichte, Archäologie und die Entstehungsgeschichte des Textes.

So ist eine Kommentarliteratur entstanden, die heute mehrere tausend Einzelwerke umfasst. Für den Einzelnen empfiehlt Laozi vor allem Gelassenheit statt rastloser Aktivität, Bescheidenheit statt Selbstüberhöhung, Einfachheit statt Überladung, Offenheit für Perspektivwechsel, Vertrauen in natürliche Entwicklungsprozesse und schließlich die Fähigkeit, eigene Wünsche und Ehrgeiz kritisch zu beobachten. Der Weise handelt nicht deshalb erfolgreich, weil er alles kontrolliert, sondern weil er erkennt, wann Nicht-Eingreifen klüger ist als Eingreifen. Das Daodejing will keine endgültigen Gewissheiten vermitteln, sondern den Leser dazu anregen, die Welt immer wieder neu zu sehen. Vielleicht erklärt gerade das seine einzigartige Wirkungsgeschichte – nicht trotz seiner Mehrdeutigkeit, sondern wegen ihr.
 

Kalinke, Viktor: Studien zu Laozi Daodejing, Bd. 1, 2 und 3
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Autor des Monats Juli 2026