Einleitung
Was sich in der Übersetzung an Mehrdeutigkeit nicht unterbringen ließ oder einer linguistischen Erklärung bedarf, wurde in den folgenden Anmerkungen festgehalten. Sie scheinen daher zunächst für den Sprachkundigen von Interesse zu sein, doch auch der Laie kann bei genauem Hinsehen grammatikalische oder lexikalische Einzelheiten entdecken, die ihm das Verständnis für die Vielfalt der inhaltlichen Deutungen des Laozi ermöglichen. Mitunter ist so zu sehen, wie minimale Unterschiede in der Lesart gegensätzliche Interpretationen nach sich ziehen.
Zum Herausfinden möglicher Deutungsmuster habe ich auf zuvor erschienene Übersetzungen zurückgegriffen. Vollständigkeit ließ sich nicht erreichen. Doch ich habe versucht, Übersetzer auszuwählen, die zum einen die philosophische Intention im Laozi aufspürten, so den Mystiker Victor von Strauß, der die erste deutsche Fassung vorlegte, und den Dialektiker Ernst Schwarz, zum andern diejenigen, die wie Chen Guying in besonderem Maße an der Schnittstelle zwischen chinesischer und westlicher Kultur stehen; dies sind vor allem Hongkong- und Exilchinesen, z.B. Wing-tsit Chan, D. C. Lau oder Ch’u Ta Kao. Ellen M. Chen bemühte sich, mehrdeutige Passagen durch das Nebeneinanderstellen von Alternativen hervorzuheben, was sich besonders für das erste Kapitel als fruchtbar erweist. (Obwohl meines Erachtens eher eine Kombination als ein Nebeneinander der Deutungsvarianten die Tiefe des Textes auslotet.) Autoren, die für die Übersetzungsgeschichte des Daodejing von Bedeutung sind wie St. Julien, James Legge oder Arthur Waley, konnten aus Platzgründen nur am Rande berücksichtigt werden.
Neben der variierenden Interpretation der Semantik oder der Syntax und des philosophischen Hinterlandes der Übersetzer spielt die Version des zugrunde gelegten chinesischen Textes eine Rolle für die Abweichungen zwischen den Ausgaben. Es ist bis heute keine Originalfassung bekannt, die von einem Mann namens Laozi stammt. Wir verfügen lediglich über Abschriften, die beiden ältesten aus dem dritten (Text A) und zweiten (Text B) Jahrhundert v.u.Z. wurden 1973 im Grab eines Adligen, gestorben im Jahre 168 v.u.Z., nahe des Dorfes Mawangdui gefunden. Die ältere Version ist in der „kleinen Siegelschrift“ verfaßt, die während der Zeit der Streitenden Reiche (475 – 222) benutzt wurde, die jüngere ist dagegen in der „Kanzleischrift“ aus der Han-Dynastie (206 v.u.Z. – 220 u.Z.) aufgezeichnet. Seit der Ausgrabung spinnt sich eine Diskussion um diese beiden Texte, glaubt man doch mit ihrer Hilfe echte und unechte Stellen der bisherigen Bücher besser unterscheiden zu können. Die Mawangdui-Funde weisen noch keine Einteilung in 81 Kapitel auf und stellen den üblicherweise als zweiten Teil geltenden Abschnitt vor den ersten, ansonsten sind die Unterschiede zu späteren Ausgaben lediglich im Detail zu finden – die weitgehende Übereinstimmung mit dem textus receptus ist überwältigend. Zum einen enthalten die Mawangdui-Texte zahlreiche syntaktische Zeichen, welche die grammatische Struktur klarer herausstellen; zum andern kommen mitunter semantisch bedeutungsähnliche Zeichen vor, die später nicht mehr in dieser graphischen Gestalt verwendet wurden, so daß es schwierig ist, sie zu entziffern. Da die Mawangdui-Texte jedoch oft zur Reduktion von Mehrdeutigkeit im Verständnis des Laozi beitragen, werden sie in den Anmerkungen stets zuerst angesprochen. Außerdem wurden die Fragmente des Laozi aus Guodian berücksichtigt, die etwa zwei Fünftel des überlieferten Textes und eine rudimentäre Untergliederung in Textabschnitte enthalten und noch einmal ca. einhundert Jahre älter sind als die Mawangdui-Texte.
Die vorliegende Übersetzung stützt sich im wesentlichen weiterhin auf die als Standardfassung oder textus receptus bezeichnete Ausgabe, die von Wang Bi王弼 (226 bis 249), einem genialen, jung verstorbenen Philosophen der Wei-Dynastie, kommentiert wurde und zahlreichen Übersetzungen zugrunde liegt. Wang Bi gehörte zu einem intellektuell-spirituellen Kreis, der sich dem „reinen Gespräch“ 清谈 (qīng tān) verschrieben hatte und die Schule des „Vertieften Lernens“ 玄學 (xuán xué) vertrat. Um das Verhältnis zwischen dem Dao und der realen Welt zu klären, führte Wang Bi die Konzepte des „ursprünglichen Nichtseienden“ (本無 běn wú) sowie die Unterscheidung zwischen „Substanz“ und „Funktion“ ein. Die neuere Forschung hat einige Schreibfehler und Mißverständnisse korrigiert, die Wang Bi oder seinen späteren Herausgebern unterlaufen sind.
While Wang Bi’s commentary has been greatly useful and influential, it still contains mistakes we need to investigate to prevent misunderstandings ... Wang Bi separates the text into 81 chapters, and most scholars follow him. Today’s received version, and the most common version, is Wang Bi’s, but it is a corrupted and differs from Wang’s original version. According to Heshang Gong’s 河上公 (1st century CE; dates unknown), Fu Yi’s 傅奕 (d. 639), and the Boshu 帛書 [Mawangdui Silk Manuscripts] editions, as well as other ancient versions, corrections to Wang’s version should be as follows.
Schließlich ist ein Kommentar zu erwähnen, der bei aller Ungewißheit, ob es sich um eine wirkliche Person handelt, Heshang Gong zugeschrieben wird. Die Legende berichtet einerseits, daß Heshang Gong ein alter Mann gewesen sei, der im dritten Jahrhundert v.u.Z. einem Nachkommen des Fürsten Wang Zhu „die Worte des Laozi und des mythischen Gelben Kaisers Huangdi“ 黄帝老子言 (huangdì lǎozǐ yán) übermittelt habe. Andererseits sei Heshang Gong ein Mann gewesen, den Han-Kaiser Wen im zweiten Jahrhundert v.u.Z. aufgesucht haben soll, um sich über das Laozi unterrichten zu lassen. Heshang Gong habe dem Kaiser zunächst die Auskunft verweigert und sich, als dieser ihm drohte, in Luft aufgelöst und die Schrift samt Kommentar erst herausgegeben, als der Kaiser auf Knien zu ihm gekrochen sei. Dies ist eine Phantasie, die Gelehrte der Tang-Dynastie (618 – 907) erfanden, um dem Heshang Gong-Kommentar Daodejingjie Heshanggong Zhangju 道德經解河上公章句 mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen. Der überlieferte Kommentar, der nach Heshang Gong benannt ist, wurde von Ge Xuan 葛玄 (164 – 244) herausgegeben, dem Onkel des berühmten daoistischen Heilers Ge Hong 葛洪 (283 – 343), dem Verfasser des Baopuzi 抱朴子, einem Werk, das die traditionelle chinesische Medizin mitbegründete.
Schließlich wurde eine Ausgabe berücksichtigt, die auf einer Steininschrift von 708 – dem zweiten Jahr unter der Regierungsdevise 景龍 (jǐng lóng) des Tang-Kaisers Zhong Zong 中宗–in Yìzhōu易州 (heutige Provinz Hebei) im Tempel Longxing Guan龍興觀 aufbewahrt wird. Die Steininschrift wurde erstmals 1958 als „kommentierter Laozi“ Laozi jiaoshi 老子校釋 zusammen mit Bezügen zu mehr als 100 anderen Steinabschriften und den Dunhuang-Fragmenten veröffentlicht.