Erich Ahrndt

Erich Ahrndt

Viktor Kalinke empfiehlt die Übersetzungen aus dem Russischen von Erich Ahrndt: 

Erich Ahrndt (1932–2024) gehörte zu jener Generation von Übersetzern, die sich die Literatur eines anderen Sprachraums über Jahrzehnte hinweg mit großer Beharrlichkeit erschlossen haben. Seine berufliche Laufbahn begann mit der russischen und sowjetischen Prosa. Für den renommierten DDR-Verlag Volk und Welt übersetzte er unter anderem Romane von Daniil Granin und Valentin Rasputin und erwarb sich damit einen Namen als versierter Literaturübersetzer. Doch während er sich zunächst vor allem der erzählenden Literatur widmete, rückte im Laufe der Jahre eine andere Leidenschaft immer stärker in den Mittelpunkt: die russische Lyrik. Was zunächst wie eine späte Hinwendung zu einem Herzensgebiet erscheinen mochte, entwickelte sich zu einem eigenständigen übersetzerischen Werk. Der Leipziger Literaturverlag bot ihm dafür eine verlegerische Heimat.
Ahrndt wandte sich den großen Stimmen der russischen Dichtung zu: Sergej Jessenin, Anna Achmatowa, Marina Zwetajewa und Bella Achmadulina. Hinzu kamen die Gedichte Marina Gerschenowitschs und vor allem die mehrbändige Beschäftigung mit der Gegenwartslyrikerin Angelina Polonskaja. Seine Auswahl folgt keinem literaturgeschichtlichen Lehrplan. Sie gleicht eher einer persönlichen poetischen Landkarte, auf der sich sehr unterschiedliche Temperamente begegnen: Jessenins Naturverbundenheit und Heimatverlust, Achmatowas Kunst der Andeutung und Verknappung, Zwetajewas leidenschaftliche Sprachgewalt, Achmadulinas musikalische Eleganz und Polonskajas dunkle, mitunter verstörende Bildwelten.
Was kennzeichnet Ahrndts Nachdichtungen? Zunächst sein Bemühen, nicht an der sprachlichen Oberfläche des Originals haften zu bleiben. Er sucht nach deutschen Versen, die einen eigenen Rhythmus und eine natürliche Sprachbewegung besitzen, ohne die Besonderheiten der russischen Vorlage einzuebnen. Dabei kommt ihm seine langjährige Erfahrung mit russischer Prosa zugute: sein Gespür für idiomatische Wendungen, für den Ton einer Aussage und für die oft entscheidenden Nuancen zwischen dem Gesagten und dem Gemeinten. Seine Übersetzungen sind deshalb weniger als philologische Wort-für-Wort-Übertragungen zu verstehen denn als Versuche, die poetische Wirkung eines Originals mit den Mitteln der deutschen Sprache neu hervorzubringen.
Wie unterschiedlich diese Aufgabe ausfallen kann, zeigen die drei großen Klassiker besonders deutlich. Bei Jessenin gilt es, die eigentümliche Verbindung von Volksliedton, Naturbild und existenzieller Schwermut zu bewahren. Die scheinbare Schlichtheit seiner Gedichte ist trügerisch: Hinter den Bildern der russischen Landschaft verbirgt sich eine hochartifizielle Poesie, deren Musikalität sich nicht ohne Weiteres ins Deutsche übertragen lässt. Ahrndts Auswahl "Der Winter singt – es ist ein Schreien" macht zudem die Entwicklung des Dichters sichtbar – von der frühen Naturverbundenheit bis zu den dunkleren, von Entwurzelung und Selbstverlust geprägten späten Texten.
Bei Achmatowa liegt die Schwierigkeit gerade in der Ökonomie des Ausdrucks. Ihre Gedichte gewinnen ihre Wirkung häufig aus wenigen präzisen Bildern, aus Auslassungen und dem Ungesagten. Eine Übersetzung, die zu viel erklärt oder emotional verstärkt, nimmt ihnen ihre Spannung. Ahrndts Band "Unsrer Nichtbegegnung denkend" versammelt Gedichte aus mehr als fünf Jahrzehnten und eröffnet damit einen Blick auf eine Dichterin, deren persönliche Erinnerungs- und Verlusterfahrungen zunehmend mit der Geschichte ihres Landes verschränkt sind. Bei Zwetajewa wiederum ist das Problem beinahe das Gegenteil: Ihre Syntax ist sprunghaft, ihre Rhythmen sind unruhig, ihre Bilder und Gedanken drängen mitunter über die Grenzen des Verses hinaus. In "Mit diesem Unmaß im Maß der Welt" stellt sich Ahrndt dieser sprachlichen Unruhe, ohne sie grundsätzlich zu glätten. Gerade hier wird deutlich, dass seine Nachdichtungen eine eigene Lesart anbieten. Sie treten nicht an, die zahlreichen, zum Teil von bedeutenden Dichtern geschaffenen deutschen Fassungen zu ersetzen, sondern setzen ihnen eine weitere Stimme hinzu.
Über die Klassiker hinaus verdient Ahrndts Interesse an weniger bekannten Autorinnen Beachtung. Mit Marina Gerschenowitsch und insbesondere Angelina Polonskaja hat er Stimmen erschlossen, die im deutschen Sprachraum zuvor nur wenig wahrgenommen wurden. Die wiederholte Beschäftigung mit Polonskaja zeigt, dass es ihm nicht um gelegentliche Entdeckungen ging, sondern um die kontinuierliche Vermittlung ihres eigenständigen lyrischen Werks. Hier erweist sich Übersetzen auch als verlegerische und literarische Aufbauarbeit.
Warum also sollte man Erich Ahrndts Übersetzungen lesen? Nicht, weil seine Fassungen die früheren Übersetzungen von Jessenin, Achmatowa oder Zwetajewa überflüssig machten. Gerade das tun sie nicht. Ihr Reiz liegt vielmehr darin, dass sie den Blick auf andere Möglichkeiten der Übertragung lenken und vertraute Gedichte in einem neuen sprachlichen Licht erscheinen lassen. Wer die russischen Sprache versteht, kann die Originaltexte in den durchgängig zweisprachig verlegten Büchern mitlesen und kann sozusagen die Entscheidungen des Übersetzers "prüfen"; wer die Dichter erst entdecken möchte, findet einen Zugang, der auf unmittelbare poetische Wirkung zielt und keine literaturwissenschaftlichen Vorkenntnisse voraussetzt. Und wer sich auf die weniger bekannten Autorinnen einlässt, begegnet einer Literatur, die ohne Ahrndts Vermittlung hierzulande womöglich kaum eine Leserschaft gefunden hätte. So liegt das Besondere an seinem Spätwerk weniger in einem vermeintlich überlegenen Übersetzungsverfahren als in der Konsequenz, mit der Ahrndt seinen eigenen literarischen Interessen gefolgt ist. Aus dem erfahrenen Übersetzer russischer Prosa wurde ein Nachdichter, der sich noch einmal neue Aufgaben stellte und dabei auch abseits des etablierten Kanons fündig wurde. Seine Bücher sind deshalb nicht nur für Liebhaber russischer Lyrik interessant. Sie laden dazu ein, Übersetzen selbst als schöpferische Arbeit wahrzunehmen – als einen Dialog zwischen zwei Sprachen, in dem das Original seine Eigenart behalten und die Übersetzung dennoch ein eigenes poetisches Leben gewinnen soll. Wer Jessenin, Achmatowa und Zwetajewa nicht nur in einer einzigen deutschen Gestalt kennenlernen möchte und zugleich neugierig auf weniger bekannte Stimmen der russischen Gegenwartslyrik ist, findet in Erich Ahrndts Büchern einen lohnenden, durchaus eigenständigen Zugang.

Im Leipziger Literaturverlag ist in der Übersetzung von Erich Ahrndt erschienen: 

 
 

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Übersetzer des Monats November 2016