Christine Pfammatter

Christine Pfammatter

Viktor Kalinke empfiehlt Christine Pfammatter: 

Eines Tages stand sie mit Ihrem Rucksack im Verlag, als wäre sie gerade aus dem Wallis gekommen. Doch die Reise war kürzer: Christine Pfammatter kam von Berlin nach Leipzig. Im Gepäck trug sie das Manuskript ihres noch unveröffentlichten Debüts "Zuviel Sonne". Seitdem ist sie gewissermassen zu einer Hausautorin des Leipziger Literaturverlages geworden. Christine Pfammatters Texte bewegen sich konsequent zwischen den Gattungen, Sprachen und Erfahrungsräumen – genau daraus ziehen sie ihre literarische Spannung, sprachlich fein gearbeitet, existenziell wach und kulturell hellhörig, eine Sprache, die denkt – und fühlt. Ihre Texte bleiben, weil sie nicht abschliessen. Literatur als Erkenntnisgewinn. Pfammatter schreibt nicht einfach „schön“, sondern denkbeweglich. Ihre Texte haben eine poetische Genauigkeit, die nie Selbstzweck ist: Bilder, Rhythmus und Satzführung dienen dem Nachdenken über Welt, Körper, Erinnerung und Wahrnehmung. Besonders charakteristisch ist, dass ihre Sprache Reflexion und Sinnlichkeit zugleich zulässt – philosophisch imprägniert, aber nie trocken, emotional, aber ohne sentimental zu werden. Ich lese ihre Sätze oft zweimal, nicht aus Unverständnis, sondern aus Lust am Nachklang. Dass Christine Pfammatter als Schweizer Autorin in Berlin lebt, ist für sie keine modische Masche, sondern ihr schöpferisches Prinzip. Ihre kurze Prosa entsteht in Zwischenräumen und Übergängen: zwischen Herkunft und Gegenwart, Nähe und Fremdheit, Stabilität und Bewegung. Berlin taucht in den Texten weniger als Kulisse auf denn als Resonanzraum für Fragen nach Identität, Urbanität und Vereinzelung. Diese Perspektive „von aussen und innen zugleich“ verleiht Pfammatters Texten eine unerwartete Schärfe – sie sind weder provinziell noch modisch-metropolisch, sondern im  Eigensinn verankert, verstehen Literatur als offenen Denkraum: Pfammatters Bücher liefern keine einfachen Botschaften, sondern öffnen Denk- und Erfahrungsräume, in denen Unsicherheiten, Brüche und Ambivalenzen produktiv werden. Gerade darin liegt ihre literarische Kraft: Pfammatter erklärt die Welt nicht, sondern lädt ein selbst zu beobachten und sich von gedanklichen Wendungen überraschen zu lassen. Wer ihre Texte liest, wird nicht belehrt, sondern beteiligt – an einem Prozess des Suchens, Zweifelns und Neu-Sehens. Ich lese Pfammatter nicht, um Antworten zu erhalten, sondern um tiefere Fragen zu stellen.

Christine Pfammatter: geboren 1969 in Leuk-Stadt, Schweiz, studierte Philo­sophie, Literatur und Kunstgeschichte in Bern, lebt und arbeitet als Schrift­stellerin und Übersetzerin in Berlin. Sie schreibt regelmässig und gern über zeitgenössische Kunst.

Im Leipziger Literaturverlag sind von Christine Pfammatter Prosabände und Übersetzungen erschienen: 

Pfammatter, Christine: Zwei Sommer
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Zwei Sommer ist ein Buch, das auf ungewöhnliche Weise zwei Bewegungen miteinander verschränkt: den Blick auf die Welt und den Blick nach innen. Der erste Teil ist ein essayistischer Streifzug durch die Gegenwart. Ausgehend von der Katastrophe von Blatten im Lötschental – dem Bergsturz, der ein ganzes Dorf unter sich begräbt – entfaltet die Erzählerin eine weit ausgreifende Reflexion über Verwerfungen, Digitalisierung, Erinnerung, Naturverlust und Verantwortung. Der zweite Teil des Buches erzählt die Geschichte des Einsiedlers Jean-Marie, der versucht, in den Walliser Bergen ein Leben zwischen Gebet, Naturverbundenheit und radikaler Einfachheit zu führen. Doch auch er kann der Welt nicht entkommen. Das Buch versucht, die großen Fragen unserer Zeit mit den großen Fragen eines einzelnen Lebens zu verbinden. Es fragt nach dem Zustand der Welt und zugleich nach dem Zustand der Seele. Es bietet einen Denkraum – einen Ort, an dem sich Leserinnen und Leser fragen können: Wie wollen wir leben, wenn die Welt sich verändert? Und was bleibt, wenn Sicherheiten verschwinden?
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Autorin des Monats Februar 2026