Kapitel 9 des Huainanzi. Handbuch der Regierungskunst
Aus dem Chinesischen von Viktor Kalinke
eBook (pdf) - nach dem Bestellen sofort herunterladen
Das neunte Kapitel des Huainanzi skizziert eine politische Praxis, deren Leitgedanke paradox erscheint: Der beste Herrscher ist nicht derjenige, der am meisten agiert, am lautesten befiehlt oder seine Untertanen mit immer ausgefeilteren Vorschriften lenkt, sondern jener, der eine sich selbst erhaltende Ordnung ermöglicht, ohne sich als Person in den Mittelpunkt aller zu stellen. Seine Kunst besteht darin, wirksam zu sein, ohne sich überall einzumischen, ohne aktivistisch zu führen, ohne ständig vorauszugehen und Einfluß auszuüben, ohne seine Macht demonstrativ zur Schau zu stellen. Das Kapitel entwickelt damit den Gedanken des Wuwei 無為, des Nicht-Eingreifens oder absichtslosen Handelns, zu einer umfassenden Anleitung politischer Führung. Gemeint ist keine Untätigkeit, sondern ein Handeln, das die Eigenkräfte der Dinge zur Entfaltung kommen läßt.
Dieses Ideal wird durch sein Gegenbild geschärft: Wo Herrschende maßlos nehmen, ihre Untergebenen überfordern und die Bevölkerung mit immer schärferen Vorschriften disziplinieren, wachsen Armut, Betrug, Rivalität und Aufruhr. „Trübt sich das Wasser, schnappen die Fische nach Luft; ist die Regierung streng, gerät das Volk in Unruhe“ (9.3). Der Text kritisiert damit eine Politik, die ihre eigenen Fehler nicht erkennt und deren Folgen durch zusätzliche Eingriffe zu beseitigen versucht. Wer die Wurzeln eines Problems vernachlässigt und nur seine sichtbaren Symptome bekämpft, verschärft die Störung, die er beheben möchte. Die drastischen Vergleiche, Staub aufzuwirbeln, damit er sich lege, oder Brennholz herbeizuschleppen, um Feuer zu löschen, bringen diese Verkehrung des politischen Verstandes auf den Punkt. Allerdings verwirft das Kapitel keineswegs jede Form von Gesetzgebung, Kontrolle oder Strafe. Es diskutiert vielmehr ein spannungsreiches Verhältnis zwischen daoistischer Zurückhaltung und legalistischer Ordnungspolitik. Gesetze sollen klare Maßstäbe setzen und unvoreingenommen angewandt werden; sie dürfen aber nicht zum Ersatz für konstruktive gesellschaftliche Rahmenbedingungen werden. Strafen allein können die innere Haltung der Menschen nicht verändern. Entscheidend ist, ob die herrschende Ordnung aus stimmigen Verhältnissen hervorgeht oder ob die Regierung verzweifelt versucht, die Folgen einer verfehlten Politik mit immer neuen Eingriffen zu bekämpfen.
Liu An 劉安 (180 – 122): war der König von Huainan, einem großen Fürstenstaat auf dem Gebiet der heutigen Provinz Anhui. Liu An’s Großvater war Kaiser Gaozu. Sein Vater, Fürst Liu Chang, vom Temperament her jähzornig, hatte sich in jungen Jahren an einer Verschwörung gegen den Kaiser beteiligt, fiel in Ungnade und sollte verbannt werden, doch er zog den Hungertod vor. Zu dieser Zeit gaben sich die Prinzen Ausschweifungen hin und beschäftigten sich mit Frauen, der Jagd und Pferden. Liu An jedoch zeigte sich dem Studium gegenüber aufgeschlossen, widmete sich der Literatur, Philosophie und Musik, begeisterte sich für für Fu-Gedichte, meisterte die Künste der Weissagung und Alchemie. Angeregt von Gesprächen mit seinen Gästen, förderte Liu An eine Gruppe von Gelehrten, allesamt herausragende Talente aus dem ganzen Land, gemeinsam das Huainanzi zu verfassen, eine philosophische, sprachlich raffinierte Enzyklopädie zu Daoismus, Politik, Naturphilosophie, Astronomie, Ethik, Geschichte und Staatskunst – um es 139 v.u.Z. dem frisch gekrönten Kaiser Wu, einem Neffen von Liu An, zur Thronbesteigung zu überreichen. Heute bietet das Huainanzi ein Spiegelbild des altchinesischen Denkens, in dem der Daoismus und Elemente des Konfuzianismus, der Yin-Yang-Lehre sowie des Legalismus zusammenfließen. Damit leistete Liu An einen der bedeutendsten Beiträge zur chinesischen Literaturgeschichte. Der Kaiser jedoch schmähte sein eigenständiges Denken und Engagement für einen dezentralen Staat. Im Jahr 122 v.u.Z. wurde Liu An der Verschwörung beschuldigt. Er nahm sich – der kaiserlichen Geschichtsschreibung zufolge – das Leben, um einer Bestrafung zuvorzukommen. In der daoistischen Philosophie und Spiritualität blieben Liu An und sein bahnbrechendes Meisterwerk in Erinnerung. Außerdem wird er im Volk bis heute als der Erfinder des Tofu verehrt.
Viktor Kalinke: geb. in Jena, Studium der Psychologie und Mathematik in Dresden, Leipzig und Beijing, Kreativitäts-Preis der Hans-Sauer-Stiftung, Promotion, Professur, lebt in Leipzig, übersetzte und kommentierte das Daodejing von Laozi, das Buch Zhuangzi sowie das Kapitel Fangnei aus dem Ishinpo.