Aus dem Chinesischen von Viktor Kalinke
eBook (pdf) - nach dem Bestellen sofort herunterladen
Das achte Kapitel des Huainanzi entwirft eine umfassende Reflexion über die Grundlagen gelingender Herrschaft, indem es kosmologische, anthropologische und politische Überlegungen miteinander verbindet. Anders als eine bloße Anleitung für die Herrschenden entwickelt das Kapitel eine Philosophie der Weltordnung, in der menschliches Handeln, Naturgeschehen und kosmische Gesetzmäßigkeiten untrennbar verflochten sind. Ausgangspunkt ist die Archotopie, eine idealisierte Vorstellung der Urgesellschaft in einem archaischen Zeitalter. Der weise Herrscher regiert mittels Wei Wuwei – Handeln durch Nichthandeln oder ungezwungenem Handeln – und erzeugt dadurch eine Resonanz zwischen Himmel, Erde und Mensch. In dieser ursprünglichen Ordnung folgen die Jahreszeiten ihrem Rhythmus, Yin und Yang befinden sich im Gleichgewicht, glückverheißende Natur- und Wetterphänomene spiegeln die Integrität des Herrschers wider.
Dieser ausgeglichenen Urzeit stellt das Kapitel den ethisch-moralischen Niedergang durch den „Prozeß der Zivilisation“ gegenüber, den wir gewöhnlich als Fortschritt mißverstehen. Bemerkenswert ist, daß Kapitel 8 des Huainanzi den Ursprung des Verfalls nicht allein in moralischem Fehlverhalten der Herrschenden erkennt, sondern bereits in den ausufernden Eingriffen der Menschen in natürliche Prozesse. Bergbau, Metallverarbeitung, großflächige Landwirtschaft, monumentale Architektur und militärische Befestigungen erscheinen nicht als Zeichen kulturellen Fortschritts, sondern als Symptome einer zunehmenden Entfremdung von der natürlichen Ordnung.
Doch das Kapitel verfällt nicht in kulturpessimistische Larmoyanz, sondern entfaltet philosophische Eigenständigkeit. Obwohl die ursprüngliche Welt unwiederbringlich verloren erscheint, eröffnet die gesellschaftliche Krise die Möglichkeit einer neuen, zeitgemäßen Herrschaft des Weisen (Sagerulership). Der ideale Herrscher orientiert sich nicht an starren Regeln, sondern an den jeweiligen Erfordernissen seiner Epoche. Er verkörpert das Dao und dessen Wirkkraft, bewahrt jedoch zugleich die Fähigkeit, angemessen auf Veränderungen zu reagieren. Das Kapitel verbindet somit daoistische Naturphilosophie mit einem ausgesprochen pragmatischen Politikverständnis.
Insgesamt zeigt auch Kapitel 8 des Huainanzi eindrucksvoll, wie eng im Denken der frühen Han-Zeit Kosmologie, Ethik und Staatsphilosophie miteinander verbunden waren. Die „grundlegenden Muster“ des Titels erweisen sich letztlich als jene unsichtbaren Ordnungsstrukturen, welche Natur, Mensch und Politik gleichermaßen tragen. Gerade weil das Kapitel den verlorenen Ursprung nicht romantisiert, sondern nach Wegen sucht, daoistische Weisheit unter den Bedingungen einer unvollkommenen Welt wirksam werden zu lassen, zählt es zu den philosophisch interessantesten und zugleich zeitlosen Texten im Huainanzi.
Viktor Kalinkes deutsche Übersetzung zeichnet sich durch ihre außergewöhnliche philologische Präzision und zugleich durch eine bemerkenswerte sprachliche Eigenständigkeit aus. Sie bemüht sich nicht um eine Glättung des Originals, sondern bewahrt dessen rhythmischen und verdichteten Stil. Charakteristisch ist ferner das konsequente Sichtbarmachen der Mehrdeutigkeit chinesischer Schlüsselbegriffe. Wörter wie Dao, De, Qi oder Shenming werden nicht vorschnell auf eine einzige deutsche Entsprechung reduziert, sondern offengehalten für mehrere Interpretationsmöglichkeiten. Diese Übersetzungsstrategie entspricht dem philosophischen Charakter des Originals, dessen Begriffe ihre Bedeutung häufig erst im jeweiligen Zusammenhang entfalten. Zugleich bleibt die Übersetzung ungewöhnlich nah an der syntaktischen Struktur des chinesischen Textes. Dadurch entsteht eine zuweilen überraschend wirkende, ausgesprochen eindringliche Sprache, welche die poetische Kraft des Originals bewahrt, ohne dessen philosophische Präzision aufzugeben. Die zahlreichen Anmerkungen dokumentieren unterschiedliche Lesarten der Handschriften, diskutieren alternative Übersetzungsmöglichkeiten und setzen den Text in Beziehung zur sinologischen Forschung. Dadurch entsteht nicht lediglich eine Übersetzung, sondern zugleich ein wissenschaftlicher Kommentar.
Liu An 劉安 (180 – 122): war der König von Huainan, einem großen Fürstenstaat auf dem Gebiet der heutigen Provinz Anhui. Liu An’s Großvater war Kaiser Gaozu. Sein Vater, Fürst Liu Chang, vom Temperament her jähzornig, hatte sich in jungen Jahren an einer Verschwörung gegen den Kaiser beteiligt, fiel in Ungnade und sollte verbannt werden, doch er zog den Hungertod vor. Zu dieser Zeit gaben sich die Prinzen Ausschweifungen hin und beschäftigten sich mit Frauen, der Jagd und Pferden. Liu An jedoch zeigte sich dem Studium gegenüber aufgeschlossen, widmete sich der Literatur, Philosophie und Musik, begeisterte sich für für Fu-Gedichte, meisterte die Künste der Weissagung und Alchemie. Angeregt von Gesprächen mit seinen Gästen, förderte Liu An eine Gruppe von Gelehrten, allesamt herausragende Talente aus dem ganzen Land, gemeinsam das Huainanzi zu verfassen, eine philosophische, sprachlich raffinierte Enzyklopädie zu Daoismus, Politik, Naturphilosophie, Astronomie, Ethik, Geschichte und Staatskunst – um es 139 v.u.Z. dem frisch gekrönten Kaiser Wu, einem Neffen von Liu An, zur Thronbesteigung zu überreichen. Heute bietet das Huainanzi ein Spiegelbild des altchinesischen Denkens, in dem der Daoismus und Elemente des Konfuzianismus, der Yin-Yang-Lehre sowie des Legalismus zusammenfließen. Damit leistete Liu An einen der bedeutendsten Beiträge zur chinesischen Literaturgeschichte. Der Kaiser jedoch schmähte sein eigenständiges Denken und Engagement für einen dezentralen Staat. Im Jahr 122 v.u.Z. wurde Liu An der Verschwörung beschuldigt. Er nahm sich – der kaiserlichen Geschichtsschreibung zufolge – das Leben, um einer Bestrafung zuvorzukommen. In der daoistischen Philosophie und Spiritualität blieben Liu An und sein bahnbrechendes Meisterwerk in Erinnerung. Außerdem wird er im Volk bis heute als der Erfinder des Tofu verehrt.
Viktor Kalinke: geb. in Jena, Studium der Psychologie und Mathematik in Dresden, Leipzig und Beijing, Kreativitäts-Preis der Hans-Sauer-Stiftung, Promotion, Professur, lebt in Leipzig, übersetzte und kommentierte das Daodejing von Laozi, das Buch Zhuangzi sowie das Kapitel Fangnei aus dem Ishinpo.
8.1
| 太清之治也 | Wer mit größter Klarheit regiert, |
| 和順以寂漠 | schafft Einklang und Ordnung durch Ruhe und Teilnahmslosigkeit, |
| 質真而素樸 | aufrichtig und wahrhaftig, einfach und ursprünglich ist er, |
| 閑靜而不躁 | friedlich, still und unaufgeregt, |
| 推移而無故 | entwickelt und ändert er [alles], ohne Zwecken zu folgen, |
| 在內而合乎道 | ist innerlich mit dem Dao verbunden, |
| 出外而調于義 | verhält sich nach außen gerichtet rechtschaffen, |
| 發動而成于文 | setzt mit dem, was er voranbringt, Zeichen, |
| 行快而便于物 | muß es schnell gehen, nimmt er auf die Lebewesen Rücksicht, |
| 其言略而循理 | er spricht deutlich und folgt Regeln, |
| 其行侻而順情 | handelt angemessen und ordnet die Gefühle, |
| 其心愉而不偽 | sein Herz-Geist ist heiter und ohne Falschheit, |
| 其事素而不飾。 | er widmet sich dem Einfachen ohne Schnörkel. |
| 是以 | Darum |
| 不擇時日 | wählt er keine [passenden] Zeiten oder Tage, |
| 不占卦兆 | orakelt nicht mit Schafgarbestengeln oder Schildkrötenpanzern, |
| 不謀所始 | plant nicht, wann etwas beginnen, |
| 不議所終 | und zankt nicht, wann es enden sollte, |
| 安則止 | wenn Ruhe einkehrt, hört er auf, |
| 激則行 | wenn etwas stört, geht er hin, |
| 通體於天地 | sein Körper ist durchdrungen von Himmel und Erde, |
| 同精於陰陽 | er vereint seine Kräfte mit Yin und Yang, |
| 一和於四時 | ist im Einklang mit den vier Jahreszeiten, |
| 明照於日月 | er strahlt so hell wie Sonne und Mond, |
| 與造化者 相雌雄。 |
verbunden mit der schöpferischen Natur (Zaohua) vereint er Weibliches und Männliches miteinander. |
| 是以 | Darum |
| 天覆以德 | verleiht der Himmel Wirkkraft, |
| 地載以樂 | schenkt die Erde Freude, |
| 四時不失其敘 | geraten die vier Jahreszeiten nicht durcheinander, |
| 風雨不降其虐 | donnern Wind und Regen nicht mit Gewalt herunter, |
| 日月淑清而揚光 | strahlen Sonne und Mond in voller Schönheit und Klarheit, |
| 五星循軌 而不失其行。 |
bleiben die fünf Planeten auf ihreren Bahnen und kommen nicht von ihnen ab. |
| 當此之時 | In dieser Zeit |
| 玄元至碭 而運照 |
gewinnt der tiefe Ursprung höchste Leuchtkraft und läßt alles ringsum erstrahlen, |
| 鳳麟至 | Phönix und Einhorn erscheinen, |
| 著龜兆 | Schafgarbe und Schildkröte geben Zeichen, |
| 甘露下 | süß senkt sich der Tau herab, |
| 竹實滿 | Bambus wuchert, |
| 流黃出 | die Gelben Quellen (Liuhuang) treten hervor, |
| 而朱草生 | das zinnoberrote Gras wächst, |
| 機械詐偽 莫藏於心。 |
weder Starrköpfigkeit noch Falschheit erobern den Herz-Geist. |
Leider sind noch keine Bewertungen vorhanden. Seien Sie der Erste, der das Produkt bewertet.