Aus dem Chinesischen von Viktor Kalinke
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Das zehnte Kapitel des Huainanzi ist ein vielstimmiges Lehrstück über die Kunst, die Welt, die Menschen und sich selbst richtig einzuschätzen. Seine Gedanken entfalten sich nicht in einer systematischen Abhandlung, sondern in einer Folge knapper Sentenzen, Gleichnisse, historischer Erinnerungen und moralischer Reflexionen. Die einzelnen Abschnitte wirken bisweilen wie selbständige Weisheitssprüche; bei näherer Betrachtung erweisen sie sich jedoch als Variationen über einige wenige, eng miteinander verbundene Grundfragen: Was macht einen Menschen weise? Wie entsteht eine gerechte Ordnung? Woran erkennt man den Wert einer Handlung? Und weshalb führt gerade das Bemühen um unmittelbare Wirkung so häufig zum Gegenteil des Beabsichtigten? So entsteht ein facettenreiches Bild der Weisheit: Sie besteht nicht in der Beherrschung möglichst vieler Einzelkenntnisse, sondern in der Fähigkeit, Zusammenhänge zu erfassen, Unterschiede wahrzunehmen und das eigene Handeln dem jeweiligen Zusammenhang anzupassen. Der gewöhnliche Mensch erkennt eine Sache oder beherrscht eine einzelne Fertigkeit; der Weise vermag dagegen Gegensätze und unterschiedliche Möglichkeiten in einem größeren Zusammenhang zu halten. Das Kapitel führt damit von der Selbstführung über die Menschenkenntnis bis zur Regierungskunst.
Liu An 劉安 (180 – 122): war der König von Huainan, einem großen Fürstenstaat auf dem Gebiet der heutigen Provinz Anhui. Liu An’s Großvater war Kaiser Gaozu. Sein Vater, Fürst Liu Chang, vom Temperament her jähzornig, hatte sich in jungen Jahren an einer Verschwörung gegen den Kaiser beteiligt, fiel in Ungnade und sollte verbannt werden, doch er zog den Hungertod vor. Zu dieser Zeit gaben sich die Prinzen Ausschweifungen hin und beschäftigten sich mit Frauen, der Jagd und Pferden. Liu An jedoch zeigte sich dem Studium gegenüber aufgeschlossen, widmete sich der Literatur, Philosophie und Musik, begeisterte sich für für Fu-Gedichte, meisterte die Künste der Weissagung und Alchemie. Angeregt von Gesprächen mit seinen Gästen, förderte Liu An eine Gruppe von Gelehrten, allesamt herausragende Talente aus dem ganzen Land, gemeinsam das Huainanzi zu verfassen, eine philosophische, sprachlich raffinierte Enzyklopädie zu Daoismus, Politik, Naturphilosophie, Astronomie, Ethik, Geschichte und Staatskunst – um es 139 v.u.Z. dem frisch gekrönten Kaiser Wu, einem Neffen von Liu An, zur Thronbesteigung zu überreichen. Heute bietet das Huainanzi ein Spiegelbild des altchinesischen Denkens, in dem der Daoismus und Elemente des Konfuzianismus, der Yin-Yang-Lehre sowie des Legalismus zusammenfließen. Damit leistete Liu An einen der bedeutendsten Beiträge zur chinesischen Literaturgeschichte. Der Kaiser jedoch schmähte sein eigenständiges Denken und Engagement für einen dezentralen Staat. Im Jahr 122 v.u.Z. wurde Liu An der Verschwörung beschuldigt. Er nahm sich – der kaiserlichen Geschichtsschreibung zufolge – das Leben, um einer Bestrafung zuvorzukommen. In der daoistischen Philosophie und Spiritualität blieben Liu An und sein bahnbrechendes Meisterwerk in Erinnerung. Außerdem wird er im Volk bis heute als der Erfinder des Tofu verehrt.
Viktor Kalinke: geb. in Jena, Studium der Psychologie und Mathematik in Dresden, Leipzig und Beijing, Kreativitäts-Preis der Hans-Sauer-Stiftung, Promotion, Professur, lebt in Leipzig, übersetzte und kommentierte das Daodejing von Laozi, das Buch Zhuangzi sowie das Kapitel Fangnei aus dem Ishinpo.
| 道至高無上 | Wo das Dao am höchsten ist, ist nichts darüber, |
| 至深無下 | wo es am tiefsten ist, ist nichts darunter, |
| 平乎準 | es ist ausgewogener als die Waage, |
| 直乎繩 | gerader als die Richtschnur, |
| 圓員乎規 | runder als der Zirkel, |
| 方乎矩。 | und eckiger als das Winkelmaß. |
| 包裹宇宙而無表裏 | Es umfaßt das All und hat weder außen noch innen, |
| 洞同覆載 而無所礙。 |
es durchdringt alles gleichermaßen, bedeckt und trägt [alles], ohne auf Hindernisse zu stoßen. |
| 是故 | Darum: |
| 體道者 | Wenn du das Dao verkörperst, |
| 不哀不樂 | ist weder traurig noch fröhlich, |
| 不喜不怒 | bist du weder sanft noch zornig, |
| 其坐無慮 | sitzt du da, ohne dich zu sorgen, |
| 其寢無夢 | schläfst, ohne zu träumen, |
| 物來而名 | die Dinge kommen auf dich zu und du nennst sie beim Namen, |
| 事來而應。 | die Aufgaben kommen auf dich zu und du reagierst. |
| 主者 | Als Herrscher |
| 國之心 | bist du der Herz-Geist des Staates, |
| 心治則百節皆安 | ist der Herz-Geist geordnet, sind die Hundert Gelenke in Ruhe, |
| 心擾則百節皆亂。 | ist er aufgeregt, so geraten die Hundert Gelenke in Unruhe. |
| 故 | Daher: |
| 其心治者 | Ist dein Herz-Geist geordnet, |
| 支體相遺也 | achten Glieder und Körper nicht aufeinander; |
| 其國治者 | wenn der Staat geordnet ist, |
| 君臣相忘也。 | vergessen Herrscher und Minister einander. |
| 黃帝曰 | Der Gelbe Kaiser (Huangdi) sprach: |
| 芒芒昧昧 | „Grenzenlos, unerschöpflich, dunkel, verborgen ist es – |
| 從天之道 | wenn ich dem Dao der Natur folge, |
| 與元同氣。 | vereint sich mein Atem mit dem Ursprünglichen.“ |
| 故 | Daher: |
| 至德者 | Höchste Wirkkraft erlangst du, |
| 言同略 | wenn deine Worte mit deinen Plänen übereinstimmen, |
| 事同指 | deine Taten mit deinen Absichten, |
| 上下一心。 | wenn oben und unten vereint sind im Herz-Geist. |
| 無歧道旁見者 | Siehst du an einer Gabelung nicht, wohin die Wege führen: |
| 遏障之於邪 | Halte das Böse fern, |
| 開道之於善 | öffne den Weg (Dao) für das Gute |
| 而民鄉方矣。 | und die Menschen folgen dieser Richtung. |
| 故《易》曰 | Daher heißt es im Buch der Wandlungen: |
| 同人於野 | „Halten die Menschen in der Wildnis zusammen, |
| 利涉大川。 | fällt es ihnen leichter, einen großen Fluß zu durchqueren.“ |
| 道者物之所導也 | Das Dao leitet die Lebewesen, |
| 德者性之所扶也 | die Wirkkraft unterstützt ihre Natur, |
| 仁者積恩之見證也 | Menschlichkeit setzt sichtbare Zeichen der Güte, |
| 義者比於人心 | Rechtschaffenheit wohnt im Herz-Geist der Menschen |
| 而合於眾適者也。 | und steht in Einklang mit dem, was allen gerecht wird. |
| 故 | Daher: |
| 道滅而德用 | Geht das Dao verloren, wird die Wirkkraft genutzt, |
| 德衰 而仁義生。 |
schwächt sich die Wirkkraft ab, so tauchen Menschlichkeit und Rechtschaffenheit auf. |
| 故 | Daher: |
| 尚世體道 而不德 |
Gelobt sei die Zeit, in der das Dao verkörpert wird, ohne Wirkkraft zu beanspruchen; |
| 中世守德 而弗壞懷也 |
mittelmäßig ist die Zeit, in der die Wirkkraft bewahrt, aber nicht im Herzen bewegt wird; |
| 末世繩繩乎 唯恐失仁義。 |
die Zeit der Verzweigungen ist so verstrickt, daß sie nur fürchtet, Menschlichkeit und Rechtschaffenheit zu verlieren. |
| 君子非仁義 無以生 |
Ohne Menschlichkeit und Rechtschaffenheit hätte der Edle nichts, wofür er lebt; |
| 失仁義 | verliert er Menschlichkeit und Rechtschaffenheit, |
| 則失其所以生。 | so verliert er seine Lebensgrundlage. |
| 小人非嗜欲 無以活 |
Ohne Lust und Begehren hätte der einfache Mensch nichts, wofür er da ist; |
| 失嗜欲 | verliert er Lust und Begehren, |
| 則失其所以活。 | so verliert er seinen Daseinsgrund. |
| 故 | Daher |
| 君子懼失仁義 | fürchtet der Edle, Menschlichkeit und Rechtschaffenheit zu verlieren; |
| 小人懼失利。 | fürchtet der einfache Mensch, seine Nützlichkeit zu verlieren. |
| 觀其所懼 | Wenn du dir anschaust, wovor sich der Einzelne fürchtet,☻ |
| 知各殊矣。 | erkennst du, was sie voneinander unterscheidet. |
| 《易》曰 | Im Buch der Wandlungen heißt es: |
| 即鹿無虞 | „Wer ohne einen Ortskundigen Rehe jagt, |
| 惟入于林中 | rennt sorglos in den Wald; |
| 君子幾不如舍 | für den Edlen ist es dann besser, es gar nicht erst zu versuchen |
| 往吝。 | als in Schwierigkeiten zu geraten.“ |
| 其施厚者其報美 | Zeigst du dich großzügig, wirst du dafür belohnt; |
| 其怨大者其禍深。 | bist du von Haß erfüllt, stürzt du tief ins Unglück. |
| 薄施而厚望 | Knausern und viel erwarten, |
| 畜怨而無患者 | Haß anstacheln, ohne daß es weh tut – |
| 古今未之有也。 | vom Anbeginn bis heute hat es das nicht gegeben. |
| 是故 | Darum: |
| 聖人察其所以往 | Indem sich der Weise anschaut, was bereits vergangen ist, |
| 則知其所以來者。 | erkennt er, was kommen wird. |
| 聖人之道 | Das Dao des Weisen: |
| 猶中衢而致尊邪 | Gleicht es nicht einem Trinkgefäß mitten auf der Straße – |
| 過者斟酌 | die Passanten schenken sich fröhlich ein, |
| 多少不同 | die einen mehr, die anderen weniger, ganz unterschiedlich: |
| 各得其所宜。 | jeder erhält, was zu ihm paßt. |
| 是故 | Darum: |
| 得一人 | Genauso wie man einen Menschen [für sich] gewinnt, |
| 所以得百人也。 | gewinnt man hundert Menschen [für sich]. |
| 人以其所願於上 | Wenn das, was die Oberen begehren, |
| 以交其下 | in den Händen der Unteren liegen würde – |
| 誰弗戴 | wer würde das nicht unterstützen? |
| 以其所欲於下 | Wenn sich um das, was die Unteren benötigen, |
| 以事其上 | die Oberen kümmern würden – |
| 誰弗喜 | wen würde das nicht freuen? |
| 《詩》云 | Im Buch der Lieder heißt es: |
| 媚茲一人 | „Beliebt allseits ist dieser eine Mensch, |
| 應侯慎德。 | in seinen Antworten auf die Fürsten folgt er behutsam dem Dao.“ |
| 慎德大矣 | Behutsam dem Dao zu folgen, ist groß, |
| 一人小矣。 | der Einzelne ist klein. |
| 能善小 | Wer im Kleinen Gutes tut, |
| 其能善大矣。 | kann Gutes im Großen erreichen |
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