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Maulpoix, Jean-Michel: Der Garten unter dem Schnee
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Gast
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Freitag, 24. Januar 2025
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Die Natur liefert der Poesie die großen zeitlosen universellen Metaphern – Meer, Wasser, Sonne, Wind und Schnee …alle haben zwei Seiten wie das, worauf sie sich beziehen, Quelle des Lebens und Quelle des Todes. So auch die Schönheit, und ihr Schutzgott Apollon ist auch der Gott des Gemetzels.
Wie die Winterzeit im Leben der Menschen sind der Schnee und das Weiß immer wiederkehrende Motive in Jean-Michel Maulpoix‘ poetischen Werk, ebenso wie das Meer und das Blau. Eine seiner früheren Gedichtsammlungen heißt bezeichnenderweise auch: Pas sur la neige /Schritte im Schnee (2004). In L’instinct de ciel (2000) sind folgende Zeilen zu lesen: „Man muss bis zum Frühling durchhalten. Doch der Frühling wird nicht kommen. Es ist Winter. Man wartet auf den Schnee. »
Seit den Anfängen seines Schreibens ist der Schnee für Maulpoix eine innere Landschaft: „Der Kopf ist auch innen von Schnee bedeckt“. Doch in seiner letzten Sammlung Le jardin sous la neige (Mercure de France, 2023) hat die Wirklichkeit nun die Worte eingeholt; der Dichter ist alt geworden, der körperliche und geistige Abbau ist Realität geworden, und der Tod nicht nur ein Gefühl oder eine Figur, sondern eine konkrete Bedrohung. „Dem kommenden Winter folgt kein Frühling. » Das Leben des Dichters tritt ins Weiß ein.
Das macht die Lektüre des Werks besonders erschütternd. Ich war von der Härte und der Verzweiflung, die sich darin zeigt, betroffen. Maulpoix hat sich zwar immer gegenüber der Katastrophe klarsichtig gezeigt, der Tod war immer in seinen poetischen Überlegungen präsent, er ist Bestandteil des Schönen (je schöner etwas ist, umso tödlicher), das Schreiben geht vom Chaos aus und bahnt sich seinen Weg am Rand seines Verschwindens. Aber in diesem ständigen Kampf zwischen Leben und Worten, die sich bemühen, das Chaos zu bändigen, hat man den Eindruck, dass hier das Leben, das heißt der Tod die Partie gewinnt.
Dabei gibt es ein großes Bemühen um die Form. Die Struktur von Jardin sous la neige übernimmt die bereits bei dem Trauerbuch L’hirondelle rouge (2017), angewandte, das auch aus neun Abschnitten mit jeweils neun Prosagedichten besteht. Die Feststellung dieser Formsuche, wie es auf dem Cover unterstrichen wird, auf dem die schöne Schneelandschaft von Monet abbildet ist, hat mich etwas in die Irre geführt: Beim Beginn des Lesens hätte ich eher kleine melancholische Gemälde erwartet, wie eine Serie von Hiroshiges Schneelandschaften, bei denen Alter und Tod vom Schnee und dem Weiß als Motiven suggeriert werden; kurz etwas Schönes. Doch ich hätte wissen sollen, dass ein Dichter wie Maulpoix unfähig ist, Kitsch zu erzeugen.
Ich habe also die ersten Gedichte der Sammlung gelesen, so als hätte mir der Dichter Steine ins Gesicht geworfen. Kleine Pakete von herben Worten, in der Nähe der tödlichen Realität, die sie möglichst nahe auszudrücken versuchen, harte, schwarze Worte, gegen den Schnee. „Keine Musik, oder fast keine“ (Histoire de bleu, 1992); Für Maulpoix‘ Stil bedeutet das, dass seine ganze Poesie in diesem « fast » liegt, wie Antoine Émaz sagte.
Zeitweise scheint die Poesie die Oberhand zu gewinnen, die Phrase Gestalt anzunehmen. Man kann Alexandriner, Sechssilber und vor allem Achtsilber herauslösen:
„Schon erfasst der Winter das Herz“ L’hiver déjà gagne le cœur
„Den nackten Körper im Grunde des eigenen Ichs sehen. Der Körper bestünde aus der Nacht. » Voir le corps nu au fond de soi. Le corps qui serait fait de nuit.
„Die kommende Nacht ist ohne Liebe“ La nuit qui vient est sans amour
Und leise, zurückhaltend klingt die Stimme des Dichters, fast gedämpft wie Schritte im Schnee, wie in dieser subtil musikalischen Sequenz: „Schnee bald unter dem Schnee, durch die bleiche Farbe, innerlich ganz gefroren, armes totes Herz“ Neige bientôt sous la neige, à force de pâleur, tout gelé au-dedans, pauvre cœur mort (7/6/6/4 – das klingt fast wie Claudel…)
In diesem letzten Kampf, dieser Agonie, wird die Dichtung der ganzen Welt zur Verstärkung aufgerufen, aber leise, mit der Einfachheit der großen Kunst, hört man unter vielen anderen die Stimmen von Baudelaire, Rimbaud, Hölderlin, ja bis hin zu Orpheus, die Poesie selbst. Eine gelehrte Poesie, die beim Lesen keinerlei Wissen voraussetzt. Der Dichter ist auf der Höhe seiner Kunst.
Er scheint sich so sehr auf Augenhöhe mit seinen Modellen zu fühlen, dass er sie familiär mit ihrem Vornamen anspricht. Doch paradoxerweise verliert auch die Literatur durch ihre Erwähnung das Spiel, denn Maulpoix, der offensichtlich seinen baldigen Verfall in ihrem wiedererkennt, erwähnt nicht ihre unsterblichen Texte, sondern ihren Niedergang, der seinem vergleichbar ist. Die ruhmreichen Dichter werden auf ihre fleischliche Hülle reduziert. So sind Charles, Arthur und von allem Stéphane, der der ganze Abschnitt mit dem Titel „Spinnweben“ gewidmet ist, nur noch leidende Körper. Und der Dichter fragt sich: „Doch warum muss das Abenteuer des Schreibens im Verfall enden? Ist das der Preis, der dafür zu bezahlen ist? »
„Diesen Niedergang, mit dem ein Dichterleben endet, nennen wir ihn Paul, Stéphane oder Charles.“
Gibt es ein schöneres Bild als das von Stéphane Mallarmé selbst, um die Zartheit, Vergänglichkeit und Zerbrechlichkeit zu symbolisieren, die genau die Eigenschaften von Schnee sind? Denken wir nur an sein wunderbares Porträt von Manet, wo er da zu sein scheint und wieder nicht, im Augenblick schwebend und bereit, sich im Nichts aufzulösen, wie die Schwaden der Zigarette, die er gerade raucht, oder eine Schneeflocke.
Zartheit, Fragilität, Flüchtigkeit der Literatur und des Schreibens. Der Schnee ist natürlich eine Metapher für die weißen Seite des Buchs, das Mallarmé immer weiterschreibt und das im Weiß verschwindet. „Der Schnee ist die Stimme der Stille“. Die Stille, aus der die Worte entstehen oder in die sie zurückkehren.
Letzter Kampf, Todeskampf? Auf seiner Webseite schreibt Maulpoix: „Dieses Buch ist die Geschichte meiner Traurigkeit. In diesem Garten unter dem Schnee habe ich diesmal vielleicht so etwas wie das Ende meines Schreibens erreicht.“ Und ist es am Ende die Niederlage der Literatur? Es scheint fast so: „Die Worte sind verlorengegangen. Sie bedeuten nichts mehr. » Aber noch sind es Worte, die das sagen. Die Worte sind da, armselig, hartnäckig auf der weißen Seite, wie verstreute Zweige auf einem Schneefeld oder die wenigen Steine, die auf die Leere des Zengartens gelegt werden.
Und Maulpoix kommentiert sein Buch noch so: „Der Garten unter dem Schnee ist eine Welt in Schwarz-Weiß, vergleichbar mit der des Schreibens, nur, dass sie umgekehrt ist: Schwarz unten, Weiß oben … »
„Mit der gesprochenen Sprache ist jetzt Schluss.“ Aber es spricht weiter.
Jean-Michel Lou, Wien, Winter 2024
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