Milan Mladenovic
Milorad Živoinov empfiehlt Milan Mladenović:
"Die Reise fängt am 17. März 2012 an der Ecke Schnorrstraße/Brockhausstraße an. Elvira Veselinović, Rüdiger Rossig, Danko Rabrenović, Ivana Dimić, Mladen Vesković, Srđan Srdić, Uglješa Šajtinac, Mileta Prodanović, Mascha Dabić, Cornelia Marks, Mala Vikaite... Viktor Kalinke war Gastgeber. Alle kamen, um ein Buch zu feiern, zu singen und vorzulesen. Der längst verstorbene Dušan Ercegovac, Manager von Ekatarina Velika schrieb mir am 29. Mai 2012: 'Ich möchte mich bei Dir für das Exemplar von Milans Gedichtband bedanken und Dir sagen, daß ich einen sehr guten Eindruck davon habe. Mein Eindruck ist, daß Du durch Deine Auswahl der Fotos, das Format und das Konzept ein völlig neues Buch geschaffen hast, das der von Flavio herausgegebenen Ausgabe nicht ähnelt, obwohl es aus dieser hervorgegangen ist, sie ist inhaltlich reichhaltiger: Ich habe den Eindruck, daß sie dank der Übersetzungen und der Einbeziehung von Fotografien stärker ist und eine gewisse Energie besitzt. Ich wage zu behaupten, daß diese Ausgabe Milan eher entspricht.' So war es auch in dieser Nacht im Leipziger Literaturverlag und wir haben es gespürt: Milan Mladenovićs Lyrik in Elviras Übersetzung eröffnete eine Tür, die wie jede andere Pforte in eine neue Welt führt. In dieser Welt, in die wir damals eintraten, glücklich zusammen in Lipska und leicht benebelt von 'Tante Milanka rakija' aus Kupinovo, trafen wir - leicht wider Erwarten - uns selbst. 14 Jahre später erzählte ich über diese Erfahrung dem Rheinischen Fotografen und Augenarzt Michael Hase, der bei der Austellung über 'Milan und Magi' im Künstlerforum in Bonn Mladenovićs Lyrik lauschte. Lesen Sie die Verse."
Milan Mladenović war eine der wichtigsten Figuren der jugoslawischen Rock- und New-Wave-Szene der 1980er Jahre. Für viele Menschen im ehemaligen Jugoslawien verkörperte er eine urbane, kosmopolitische und kulturell offene Identität, die sich bewusst über ethnische Grenzen hinweg definierte. Als Sänger, Gitarrist und Songwriter von „Ekatarina Velika“ (EKV) wurde er zu einer Stimme einer Generation, die kurz vor dem Zerfall Jugoslawiens erwachsen wurde.
Mladenović wurde 1958 in Zagreb geboren. Sein Vater Spasa war Serbe aus Kruševac und Offizier der Jugoslawischen Volksarmee, seine Mutter Danica war Kroatin aus der dalmatinischen Küstenregion. Aufgrund der militärischen Laufbahn seines Vaters zog die Familie häufig um: zunächst nach Sarajevo, später nach Belgrad. Gerade diese Herkunft prägte ihn stark. Er wuchs in einer Familie auf, in der unterschiedliche nationale Identitäten selbstverständlich zusammengehörten. Viele Weggefährten beschrieben ihn später nicht als serbischen oder kroatischen Musiker, sondern als zutiefst „jugoslawischen“ Künstler. Seine Biografie spiegelte genau jene kulturelle Durchmischung wider, die in den 1990er Jahren politisch zerstört wurde. Schon als Schüler in Belgrad interessierte sich Mladenović für Literatur, Kunst und Rockmusik. Zu seinen Vorbildern gehörten westliche Künstler wie Elvis Costello, Paul Weller und die Band XTC. Gemeinsam mit Freunden gründete er zunächst die Band "Limunovo Drvo". Daraus entwickelte sich später die legendäre New-Wave-Gruppe Šarlo Akrobata. Šarlo Akrobata veröffentlichte zwar nur ein Studioalbum, gilt aber bis heute als eine der einflussreichsten Gruppen der jugoslawischen Rockgeschichte. Viele Musikkritiker vergleichen ihre Bedeutung für Jugoslawien mit jener von Punk- und New-Wave-Bands in Großbritannien. In den 1980er Jahren wurde Mladenović zum zentralen Gesicht der sogenannten „Novi Talas“ (Neue Welle). Diese Bewegung verband Post-Punk, New Wave, Kunstrock und intellektuelle Texte. Mit EKV schuf er Musik, die gleichzeitig poetisch, philosophisch und politisch war. Während viele Rockbands jener Zeit vor allem Unterhaltung boten, behandelten seine Texte Themen wie Freiheit und Individualität, Entfremdung in modernen Städten, Liebe und Verlust, existenzielle Unsicherheit und gesellschaftliche Krisen. Dadurch wurde er zu einem der wichtigsten Rock-Poeten des ehemaligen Jugoslawiens. Besonders erfolgreich waren die EKV-Alben „S' vetrom uz lice“ (1986), „Ljubav“ (1987), „Samo par godina za nas“ (1989). Zu den bekanntesten Liedern gehören: Par godina za nas, Krug, Iznad grada und Ti si sav moj bol.
Als Jugoslawien Anfang der 1990er Jahre zerfiel, gehörte Mladenović zu den wenigen prominenten Musikern, die sich offen gegen Krieg, Nationalismus und Zwangsmobilisierung stellten. 1992 gründete er zusammen mit Mitgliedern von EKV, Električni Orgazam und Partibrejkers die Anti-Kriegs-Supergruppe „Rimtutituki“. Die Musiker fuhren auf einem Lastwagen durch Belgrad und spielten Protestkonzerte gegen den Krieg. Ihre Botschaft lautete: „Mir, bratj, mir“ („Frieden, Bruder, Frieden“). Die Band unterstützte die serbische Antikriegsbewegung und protestierte gegen Mobilisierung und ethnischen Hass. In einer Zeit, in der viele Künstler schwiegen oder nationalistische Positionen einnahmen, blieb Mladenović konsequent pazifistisch.


1994 erkrankte Mladenović an Bauchspeicheldrüsenkrebs und starb am 5. November desselben Jahres im Alter von nur 36 Jahren. Sein Tod erschütterte die gesamte Ex-jugoslawische Kulturszene. In den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens wurde sein Tod als Verlust einer kulturellen Symbolfigur empfunden. Viele Künstler sahen in ihm eine moralische Autorität, die sich dem Nationalismus widersetzt hatte. Heute gilt Mladenović als Symbol eines anderen, offenen Jugoslawiens. Straßen in Belgrad, Zagreb und Podgorica tragen seinen Namen, in Belgrad wurde ein Platz nach ihm benannt. Die Milan Mladenović Stiftung vergibt jährlich einen renommierten Musikpreis. Junge Musiker in Serbien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Montenegro und Nordmazedonien berufen sich bis heute auf ihn. Seine Bedeutung reicht dabei über die Musik hinaus: Für viele Menschen ist er ein Symbol dafür geworden, dass kulturelle Identität im ehemaligen Jugoslawien nicht auf ethnische Zugehörigkeit reduziert werden muss. Sein populärster Song ist „Par godina za nas“ („Ein paar Jahre für uns“). Der Titel entstand 1989, kurz vor den Kriegen der 1990er Jahre. Viele Menschen hören ihn heute als beinahe prophetische Beschreibung einer Generation, die spürte, dass ihre Welt auseinanderbrechen würde. Die schlichte Titelzeile und zugleich der Refrain wurde zu generationsübergreifendem Motto im ehemaligen Jugoslawien. In ihr stecken Sehnsucht, Vergänglichkeit und die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft zugleich. „Par godina za nas“ wurde 2006 von den Hörern des Radiosenders B92 sogar zum bedeutendsten Song der ehemaligen jugoslawischen Pop- und Rockmusik gewählt. Zu seiner Bedeutung sagen viele Musikhistoriker heute: Wenn es eine einzelne Figur gibt, die die urbane, kulturell gemischte und anti-nationalistische Rockkultur des späten Jugoslawiens verkörpert, dann ist es Milan Mladenović.
Bei sisifo // Leipziger Literaturverlag ist die einzige zweisprachige Ausgabe seiner Texte erschienen, aus dem Südslawischen in ein frisches Deutsch übersetzt von Elvira Veselinović:
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