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Heinau, Katrin: Hochstaplerroman

ISBN:
978-3-86660-101-7
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Fred Schiller, ein Held am unteren Ende der sozialen Leiter, kündigt seine Hartz IV-Karriere und versucht das Leben auf der Straße. Es verschlägt ihn aufs märkische Land, er verliebt sich, bricht in ein Sommerhaus ein. Als er das Kind der Besitzer vor dem Ertrinken im Dorfteich rettet, müssen diese sich mit dem Eindringling arrangieren. Er wird mit seinem "Freund" verwechselt und nun ergreift Fred Schiller die Chance. In New York von reichen Sammlern unterstützt, kommt er bei dem bedeutendsten Galeristen der Welt unter Vertrag und erfindet aus Not und Spielerinstinkt ein gigantisches Werk ... Katrin Heinaus neuester Roman führt am Rand der Gesellschaft entlang hinauf in den Irrwitz des Kunstbusiness. Erneut gelingt es der Autorin, ihre Beobachtungen zu Politik, Arbeitswelt und Staat mit präzisem Ton in bitterböse Wahrheiten zu fassen.

Katrin Heinau: geb. 1965 in Berlin, Studium Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Germanistik an der Freien Universität Berlin, während des Studiums und danach langjährige Arbeit im Buchantiquariat, Schauspielausbildung, Dramaturgin und Schauspielerin in Freien Gruppen in Berlin, Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache, 2004 Geburt der Tochter Amanda, schreibt Erzählungen und Theaterstücke (bisher in Nordhausen, Magdeburg, Berlin, Köln und Hamburg aufgeführt), lebt in Berlin

"Böse und treffend beobachtet..." Robert Mießner, junge welt

 "Witzige Situationen und zugleich kluge Sprachreflexionen." Susann Hannemann, Kunststoff 

 
Leseprobe:
 
1.

Ja, der Krieg ist lange vorbei. Aber wie lange währt heute ein Menschenleben? Sie leben noch unter uns, die Menschenkinder des Krieges, sind unsere Väter und Mütter, oft werden sie eingeholt von Kugeln, Ohrfeigen, Übergriffen. Das alles ist seit Ewigkeiten vorbei und doch ist eine bestimmte Art des Todes nicht mehr totzukriegen: der gewaltsame.
Noch immer ist es die Arbeit, die uns angeblich frei macht. Seltener das eigentliche schmutzige Kriegshandwerk. Die Hände werden erhoben gegen den Nächsten, als sei er Jude, als sei er Franzose, nur weil er droht den Sitzplatz im Bus einzunehmen. Weil dieser Sitzplatz uns an einen Lohnplatz erinnert. Weil das Dasein des anderen die pure Herausforderung ist, und das vor allem, wenn er sich nicht fest an die Haltestange der Norm schmiegt, sich nicht so festkrallt wie man selbst, sondern nervenaufreibend in der Ecke steht und bei Kurven nicht umfällt.
Ja, der Krieg... Wenn man die Frauen mit in den Krieg geschickt hätte, nicht als schicke Krankenschwestern in die Lazarette oder als weinende Mütter und Geliebte an die Häfen oder die Gräber oder Ehrenmale, wo sie, wenn sie den Lebenden einmal den Rücken gekehrt hatten, sogleich die letzte Habe des Verstorbenen verstauten und Schminkspiegel und Lippenstift hervorzogen (ich kenne euch doch!) – nein, ich meine, wenn man sie hinein, mitten hinein in den Krieg geschickt hätte, mit einer kurzen Ausbildung an einer handlichen Waffe, was wäre in den Schützengräben passiert? Hätten Männer und Frauen, zu Menschen und Unmenschen zusammengeschmolzen, eine geschlechtslose Masse voll Schießwut, desinteressiert nebeneinander gelegen? Wie verwirrt wären sie gewesen durch so viel schwitzende Nähe bedrohter Körper? Hätten sich die Männer in die Kugeln geworfen, um die Frauen zu retten oder wäre es umgekehrt gewesen? Mit welchen Gefühlen hätten die Männer die zerfetzten Brüste ihrer Schießkameradinnen betrachtet? Wie hätten die Frauen sich der heraushängenden Gemächte der Männer bemächtigt, mitleidig oder gar nicht mehr? Hätte man sich geliebt dort im Schützengraben, hätte man sich vermehrt, hätte man sich geschützt, oder hätte man in einem neu aufgekommenen Matriotismus die Babys zum Ausstopfen der Gräbenlöcher verwendet, wenn sie denn überhaupt eine so ohrenbetäubende Reifezeit in herumgeworfenen Bäuchen und eine so knallige Geburt überlebt hätten? Wäre man vollends, komplette Menschheit, Soldat und Soldatin, untergehend vereint? Die andere, weibliche Seite der Menschheit, wenn die keine Traumfläche mehr hergegeben hätte für eingekesselte Krieger, wäre endlich alles zerfallen, ohne Rausch, alle Ordnung am Ende?

Er wedelt verzweifelt mit dem Einberufungsbescheid, der Mann, ich meine, mit dem Hinbestellschein der Job-Agentur. Sie agieren dort generalstabsmäßig, unter väterlich-mütterlich-forschen Gewehrsalven von strengen Ratschlägen, katapultieren dich in eine deutsche Maßnahme. Das ist so etwas wie ein ideales Hospital für Schisser hundert Kilometer hinter der Front. Man kann und soll später erschossen werden, der Vollzug ist nur ein wenig ausgesetzt. Man kann und soll bei fortgesetzter Krankheit, Widerborstigkeit, lästigen Fragen in den Hunger befördert werden, das heißt aus der Maßnahme gestoßen, Knete herabgestuft, und das bedeutet das Näherrücken des Endes. Wie bitte, im Ernst? Ja sicher! Die Lebensmittel werden immer weniger und immer weniger ernähren sie mich. Ich esse und habe Hunger. Weiß der Leberfresser, was in dem Zeug drin ist, das die Supermärkte einem um die Ohren werfen! Gemahlenes Heu? Brot kann man sicher auch aus Steinen backen? Unter Schweinefett kann ich verrecken, aber wie bezahle ich Gemüse, das nicht aus Pestizidfabriken stammt? Für entstehende Krankheiten erfolgt keine Haftung. Verhaftung ist nicht die schlechteste Alternative. Die Gefängnisse sind voll von Maßnahme-Abbrechern, die einmal menschenwürdig essen wollten. Auch kann man da in den Arbeitsstunden miteinander reden. Die Zelle ist warm und man ist für sich, nicht wie im Obdachlosenheim. Wohnungsverlust droht nicht. Ich muss nicht um Kaution betteln bei meinen angewiderten Freunden. Ich provoziere nicht mehr durch mein Unglück. Die Zeit wird kommen, in denen man die Gefängnisse ausweiten wird, und das wird nicht das schlechteste an dieser Zeit sein.
Diese sogenannten Maßnahmen sind nur im Schatten der Kreuzabnahme zu verstehen. Die Leiche heißt Arbeit und für diesen heiligen Toten werden täglich die Kerzen entzündet. Auferstehen wirst du, unschuldiges Lamm. Besser aber im Jenseits, wir haben keine Kontakte zur dortigen Regierung. Der therapeutische Effekt einer Maßnahme erreicht manchmal sogar mich. Es ist gar nicht so schlecht, sage ich zu mir. Mit Menschen reden! An solch einem Tag bin ich guten Willens.
Ich bin nicht von Geburt arm, ich hab mich falsch benommen. Meine Eltern sind sogar einigermaßen wohlhabend, durch Grundbesitz und Vermietung, vierzig Jahre Staatsdienst und andere Herzverhärtungen, vor denen ich floh. Als geschulte Pädagogen verzichteten sie frühzeitig auf jegliche Unterstützung wie Liebe, Zuspruch, Förderung. Geistig, seelisch und vor allem finanziell ließen sich mich aushungern und begleiteten die Stationen meines Bildungswegs mit prinzipieller Skepsis und Pessimismus. Schlechte Erfahrungen mit meiner Dankbarkeit machten sie seit frühester Kindheit durch meine gesundheitliche Konstitution. Ich blieb ihnen auf ewig schuldig, ein propperer Säugling zu sein. Erst hatte ich eine Milchallergie, dann aß ich schlecht. Ich erbrach mich, lief blau an, auch dann noch, als ich Kopf über dem Klo hängend verprügelt wurde, mein Vater verlor schließlich die Nerven. Allein, ich zeigte keinerlei Einsicht.
Die Papageien hatten bei uns ein eigenes Zimmer. Wenn man dieses Zimmer öffnete und nicht wusste, was einen erwartete, machte man es schnell wieder zu und dachte, man habe sich ganz einfach geirrt. Aber das war keine optische Täuschung. Da saßen drei stattliche Viecher auf einem halben Baum, glotzten gegen die Wände, krächzten und kackten unter sich, den ganzen langen Tag.
Wir drei Brüder drängten uns auf wenigen Quadratmetern. Einschränkung war meinen Eltern oberstes Gebot. Sie schienen damit eine Parzelle im Himmel zu verdienen, ich nehme an, bei diesem Alteingesessenen hinter den tiefhängenden Wolken, die für unsere Gegend typisch waren. Ein Gästezimmer stand leer, weil Gäste nicht kamen, und wenn dann waren sie aus Tschernobyl und schlotterten vor Dankbarkeit. So hatten es meine Eltern gern. Wir drei Gören dagegen waren einfach nur da, aßen, schliefen und zankten uns, ohne viel gelitten zu haben und also kaum existenzberechtigt.
Ihr Leben planten meine Erzeuger, die sich auch gegenseitig nur mühsam ertrugen, bis in den Tod. Bei günstiger Gelegenheit kauften sie zwei getrennte Betten auf Rollen, mit denen man ein Ehebett simulieren, dessen eine Hälfte man im Krankheits-, Pflege- oder Sterbefall aber abtrennen und in dem Gästezimmer neben den Papageien verschwinden lassen konnte.
Tierliebhaber sind oft besondere Misanthropen. Als auch im Wohnzimmer im Erdgeschoss eine Vogelwand eingerichtet wurde, mit circa vierzig Käfigen, aus denen die krächzenden Tiere zu Scharen ihre Exkremente auf die Familienmitglieder warfen, und meine Mutter täglich die Zeitung auf dem Boden ausbreitete, kaum dass mein Vater sie gelesen hatte, war mein Abschied beschlossen. Der Weg in den Garten war unpassierbar, die Sitzecke aufgelöst und der Fernseher abgeschafft. Wir aßen in der Küche bei geschlossener Tür, schliefen unterm Dach, wo es im Sommer heiß und im Winter kalt war, und trafen uns im Sommer manchmal zufällig im Garten, jeder aus einer anderen Richtung kommend. Das Wohnzimmer war unbewohnbar, nach und nach verschwanden die letzten Möbel daraus, der Teppich wurde eingerollt, der Betonfußboden ab und zu von meiner Mutter mit Seifenlauge geschrubbt, wobei sie beruhigend mit den Tieren zu reden versuchte. Mit siebzehn verließ ich das Haus, eindeutig zu früh für einen Grünschwengel wie mich.

Gestern war der Tag, an dem ich aus der deutschen Maßnahme flog. So habe ich heute Zeit, das ganze Elend vor mir auszubreiten und meine innere Landkarte zu inspizieren: Gibt es noch ein Fleckchen, in das ich auswandern könnte, oder ist die Okkupation schon vollständig geglückt?
Ich hatte einen Tag nicht zur Arbeit erscheinen können, mir war die Wohnung gekündigt worden, „Anschlussförderung nicht verlängert“, vor längerer Zeit schon, und diese Zeit war nun ohne ein Wunder zu Ende. Ich musste raus, aber wenn es nach denen gegangen wäre, hätte ich in einem Zelt schlafen können, wenn ich nur pünktlich und ordentlich angezogen in der Schule erschienen wäre. Zwei Wochen hatte ich im Hort der Schule gearbeitet, und mit den Kindern kam ich gut aus. Kinder sind die einzigen Menschen, die mir liegen, ihnen muss man nichts vormachen. Kinder heben ein Steinchen auf und schenken es dir.
Doch schon nach einer Woche hatte mich eine Lehrerin im Visier, eine von den Deutschen. Viele Briten arbeiteten hier, das machte die Stimmung trügerisch locker. Ich hatte mich zu Vertraulichkeiten hinreißen lassen, das war ein Fehler, sie wussten, ich stand unter Druck, hatte reichlich zu tun mit Umzug, Renovierung, ohne Hilfe von Freunden, die ich längst nicht mehr hatte, ohne Geld, ohne Führerschein, ohne Möglichkeit, auch nur die Kaution für einen Mietwagen zu verauslagen. Wie zieht jemand um ohne Auto, ohne helfende Hände, bezahlte oder unbezahlte, die einen Karton hinuntertragen und den Tisch mitanfassen? Da waren sie neugierig. Wie trägt man eine Waschmaschine alleine oder ein großes Bücherregal, das man nur deshalb geerbt hat, weil es jemand anderem einmal zu schwer und zu sperrig war? Wie kriegt man so etwas termingerecht hin, gescheucht und beäugt von der Hausverwaltung, die einen loswerden will? Man läuft, die Habe in den bloßen Händen, nachmittage-, abende- und nächtelang zwischen zwei Wohnungen hin und her. Es ist albern und ich habe noch von niemandem gehört, der so umgezogen ist, aber es ging. Und es ist besser, als den letzten Freund zu fragen, den man vor Monaten gesehen und bei dem man sich schon viel zu viel beklagt hat. Er hätte mir sowieso nur Vorwürfe gemacht, wie unorganisiert ich sei, begreiflich, als der einzige Packesel. Nein, ich machte das ganz alleine.
Und wie geht man gleichzeitig zur Arbeit und zur Wohnungsabnahme?
Ich beschloss, dass Wohnen vor Arbeiten ginge, existentiell gesehen und auf die lange Sicht. Ich erlaubte mir, einen Tag nicht zur Arbeit zu erscheinen. Darauf hatte die Lehrerin nur gewartet. Einen flotten, ganz jungen Kerl, aus dem noch etwas werden konnte, hatte sie sich für ihr Team vorgestellt. Ein Typ wie ich untergrub eindeutig ihre Arbeitsmoral. Mein Unglück am Fuße der Leiter hatte ich mir durch mangelnden Ehrgeiz selbst eingetragen, das sah sie sofort. Mangelnder Ehrgeiz ist für eine deutsche Lehrerin ganz unverzeihlich. Lieber ein bisschen die Mitschüler piesacken, wenn die kindliche Grausamkeit doch nur Unterforderung und höheres Talent verrät! Umso mehr kränkte es sie, dass die Kinder sich um meine Moral nicht scherten. Sie liefen mir jeden Tag freudig entgegen.
Außerdem hatte mir die Dame einmal forschend ins Gesicht geblickt. Ich spürte, wie ich errötete. Sie hatte meine Zahnruinen entdeckt. Die Fassade stand noch und strahlte ein freundliches Gelb ab, wenn ich nicht zu breit grinste, wozu ich aber selten Veranlassung hatte. Der Rest: Prinzip Brache. Meine Kollegin setzte ihre beleidigte Miene auf und ich glaubte zu wissen warum. Die Nachlässigkeit meiner Erscheinung drückte, so fand sie wohl, Verachtung für sie und ihre Geschlechtsgenossinnen aus, die ein intaktes Gebiss im zwischenmenschlichen Kontakt unbedingt bevorzugen. Geputzte Zähne, gewaschene Füße, gewechselte Wäsche, das ist Standard. Zugegeben, ich interessierte mich schon eine Weile nicht mehr für die Erwartungen der Frauen, ebenso wenig wie für meinen Körper, wenn er nur lebte. Ich hätte einer unkomplizierten flüchtigen Bekanntschaft schon mal meine Schneidezähne in den Hals gerammt, aber wenn nichts passierte, so hielt ich es aus. Ich musste mir die Zehnägel nicht mehr schneiden. Ich verfolgte ihr Wachstum monatelang, dann stoppte es, die Nägel kringelten sich ein und ich bekam Vogelkrallen. Ich krächzte ein wenig dazu.

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