Geburtstag
Schon bald wurde der Professor sechzig. Das war zwar erschreckend, aber durchaus lösbar, dachte er bei sich. Wie genau lösbar, wusste er nicht. Durch einen Skandal – etwas in die Richtung.
Es war schließlich ausgesprochen skandalös, wie diese Zahl einem wie ein Beil in den Nacken fiel. Es gab Männer diesen Alters, die waren Liebhaber von jungen Mädchen, die sie nach Hause schleppten – für Tanzunterricht wahrscheinlich. Er traf sie bei Veranstaltungen zusammen an und nahm den erschrockenen Blick überm Lächeln wahr, als würden sie sich zum Sprung bereit machen. Die Mädchen waren eine Brücke, zu der sich die gealterten Männer aufschwangen, um wieder Sex zu haben. Aber sie gerieten ins Schwanken und am Ende fielen sie.
Professor Cinfães wünschte ihnen nichts Gutes, was aber nicht an Neidgefühlen lag. Wenn er sie so betrachtete, konnte er den Gedanken an ihr baldiges Verschwinden nicht abschütteln. Die Mädchen ähnelten, mit ihren grellfarbigen Krallen, Harpyien in Miniaturausgabe. Angst hat ihre Gründe. Dem Professor waren sie jedoch unbekannt. Und vor seinen Altersgenossen flüchtete er wie vor der Pest. Es handelte sich bei ihm um einen sehr einsamen Mann.
Ein Langweiler war er schon immer gewesen, nicht weil er, wie alte Leute es tun, ständig von seiner Vergangenheit erzählte, sondern weil er detailversessen war, was bei Gesprächspartnern zu Ungeduld führte. Ganz unüblich nahmen sie desto mehr Abstand ein, je länger sie ihn kannten. Sie gaben allmählich auf, denn es kostete Mühe, ein Gespräch mit diesem Mann aufrechtzuerhalten, der den tieferen Sinn einzelner Wörter im Minutentakt auseinandersetzte, Wörter als das betrachtete, was sie in früheren Zeiten gewesen waren, der sich, in einer zunehmend verstummenden Welt, spekulativer als Sokrates gerierte.
Der Professor war studierter Altphilologe. Obwohl er es im Unterricht mit literarischen Texten zu tun hatte, in denen Metaphern in ihrer Unverschämtheit wirkten, hatte das Lateinische ihm eine Vorliebe für Strenge vermittelt, von der er fast schon besessen war.
Er nahm alles wörtlich. Das machte Beziehungen unbequem. „Ich weiß nicht, ob es dir an Vorstellungskraft fehlt oder an Sensibilität“, sagte seine Frau zu ihm. Sie dekorierte den Salat gelegentlich mit Blütenblättern. Ganz offensichtlich unterwarf sie sich der Mode und hegte einen gewissen Ehrgeiz. Sie verfolgte eine eigene Karriere im Finanzwesen. War sie auf dem Sprung zu einem Abendessen im Restaurant, besorgte die Tochter ihr Fettflecken, der Professor ließ sich über die exakte Bedeutung eines Satzes aus, der doch rein praktisch zu verstehen war. Er weigerte sich, den Schritt zu abstrakteren Wörtern zu vollziehen. Er mochte es lieber, wenn sie intensiv, grob und primitiv waren, fast wie Materie, eine irgendwie stattliche Erscheinung abgaben. „Ich kann sehr wohl in Bildern denken und meine Sinne sind geschärft“, antwortete er. Als er in einem Gespräch unter Freunden zu Protokoll gab, keinen Sex mehr zu haben, wurde alles nur noch schlimmer. Die Aufmerksamkeit lag plötzlich ganz woanders und der Professor hatte keine Zeit mehr, sich zu erklären. Niemand war skeptisch. Aber es bereitete den Anlass für dumme Sprüche, die dem Professor verhasst waren. Die Frauen lachten ordinär.
Nach der Trennung behielt sie den Familiennamen Cinfães bei, unter dem Vorwand, ihn abzulegen, bedeute großen Aufwand. Das war das einzige Mal, dass der Professor sie mit Bosheit strafte. „Du hast womöglich schon nur eines Wortes wegen geheiratet. Nur wegen der Bedeutung eines Wortes.“ Sie tat, als verstünde sie nicht, wurde aber rot. Sie litt tatsächlich unter ihrem Namen väterlicherseits – ihre große Schwachstelle.
In letzter Zeit schlug ihm seine Tochter immer wieder vor, die Konten doch für sie zu öffnen. Sagen wollte sie damit, dass er ihr Zugang zu allen Bankguthaben verschaffen solle. Dem Vater fiel immer dieselbe Antwort ein: „Konten befinden sich nicht in Truhen. Man kann sie nicht öffnen.“ Doch er fürchtete ihre Wutanfälle. In ihrem Gang hatte sie sich die Härte kindlicher Schritte bewahrt. Er hatte sie gestillt, durchaus im eigentlichen Sinn, denn die Milch ihrer Mutter war zu früh versiegt, und meinte, dass sie sich deswegen in einer ernstzunehmenden Mutter-Kind-Neurose verstrickt hatten. Seine Ex-Frau machte erfolgreich Karriere in Europa, während er sich den Herausforderungen stellte, ein heranwachsendes Lebewesen zu umsorgen. Als sie erwachsen war, hatte die Tochter eine Stieftochter, die zu Intrigen und Manipulation neigte, und musste Geld für sie ausgeben. Sie sah die Schuld bei ihrem Vater und er fühlte sich schuldig.
Mit seinem Ruf eines Exzentrikers, der, auch wenn er damit soziales Missfallen erregte, alles auf Wörter gab, übte er auf seine Studenten einen sonderbar starken Einfluss aus. In diesem Jahr waren es durchschnittlich zwanzigeinhalb Studenten. Nur halb gezählt wurde eine junge Frau, die durch Abwesenheit glänzte. Sie war brillant und es kümmerte sie wenig durchzufallen.
Manchmal fragten Kollegen ihn, ob er seine Seele an Mephisto verkauft habe, um in der Studentenschaft derart besondere Gefühle hervorzurufen. Man liebte oder hasste ihn. Keiner zeigte ihm gegenüber diese Gleichgültigkeit, die die Dozenten in die Verzweiflung trieb. „Was machst du bloß mit ihnen?“, fragten sie. „Ich stoße sie in den Abgrund“, antwortete er.
Er warf den Studenten Wörter an den Kopf, als würde er sie beleidigen wollen. Und den Einstieg machte er mit dem Naheliegenden, mit ganz gewöhnlichen Wörtern – „Demokratie“. „Was habt ihr zu diesem Wort zu sagen? Wie ihr wisst, kommt es aus dem Griechischen, ihr seid in der Lage, es in seine Bestandteile zu zerlegen! Es bedeutet also die Macht des Volkes, und das war’s? Nein. In Griechenland, da haben sie nachgedacht. Nachgedacht – darin besteht der Abgrund, die bodenlose Trennung, die Leere zwischen uns und der Antike. Nachgedacht über jedes Wort, was sie geschrieben, was sie diskutiert haben. Über Konzepte und darüber, was die Wörter bedeuten. Zum Beispiel Demokratie. Wenn demos das Volk ist und das Volk ist arm, dann ist die Demokratie die Herrschaft der Armen. Wenn die Mehrheit arm ist, gewinnen die Armen. Wenn die Reichen sich gut auszudrücken wissen und es ihnen gelingt, durch das Volk gewählt zu werden – wäre ihre Herrschaft dann nicht trotzdem eine Oligarchie, weil sie wenige sind? Gibt es eine Übereinstimmung zwischen den Mechanismen der Macht und den sie bezeichnenden Wörtern? Es wurde diskutiert. Man wollte diskutieren. Man hatte Vergnügen am Wortgebrauch und an der Entstehung von Gedanken. Man dachte viel nach. Ihr aber denkt überhaupt nicht. Ihr denkt nicht und ihr schreibt nicht und ihr redet nicht. Ihr knurrt ja nur. Seid tätowiert wie die Barbaren. Begebt euch zu den Anfängen, kehrt zu den Anfängen zurück. Kehren wir nicht zu den Anfängen zurück, ist alles verloren.“
Wutentbrannt stürmten sie aus dem Unterricht und brüllten sich in den Treppenaufgängen an. Gewohnt waren sie es vielmehr, etwas wie Furcht bei älteren Leuten auszulösen; dieser Mann faszinierte sie, aus undurchdringlichen Beweggründen. Der Professor, der sie ignorierte, ging dann einfach von dannen, und gewann in seiner ganzen Überheblichkeit noch an Schönheit.
Kriegerische Spannung lag in der Luft, die sich nur durch einen brutalen, erbarmungslosen Kampf würde auflösen lassen – den es so aber nie geben würde. Geschichten über ermordete Professoren stammten aus der Zeit Camilo Castelo Brancos. Nur eine einzige Waffe stand ihnen zur Verfügung – Wissen. Und die Schüler bewaffneten sich.
Professor Cinfães wollte seinen Geburtstag gebührend feiern. Nicht weil die Schwermut am Ende des Lebens über ihn gekommen wäre. Ihm war schlicht klar geworden, dass er endlich stören wollte. Und er entschied sich für das Wort „Demokratie“ – in den Auseinandersetzungen mit den Studenten war es das heikelste Wort, eines jener Geheimnisse, die man bewahrt, indem man sie vor aller Augen zur Schau stellt. Er würde sich selbst mit einem armen Menschen beschenken. Nicht mit irgendeinem, sondern mit einem anständigen Exemplar, einem armen Menschen, dem man wieder auf den rechten Pfad helfen konnte. Er nähme einen solchen Menschen mit nach Hause und würde dadurch das Wunder der Rehabilitation vollbringen.
Er würde den Menschen in seine Badewanne setzen, und vielleicht erschienen ja, wenn der Schmutz des Bettlerlebens einmal abgewaschen war, blonde Haare und unbestimmte aristokratische Züge, die von geheimer adliger Abstammung zeugten. Das Innenleben jedoch, die zwanghafte Neigung zum Verbrechen, jenseits von Gut und Böse, ließ sich nicht abwaschen. Deswegen leben enthusiastische Wohltätige und einige Adoptiveltern gefährlich.
Professor Cinfães lächelte bei dem Gedanken, dass sein Abenteuer nahezu dieselben Risiken beinhaltete wie die, die andere beim Heiraten eingehen. Das war jedoch schon so gewöhnlich, dass man kaum jemals darüber sprach. Einen armen Menschen nach Hause mitzunehmen, würde dagegen im Freundeskreis für Aufruhr sorgen. Und seine Tochter würde versuchen, ihn für verrückt erklären zu lassen. Er war begeistert.
Doch obwohl er ein Kind großgezogen hatte, was ihm einen gewissen Sinn fürs Praktische verschafft hatte, wusste er nicht, wie vorzugehen war. Wie und an welchem Ort treibt man bitte einen armen Menschen auf?