Gedichte
Mit Bildarbeiten von Anett Richter
Die Gedichtsammlung von Svenja Ohlsen entfaltet eine vielschichtige Reflexion über Natur, Wahrnehmung und menschliche Verletzlichkeit im Zeitalter ökologischer und gesellschaftlicher Umbrüche. Im Zentrum steht ein lyrisches Ich, das die Natur nicht als idyllischen Rückzugsraum begreift, sondern als fragile, bedrohte und zugleich widerständige Lebensform. Pflanzen, Tiere, Landschaften und Wetterphänomene erscheinen als Gesprächspartner – als Spiegel menschlicher Zustände ebenso wie als eigenständige Akteure. Die Gedichte streifen Themen wie Klimawandel, Artensterben und Konsumkritik, verbinden diese jedoch mit sehr persönlichen Momenten: Erinnerungen, Beziehungen, Körpererfahrungen. So entsteht ein Geflecht aus äußerer Natur und innerer Landschaft, in dem das Wort „natürlich“ zugleich Zustimmung, Ironie und Zweifel transportiert. „Wie kannst du vom Schreiben leben?“ Skepsis dieser Art hören Dichterinnen und Dichter oft. Doch sollte die Frage nicht eher heißen: „Wie kannst du ohne Poesie leben?“ Svenja Ohlsens Gedanken bilden einen poetischen Fluss, der durch die Landschaften des Alltags, der Natur und der inneren Welt strömt. Sie fängt den Funken des Augenblicks ein und beobachtet, wie er ein Feuerwerk entfacht. Die Gedichte schweben zwischen Reflexion und Hingabe. Sie tauchen ein in die verwirrenden, widersprüchlichen, aber auch leuchtenden Momente des Lebens und lassen sich von vermeintlichen Banalitäten wie Marzipanrobben oder einer Wetterdienst-App anstacheln, mit dem Echolot in die Tiefe zu fühlen. Ein roter Faden des Bandes ist die Frage nach dem Verhältnis von Mensch und Umwelt: Wie sprechen wir über Natur, ohne sie zu vereinnahmen? Wo beginnt Verantwortung, wo Selbsttäuschung? Immer wieder werden alltägliche Szenen – ein Spaziergang, ein Blick auf einen Garten, ein Gespräch – zu Ausgangspunkten für weiterführende Reflexionen über Zeitlichkeit, Vergänglichkeit und Fürsorge. Natur erscheint dabei weder romantisch verklärt noch apokalyptisch überhöht, sondern in ihrer Ambivalenz: schön und zerstört, tröstlich und beunruhigend zugleich.
Der Grundton der Sammlung ist ruhig, aufmerksam und von einer leisen Melancholie getragen. Statt moralischer Anklage dominiert eine fragende, tastende Haltung. Die Gedichte wirken wie präzise Beobachtungen, die aus der Konzentration auf kleine Details ihre Kraft beziehen. Zugleich liegt unter der Oberfläche eine sanfte Dringlichkeit – ein Bewusstsein für die Zerbrechlichkeit der Welt, das nie pathetisch wird. Sprachlich zeichnet sich Ohlsens Lyrik durch Reduktion und Klarheit aus. Die Verse sind häufig knapp, mit elliptischen Strukturen und offenen Enden, die Raum für Resonanz lassen. Naturbilder entstehen aus konkreten, sinnlichen Wahrnehmungen, werden jedoch durch subtile Verschiebungen in symbolische Bedeutung überführt. Wiederholungen und leichte Variationen einzelner Wörter erzeugen einen fließenden Rhythmus, der eher vom Atem als vom Metrum bestimmt ist. Auffällig ist auch der bewusste Umgang mit Mehrdeutigkeiten – insbesondere mit dem Titelwort „natürlich“, das zwischen Selbstverständlichkeit und Hinterfragung oszilliert. Leserinnen und Leser, die eine poetische, nicht agitatorische Auseinandersetzung mit der Natur suchen, werden die leise Intensität und die sprachliche Präzision schätzen. Gerade die Zurückhaltung im Ton und die Offenheit der Bilder könnten eine nachhaltige Wirkung entfalten: weniger als lauter Appell, sondern als Einladung zum genaueren Hinsehen und Weiterdenken.
Svenja Ohlsen: geboren 1992, schreibt, seit die ersten Buchstaben über das Papier tanzen lernten. Ihre Worte fanden Platz in der 5. und 6. Ausgabe der Literaturzeitschrift Schredder und im vergangenen Frühjahr in der Zeitschrift Veilchen. Als Übersetzerin (BA) und Dolmetscherin (MA) jongliert sie mit Sprachen. Doch die wahre Bühne ihrer Poesie ist die Natur. Wie Ronja Räubertochter streift sie durch die weiten Wälder Gotlands, wo sie mittlerweile auf einem Milchbauernhof lebt und Kühe melkt. Hier, zwischen über den Feldern kreisenden Adlern und flüsternden Bäumen, entstehen ihre Gedichte und Geschichten.
Anett Richter: geb. 1977 in Leipzig, Interesse an Kunst und Natur seit früher Kindheit, Leistungskurs Kunst im Abitur, Studium Naturschutz und Landschaftsplanung, Promotion, seit 2018 Wiederaufnahme der künstlerischen Tätigkeit, Instagram: anri.art.studio
"Im Blau fühle ich Vergangenes und Zukünftiges. Mit Blau transportiere ich Sehnsüchte und Erinnerungen. Durch Blau entstehen Stimmungen und Momente, welche mich ruhen und aufbrausen lassen."
Persönliches
[Marzipanrobben]
Mandelcreme mochte ich nie.
Marzipantorten konnten gegen Käsekuchen nicht gewinnen.
Zu süß, zu klebrig, zu mandelig.
Dann kam ich nach Lübeck.
Mutter-Kind-Kur an der Ostsee.
Ich machte mein Seepferdchen bei Herrn Bude
und sah zum ersten Mal Marzipanrobben.
Die schmecken von Kopf bis Flosse einfach unvergleichlich.
Seitdem denke ich oft daran zurück, wenn ich am Meer stehe.
Marzipan kommt bei mir nur in Robbenform in die Tüte.
Geschmacklose Vollendung!, rufen die einen.
Vollendeter Geschmack…, schmatze ich dann zurück.
Allgemeine Informationen
[Beim Stöbern]
Beim Stöbern in meiner Wetterdienst-App
finde ich lange vergessene Orts-Juwelen,
die mit ihrer schroffen Diamantbruchstelle
Kratzer in meinem Fernwehrohr hinterlassen.
Wie durch tausend Prismen schillern sie
unter den Kaffeeflecken des Notizbuchs hervor.
Beim Stöbern finde ich
in Zeitung eingepackte Keramik
in einer Kiste, deren Handschrift
mich ganz leicht an mich selbst erinnert.
Die Druckerschwärze duftet
nach dem Aufbruch von vor fünf Jahren.
Beim Stöbern stolpere ich
über verschwommene, winzige Eichhörnchen
und sich sonnende Flamingos
auf damals wichtigen,
heute verstaubten Fotos
einer von Kinderhand beknipsten Filmrolle.
Beim Stöbern lese ich
weitentfremdete Sätze
und versinke
in seichten Sorgen
neben aufgeklebten Kinokarten
aus zaghaften Tagebuchzeiten.
Beim Stöbern zieht meine Zunge
die Fäden des etwas zu matschig gekochten Gemüseauflaufs
aus der ziependen Backenzahntasche,
während ich mit einem Glas halbleckeren Rotweins nachspüle
und an einer Gedankenschnur
versunkene Erinnerungen empor angele.
Staunen
Seeblick
Ich sitze auf einer alten Ruine
und schaue über den sommergrünen See.
Links von mir schleckt eine Ratte genüsslich
fettige Grillreste von einem zurückgelassenen Pappteller.
Rechts strahlt freundlich gelb eine Wildblume am Ufer.
Flugzeuge und Autos singen wummernd im Kanon
zum Rhythmus der Vogelstimmen.
Wasserläufer tanzen Walzer
auf spindeldürren Beinen
zum Stadtkonzert
und malen Kreise
in den Abend.
Finanziell ist es natürlich schwierig: Svenja Ohlsens Gedichte vom Verlassen der ausgetretenen Wege
Wie schreibt man eigentlich über die Träume, die man sich im Leben erfüllt? Und zwar nicht mit Geld, obwohl einem die bunte Werbung für die Reichen und Unersättlichen immerzu einredet, man brauche jede Menge Knete, um sich seine Lebenswünsche zu erfüllen. Und mit Geld sei alles Glück der Welt zu kaufen. Das ist die Lebenslüge der Reichen. Obwohl es ihnen immer nur um Macht geht. Und die Entmachtung der Nicht-so-Reichen, die manchmal – wie die Dichterin Svenja Ohlsen – im Liegestuhl liegen und über das sperrige Wort Selbstermächtigung nachdenken... Der ganze erste Teil diese Gedichtbandes erzählt von dieser Suche nach dem selbstbestimmten Glück. Wo findet man es? Was kann man dafür tun, außer jede Menge Bücher zu lesen („Hobbys“), sich stressigen Prüfungen auszusetzen („Ausbildung“) oder sich auf Wiesen zu legen und einen Podcast übers Nacktsein anzuhören („Besondere Merkmale“)? ... Der ganze zweite Teil des Bandes erzählt deshalb vom „Ausbruch“. Sie findet ihren kleinen Van, mit dem sie sich auf ihre große Reise begibt. An den Ort, an dem sie findet, was sie sie die ganze Zeit gesucht hat. „Vielleicht einfach wieder Kühe melken? Das habe ich immer geliebt.“ („Lücke im Lebenslauf“) Wenig später schreibt sie dann: „Nun bin ich ein Milchmädchen.“ („Sonstiges“) Und dann hat sie ihren Mini-Van und fährt über die Insel Gotland, ihre Wahlheimat. Begegnet auch dort misstrauischen Leuten, die – wie die Narren daheim – die ganze Zeit ihren Missmut gegen Ausländer vor sich hertragen... Und weil auch das Meer in ihren Texten vorkommt, ist der Band mit mehreren Bildern der Leipziger Künstlerin Anett Richter gespickt, die in der Aussage zu ihrem eigenen Malen selbst tief stapelt: „Mit Blau transportiere ich Sehnsüchte und Erinnerungen.” Dabei malt sie nicht nur einfach Blau, auch wenn die Farbe dominiert in ihren wilden, stürmischen Seebildern. Den manchmal auch ruhigen Seestücken, in denen aber keine Schiffe zu sehen sind, sondern immer wieder die immer wieder andere Oberfläche der See. Das, was man sieht, wenn man sich – auch an stürmischen Tagen – ans Meer begibt und schaut und frei atmet. Und weiß, dass man die ausgetretenen Pfade verlassen kann, wenn man sich traut. Und dass man manchmal den eigenen Träumen folgen muss, weil man sonst nie wirklich gelebt hat. Ralf Julke, L-IZ
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