Finanziell ist es natürlich schwierig: Svenja Ohlsens Gedichte vom Verlassen der ausgetretenen Wege
Wie schreibt man eigentlich über die Träume, die man sich im Leben erfüllt? Und zwar nicht mit Geld, obwohl einem die bunte Werbung für die Reichen und Unersättlichen immerzu einredet, man brauche jede Menge Knete, um sich seine Lebenswünsche zu erfüllen. Und mit Geld sei alles Glück der Welt zu kaufen. Das ist die Lebenslüge der Reichen. Obwohl es ihnen immer nur um Macht geht. Und die Entmachtung der Nicht-so-Reichen, die manchmal – wie die Dichterin Svenja Ohlsen – im Liegestuhl liegen und über das sperrige Wort Selbstermächtigung nachdenken... Der ganze erste Teil diese Gedichtbandes erzählt von dieser Suche nach dem selbstbestimmten Glück. Wo findet man es? Was kann man dafür tun, außer jede Menge Bücher zu lesen („Hobbys“), sich stressigen Prüfungen auszusetzen („Ausbildung“) oder sich auf Wiesen zu legen und einen Podcast übers Nacktsein anzuhören („Besondere Merkmale“)? ... Der ganze zweite Teil des Bandes erzählt deshalb vom „Ausbruch“. Sie findet ihren kleinen Van, mit dem sie sich auf ihre große Reise begibt. An den Ort, an dem sie findet, was sie sie die ganze Zeit gesucht hat. „Vielleicht einfach wieder Kühe melken? Das habe ich immer geliebt.“ („Lücke im Lebenslauf“) Wenig später schreibt sie dann: „Nun bin ich ein Milchmädchen.“ („Sonstiges“) Und dann hat sie ihren Mini-Van und fährt über die Insel Gotland, ihre Wahlheimat. Begegnet auch dort misstrauischen Leuten, die – wie die Narren daheim – die ganze Zeit ihren Missmut gegen Ausländer vor sich hertragen... Und weil auch das Meer in ihren Texten vorkommt, ist der Band mit mehreren Bildern der Leipziger Künstlerin Anett Richter gespickt, die in der Aussage zu ihrem eigenen Malen selbst tief stapelt: „Mit Blau transportiere ich Sehnsüchte und Erinnerungen.” Dabei malt sie nicht nur einfach Blau, auch wenn die Farbe dominiert in ihren wilden, stürmischen Seebildern. Den manchmal auch ruhigen Seestücken, in denen aber keine Schiffe zu sehen sind, sondern immer wieder die immer wieder andere Oberfläche der See. Das, was man sieht, wenn man sich – auch an stürmischen Tagen – ans Meer begibt und schaut und frei atmet. Und weiß, dass man die ausgetretenen Pfade verlassen kann, wenn man sich traut. Und dass man manchmal den eigenen Träumen folgen muss, weil man sonst nie wirklich gelebt hat. Ralf Julke, L-IZ