Roman
ca. 300 Seiten
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Unerwartet stirbt der Finanzleiter eines bayerischen Bistums. Während die Staatsanwaltschaft von einer natürlichen Todesursache ausgeht, wird die Glaubenskongregation in Rom hellhörig und setzt Monsignore Ries auf den Fall an. Handelt es sich in Wahrheit um ein Verbrechen, in das ein Kirchenvertreter verwickelt ist? Der Verdacht fällt rasch auf Bischof Ehrmann – ein Mann mit allzu weltlichen Geheimnissen. Die Untersuchung spitzt sich zu, als der Papst im Sterben liegt. Sein baldiger Nachfolger hat ausgerechnet diesen Bischof als neuen Präfekten der Glaubenskongregation auserkoren, so daß Monsignore Ries gegen seinen künftigen Vorgesetzten ermittelt.
Der Roman „Die üblichen Mauern“ von Gerhard Weinreich verbindet Kriminalroman, Kirchen-Satire und Machtanalyse zu einer vielschichtigen Handlung. Im Zentrum steht der Monsignore Ries, Ermittler der Glaubenskongregation im Vatikan, der im Auftrag des Kardinals Bruno kirchliche Skandale diskret untersuchen soll. Nach einer eskalierenden Mission in Ecuador gerät er selbst unter Druck, während in Deutschland der machtbewusste Bischof Ehrmann in ein Netz aus Korruption, Erpressung und schließlich Mord verstrickt ist. Gemeinsam mit seiner Geliebten, der Architektin Viktoria Haag, begeht er ein vermeintlich perfektes Verbrechen, um einen Mitwisser auszuschalten. Doch kircheninterne Rivalitäten, politische Intrigen und staatsanwaltliche Nachfragen lassen die Lage zunehmend brüchig erscheinen. Der Plot entfaltet sich als Wechsel zwischen Vertuschung, Loyalität und Machtkalkül, in dem moralische Prinzipien systematisch gegen institutionelle Interessen ausgespielt werden. Die „üblichen Mauern“ sind dabei sowohl reale als auch metaphorische Grenzen: zwischen Wahrheit und Lüge, Glauben und Macht, Gewissen und Karriere.
Sprachlich zeichnet sich der Roman durch eine pointierte, dialogreiche Erzählweise aus. Ironie und feiner Sarkasmus durchziehen die Gespräche, besonders im Schlagabtausch zwischen Kardinal Bruno und Monsignore Ries. Kirchliche Würdeformeln kontrastieren mit profanen, teils saloppen Bemerkungen, wodurch eine satirische Brechung entsteht. Zugleich arbeitet Weinreich mit wiederkehrenden Metaphern – Mauern, Räume, Türen –, die symbolisch für Abschottung und institutionelle Selbstverteidigung stehen. Innere Monologe und Perspektivwechsel vertiefen die psychologischen Dimensionen der Figuren, während detailreiche Milieuschilderungen etwa des Vatikan und des bayerischen Bistums Authentizität erzeugen. Der Ton jongliert zwischen Krimispannung und bissiger Gesellschaftskritik. Dieser Roman hat das Potenzial, Diskussionen über Verantwortung, Glaubwürdigkeit und institutionelle Selbstabschottung auszulösen – und gerade durch seine ironische Schärfe nachhaltig im Gedächtnis zu bleiben.
Gerhard Weinreich: geboren 1963. Physiker. Mag Schubert und leidet mit dem BVB. Arbeitet in einem Wald. In einer Lungenklinik. Schreibt manchmal Romane.
Von Gerhard Weinreich ist im LLV außerdem erschienen: "Schwichtenbergs letztes Spiel"
1. Kapitel
In Bruno stieg das brennende Verlangen auf, zum Parkplatz zu gehen und Ries’ Reifen aufzustechen. Das würde möglicherweise das Verhältnis zwischen den beiden nicht unbedingt verbessern, aber Bruno war sich verdammt sicher, daß er sich danach besser fühlen würde. Immer wieder passierten Ries diese haarsträubenden Geschichten. Immer wieder! Er war einfach nur ein Volltrottel. Das stand für Bruno fest. Leider konnte er seinen Wunsch nur schwer in die Tat umsetzen. Ja, er war in diesem Augenblick ziemlich wütend und fand es in einem gewissen Sinne durchaus in Ordnung, jetzt für sich das Faustrecht zu beanspruchen. Allerdings war er seit vielen Jahren auch Kardinal und darüber hinaus noch der Präfekt der Glaubenskongregation der katholischen Kirche. Er mußte sich also wohl oder übel zurückhalten – zumal auch in den Briefen des Paulus an die Korinther nur relativ wenig darauf hinwies, daß es eine gute Idee sein könnte, die Autoreifen seines besten Mitarbeiters aufzuschlitzen, weil ihm schlicht danach war. Bruno überlegte angestrengt, welche Art der Disziplinierung der kirchenrechtliche Strafenkatalog für Blödheit vorsah. Gab es da nicht eine Verordnung, die es ihm erlaubte, Ries in die Sahara in ein siedendheißes Kloster zu verbannen und dazu zu verdonnern, in der Gesellschaft von Sandflöhen an einem Wadi Wassermelonen anzubauen?
Der Kardinal stapfte in das Büro des Monsignore und setzte sich grimmig auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch. Er blickte ungeduldig auf seine Armbanduhr. Der Monsignore müßte gleich kommen. Also holte der Kardinal die Zeugnisse der Anklage aus der Aktentasche hervor und legte sie fein säuberlich geordnet auf den Tisch: links die Mappen, rechts die Zeitungen. Das Tribunal konnte beginnen. Er schaute aus dem Fenster hinüber zum Petersdom. Die Erhabenheit der Basilika besänftigte seinen Zorn. Und schon verirrte sich der Anflug eines Lächelns in sein mürrisches Gesicht. Dieser Anblick entschädigte für vieles. Der Kardinal hatte nicht die geringste Ahnung, warum es hieß, daß man durch ein Schlüsselloch auf der Piazza dei Cavalieri di Malta die beste Aussicht auf den Petersdom hatte. Dort lag die traumhafte Magistralvilla des Malteserordens, wo man sich vermutlich werweißwas darauf einbildete, daß sie sich auch noch auf dem Aventin befand, einem der sieben Hügel Roms. Das war alles nicht mehr schön, mißbilligte Bruno den allgemeinen Tenor zum besten Blick auf das heiligste Gebäude der katholischen Kirche, sondern nur noch erbärmlich kitschig.
Eigentlich konnte er mit dem zufrieden sein, was er im Leben erreicht hatte. Ein Sohn kalabrischer Bauern geht nach Rom, wird Kardinal und wacht über die katholische Welt. Ja, er könnte wirklich hochzufrieden sein. Aber statt dessen war er in diesem Moment sauer, einfach nur sauer. In ihm wuchs die Unruhe: allmählich sollte der Monsignore eintreffen. Auf dem Tisch stand eine Flasche Bourbon. Auch typisch für Ries. Mehr Privatdetektiv als Kirchenermittler. Bruno seufzte. Es war nicht immer einfach als Präfekt der Glaubenskongregation. Und so griff er nach der Flasche, goß sich ein Glas ein und prostete dem Petersdom zu. Der Bourbon brannte in der Kehle, der Kardinal hustete. Die Tür öffnete sich, und Monsignore Ries trat ein.
„Daß du immer noch dieses flüssige Plutonium trinkst!“ maulte Bruno und verzog das Gesicht.
Ries setzte sich bedächtig, nahm die Flasche, füllte ein Glas und trank einen Schluck. „Ich weiß gar nicht, was du hast, Bruno“, erwiderte er und zuckte mit den Schultern.
„Der Bourbon ist nach einem alten Familienrezept französischer Atomphysiker gebrannt und stammt aus einem kleinen Kernkraftwerk an der Loire.“
„Mein Sekretär hat mir berichtet, daß du wieder zurückgekehrt bist“, sprach der Kardinal lächelnd und mußte sich zusammenreißen. Am liebsten hätte er Ries angebrüllt und ihn dabei links und rechts geohrfeigt. „Ich habe mir gedacht, ich schaue einfach mal kurz vorbei, um dich zu begrüßen.“ Der Monsignore wunderte sich, daß ihn der Kardinal in seinem Büro aufsuchte. Es mußte wohl mit der Reise zu tun haben, von der er gerade zurückgekehrt war. „Ich nehme an, du möchtest wissen, wie es in Ecuador war.“
Ja, genau das wollte Bruno wissen – und zwar so schnell wie möglich. Irgend etwas war dort aus dem Ruder gelaufen. Eben eine dieser Geschichten, in die der Monsignore ständig schlitterte. Der Kardinal verspürte immer noch den Drang in sich, Ries in die Wüste zu verfrachten, wo er sich die Behausung mit Schlangen und Skorpionen teilen mußte. Bruno trank einen Schluck und hustete. Dieser verfluchte Bourbon! Konnte Ries nicht Rotwein trinken wie alle anderen Geistlichen auch? Der Kardinal hatte den Monsignore nach Ecuador geschickt, um ihn untersuchen zu lassen, ob der Erzbischof von Quito durch korrupte Geschäfte reich geworden war. Dabei erlegte Bruno seinem Ermittler Ries auf, maßvoll aufzutreten und für kein Aufsehen zu sorgen. In den letzten Jahren hatten zahlreiche Skandale das Ansehen der Kirche ruiniert. Viel zu viele widerliche Priester hatten ihren abscheulichen Neigungen freien Lauf gelassen. Dem Präfekten war nur zu bewußt, daß die vollständige Implosion der katholischen Kirche drohte, wenn sich herausstellte, daß der Mißbrauch noch viel größer wäre als bisher bekannt. Das bedeutete auch, daß jegliche schlechte Presse zu vermeiden war. Das Ansehen durfte nicht noch mehr leiden. Unter keinen Umständen! Auf gar keinen Fall! Niemals!
„Hast du deinen Auftrag erfüllt?“ fragte Bruno innerlich brodelnd, aber nach außen die Ruhe eines sommerlichen Weizenfeldes ausstrahlend.
„Ich denke, du kannst mit mir zufrieden sein“, behauptete Ries, um erst einmal Zeit zu gewinnen. Er konnte noch nicht genau einschätzen, worauf diese Fragerei hinauslief. „Kann ich das?“ säuselte Bruno.
„Nun ja, gewisse Kollateralschäden lassen sich natürlich nicht immer vermeiden“, kramte Ries vorsorglich eine Binsenweisheit aus dem Phrasenbaukasten hervor. Es schien ihm, als würde Bruno irgend etwas beunruhigen.
„Aber in diesem Fall dürften sie unbedeutend sein, denn wer interessiert sich schon dafür, was sich in einem Land wie Ecuador ereignet?“
Der Monsignore legte das unschuldigste Lächeln auf, das er in seinem Repertoire hatte. Bruno sprang erregt auf, riß eine Zeitung vom rechten Stapel neben sich und schlug mit der Hand auf das Titelblatt.
„Die New York Times zum Beispiel!“
„Zwei Kirchenfäuste und ein Hallelujah“, prangte da in fetten Druckbuchstaben. Ries kam die Schlagzeile so riesig vor, daß man sie aus dem Weltall hätte sehen können.
„Nun ja“, stammelte er.
„Die Times hat darüber berichtet, daß du sämtliche Behörden verprellt und eine Regierungskrise ausgelöst hast“, fuhr ihn Bruno an. Wütend schleuderte er die Zeitung auf den Schreibtisch und warf Ries einen bitterbösen Blick zu. Der Monsignore war zunächst einmal erleichtert. Sicher, das klingt nicht nach dem, was sich ein Präfekt der Glaubenskongregation wünscht, dachte er. Doch die Presse schreibt nun einmal so ein Zeug. Und wenn Bruno lediglich wußte, was in den Zeitungen stand, hätte er gute Aussichten, noch einmal mit einem blauen Auge davonzukommen.
„Zugegeben“, räumte Ries ein, „das ist nicht ganz schmeichelhaft, aber sieh es einmal von der guten Seite: Die Überschrift hätte auch schlimmer ausfallen können.“
[...]