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Kuprijanow, Wjatscheslaw: Im Geheimzentrum

ISBN:
978-3-86660-048-5
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Erzählungen. Aus dem Russischen von Peter Steger

Mit sprühendem Witz seziert Kuprijanow die Wunschfiguren und Schreckensbilder unserer Zeit.

"Ich wollte wissen, wer denn nun solche Bücher schreibe. Aber es war nur ein Autorenkollektiv angegeben, aus dem nicht hervorging, ob die Texte von Menschen oder Tieren stammten. Doch da führte man mich schon ins Arbeitszimmer der Meerkatze Ignatjewna, die mich mit majestätischer Geste zum Sessel wies, während sie selbst noch ein Telephonat zu Ende führte, das etwas Einblick in die Geheimnisse der Verlegerküche gab." (W. K.)

Wjatscheslaw Kuprijanow: geb. 1939 in Nowosibirsk, Studium der Mathematik und Sprachwissenschaft, Autor und Übersetzer, lebt in Moskau, Mitglied des Russischen und des Serbischen Schriftstellerverbandes 

"Kuprijanow pflegt das Genre der 'Anti-Utopie' wie kein anderer zeitgenössischer russischer Autor". Veronika Wengert, Moskauer Deutsche Zeitung

"Kuprijanow scheint mir einer der Dichter zu sein, deren Bewußtsein schon von der Geozentrik zur Kosmosweite übergegangen ist." Helmut Gollwitzer


Leseprobe:

Das Bein

Schukow geriet unter die Straßenbahn. Jetzt, konnte er gerade noch denken, wird man überall herumerzählen, Schukow sei unter die Straßenbahn geraten. Dann verlor er das Bewußtsein und hörte, schon unterbewußt, Stimmen, die aus einer un-sichtbaren Dimension an ihn herandrangen.
„Er ist unter die Straßenbahn geraten!” „Das Bein ist ab!” „Dabei ist er doch gerade noch gelaufen wie alle andern auch.” „Und jetzt liegt er da. Vielleicht sollte man ihn aufheben?” „Der liegt hier doch schon den zweiten Tag rum! Wie’s halt so ist.” „Das ist mir ein Spaßvogel! Jemand muß einen Rettungswagen rufen!” „Schon geschehen.” „Na, dann ist’s ja gut.”
Schukow kam erst wieder im Krankenzimmer zu sich. Ihm wurde sofort klar, daß er sich in einem Krankenzimmer be-fand, als er überall Krankenbetten mit den darin liegenden Patienten erblickte. Neben ihm saß bereits jemand in einem weißen Mantel, unter dem die Uniform irgendeiner Behörde zu sehen war.
„Na also, jetzt sind Sie ja wieder klar! Ich warte ja schon lange darauf, daß Sie wieder klar werden.” Der Mann warf einen vielsagenden Blick auf seine Uhr. „Sie müssen mir einige Fragen beantworten. Sagen Sie bitte, wie Sie hierher gekom-men sind. Wer hat Sie hierher gebracht?”
Schukow dachte nach, konnte sich aber an nichts erinnern. „Ich weiß nicht mehr”, sagte er und dachte wieder nach. „Versuchen Sie, sich zu erinnern. Es ist sehr wichtig.” Der Mann hielt einen Block in den Händen und wollte etwas no-tieren. Er war richtig sauer darüber, daß er noch nichts notiert hatte. „Nein, ich kann mich nicht erinnern”, antwortete Schukow gleichfalls sauer. „Was soll das heißen, Sie können sich nicht erinnern? Sie sind aber doch Schukow?” „Schon!” bestätigte Schukow. „Na also!” freute sich der Gesprächs-partner. „Und da sagen Sie, Sie könnten sich an nichts erin-nern. Es wird schon überall herumerzählt, Sie seien unter die Straßenbahn geraten.”
Schukow kam ins Grübeln. Doch da erschien der Arzt und brach das Verhör schlagartig ab. „Sergeant! Ich habe Ihnen doch nur fünf Minuten gegeben. Die fünf Minuten sind rum. Der Patient braucht Ruhe. Ich bitte Sie”, und der Arzt wies dem Unteroffizier die Tür. Der Unteroffizier – Schukow dachte, er sei vielleicht sogar ein Offizier – erhob sich widerwillig und ging zur Tür.
„Wir kommen noch auf unsere Fragen zurück”, blaffte er zum Abschied. „Tun Sie das nur”, nickte der Arzt, „aber erst, wenn der Patient in der Verfassung ist, Ihre Fragen zu beant-worten. Wie fühlen Sie sich?” wandte er sich nun bereits Schukow zu, als sich hinter dem Unteroffizier die Tür ge-schlossen hatte.
„Schwer zu sagen”, antwortete Schukow, der allmählich begriff, daß er nunmehr wirklich krank war – und das für lange Zeit. Der Arzt tastete nachdenklich Schukows Bauch ab und sagte: „Gut, gut.” Schukow versuchte sich zu rühren und spürte ein Nichts, eine Leere in einem bestimmten Teil seines Körpers, etwas, das er als Leichtigkeit zu verstehen beschloß. „Eigentlich ganz gut”, stimmte er dem Doktor zu, „aber wo ist mein Bein?” „Ihr Bein? Was für ein Bein?” Der Arzt tat ganz verwundert und blickte an dem Patienten vorbei, als ob sich dort irgend jemandes Beine tummelten. Schukow richtete sich auf und blickte ebenfalls in die Richtung, doch war sein Bein dort nicht zu entdecken.
„Mir scheint, das linke. Mein linkes Bein. Es ist weg.” Er versuchte, das fehlende Bein zu bewegen und lenkte den Blick des Arztes auf die flache Stelle an seinem Unterkörper unter der Decke. Der Arzt tat noch mehr erstaunt und gab die er-staunliche Antwort: „Aber man hat Sie ja schon ohne Bein eingeliefert. Wußten Sie das denn nicht? Sie sind doch unter die Straßenbahn geraten! Man hat Sie ohne Bein eingeliefert, also werden wir Sie auch ohne Bein entlassen. Wo sollten wir denn ein Bein für Sie hernehmen? Wenn man Sie zusammen mit dem Bein gebracht hätte, könnten wir es Ihnen annähen. Oder wir hätten es einem anderen angenäht, der nicht weniger dringend als Sie ein neues Bein brauchte! Und derer haben wir bei uns genug. Wir führen eine richtige Warteliste.” In der Stimme des Arztes schwang ein Vorwurf mit. Schukow glaubte, als Folge des Unfalls habe auch sein Gehör Schaden genommen, oder er sei noch immer nicht ganz zu sich gekommen. Doch da fand er plötzlich die Kraft zu wütender Erregung in sich: „Wie ist das nun zu verstehen? Mein Bein weiß der Teufel wem annähen? Was soll das heißen? Oder hat man es gar schon jemandem angenäht?” „Was das heißen soll? Wissen Sie etwa nicht, wie das mit den Beinen in unserer Ge-sellschaft abläuft? Wer zahlt, kriegt auch ein Bein. Und Sie sind hier nun mal ohne Bein eingeliefert worden, und da wollen Sie uns schon ihre Bedingungen diktieren! Sollten Sie etwa nicht kapiert haben, zu welchem Zweck der Unteroffizier der Truppen des Innenministeriums hier war? Er untersucht Ihren Fall im Zusammenhang mit Ihrem Bein. Sie fragen, wo das Bein sei. Und er fragt, wo das Bein sei. Und wir stellen Ihnen genau die gleiche Frage. Tun Sie uns nun schon die Liebe und decken Sie Ihre Pläne auf. Das ist gar nicht zum Scherzen. Wir haben von Ihnen ohne Bein rein gar nichts. Wir entlassen Sie, nachdem Sie wieder bei Bewußtsein sind, um das Bett frei zu haben. Achten Sie also in Zukunft auf Ihre Beine! Lassen Sie sie nicht kreuz-weise herumliegen! Beine haben auf der Straße nichts verloren. Oder haben Sie schon mal Beine auf der Straße herumliegen sehen?” Der Arzt geriet ganz außer sich. Schukow begann, ihn in gewisser Weise zu verstehen. Seine Aufgabe ist es, Beine anzunähen. Und da hat man plötzlich ein Nichts. Und Beine liegen ja nun wirklich nicht auf der Straße herum. Einzelne Menschen, die man schon gewohnheitsmäßig nicht beachtet, die liegen wohl dort rum. Aber ihn, Schukow, hatte man durchaus beachtet, aufgelesen und dorthin gebracht, wo er hingehörte, nur das Bein, das hatten sie offenbar in der Eile vergessen.





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