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Moussavi, Granaz: Gesänge einer verbotenen Frau

ISBN:
978-3-86660-207-6
Bearbeitung:
ca. 1-2 Tage ca. 1-2 Tage
19,95 EUR
-> in Deutschland kostenfreier Versand

Gedichte, zweisprachig

Ausgewählt und aus dem Farsi
übertragen von Isabel Stümpel

Platz 1 der LITPROM-Bestenliste im Sommer 2016

Der zweisprachig in Deutsch und Farsi vorliegende Band bietet einen Querschnitt durch Granaz Moussavis Schaffen und damit durch die Träume, Enttäuschungen und Zufluchten der nachrevolutionären Generation Irans, namentlich der Frauen, deren Stimme vor dem islamischen Gesetz nur die Hälfte zählt und deren Kreativität und Mobilität allenthalben beschnitten werden („...Wände, Wände / zum Wahnsinnigwerden“). So erscheint die erdbebenbedrohte, versmogte Hauptstadt Teheran einerseits als Ort voller Stoppschilder, Stillstand und Steinigungsorte, andererseits aber mit ihren Plätzen, Parks und Intellektuellencafés als unersetzliche Heimat und Ort des Austauschs mit Gleichgesinnten. Sprachrhythmus- und Bilder steigern sich zu zorniger Anklage der offiziellen Geschichtsvergessenheit, die Irans vorislamische Vergangenheit ausblenden will, der Kriegstreiberei, der Folterkammern „im achten Untergeschoss“ und der künstlich aufgeheizten religiösen Massenveranstaltungen. Daneben stehen Hoffnungsvisionen: des gewaltlosen Boykotts oder der Verständigung von Mensch zu Mensch mit einem Revolutionswächter („...Könnte ich doch im Album deiner Kindheit blättern...“), Beziehungs-und Liebesgedichte. 

Granaz Moussavi: geb. in Teheran,  schreibt und veröffentlicht seit ihrer Jugendzeit. Durch ihren international preisgekrönten Spielfilm „My Tehran for Sale“ (Iran, 2009) auch als Regisseurin bekannt, ist sie vor allem Lyrikerin. Ihre Gedichtsammlungen „Barfuß bis zum Morgen“ (2000, als bestes Lyrikbuch des Jahres ausgezeichnet) und „Lieder einer verbotenen Frau“ (2003) wurden mehrfach aufgelegt. Ein Porträt Moussavis zeigt der Dokumentarfilm „In the Endless Streets of Tehran“ über die zeitgenössische iranische Lyrikszene (Piruz Kalantari, 2008). Nach Jahren des Pendelns zwischen Teheran und Melbourne lebt Granaz Moussavi derzeit in Australien, bis sich die Wogen um ihren 2011 nachträglich von den Zensurbehörden beanstandeten Spielfilm irgendwann geglättet haben werden. Ihr letzter Lyrikband „Rotes Gedächtnis“ (2011) hat in Iran keine offizielle Druckerlaubnis.  

Isabel Stümpel: geb. in Mainz, studierte in Freiburg, Frankfurt, Istanbul u. Teheran Islamwissenschaft u. Musikpädagogik; Dozentin am Orientalischen Seminar der Uni Frankfurt; Literaturübersetzerin (Farsi, Frz., Engl.), Musikpädagogin, Performerin

"Ein schöner wie überraschender Lyrikband bietet Verse von Granaz Moussavi. Die Iranerin lebt im australischen Exil, ist aber ihrer Heimat so eng verbunden, dass sie das Exil nicht einmal thematisiert. Die Auswahl umfasst Gedichte der letzten 20 Jahre aus drei verschiedenen Büchern, deren letztes in Iran nicht hat erscheinen können. Es enthält allzu provozierende Aussagen, sowohl in moralischer als auch in politischer Hinsicht..." Kurt Scharf, LiteraturNachrichten, 174


LESEPROBE:


Brief an einen unbekannten Mann

 

2

Als der Mittag an der Wand empor kroch

und die Uhr ein Bein übers andere schlug

                                                        beschloss ich

Der Tod kann warten

bis das Ungesagte gesagt ist

Wir haben solange auf morgen gewartet

bis die Nacht wich aus unserem Haar

Nun schneit es

und der Tod muss warten

 

1

Am Morgen

habe ich mein Gesicht aus dem Spiegel gelöst

Zurück blieb

Eine Spur Kajal und Feuer auf seinen verliebten Lippen

 

Auf dem Weg

durch die tatenlosen Gassen

fragte ich die Kinder ohne Spielzeug

                         wie viele September zwischen uns liegen

 

Ich weiß

Eines Tages kommen deine fruchtbringenden Hände

Und ich werde dem Blumenbeet dieses Platzes gleichen

Sonst nichts

nur die Wortfetzen des Windes

Bis ich im Büro bin
In der Schule

                                                          Im Laden

An einem Ort im Nirgendwo

An einem Haus ohne Nummernschild

Schreie ich tausend Verlorensein

Du weißt nicht, wie es hier ist

Die Gasse gehört den Jungen

Uns bleibt in ermüdenden Warteschlangen

nur das tote Ende

Dort, wo die Krähen vom Rande des Spätnachmittags

verdutzt die Schulmädchen beäugen

                                            die ihnen ähnlich sehen

 

Weißt du es schon?

Die Fische sind davongezogen ohne Reisepass, zurück blieb nur

das salzige Meer

Und der Himmel reicht nicht für all die Einsamkeit

 

4

Wenn die Nacht kommt

wird auch dieser Brief beendet sein

Ich werde mein Kinderfoto, das im Regal gealtert ist

                                                                            betrachten

Und mich erinnern

Niemand warnte uns

dass das Fenster

die Fußspuren der Passanten vergisst

und der Himmel nicht reicht für all die Einsamkeit

Jemand hätte uns sagen sollen, dass der Mond stirbt

hinter verriegelten Türen

Der Tod kommt

            und morgen ist die Fortsetzung des gestrigen Schlafs

 

3

Spätnachmittag, ich komme vom Kitten der Tage nach Haus

Dein Dasein ist eine Knospe

hinzugefügt zum Leben des Grashüpfers

Bevor der Tod auf das nichtige Leben der Nachtfalter fällt

Komm

damit ich neben soviel Pflanzen und Erde und Menschen und Mond

                                            nicht einsam bin

Auch wenn wir hier

mit einem erstickten Seufzen hinter der Scheibe

                                            warten und zugrunde

gehen

Komm

Gleich dem Himmel, der ein Leben lang über dem Dach steht

ist mein letztes Wort

                                               dass ich neben dir sitze

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