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Todorovic, Dana: Das tragische Schicksal des Moritz Tóth

ISBN:
978-3-86660-208-3
Bearbeitung:
ca. 1-2 Tage ca. 1-2 Tage
16,95 EUR
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Roman. Aus dem Serbischen von Elvira Veselinovic

Das tragische Schicksal des Moritz Tóth beginnt mit der Geschichte eines ehemaligen Punkrockers, der unerwartet einen Anruf vom Arbeitsamt erhält und an der  Budapester Oper als Souffleur engagiert wird. Auf der Bühne soll er, eingezwängt in eine Holz­kiste, den Text von Puccinis Turandot vorsagen, obwohl er kein Wort Italienisch versteht. Moritz’ Geschichte wird zum Thriller, als der geheimnisvolle Fremde Tobias Keller in Erscheinung tritt und ihn zu verfolgen beginnt. Er überwacht jede seiner Bewegungen.  

Moritz’ Welt entwickelt sich im atmosphärischen Stil Kafkas und Bulgakows; Tobias Keller diskutiert mit der „Disziplinarkommission“ über den Lebens­weg des Moritz Tóth, letztendlich aber über die uralten Fragen nach der conditio humana, nach dem freien Willen, moralischer Verantwortung, nach dem  Unterschied zwischen Glauben und Religion.

Dana Todorović: 
geb. 1977 in Belgrad, Schauspiel-Studium an der Middlesex University, London, Rollen in Life is a Miracle von Emir Kusturica, The Professional von Dusan Kovacevic und War Live von Darko Bajic. Ver­öffentlichungen: Tragicna sudbina Morica Tota, Roman (Stubovi Kul­tu­re, Belgrad, 2008), Kako je Vilko vzljubil zimo, Kinderbuch (Mladinska Knjiga, Ljubljana, 2012).



Der Roman rief bei der Kritik in Serbien großes Echo hervor. Er gehörte zu den Besten Empfehlungen der Zeitung "Politika" und des
NIN Magazins und befand sich auf der Shortlist des Branko Copic Wettbewebrs der Serbischen Akademie der Wissenschaften und Künste.


Leseprobe:

Die erste Oper, die ich je gesehen habe, war Puccinis Turandot. In der Tat war die Art, wie ich in dieses musikalisch-szenische Spektakel geraten war, vollkommen ungewöhnlich, und folgendermaßen ist alles geschehen:

Ich erinnere mich gut, dass es im Winter passierte – genau in jenem unglückseligen Winter nach jenem unglückseligen Herbst nach jenem unglückseligen Sommer, in dem Juliska diese Welt verlassen hatte. Eines Morgens in diesem unglückseligen Winter also erhielt ich einen unerwarteten Anruf von Marika Földes vom Arbeitsamt. Sie teilte mir mit, ein recht interessantes Jobangebot sei aufgetaucht, und ich solle mich in genau zwei Stunden und vierzig Minuten am Haupteingang des Budapester Opernhauses einfinden, wo ein gewisser Herr Kis auf mich warten würde. Sie wollte mir am Telefon keine Details in Bezug auf die Art des Angebots verraten, da sie, wie sie mir erklärte, in eine Sitzung musste und in Eile war; außerdem meinte sie, Herr Kis sei weitaus kompetenter, darüber zu reden.

Ich hatte schon lange auf irgendeine Nachricht vom Arbeitsamt gewartet und wagte gar nicht, daran zu denken, nicht auf das Angebot einzugehen. In dem Moment, da ich am Bahnhof an­ge­kommen war und den Bus nach Budapest am Bahnsteig 12 bemerkte, ließ der Fahrer bereits den Motor laufen, so dass ich rennen musste, da ich spät dran war und gerade noch einen freien Sitzplatz ergattern konnte. Ich erinnere mich, mich in die vorletzte Reihe neben einen grimmig dreinschauenden Halbstarken gesetzt zu haben, und ohne zu wissen, was mich bei der Ankunft erwartete, suchte ich Trost in der einzigen Sache, die mir in dem Moment gewiss schien – der eintönigen Fahrstrecke dieser Fernbuslinie, ein­ge­murmelt in den abgestandenen Geruch alten Metalls und die weiche Schwammigkeit des abgenutzten Sitzes. So war ich dann wohl beim Brummen des Motors auch eingenickt, und als ich aufwachte und aus dem Fenster schaute, bemerkte ich, wie sich die faulen Winterwolken langsam auf die Dorfdächer herabsenkten, während hinter ihnen das Schnee­gestöber die fernen Berge Budas zärtlich umarmte.

Herr Kis war wirklich kis (ungarisch für ‘klein’). Er trug einen braunen Trenchcoat mit aufgestelltem Kragen und einen schwarzen Hut, die Hände hatte er in den Taschen. Sein Hut verdeckte die Augen, da er mindestens zwei Größen zu groß war, so dass er den Kopf nach hinten werfen musste, um überhaupt irgendetwas zu sehen. Als ich ihn bemerkte, während ich auf der gegenüber­liegen­den Seite auf grünes Licht wartete, trippelte er nervös auf der Stelle und tat so, als ob er sich geheimnisvoll umschaute, versuchte aber wohl gleichzeitig, mich in der Masse der Passanten zu erkennen. Die Kombination seines konspirativen Verhaltens und seiner Erschei­nung eröffnete mir auf einmal eine ganze Palette von Mög­lichkeiten für das bevorstehende Arbeitsangebot – Schwarz­händler, Drogen­schmuggler, Kup-pler, Auftragskiller – denn die wahre Natur des Angebotes konnte sich völlig von den Angaben unterscheiden, über die das Arbeitsamt verfügte. Indem ich so zögerte, ließ ich ganze zwei Grünphasen verstreichen, während mich die anderen Fußgänger ent­schlossen überholten. Unterdessen bemerkte mich auch Kis, und gerade, als ich meine Wangen vor Schande brennen spürte und einsah, dass es keine andere Mög­lichkeit gab, als loszu­rennen, lud mich das kleine grüne Ampel­männchen erneut ein, die Straße zu über­queren.

Zu meiner Erleichterung war das Kennenlernen direkt und schmerzlos. Kis richtete durch sein schiefes Halblächeln nur eine Bemerkung an mich, an die ich schon sehr gewöhnt war und sie somit quasi schon erwartet hatte – darüber, dass er sich mich ganz anders vorgestellt habe. Dann schlug er vor, zum Café direkt neben der Oper zu gehen.

Die ersten zehn Minuten der Bekanntschaft sprachen wir kaum. Kis’ Mobiltelefon klingelte, sobald wir uns gesetzt hatten, weshalb er hinausging und mir von der Tür aus gestikulierend zu verstehen gab, drin sei der Empfang schlecht. Dies gab mir reichlich Zeit, mir ein paar solide Ausreden einfallen zu lassen, warum ich dieses Angebot, auch wenn es großzügig war, keineswegs annehmen konnte: „Wissen Sie, ich bin aus einem kleinen Ort, was sollen denn die Nachbarn sagen ... und das letzte Jahr war auch nicht einfach für mich, ich habe mich gerade erst mit Mühe und Not wieder gefangen ...”. Allerdings war die Erklärung, die er mir bot, als er an den Tisch zurückkehrte, überraschend einfach und gesellschaftlich akzeptabel. Er sagte, er habe als Organisator des Projekts Turandot, das bald im großen Saal der Oper aufgeführt werden sollte, die Aufgabe bekommen, jemanden zu finden, der von links zwischen Bühne und Orchestergraben dem Hauptdarsteller die Texte zuflüstern würde, genauer gesagt, einen Souffleur einzustellen. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Er sagte mir, es sei generell nicht üblich, Souffleure zu beschäftigen, aber der Tenor, der kurzfristig für den an Gelbsucht erkrankten Darsteller des Kalaf eingesprungen sei, leide an gewissen „kognitiven Einschränkungen”, wie er das politisch korrekt definierte. Schon am selben Abend hatte ich Gelegenheit, mich davon zu überzeugen, dass der Mann wirklich ein solcher Hohlkopf war, dass er sich jede zweite Replik nicht merken konnte; es ging sogar das Gerücht, das schon bei der General­probe zum ersten Akt zu meinen neugierigen, gespitzten Ohren durchdrang, der Regisseur Lajos Gorzowski, ein pompöser Exzen­triker, habe ihm gegenüber besondere Sympathien, da dieser ihn beim Vorsingen „mit seiner oralen Präsentation in den höchsten Grad der Glückseligkeit versetzt hatte” weswegen er ihn tatsächlich auch einstellte. (Man kann von den zweiten Geigen und einer redseligen Harfe in den Pausen zwischen zwei musikalischen Phrasen allerhand lernen.)

Auf meine Frage, wie es sein konnte, dass sie keinen professio­nellen Souffleur eingestellt haben, erklärte mir Kis, die Gewerkschaft der Souffleure Ungarns habe vor ein paar Monaten einen aktiven Aufstand gegen die Verwaltungsorgane zahlreicher städtischer Theater begonnen, weswegen diese die Arbeit ablehnten, wenn die Bedingungen ihren aberwitzig hohen Standards nicht entsprachen. Was Kis konkret meinte, als er die Arbeitsbedingungen erwähnte, wurde mir erst klar, als ich am selben Tag um 17:45 Uhr zur Probe erschien und mir der für mich vorgesehene Arbeitsraum gezeigt wurde.

Die Idee war, den Souffleur während der Vorstellung in einer kleinen, unförmig zusammengezimmerten Holzkiste sitzen zu lassen, die der Regisseur, indem er das ausgezeichnete Team der Bühnenbildner völlig ignorierte, am Vortag eigenhändig erbaut hatte. Gor-zowski war, nebenbei gesagt, ein sehr rühriger Mensch, der sich wie viele, die sich selbst Künstler nannten, gerne in fremde Arbeit einmischte, in der Überzeugung, so die Kontrolle über das Projekt zu behalten. Wie man mir erklärte, war der Grund für diese unkonventionelle Position des Souffleurs die ebenso unkon­ventionelle wie ultra-hochkomplizierte Beleuchtungsmethode, die für die Vorstellung benutzt wurde und sich später als verantwortlich für das große Publikumsinteresse herausstellen sollte. Wegen der Art, wie sich das Licht auf der Szene brechen sollte, würde nämlich ein Souffleur hinterm Vorhang oder in einer klassischen Souffleursbox einen Schatten auf die Bühne werfen. Daher war die einzige Lösung, den Souffleur irgendwie in die Szenografie einzubinden, und da sich die Handlung der Oper Turandot am exotischen Hof von Peking abspielt, hatten die Bühnenbildner die Idee, die Kiste mit elfenbeinfarbener Selbstklebefolie auszukleiden, eine imposante orientalische Statue daraufzustellen und sie somit in eine Art Postament zu verwandeln.

Die klaustrophobische Enge der Kiste wurde nur durch eine kleine Öffnung abgemildert, durch die ich dem Taugenichts Kalaf die Textzeilen zuflüstern sollte. Als ich sie zum ersten Mal erblickte, nachdem mir mitgeteilt worden war, dass ich, Moritz Tóth, jeden Dienstag und Donnerstag anderthalb Stunden für zweitausendeinhundertundvier-zig Forint Stundenlohn darin hocken sollte, verfluchte ich den Tag, an dem ich Marika Földes im Arbeitsamt in der Etyeki-Straße das Formular übergeben habe; der Gedanke daran, dass meine Lebensumstände es nicht zuließen, egal welches Angebot abzulehnen, steigerte meine Frustration nur noch.

Obendrein sah ich, als mir der Text übergeben wurde, dass er auf Italienisch war – was eine vollkommen logische Tatsache ist, die ich jedoch in dem ganzen Durcheinander völlig übersehen hatte. Dass ich kein Wort Italienisch konnte, schien meinen Arbeitgebern keinerlei Bedenken zu verursachen. Sie sagten mir, ich solle es so vorlesen, wie es geschrieben steht, also genau so als wäre der Text auf Ungarisch. „Der Souffleur ist nur dazu da, die Erinnerung des Darstellers anzuregen, die Präzision der Aussprache ist von untergeordneter Bedeutung” – sagte wortwörtlich der Regieassistent. Ich erinnere mich, dass es mir schien, als sei ich in eine verzerrte Version der Realität geraten, in der die Grenzen zwischen dem Möglichen und Unmöglichen entweder nicht existierten oder meine Vorstellungs­kraft überstiegen. Ebenso erinnere ich mich, in jener Nacht unter dem gedämpften Küchenlicht Kalafs Textzeilen wiederholt zu haben, bis mir die Augen aus dem Kopf fielen, wohl wissend, dass mich nur noch zwei Tage von der Generalprobe trennten.

Die paar Stunden vor dem Beginn der Generalprobe verbrachte ich in großer Nervosität. Mir war gesagt worden, ich solle um 18:45 Uhr da sein, ich tauchte aber schon um 17:50 Uhr vor dem Verwaltungsbüro auf, wo aber niemand außer einem Sicherheitsmitarbeiter war. Dieser verlangte meinen Ausweis und heftete mir einen laminierten Passierschein ans Revers, wonach ich eine Zeit lang ziellos durch die Gänge der Oper irrte und das beeindruckend dekorierte Interieur bewunderte, die imposanten Marmorsäulen und lebhaften Fresken griechischer Götter des berühmten Malers Károly Lotz. Die Neugierde trieb mich tiefer in das Gebäude hinein, und ich spazierte durch die Seitengänge. Plötzlich blickte ich durch die leicht geöffnete Tür eines Zimmers, aus dem weibliches Geplapper drang und in dem neben einem riesigen Hängespiegel eine Kostümassistentin einem halbnackten Mädchen, die wohl Statistin war, den Brustumfang maß. Ich spazierte weiter durch die Flure, drang immer tiefer vor, bis ich schließlich vor einem Raum, der nostalgische Erinnerungen in mir weckte, stehen blieb – dem Orchestersaal.



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