Ihr Warenkorb
keine Produkte
[<<Erster] [<zurück] [weiter>] [Letzter>>] 249 Artikel in dieser Kategorie

Heinau, Katrin: Vier Männer

ISBN:
3-86660-002-X
Lieferbar:
sofort lieferbar sofort lieferbar
12,95 EUR
-> in Deutschland kostenfreier Versand

Erzählungen

Vier Porträts skizziert Heinau vor dem Hintergrund einer erkennbaren Zeit, gleichsam eine kleine Galerie ganz gewöhnlicher Männer. Die Erzählerin observiert ihre Figuren nicht aus besserwissender Perspektive, sondern gelangt über eine kritische Solidarität zu authentischen Bildern vom Leben.

"Mein Bestreben war es, die Figuren vor der Geschichte, eventuell auch vor ihrer eigenen Lebensgeschichte, zu retten." (Katrin Heinau)

Katrin Heinau: geb. 1965 in Berlin, Studium Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft und Germanistik an der Freien Universität Berlin, während des Studiums und danach langjährige Arbeit im Buchantiquariat, Schauspielausbildung, Dramaturgin und Schauspielerin in Freien Gruppen in Berlin, Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache, 2004 Geburt der Tochter Amanda, schreibt Erzählungen und Theaterstücke (bisher in Nordhausen, Magdeburg, Berlin, Köln und Hamburg aufgeführt), lebt in Berlin

"Böse und treffend beobachtet..." Robert Mießner, junge welt

 "Witzige Situationen und zugleich kluge Sprachreflexionen." Susann Hannemann, Kunststoff 

Leseprobe

Hundebrücke

Kalimera! Danke für Deinen Brief. Wir sind jetzt in der vierten Woche hier, haben schon vieles bewältigt, aber bei weitem noch nicht alles. Zur Zeit schlagen wir uns mit der Ilias herum, die wir als Vorbereitung für den zweiten Durchgang der Odyssee lesen.
Wir sind froh, daß bei Dir alles so gut läuft. Bei uns ist das leider nicht so!
Es geht nicht darum, hier ein Wochenendhäuschen zu kaufen. Wir versuchen, eine Teil- oder Voll-Existenz aufzubauen beziehungsweise sind jetzt dabei, die notwendigen Grundlagen zu erarbeiten. Die Zeit drängt, weil das Geld für eine mögliche Finanzierung davon abhängt, ob ich auf der nächsten Geschäftssitzung der Familie eine Immobilie präsentieren kann. Nutzen wir die Chance jetzt nicht, ziehen sich meine Eltern von dem Griechenland-Vorhaben insgesamt zurück: keine Finanzierung unseres weiteren Aufenthalts, kein Hauskauf, kein Ausbau ...
Sowie wir wieder ein Auto haben, fahren wir in den Westen Kretas. Wann und wie wir nach Korfu fahren, ist immer noch unsicher, da unsere Kontaktperson keine genauen Terminabsprachen macht. Hinzu kommt, daß Bruno und ich uns nicht sicher sind, ob wir noch das gleiche Projekt im Auge haben, auf das wir uns mit Dir bei unserem letzten Treffen in Berlin geeinigt hatten: es soll sich doch um keine Inszenierung, sondern um eine erweiterte szenische Lesung handeln. So wäre auch die kostspielige Nutzung von Proberäumen nicht unbedingt erforderlich.
Wenn das Theaterprojekt mit Dir neben unserem Griechenlandprojekt also überhaupt stattfinden kann, wäre unser Vorschlag, daß wir die Veranstaltung zunächst in kleinem Rahmen bei uns im Wohnzimmer durchführen. Den schwarzen Vorhang haben wir noch, hinter dem wir meine Fitnessecke und den Buddha verschwinden lassen können. Und Du weißt ja, wohin die nervliche Überreizung in einem erhitzten Projekt bei mir schon geführt hat: der Prozeß wegen Beleidigung der Opernsängerin füllt mittlerweile drei Aktenordner ...

Er stemmt sich gegen den Wind, als er das Haus verläßt, um zum Briefkasten zu gehen. Seit gestern ist es so windig, es ist der Wind von Afrika, der einem den Sand in die Poren drückt und unter der Haustür ins Zimmer kriecht. Aber so ein afrikanischer Sturm im Süden Kretas kann Tage dauern, und er ist froh, einen Anlaß zu haben, das “Wir” mitsamt dem Vertragsdeutsch, in das Bruno und er immer verfallen, wenn sie gemeinsam an Dritte schreiben, in der grell erleuchteten Wohnung zurückzulassen.

Eine Schaufel fliegt ihm knapp am Kopf vorbei, gleich darauf ein Eimer und eine Mülltüte, und er beeilt sich, die Treppe hinunterzukommen an den stockdunklen Strand. Er hat eine halbe Stunde zu laufen, bis er im Ort ist, und da er die Augen gegen den Sand fast schließen muß, setzt er seine Sonnenbrille auf. Er kennt jeden Stein auf dem Weg. Es riecht in der gesamten Bucht noch immer streng nach Oliven, die tagsüber von albanischen Gastarbeitern verladen werden.

Der Brief sollte professionell klingen, klingt aber eher so, als wollten sie sich absichern, als müßten sie sich verteidigen. Bruno hat darauf bestanden, das Zimmer “Wohnzimmer” zu nennen, Also Wohnzimmertheater wollen wir machen, ja? hat er selbst gereizt gerufen. Sie soll wissen, hat Bruno erwidert, worum es sich handelt, worauf sie sich einläßt, wir dürfen unseren Rahmen nicht überspannen – wobei er offen ließ, ob er auch den finanziellen Rahmen meinte –, und dann hat er sich wieder in die Ilias vertieft, um einen längeren Absatz sorgfältig Wort für Wort zu übersetzen.

Seit einigen Jahren verhindert Bruno, daß er sich professionell in der Theaterszene engagiert. Er wird immer wieder angefragt, denn eine bestimmte Kompliziertheit seines Typs macht ihn zum Komiker, das weiß er und freut sich jedes Mal. Bruno aber versteht es, jedes Projekt, für das er sich begeistert, schlechtzureden. Er erklärt es entweder für unprofessionell oder für zu professionell. Die unprofessionellen lohnten die Arbeit nicht, die zu professionellen bedeuteten eine erfolgsorientierte Art von Arbeit, die sie doch beide ablehnten. Unprofessionell sei es, ohne angemessene Gage zu arbeiten. Das Arbeiten für eine angemessene Gage bedeute aber die entsetzliche Fron der Abhängigkeit, das Aufkündigen der Selbstbestimmung und die übrigen hinlänglich bekannten Nachteile nichtautonomer Tätigkeiten. Daß er daran immer wieder erinnern muß! Bruno beschwört dann die Griechenlandpläne, die doch gemeinsame Lebenspläne seien, und zählt auf, was alles er wegen dieses Vorhabens gegenwärtig nicht begonnen habe. Am Erhalt ihrer Beziehung habe er gearbeitet und immer wieder die gemeinsamen Überzeugungen und Grundsätze den gesellschaftlichen Anforderungen gegenüber hochgehalten, wenn der Freund inkonsequent zu werden drohte. Wie nicht vernähte Fäden schlampiger Kostüme hingen die losen Enden der zahllosen Versuche, sich in die Gesellschaft zu integrieren, jener Inkonsequenzen, an ihm herab, denkt er und dankt Bruno im Stillen für den strengen Blick, unter den er ihn stellt.

Bruno ist allerdings konsequent nicht in dem Sinn, daß er immer das gleiche für sich und seine Zukunft vorhat. Eventuell will Bruno plötzlich Forstwirtschaft studieren. Das Abitur, das er zur Zeit nachholt, soll sich lohnen, sagt er dann – Bildung lohnt sich immer! ruft der Freund –, dann schwebt Griechenland plötzlich wieder hinter den Horizont und Bayern wird diskutiert. Dann fahren sie drei Wochen durch Brunos Heimat und er versucht sich vorzustellen, wie es sich lebt in einem Försterhäuschen, mit Geranien vor dem Fenster, wo er – ja was? – den ganzen Tag machen würde, während sein Freund als Förster in bayerischer Lederhose, mit Hut, Stock und Schäferhund die Wälder und Auen beschreitet. Dann muß er sich bezwingen, dieses Bild nicht so sexy zu finden, das er darin einwilligt, und führt wieder die eigenen Interessen an, die durchaus urbaner sind und die Bruno gelobt hat zu akzeptieren.

Dann kippt auch dies wieder, und Bruno ist es, der auf die Stadt nicht verzichten kann. Und er selbst ist es, den es hinauszieht in die Einöde, die er nie mehr verlassen wird.

Aber vielleicht ist die Frage nicht, wohin sie gehen werden, sondern wie es ihnen gelingen wird, dies zu zweit zu tun.

Er bleibt am Strand stehen, kehrt sich mit dem Rücken zur Windrichtung und schüttelt den Sand aus der Kapuze, die er sich eng um den Kopf geschnürt hat. Dabei fällt ihm die Sonnenbrille auf einen Stein, rutscht irgendwo zwischen die Kiesel und er geht auf die Knie, um tastend nach der Brille zu suchen.

Ihre Beziehung währt schon über 12 Jahre. Zwei Abmachungen stützen sie: die, keinen Sex miteinander zu haben, und die, daß Bruno nie dankbar sein muß. In einem feierlichen Moment haben sie beschlossen, daß Brunos finanzielle Abhängigkeit das geringere Übel sei verglichen mit einer Änderung ihrer Lebensweise, und sie haben, um sich für ein arbeitsfreies Leben in Selbstbestimmung zu wappnen, dieses Thema zum Tabu erklärt. Das meinen sie buchstäblich, und Bruno erläutert gegebenenfalls vor Bekannten oder Familienmitgliedern, daß die Tabus bei den Inselbewohnern in der Südsee auch besser funktionierten als das Moralsystem, das die christlichen Missionare ihnen brachten, zusammen mit anderen schrecklichen Krankheiten. Bruno kann in solchen Situationen sehr würdevoll erscheinen, geradezu unantastbar. Und doch, da machen beide sich nichts vor, sind sie in den Augen der anderen nur Parasiten am Leib der Elterngeneration, homosexuelle Exzentriker, Faulenzer, Schäferhundehalter, der Sodomie verdächtige Kinderhasser. Und natürlich gibt es Zeiten wie diese Wochen in Griechenland, in denen die Freiheit schwer zu tragen ist, in denen es nicht ausreicht, Ilias und Odyssee zu lesen, und in denen sie sich gegenseitig vorwerfen, ihrem Entschluß nicht gewachsen zu sein. Und dann diskutieren sie einen Acht-Stunden-Tag lang über “die Gesellschaft” und “das System”, bis sie sich, vielleicht aus Erschöpfung, wieder einfinden in ihrer Bereitschaft zur Verteidigung nach außen.

Dabei gibt es kein Zurück mehr. Bruno hat keinen Beruf gelernt, er hat die Schule geschmissen, sich von Alkohol ernährt und von Gelegenheitsjobs auf dem Bau. Er selbst hat mehrere Berufe gelernt, gegen den Willen seiner Familie, die erwartete, daß er sich in der Geschäftsleitung der Firma engagierte, aber das Privileg, diese Berufe nicht ausüben zu müssen, wirkte dem Tätigwerden entgegen, und so war er ein Erzieher gewesen, der nicht erziehen wollte, ein Psychologe, der die Psychologie ablehnte, ein Schauspieler, der den Theaterbetrieb haßte, ein Foto- und Filmkünstler, der seine Arbeiten in die Schublade legte, und neuerdings ist er ein Student der katholischen Theologie, der seine Kommilitonen mit der Frage erschreckt: Glaubt ihr das wirklich?

Als er das Theologiestudium begann, hatte er gerade nach zwei Semestern Philosophie abgebrochen. Bruno war katholisch geworden und in den Kirchenchor eingetreten; er machte einen glücklichen Eindruck, wenn er dienstags und donnerstags vom Chor nach Hause kam, und hatte tiefgehende Gespräche mit dem Priester. In der Universität dagegen büffelten graue Mäuse Prüfungsaufgaben, und er lernte, daß sich Menschensohn MS unterscheidet in den ewMS (erdenwirksamen Menschensohn) und in den koMS (kommenden Menschensohn). Ihm war nicht bewußt gewesen, wie formelhaft die Kirchensprache sein würde, das roch nach Tod und Friedhof, frischgewischten Fußböden und Mottenkugeln. Er lernte, daß es kein Widerspruch war, wenn Jesus in Vers 2, 3 sagt, die Welt ist ein Käsekuchen, und in Vers 4, 5 die Welt ist kein Käsekuchen. Darüber nachzudenken, sei die Aufgabe, und im übrigen liege der Widerspruch immer in ihm selbst! Verärgert kaufte er bei einem Antiquitätenhändler eine große Buddhastatue, baute zu Hause eine Art Altar und freundete sich mit dem Dalai Lama an, der bei jedem Wetter meditierend in der Fußgängerzone saß. Als das Griechenlandprojekt aufkam, meldete er erleichtert ein Urlaubssemester an. So blieb das Studium der letzten Dinge vorerst in der Schwebe.

Es gibt keine Widersprüche. Wenn er dies nur glauben könnte. Einen Moment lang hat er Sehnsucht nach Jesus. Jesus heißt eigentlich Thorsten, ist Callboy und Pornodarsteller, und man kann ihn gelegentlich im Privatfernsehen seine Locken schütteln und brennende Bibeln ins Publikum werfen sehen. Keine Spur von Theologie. Wie mutig, wie frei ist das, ist das nicht auch ein Umgang mit Widersprüchen? Ist das Kitsch oder Kunst? Er jedenfalls ist fasziniert und hat sich ein wenig verliebt. Wie eine Faust-Karikatur fühlt er sich daneben, mit verstaubten Büchern und gotischem Stübchen (“Habe nun – ach! ... leider auch Theologie...”). Sein superprivates Sex-Phone liegt in der Berliner Wohnung, er kann Jesus nicht einmal anrufen, was soll er auch sagen: ich muß mein Leben planen – Buchhaltung?

Endlich hat er die Sonnenbrille gefunden und setzt sie wieder auf. Es macht keinen Unterschied: vorher wie nachher ist es dunkel. Damit die Brille ihren Zweck erfüllt und den Sand abhält, muß er zum Meer hin blicken, das er nicht sieht. Er hört ein leises Winseln und fühlt den Hund neben sich, der schon seit mehreren Tagen, von den Verwünschungen der Griechen begleitet, in der Bucht herumläuft. Bruno und er haben ihn den lachenden Hund getauft, weil er, wahrscheinlich aus Durst, immer die Schnauze breit aufreißt. Wie widerstandsfähig und hartnäckig diese Hunde sind, die man in diesem Land verhungern läßt oder als Welpen schon auf die Straße treibt, damit sie überfahren werden. Und wie neurotisch ist Max, der jetzt bei Bruno oben im Zimmer sitzt und den Schwanz einzieht, weil die Fensterläden klappern.

Als er sich das letzte Mal mit Jesus traf, schlenderten sie über den Schloßplatz in Berlin...

Für weitere Informationen besuchen Sie bitte die Homepage zu diesem Autor.
Webshop by Gambio.de © 2012