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Noel, Bernard: Das Buch vom Vergessen

ISBN:
978-3-86660-201-4
Bearbeitung:
ca. 1-2 Tage ca. 1-2 Tage
12,95 EUR
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Aus dem Französischen von Margret Millischer

Manche bezeichnen Bernard Noël als „einen der großen lebenden französischen Schriftsteller, dem nur ein Buchstabe für den No(b)el­-Preis fehlt“. Seine Bedeutung als wichtiger und vielseitiger Autor ist unbestritten. Er verfasste das bedeutende Werk Dictionnaire de la
Commune, äußerte sich wiederholt zu aktuellen  politischen Fragen, kritisierte Sarkozy ebenso wie die Regierung Hollande. Im Buch vom Vergessen, das Bernard Noël 1979 zu schreiben begann und 2012 in Frankreich veröffent­lichte, geht es um die Frage, inwieweit das Vergessen und das Vergessene – und nicht die Erinnerungen – die Arbeit des Schriftstellers befruchten. Das Vergessen ist für Noël der Raum, der das Individuum übersteigt und es in einen größeren Kontext stellt – es ist das Binde­glied zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Noël untersucht, inwieweit Menschen erst durch das Schreiben ihr Gedächtnis entlasten und damit offen sind für die Erfahrung, vergessen zu können. Noëls Sprache ist von großer Poesie, die Sätze sind kurz und prägnant, zugleich aber voll dunkler Bilder, bisweilen in der Form von Maximen, dann wieder als Fragestellungen formuliert, auf die es keine eindeutigen Antworten gibt. Es ist ein Ausloten, ein Umkreisen, ein Sich­-Herantasten an grundlegende Fragen, die Dichter und Leser gleichermaßen interessieren.

Bernard Noël

geb. 1930 in Sainte-Geneviève-sur-Argence (Aveyron), Dichter, Romacier, Essayist und Kunsthistoriker, zählt zu den wichtigsten und vielseitigsten Schriftstellern in Frankrreich, erhielt 1992 den Grand Prix national de la poésie  und 2010 den Prix Robert Ganzo.

Margret Millischer

geb. 1957, Studium der Romanistik und Kunst­geschichte sowie Übersetzen und Dolmetschen an der Universität Wien und der ESIT in Paris.


LESEPROBE


Die Stille führt das Vergessen zusammen.

 

Im Blick der Sterbenden steigt deren Ver­­­­­­­gessen auf; in den Augen der Toten liegt unser Vergessen.

 

Das Gedächtnis verlegt die Vergangen­heit in die Gegenwart und die Gegenwart in die Vergangenheit. So findet es sein Gleichgewicht, und dieser Ausgleich ist vielleicht die erste Bewegung zum Sinn.

 

Der normale Gebrauch der Sprache: Zäh­len und erzählen. Das Schreiben be­ruht auf einer ursprünglichen Ent­wen­dung, die sich so sehr vergisst, dass es immer danach suchen wird, woher es kommt.

Handeln heißt vergessen, bis das Ver­gessen einen trägt wie das Meer.

 

Wenn Gedächtnis, Arbeit und Augenblick auf meiner Zunge oder in meiner Hand zusammentreffen, befruchten sie das Ver­gessen.
 

Was vergessen wurde und in Zukunft ver­gessen wird, ähnelt einander im Ver­gessen. Und jeder von uns trägt diese Ähnlichkeit im Augenhintergrund: Im schwar­zen Loch.

 

Was ist ein geistiges Bild? Das Zu­sam­mentreffen von Gedächtnis und Ein­bildung oder das Vergessen dieser Form der Kreuzung…

Das Vergessen ist das Heimatland.

 

Die Sprache erfasst vor dem Vergessen solch ein Schwindelgefühl, dass die Zunge fällt, doch dieses Fallen bringt sie in den Mund zurück, ganz feucht von vergänglichem Speichel.

 

Das Vergessen hebt das Insichsein auf: Es ist eine Aufforderung, aus sich herauszu­gehen.

 

Der geistige Raum gleicht dem Gedächt­nis­raum, doch schließt er das Vergessen nicht aus.
 

Die Macht wird von der Gegenwart gestützt. Sie weiß, dass außerhalb von ihr nichts besteht. Die Gegenwart zu besitzen, heißt auch, die Vergangenheit zu besitzen, und das genügt, um an ihre Zukunft zu glauben. Sie ist übrigens das, an deren Wesen die Zukunft nichts ändert. Die Macht beherrscht unsere Be­ziehung zur Zeit. Nur das Vergessen kann sie stören. Das Vergessen als Gegen­­macht.

 

Wie das Blatt sich vom Baum löst

und ihn vergisst,

braucht das Werden das Vergessen

 

… etwas Sanftes steigt auf, breitet sich aus, erfüllt unerbittlich alles, und dort ist das Herz nicht mehr herzlich…

Das Vergessen hält sich hinter dem Morgenland; es ist das Land, aus dem der Tag kommt, das uns der Tag jedoch raubt.

 

Ich betrachte die Landschaft; ich stelle sie mir vor… Und ich überlege, wie sie in mein Gedächtnis gelangt. Zunächst sage ich: Bäume, Himmel, Wiese, bevor ich bemerke, dass die Gegenwart außerhalb vom Gedächtnis liegt, weil sie dieses hervor­bringt… Die Gegenwart ist das Sichtbare... Habe ich schon jemals be­merkt, dass der Ursprung der Pers­pektive hinter mir liegt? Und dass ich der Fluchtpunkt der Vergangenheit bin… Das Sichtbare, das heißt das, was ich sehe, ist also nur dieser Punkt.






 

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