Aphorismen
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Franz Hodjak schreibt eine Lebensbilanz in kurzen Sätzen. Nach "Was wäre schon ein Unglück ohne Worte" legt der altersproduktive Wortmaniker seinen zweiten Aphorismenband vor: ein Springquell überraschender Wendungen, von denen viele das Potential haben, als Redewendungen in die deutsche Sprache einzugehen. Mit philosophischer Tiefe und im typischen nüchternen Hodjak-Sound gelangt der Autor fortlaufend zu verblüffenden Einsichten. Er mäandert und irrlichtert durch Zeit und Geographie, banalen Alltag und hohe Politik, lässt sich von Zufällen leiten und produziert intellektuelle Trommelwirbel, ohne abgehoben oder hermetisch zu sein. „Wäre es gegangen, wäre es anders gelaufen“ versammelt mehrere hundert pointierte Miniaturen, die das Leben in all seinen Widersprüchen durchmessen. In kurzen, oft paradox zugespitzten Sätzen reflektiert Hodjak über Zeit und Vergänglichkeit, Liebe und Trennung, Glück und Unglück, Sprache und Dichtung, Politik, Macht, Moral und die Brüchigkeit menschlicher Selbstgewissheit. Der Titel selbst – „Wäre es gegangen, wäre es anders gelaufen“ – formuliert bereits eine Grundhaltung: Skepsis gegenüber einfachen Erklärungen und ein Bewusstsein für die Kontingenz des Lebens.
Thematisch reicht das Spektrum vom privaten Erfahrungsraum („Die Liebe hat Hände …“) über existenzielle Fragen („Ein Leben lang gehen wir dem Tod entgegen“) bis hin zu deutlicher Zeitkritik. Immer wieder werden Diktatur, Nationalsozialismus („Wer im Dritten Reich verwurzelt war …“), Krieg, Machtmissbrauch, Bürokratismus und ideologische Verblendung angesprochen. Hodjak zieht Querverbindungen vom 20. Jahrhundert – Nationalsozialismus, Kommunismus, ideologische Systeme – bis in die Gegenwart: Konsumgesellschaft („Das elfte Gebot ist das Sonderangebot“), Medienmechanismen, politische Rhetorik, Falschnachrichten, Demokratieskepsis. Seine Aphorismen reagieren damit auf Erfahrungen totalitärer Systeme ebenso wie auf die Verwerfungen moderner Massengesellschaften.
Als roter Faden durchzieht die Texte das Spannungsverhältnis zwischen Individuum und System, zwischen Ich und Wir („Ich: die Abkürzung von Wir“), zwischen Freiheit und Anpassung. Immer wieder kreist Hodjak um die Frage, wie sehr der Einzelne sich selbst bestimmt oder von Machtstrukturen, Ideologien, Gewohnheiten und Sprache bestimmt wird. Ebenso verbindend ist die Auseinandersetzung mit Glück und Unglück, mit Zufall und Notwendigkeit – zwei Pole, die das menschliche Dasein gleichermaßen prägen.
Die Beziehungen zur Biographie des Autors sind spürbar. Hodjak, 1944 in Hermannstadt geboren und 1992 aus Rumänien nach Deutschland übergesiedelt, hat Diktatur, Zensur und Systemwechsel erlebt. Die scharfen Beobachtungen zu Macht, Anpassung, Überwachung, Sprachmissbrauch und ideologischer Verhärtung lassen sich vor diesem Hintergrund lesen. Die Skepsis gegenüber politischen Heilsversprechen und moralischer Selbstgerechtigkeit speist sich aus persönlicher Erfahrung mit totalitären Strukturen.
Sprachlich zeichnen sich die Aphorismen durch Präzision, Lakonie und ironische Zuspitzung aus. Hodjak arbeitet mit Paradoxien („Das Chaos … nennen wir Ordnung“), Umkehrungen, Wortspielen, überraschenden Perspektivwechseln und doppelbödiger Ironie. Viele Sätze leben von semantischen Verschiebungen oder vom Spiel mit Redewendungen, die ins Wörtliche zurückgeholt oder entlarvend verdreht werden. Wiederholungsfiguren und knappe Syntax erzeugen eine rhythmische Verdichtung; jeder Satz wirkt wie ein gedanklicher Sprengsatz. Dabei gelingt es dem Autor, Komik und Ernst, Skepsis und Humanität in Balance zu halten. Insgesamt entsteht ein Band, der provoziert. Die Aphorismen laden ein, sich zu ärgern, zu widersprechen, weiterzudenken – und gerade darin entfalten sie ihre literarische Qualität.
Franz Hodjak: geb. 1944 in Hermannstadt, Rumänien. Abitur, Militärdienst, Hilfsarbeiter. Studium der Germanistik und Rumänistik in Klausenburg, Rumänien.1970-1992 Lektor für deutschsprachige Bücher im Dacia Verlag, Klausenburg.1992 Übersiedlung nach Deutschland. Lebt als freier Schriftsteller in Usingen i.Ts., am 6. Juli 2025 ist Franz Hodjak zu Hause in Usingen an seinem Schreibtisch gestorben. "Wäre es gegangen, wäre es anders gelaufen" ist sein letztes Buch.
Zuletzt erschienen u.a.:
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Siebenbürgische Sprechübung, Gedichte, Suhrkamp, Frankfurt a.M 1990 Zahltag, Erzählungen, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1991
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Franz, Geschichtensammler, Monodrama, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1992 Landverlust, Gedichte, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1993
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Grenzsteine, Roman, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1995
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Ankunft Konjunktiv, Gedichte, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1997
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Der Sängerstreit, Roman, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2000
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Ein Koffer voll Sand, Roman, Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2003
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Die Faszination eines Tages, den es nicht gibt, Gedichte, Edition Die 1000, Verlag Ralf Liebe, Weilerswist 2008
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Der Gedanke, mich selbst zu entführen, bot sich an, Gedichte, Verlag SchumacherGebler, Dresden 2013
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Der, der wir sein möchten, ist schon vergeben, Aphorismen, Notate & ein Essay, litblickín-Verlag, Fernwald 2013
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Das Ende wird Nabucco heißen, Erzählungen, Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2014
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Der, an den wir uns erinnern, waren wir nie, Aphorismen, edition petit,Verlag SchumacherGebler, Dresden 2017
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Was nie wieder kommt, Gedichte, Stadtlichter Presse, Wenzendorf 2022
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Alles wurde privatisiert, selbst die Funklöcher und die Schatten in Platons Höhle, Gedichte, Verlag SchumacherGebler, Dresden 2022
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Hind und nicht zurück, Gedichte, Verlag Vorwerk 8, Berlin 2022
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Gedenkminute für verschollene Sprachen, Leipziger Literaturverlag, Leipzig, 2023
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Im Ballsaal des Universums, Herausgegeben von Enikö Dacz, danubebooks Verlag e.K., Ulm 2023
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Das Glas gibt dem Wein die gewünschte Form. Aphorismen, Königshausen & Neumann, Würzburg, 2023
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Gedichte, Das Zündholzblatt, mit Tuschpinselzeichnungen von Hermann Naumann. Edition Dreizeichen Meißen 2023
Preise und Stipendien u.a.:
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1990 Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb
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1991 Ehrengabe zum Andreas-Gryphius-Preis 1991
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Förderpreis des Kulturkreises im BDI 1995
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Stadtschreiber in Minden
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1996 Nikolaus-Lenau-Preis
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1997 Heinrich-Heine-Stipendium in Lüneburg
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1998 Hermann-Hesse-Stipendium
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1999 Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung
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2000 Künstlerstipendium in Schreyahn
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2002 Stadtschreiber in Dresden
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2005 Kester-Haeusler-Ehrengabe der Schillerstiftung
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2006 Förderstipendium des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst
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2007 Stipendium im Herrenhaus Edenkoben
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Kulturpreis 2013 der Siebenbürger Sachsen
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2015 Literaturpreis der 3. Internationalen Buchmesse in Klausenburg (Cluj-Napoca).
Wo eine bewachte Grenze verläuft, ist niemand zuhause.
Das Ankommen ist ein Prozess, der niemals endet.
Wenn man sich mehr mit dem beschäftigen würde, was geschehen ist, wüsste man auch besser Bescheid über das, was geschehen könnte.
Was da ist, kann man zwar wegdenken, aber wenn man aufhört, es wegzudenken, ist es wieder da.
Es lebe der Stein des Anstoßes, der etwas ins Rollen bringt, und es lebe der Stein der Weisen, der ihm die richtige Richtung gibt, und es lebe der, der es versteht, mitzurollen.
Um sich daran festzuhalten oder sich davon abzustoßen, braucht immer eins das andere.
Wenn nichts mehr geht, sterben geht immer.
Mit den vielem Tränen, die in einem Bahnhof fließen, könnte man ein mittelgroßes Wasserkraftwerk betreiben.
Man kann nur so lange träumen, so lange sich der Traum nicht erfüllt.
So lange ich in Farben träumen kann, ist genug Licht in mir -
Das Leben beginnt und damit, dass der Löffel zu schwer ist für die leichte Suppe.
Die Liebe hat immer Essig bei sich, und wenn man nicht achtgibt, schüttet sie ihn in den Wein.
Wir haben ihn allein gelassen. Und so versteckte auch Gott sich vor den Nazis. Seither traut er uns nicht mehr über den Weg. Deshalb harrt er noch immer aus in seinem Versteck,
Träume zeigen uns kurz, dass es auch anders geht, und dann überlassen sie uns wieder unseren Gewohnheiten, die wir Leben nennen.
Alles Große ist viel zu groß für uns. Deshalb müssen wir es zuerst ganz klein machen, damit wir damit etwas anfangen können.
Geht das Licht aus, beginnen die Träume in uns zu leuchten.
Die Zeit kommt als Solist, versammelt uns zu einem Chor und nimmt uns mit, wenn sie wieder verschwindet.
Die Bäume müssen es hinnehmen, dass wir sie zu Papier machen, und dann auch noch hinnehmen, dass wir uns mit ihnen als Papier den Hintern wischen.
Indem jeder auf der richtigen Seite gewesen sein will, schaffen wir die Vergangenheit ab.
Der Tod beginnt dort, wo die Zeit übergeht in die Ewigkeit.
Es käme eine andere Gerechtigkeit in die Welt, wenn jeder nur so viel ausgeben würde, wie viel er selber wert ist.
Immer mehr Leute glauben an die Überholspur und an nichts sonst.
Wir lesen keine Bücher mehr, wir tasten nur noch die Würde an im Internet.
Ein erhobener Zeigefinger nützt mir nichts, ich brauche einen Zeigefinger, der auf etwas zeigt,
Nie ist wirklich Frieden, immer ist es nur nach dem Krieg.
Wer nur auf großem Fuß leben möchte, kann sich nicht allzu viel Menschlichkeit leisten.
Manchmal frage ich mich, welches waren als Schüler Gottes Lieblingsfächer, Oder wurde er als alter Mann geboren, der nur wissen musste, dass er Gott ist?
Jeder Anfang will mehr Anfang sein als jeder andere Anfang, alles will mehr alles sein als alles andere, und jeder Rand will besser mit jedem Rand umgehen können als jeder andere Rand.
Das Kleine bedroht das Große von innen, und das Große bedroht das Kleine von außen.
Was nur im Kommen war, lag bloß auf der Zunge, und seit es nun da ist, liegt es auch auf der Hand.
Ich bin stolz auf meine Neider, wenn sie mich für großartiger halten, als ich bin.
Das meiste, von dem wir glauben, dass es zu Ende ist, geht hinter unserem Rücken weiter.
Dass es Gott gibt, behauptet der Pfarrer, beweist die Bibel klar, in der Gott nicht nur existiert, sondern auch handelt und spricht.
Illusionen nennt man die Hoffnung, dass man das Richtige hofft.
Die Distanz auf Null reduzieren, kann nur die Liebe, und die Distanz bis ins Unendliche vergrößern, kann auch nur die Liebe.
Die halbe Wahrheit ist irrenführender als eine halbe Lüge.
Verbindet sich etwas Altes mit etwas Neuem, werden beide neu.
„Es irrt der Mensch so lang er strebt.“ Den Satz sagt zwar Goethes Faust, als er den Pakt mit Mephisto eingeht. Aber der hätte auch auf Franz Hodjaks neuestem Aphorismen-Band stehen können. Denn wenn einer über 80 ist und sich seinen kritischen Kopf bewahrt hat, dann schaut er auch aufs eigene Irren und Fehlen mit aufmerksamerem Blick. Und auf das menschliche Treiben ringsum ohnehin. Denn nicht der Tod ist das, was uns wirklich Angst macht, sondern das Sterben... Denn die Welt, wie sie ist, braucht uns Menschen gar nicht. Sie wäre auch ohne uns da... Hier schreibt einer, der auch sein eigenes Irren und Verfehlen nicht ignoriert. Der um Holz-, Um- und Abwege weiß. Und die Sackgassen des Lebens, in denen man landet, wenn man immer nur stur geradeausläuft. Und dann stehen wir da und wüten. Manchmal mit verheerenden Folgen: „Die Wut ist immer einen Schritt kurz davor, einen Schritt zu weit zu gehen.“ ... Da weiß einer, wie leicht er selber fehlbar ist. Und legt es uns ans Herz, es auch sehen zu wollen. Und dabei nicht zu verzweifeln, sondern froh zu sein, wenn uns der Zufall mit der Nase draufstößt, dass wir nicht immer nur im alten Trott verharren müssen. Sondern auch was lernen dürfen im Leben. Mit Beulen und Blessuren. Bis zum nächsten Mal, wenn uns die Wirklichkeit mit Überraschung daran erinnert, dass wir endlich sind. In jeder Beziehung. Ralf Julke, L-IZ
"Die absurd existierende Realität wird nicht auf den planen Boden der Begriffe gebracht, sondern auf den abschüssigen Hang paradoxer Bilder und Sinn-Versprecher." Jürgen Engler, ndl 494
„Ein alltags- und erfahrungsgesättigtes Spät- und Alterswerk, von den großen metaphysischen Themen unserer Zeit umgetrieben, die aus den Erfahrungen im Kommunismus und in der Demokratie, in Rumänien und in Deutschland betrachtet werden: Was ist Freiheit, was Frieden? Wie arrangiert man sich mit der eigenen Endlichkeit und der Vergänglichkeit alles irdischen Seins? Wie verabschiedet man sich von anderen und von sich selber? Was ist Zeit, was Dauer, was Ewigkeit, was Unendlichkeit? Welche Schlüsse zieht man für sich aus verlorenen Illusionen und unrealisierten Träumen? Warum ist man weiterhin voller Sehnsucht, Hoffnung und Zuversicht? Warum bleibt die Zukunft trotz allem ein Faszinosum? Was ist Glück und wie findet man einen Ausweg aus Sackgassen, wie Trost? Hodjak ist ein skeptischer Dialektiker und seine Antworten sind nie resulut.“ Alexandru Bulucz, Siebenbürgische Zeitung
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