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Klemm, Torsten - Sachens Vollzug in freien Formen
Klemm, Torsten - Sachens Vollzug in freien Formen
NEU
Evaluation im Auftrag des Sächsischen Staatsministeriums der Justiz
unter Mitarbeit von Finn Ostertag & Tahereh Ghavanloo
Schriftenreihe des Instituts für sozialtherapeutische Nachsorge und Resozialisationsforschung (ISONA)
Diese Forschungsarbeit untersucht den „Vollzug in freien Formen“ (VifF) in Sachsen – eine alternative Form des Strafvollzugs, bei der Inhaftierte in sozialpädagogisch betreuten Wohnprojekten außerhalb klassischer Gefängnisse auf ihre Wiedereingliederung vorbereitet werden. Bundesweit erstmals wird diese Vollzugsform in Sachsen nicht nur für jugendliche, sondern auch für erwachsene Gefangene vorgehalten. Zentrale Themen der Studie sind die Resozialisierung, Rückfallprävention sowie die Analyse von Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität dieser Einrichtungen. Methodisch basiert die Studie auf einem Mixed-Methods-Design: Es wurden standardisierte schriftliche Befragungen (Vollerhebung unter Bewohnern, Mitarbeitenden und Leitungspersonen sowie ergänzend in Justizvollzugsanstalten) mit qualitativen Interviews kombiniert und sowohl deskriptiv-statistisch als auch inhaltsanalytisch ausgewertet.
Die Ergebnisse zeigen insgesamt positive Effekte des VifF, insbesondere hinsichtlich sozialer Integration, Behandlungsmotivation und alltagspraktischer Kompetenzen der Teilnehmenden sowie zur Reduktion der Wiederinhaftierungsquote in der Katamnese nach drei Jahren. Gleichzeitig werden Unterschiede zwischen den Einrichtungen, Selektionsprozesse beim Zugang sowie strukturelle Herausforderungen (z.B. Zielgruppeneinschränkungen) deutlich.
Im Sinne der Resozialisations- und Desistance-Forschung zeigt die Studie, dass lebensweltorientierte Vollzugsformen mit enger sozialer Einbindung wirksame Mechanismen des Ausstiegs aus der Kriminalität (z.B. soziale Bindungen, Arbeit, Selbstwirksamkeit) fördern können. Zugleich verdeutlichen die Ergebnisse, dass solche Effekte im Zusammenspiel mit den Auswahl- und Zuweisungsverfahren, institutionellen Rahmenbedingungen und der Nachsorge zu interpretieren sind.
unter Mitarbeit von Finn Ostertag & Tahereh Ghavanloo
Schriftenreihe des Instituts für sozialtherapeutische Nachsorge und Resozialisationsforschung (ISONA)
Diese Forschungsarbeit untersucht den „Vollzug in freien Formen“ (VifF) in Sachsen – eine alternative Form des Strafvollzugs, bei der Inhaftierte in sozialpädagogisch betreuten Wohnprojekten außerhalb klassischer Gefängnisse auf ihre Wiedereingliederung vorbereitet werden. Bundesweit erstmals wird diese Vollzugsform in Sachsen nicht nur für jugendliche, sondern auch für erwachsene Gefangene vorgehalten. Zentrale Themen der Studie sind die Resozialisierung, Rückfallprävention sowie die Analyse von Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität dieser Einrichtungen. Methodisch basiert die Studie auf einem Mixed-Methods-Design: Es wurden standardisierte schriftliche Befragungen (Vollerhebung unter Bewohnern, Mitarbeitenden und Leitungspersonen sowie ergänzend in Justizvollzugsanstalten) mit qualitativen Interviews kombiniert und sowohl deskriptiv-statistisch als auch inhaltsanalytisch ausgewertet.
Die Ergebnisse zeigen insgesamt positive Effekte des VifF, insbesondere hinsichtlich sozialer Integration, Behandlungsmotivation und alltagspraktischer Kompetenzen der Teilnehmenden sowie zur Reduktion der Wiederinhaftierungsquote in der Katamnese nach drei Jahren. Gleichzeitig werden Unterschiede zwischen den Einrichtungen, Selektionsprozesse beim Zugang sowie strukturelle Herausforderungen (z.B. Zielgruppeneinschränkungen) deutlich.
Im Sinne der Resozialisations- und Desistance-Forschung zeigt die Studie, dass lebensweltorientierte Vollzugsformen mit enger sozialer Einbindung wirksame Mechanismen des Ausstiegs aus der Kriminalität (z.B. soziale Bindungen, Arbeit, Selbstwirksamkeit) fördern können. Zugleich verdeutlichen die Ergebnisse, dass solche Effekte im Zusammenspiel mit den Auswahl- und Zuweisungsverfahren, institutionellen Rahmenbedingungen und der Nachsorge zu interpretieren sind.
Abkürzungen............ 4
Fragestellungen und Untersuchungsmethoden....... 7
Einleitung.. 7
Der sächsische Vollzug in freien Formen... 7
Evaluationsfragen...... 8
Überblick zu dieser Arbeit...... 9
Qualitätskriterien als Maßstab.. 10
Strukturqualität........ 11
Prozessqualität......... 12
Ergebnisqualität....... 15
Operationalisierung und Entwicklung der Fragebögen............... 17
Auswahl der Interviewpartner...... 18
Planung der mündlichen Interviews 19
Entwicklung des Interviewleitfadens.. 19
Atmosphärische Beobachtungen des Interviewers........... 19
Auswertungsmethodik 20
Angewandte Methoden der quantitativen Datenanalyse.......... 20
Angewandte Methoden der qualitativen Analyse.. 20
Quantitative Ergebnisse........... 22
Stichprobenbeschreibung............. 22
Vollzug in freien Formen.. 22
Kriminologische und legalprognostische Angaben zu den Bewohnern im VifF.. 24
Angaben zu den Mitarbeitern und Leitungspersonen im VifF....... 32
Befragung im geschlossenen Vollzug............ 33
Angaben zu den befragten Bediensteten im geschlossenen Vollzug............ 35
Kriminologische und legalprognostische Angaben zu den Gefangenen............ 36
Zugang zum Vollzug in freien Formen... 40
Erste Information über den Vollzug in freien Formen.. 41
Ablauf der Bewerbung und Transparenz des Entscheidungsprozesses............ 45
Motive, sich für den Vollzug in freien Formen zu bewerben............ 50
Strukturqualität........... 55
SQ 1: Qualifikation der Mitarbeiter............ 55
SQ 2: Qualifikation des Leitungspersonals.... 58
SQ 3: Juristischer Beistand 59
SQ 4: Räumliche Ausstattung............ 60
SQ 5: Mitwirkung am Vollzugsplan, Dokumentation und Qualitätssicherung... 61
SQ 6: Auslastung der Einrichtungen.......... 62
SQ 7: Behandlungskonzept 64
SQ 8: Räumliche Erreichbarkeit.......... 65
SQ 9: Krisenmanagement.. 67
SQ 10: Kooperationsnetzwerk............ 68
Prozessqualität............ 71
PQ 1: Erfassung und Aktualisierung der Stammdaten.......... 71
PQ 2: Transparenz der Behandlung und Aufklärungspflichten 73
PQ 3: Diagnostik und Behandlungsplanung 74
PQ 4: Risikoeinschätzungen und deren Aktualisierung......... 78
PQ 5: Individuelle Behandlungsangebote............ 79
PQ 6: Einbeziehung des persönlichen Umfeldes............ 82
PQ 7: Fallbezogene Zuständigkeitsklärung 85
PQ 8: Professionelle Vernetzung............ 85
PQ 9: Evidenzbasierung, theoretische Fundierung und Werteorientierung.... 89
PQ 10: Empfehlungen für die Weiterbehandlung oder Nachsorge............ 90
PQ 11: Mehr-Augen-Prinzip und Fehlerkultur............ 92
Ergebnisqualität.......... 94
EQ 1: Rückfallvermeidung 94
EQ 2: Risikominimierung.... 97
EQ 3: Compliance in Bezug auf die Behandlungsangebote............ 99
EQ 4: Mittelbare Erfolgskriterien....... 101
EQ 5: Ausrichtung an Grundbedürfnissen und Lebenszufriedenheit (GLM).. 103
EQ 6: Veränderungen im Alltag und Wahrnehmung von außen.. 107
EQ 7: Behandlungsförderliches Betriebsklima...... 108
Qualitative Ergebnisse......... 112
Zu den Konzeptionen der sächsischen Einrichtungen des VifF............. 112
Themen der mündlichen Interviews............. 113
Leitungspersonen.. 113
Mitarbeiter.......... 115
Bewohner.......... 117
Inhaltsanalytische Auswertung der mündlichen Interviews............. 119
Zugang zum VifF.......... 119
Strukturelle Voraussetzungen und Rahmenbedingungen im VifF. 125
Prozesse, Beziehungen, Teilnahme an den Angeboten im VifF. 130
Übergangsmanagement und Nachsorge.......... 138
Wirkungen und Effekte des VifF 139
Verbesserungsvorschläge und Transferideen für die Regelvollzug......... 145
Einordnung der Ergebnisse und Fazit......... 148
Zugang zum Vollzug in freien Formen. 148
Besondere Strukturmerkmale des VifF....... 153
Besondere Prozessmerkmale des VifF....... 157
Effekte des Vollzugs in freien Formen. 161
Aspekte, die für den Regelvollzug lohnend erscheinen können. 163
Ausblick und ergänzende Perspektiven............. 165
Literatur 170
Fragestellungen und Untersuchungsmethoden....... 7
Einleitung.. 7
Der sächsische Vollzug in freien Formen... 7
Evaluationsfragen...... 8
Überblick zu dieser Arbeit...... 9
Qualitätskriterien als Maßstab.. 10
Strukturqualität........ 11
Prozessqualität......... 12
Ergebnisqualität....... 15
Operationalisierung und Entwicklung der Fragebögen............... 17
Auswahl der Interviewpartner...... 18
Planung der mündlichen Interviews 19
Entwicklung des Interviewleitfadens.. 19
Atmosphärische Beobachtungen des Interviewers........... 19
Auswertungsmethodik 20
Angewandte Methoden der quantitativen Datenanalyse.......... 20
Angewandte Methoden der qualitativen Analyse.. 20
Quantitative Ergebnisse........... 22
Stichprobenbeschreibung............. 22
Vollzug in freien Formen.. 22
Kriminologische und legalprognostische Angaben zu den Bewohnern im VifF.. 24
Angaben zu den Mitarbeitern und Leitungspersonen im VifF....... 32
Befragung im geschlossenen Vollzug............ 33
Angaben zu den befragten Bediensteten im geschlossenen Vollzug............ 35
Kriminologische und legalprognostische Angaben zu den Gefangenen............ 36
Zugang zum Vollzug in freien Formen... 40
Erste Information über den Vollzug in freien Formen.. 41
Ablauf der Bewerbung und Transparenz des Entscheidungsprozesses............ 45
Motive, sich für den Vollzug in freien Formen zu bewerben............ 50
Strukturqualität........... 55
SQ 1: Qualifikation der Mitarbeiter............ 55
SQ 2: Qualifikation des Leitungspersonals.... 58
SQ 3: Juristischer Beistand 59
SQ 4: Räumliche Ausstattung............ 60
SQ 5: Mitwirkung am Vollzugsplan, Dokumentation und Qualitätssicherung... 61
SQ 6: Auslastung der Einrichtungen.......... 62
SQ 7: Behandlungskonzept 64
SQ 8: Räumliche Erreichbarkeit.......... 65
SQ 9: Krisenmanagement.. 67
SQ 10: Kooperationsnetzwerk............ 68
Prozessqualität............ 71
PQ 1: Erfassung und Aktualisierung der Stammdaten.......... 71
PQ 2: Transparenz der Behandlung und Aufklärungspflichten 73
PQ 3: Diagnostik und Behandlungsplanung 74
PQ 4: Risikoeinschätzungen und deren Aktualisierung......... 78
PQ 5: Individuelle Behandlungsangebote............ 79
PQ 6: Einbeziehung des persönlichen Umfeldes............ 82
PQ 7: Fallbezogene Zuständigkeitsklärung 85
PQ 8: Professionelle Vernetzung............ 85
PQ 9: Evidenzbasierung, theoretische Fundierung und Werteorientierung.... 89
PQ 10: Empfehlungen für die Weiterbehandlung oder Nachsorge............ 90
PQ 11: Mehr-Augen-Prinzip und Fehlerkultur............ 92
Ergebnisqualität.......... 94
EQ 1: Rückfallvermeidung 94
EQ 2: Risikominimierung.... 97
EQ 3: Compliance in Bezug auf die Behandlungsangebote............ 99
EQ 4: Mittelbare Erfolgskriterien....... 101
EQ 5: Ausrichtung an Grundbedürfnissen und Lebenszufriedenheit (GLM).. 103
EQ 6: Veränderungen im Alltag und Wahrnehmung von außen.. 107
EQ 7: Behandlungsförderliches Betriebsklima...... 108
Qualitative Ergebnisse......... 112
Zu den Konzeptionen der sächsischen Einrichtungen des VifF............. 112
Themen der mündlichen Interviews............. 113
Leitungspersonen.. 113
Mitarbeiter.......... 115
Bewohner.......... 117
Inhaltsanalytische Auswertung der mündlichen Interviews............. 119
Zugang zum VifF.......... 119
Strukturelle Voraussetzungen und Rahmenbedingungen im VifF. 125
Prozesse, Beziehungen, Teilnahme an den Angeboten im VifF. 130
Übergangsmanagement und Nachsorge.......... 138
Wirkungen und Effekte des VifF 139
Verbesserungsvorschläge und Transferideen für die Regelvollzug......... 145
Einordnung der Ergebnisse und Fazit......... 148
Zugang zum Vollzug in freien Formen. 148
Besondere Strukturmerkmale des VifF....... 153
Besondere Prozessmerkmale des VifF....... 157
Effekte des Vollzugs in freien Formen. 161
Aspekte, die für den Regelvollzug lohnend erscheinen können. 163
Ausblick und ergänzende Perspektiven............. 165
Literatur 170
Einleitung
Der „Vollzug in freien Formen“ bietet den Verurteilten die Möglichkeit, die Freiheitsstrafe außerhalb der Mauern des geschlossenen Vollzuges in einem sozialpädagogischen Wohnprojekt zu verbüßen, um sich durch engmaschige Begleitung und Betreuung sowie die Aufnahme einer Erwerbsarbeit oder Berufsausbildung auf das Leben nach der Haft vorzubereiten. Die Kernaufgabe des „Vollzugs in freien Formen“ ist die soziale Arbeit mit verurteilten, schuldfähig straffällig gewordenen Personen mit dem Ziel, ihre Wiedereingliederung in die Gesellschaft (Resozialisation) zu unterstützen und die Wahrscheinlichkeit der Begehung weiterer Straftaten (Rückfallprävention) zu verringern. Mit dem „Vollzug in freien Formen“ soll in besonderer Weise dem Angleichungsgrundsatz, dem Gegensteuerungsgrundsatz und dem Integrationsgrundsatz entsprochen werden“.Der sächsische Vollzug in freien Formen
Mit dem „Vollzug in freien Formen“ für Erwachsene geht der Freistaat Sachsen neue Wege, um die Vollstreckung von Freiheitsstrafen und das Resozialisierungsgebot in Einklang zu bringen. Für erwachsene Gefangene sind aus Deutschland derzeit keine vergleichbaren Projekte bekannt. In Sachsen existieren aktuell drei Projekte des Vollzugs in freien Formen mit unterschiedlichen Konzeptionen und Zielgruppen:- Neukieritzsch (Seehaus e.V.): Jugendstrafgefangene und junge Strafgefangene bis 27 Jahre
- Dresden („Pier36“, Verein für soziale Rechtspflege Dresden e.V.): männliche erwachsene Strafgefangene
- Mohorn („Halbe Treppe“, Outlaw gGmbH): weibliche Strafgefangene
Zwischen den Einrichtungen bestehen z.T. erhebliche Unterschiede hinsichtlich der Zielgruppe (Alter, Geschlecht, Deliktarten, kriminelle Vorgeschichte), Auslastung und dem Behandlungskonzept. Die Konzeption des Projekts „Seehaus“ zählt als Bestandteile für eine „ideale Wiedereingliederung“ auf: die familienorientierte Art der Unterbringung, feste Bezugspersonen, eine klare Tagesstruktur, ein konsequentes Trainingsprogramm und die Ausrichtung auf Integration in die Gesellschaft. Damit zielt das Programm über die gesetzliche Vorgabe der Wiedereingliederung oder Angleichung der Lebensverhältnisse hinaus. Denn feste Bezugspersonen, eine klare Tagesstruktur und ein konsequentes Trainingsprogramm gehören nur teilweise zu den allgemeinen Lebensverhältnissen in der modernen Gesellschaft. Diese zentralen Elemente des VifF verdeutlichen vielmehr, dass es sich bei den Bewohnern um eine Zielgruppe mit spezifischen psychosozialen Bedarfen handelt.
Auch die Konzeption von „Pier 36“ stellt einen Bezug zu §1 des SächsStVollzG her. Daraus wird in der logischen Umkehrung die Vermeidung schädlicher Haftfolgen und positiv die Integration in ein sozial- wie eigenverantwortliches Leben abgeleitet. Konkret richtet sich der Fokus daher auf eine Unterbringung in räumlicher Nähe zum künftigen Wohnort (Dresden), so dass die Anknüpfungspunkte für die Wiedereingliederung in den relevanten Lebensbereichen bereits real statt nur trainingsweise gefunden werden können – dieser für „Pier 36“ zentrale Aspekt spielt in den Konzeptionen der beiden anderen Projekte aufgrund der Zielgruppe und der räumlichen Lage eine geringere Rolle. Daran schließt sich im Konzept von „Pier 36“ eine vergleichsweise differenzierte Beschreibung von Wirkungszielen an, die durch geeignete Indikatoren messbar dokumentiert werden sollen.
Das Projekt „Halbe Treppe“ greift auf einen reichen sozialpädagogischen Erfahrungsschatz seines Trägervereins „Outlaw“ zurück: „Einige kooperierende Anstalten haben uns regelmäßig Einschätzungen unserer Arbeit übermittelt. Aus diesen geht hervor, dass Kreativität, Kontinuität und Vielfalt unserer Angebote bezeichnend für das Projekt sind. Nach wie vor leisten wir mit unserer Arbeit einen Beitrag zur erfolgreichen Resozialisierung der Inhaftierten, indem wir ihnen neue Formen der Auseinandersetzung mit sich selbst und ihrer sozialen Umwelt ermöglichen. Ein wichtiges Anliegen ist die Unterstützung der Anstalten, um die Gefangenen auf einen Wiedereinstieg in die Zivilgesellschaft vorzubereiten“ (aus der Konzeption des Projekts „Halbe Treppe“).
Für alle drei Projekte ist – wie bereits im geschlossenen Vollzug – das Geschlecht ein maßgebliches Kriterium für die jeweilige Zielgruppe. So werden im Projekt „Seehaus“ und „Pier 36“ ausschließlich männliche Gefangene aufgenommen, während in „Halbe Treppe“ Frauen die Zielgruppe darstellen, ggf. unter Einbeziehung ihrer minderjährigen Kinder.
Ein weiteres Kriterium für die Zielgruppen bildet das Alter: Während im „Seehaus“ Jugendliche und Heranwachsende bis maximal 27 Jahre aufgenommen werden, richtet sich das Angebot von „Pier 36“ an erwachsene Männer. Darüber hinaus benennt die Konzeption von „Pier 36“ ein räumliches Kriterium: Die Gefangenen sollten sich nach der Entlassung im Raum Dresden niederlassen, da ansonsten die angebotene 12-monatige Nachsorge praktisch nicht realisiert werden kann. Im Umkehrschluss ist aus dieser räumlichen Beschränkung der Zielgruppe für „Pier 36“ nicht abzuleiten, dass lediglich Gefangene aus der JVA Dresden als Kandidaten in Betracht kommen. Denn auch in anderen sächsischen JVAen sind zahlreiche Gefangene anzutreffen, die beabsichtigen, nach der Entlassung in Dresden oder im Dresdner Umland zu wohnen, z.B. in den JVAen Bautzen, Zeithain und Waldheim.
Übereinstimmend benennen alle drei Projekte eine noch zu verbüßende Haftzeit von mindestens sechs Monaten (Halbe Treppe), 6–12 Monaten (Pier 36) oder mindestens neun Monaten (Seehaus). Eine zu kurze Aufenthaltsdauer im Projekt würde die Chance, die hochgesteckten Wirkungsziele zu erreichen, stark verringern.
Die Zielgruppen werden weiterhin durch diverse Ausschlussgründe definiert: Für das „Seehaus“ zählen darunter lediglich Sexualstraftäter und Gefangene mit psychischen Problemen, darüber hinaus Kandidaten, die sich nicht an die Hausordnung halten können oder wollen. Dass Sexualstraftäter im „Seehaus“ ausgeschlossen werden, wird wegen der familienähnlichen Form der Unterbringung mit Blick auf die Familien der Hauseltern begründet. Von den Projekten „Pier 36“ und „Halbe Treppe“ werden zudem Gefangene aus der Szene der „Organisierten Kriminalität“ sowie Gefangene mit Suchtproblematik ausgeschlossen. Für diese Zielgruppen wäre der VifF weder baulich (sicherheitstechnisch) noch personell geeignet. Ähnlich begründet wird der Ausschluss von Gefangenen mit maßgeblichen körperlichen Beinträchtigungen, da die Gebäude des VifF nicht barrierefrei sind. Außerdem werden im „Pier 36“ und in „Halbe Treppe“ Gefangene mit vollziehbarer Ausweisungsverfügung ausgeschlossen – die Begründung liegt offenbar direkt in der sächsischen Verwaltungsvorschrift zum Vollzug in freien Formen (Abschnitt IV), die in Abschnitt III aber auch begründete Ausnahmen zulässt.
Evaluationsfragen
Laut Ausschreibung soll die Evaluation eine Analyse der Strukturen, Verfahren und Prozesse der Einrichtungen wie auch Falldaten über teilnehmende Inhaftierte (einschließlich „Abbrechende“) umfassen und dabei folgende Fragen aufgreifen und ggf. präzisieren:· Inwiefern wurden die Ziele der Einrichtungen, die Zielwerte und die Zielgruppe insbesondere in den Konzeptionen nachvollziehbar abgeleitet und evaluierbar formuliert?
· Wie definieren die Einrichtungen die Unterziele für das übergeordnete Ziel der Resozialisierung? Geschieht dies nach wissenschaftlichen, evidenzbasierten Gesichtspunkten?
· Welche Wirkungen werden bei der Zielgruppe und Dritten beobachtet (einschließlich Messungen von Zielerreichung nach der Entlassung)?
· Werden die Zielwerte erreicht?
· Welche Verfahren und Aspekte der Einrichtungen wirken sich günstig, welche ungünstig auf die Entwicklung der Gefangenen aus?
· Inwieweit sind bei der Auswahl und bei der Behandlung von Inhaftierten folgende Prinzipien der Straftäterbehandlung (Bonta & Andrews, 2016) relevant und können diese ggfs. stärker zur Geltung gebracht werden:
o Je größer das individuelle Rückfallrisiko, desto intensiver sollte die Behandlung sein („risk“).
o Interventionen sollten individuelle kriminogene Faktoren adressieren („need“).
o Maßnahmen sollten die Teilnehmenden ansprechen und deren Lernweisen berücksichtigen („responsivity“).
· Welche behandlerischen Empfehlungen ergeben sich darüber hinaus für die jeweiligen Projekte?
· Sind die vorhandenen Steuerungsinstrumente zur Verbesserung von Effektivität und Effizienz der Aufgabenerfüllung adäquat?
· Wie stellen sich im Vergleich zum herkömmlichen Justizvollzug die Wirkmöglichkeiten der Einrichtungen dar?
· Welche Maßnahmen des Übergangsmanagements (Entlassungsvorbereitung und Nachsorge) bestehen und wie ist deren Effizienz einzuschätzen?
In der Evaluation soll zudem der Auswahl und Überleitung der Teilnehmer von der Justizvollzugsanstalt in das jeweilige Projekt besonders Rechnung getragen werden:
· Wie erfahren Gefangene von der Möglichkeit einer Verlegung in den Vollzug in freien Formen?
· Nach welchen Kriterien werden die Projektteilnehmer in der Praxis ausgewählt?
· Ist das Zugangsverfahren transparent, diskriminierungsfrei, verbindlich sowie am individuellen Bedarf und der Ansprechbarkeit der möglichen Kandidaten orientiert?
· Welche Selektionseffekte des Auswahlverfahrens spielen bei der Messung der Zielerreichung der Teilnehmenden eine Rolle?
· Wie könnten die Auswahl bzw. der Zugang der teilnehmenden Inhaftierten weiter optimiert werden?
Überblick zu dieser Arbeit
Die Evaluation des sächsischen Vollzugs in freien Formen soll eine Analyse der Strukturen, Verfahren und Prozesse der Einrichtungen wie auch Falldaten über teilnehmende Inhaftierte (einschließlich „Abbrecher“) umfassen. In der Evaluation soll zudem der Auswahl und Überleitung der Teilnehmer von der Justizvollzugsanstalt in das jeweilige Projekt besonders Rechnung getragen werden. Um die Vollzugseinrichtungen in freien Formen vergleichen zu können, wird im Folgenden untersucht, welche organisatorischen und behandlerischen Merkmale sich in den ersten Jahren der Erprobung des Vollzugs in freien Formen bewährt haben und gegebenenfalls in Überlegungen zur Anwendung auf den Regelvollzug herangezogen werden können.Der vorliegende Bericht enthält die Ergebnisse der schriftlichen Befragung der Bewohner, Mitarbeiter und Leitungen des Vollzugs in freien Formen (VifF) in Sachsen, die im Juni / Juli 2024 durchgeführt wurde. Es handelt sich dabei um eine Vollerhebung, d.h. es wurden alle zum Befragungszeitraum im VifF wohnenden oder beschäftigten Personen befragt, so dass sich in der Analyse aus der Vielfalt der Perspektiven der Beteiligten ein ausgesprochen differenziertes Bild von den materiellen und persönlichen Voraussetzungen, den Abläufen und Gestaltungsmöglichkeiten sowie von den Wirkungen und Effekten des VifF ergibt.
Darüber hinaus fließt in die Ergebnisse die inhaltsanalytische Auswertung der Transkripte ergänzender mündlicher Interviews ein, die mit einer Stichprobe von Bewohnern und Mitarbeitern des VifF im September 2024 geführt wurden.
Im Juli und August 2024 wurde außerdem eine landesweite Stichprobe von Bediensteten und Gefangenen in den sächsischen JVAen schriftlich befragt, welche Informationen über Zugangswege vorliegen, die aus dem geschlossenen Vollzug in den VifF führen können.
Der Bericht enthält eine Zusammenschau aller Antworten. Im abschließenden Kapitel („Fazit“) widmen wir uns einer Abwägung der einzelnen Befunde zur Beantwortung der Fragen, die den Anlass für diese Evaluation gegeben haben.
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Für weitere Informationen besuchen Sie bitte die Homepage zu diesem Autor.