Liu An
Viktor Kalinke empfiehlt die Lektüre des Huainanzi 淮南子 ("Die Meister von Huainan"), herausgegeben von Liu An
Liu An 劉安 (180 – 122) war der König von Huainan, einem großen Fürstenstaat auf dem Gebiet der heutigen Provinz Anhui. Liu An’s Großvater war Kaiser Gaozu. Sein Vater, Fürst Liu Chang, vom Temperament her jähzornig, hatte sich in jungen Jahren an einer Verschwörung gegen den Kaiser beteiligt, fiel in Ungnade und sollte verbannt werden, doch er zog den Hungertod vor. Zu dieser Zeit gaben sich die Prinzen Ausschweifungen hin und beschäftigten sich mit Frauen, der Jagd und Pferden. Liu An jedoch zeigte sich dem Studium gegenüber aufgeschlossen, widmete sich der Literatur, Philosophie und Musik, begeisterte sich für für Fu-Gedichte, meisterte die Künste der Weissagung und Alchemie. Angeregt von Gesprächen mit seinen Gästen, förderte Liu An eine Gruppe von Gelehrten, allesamt herausragende Talente aus dem ganzen Land, gemeinsam das Huainanzi zu verfassen, eine philosophische, sprachlich raffinierte Enzyklopädie zu Daoismus, Politik, Naturphilosophie, Astronomie, Ethik, Geschichte und Staatskunst – um es 139 v.u.Z. dem frisch gekrönten Kaiser Wu, einem Neffen von Liu An, zur Thronbesteigung zu überreichen. Heute bietet das Huainanzi ein Spiegelbild des altchinesischen Denkens, in dem der Daoismus und Elemente des Konfuzianismus, der Yin-Yang-Lehre sowie des Legalismus zusammenfließen. Damit leistete Liu An einen der bedeutendsten Beiträge zur chinesischen Literaturgeschichte. Der Kaiser jedoch schmähte sein eigenständiges Denken und Engagement für einen dezentralen Staat. Im Jahr 122 v.u.Z. wurde Liu An der Verschwörung beschuldigt. Er nahm sich – der kaiserlichen Geschichtsschreibung zufolge – das Leben, um einer Bestrafung zuvorzukommen. In der daoistischen Philosophie und Spiritualität blieben Liu An und sein bahnbrechendes Meisterwerk in Erinnerung. Außerdem wird er im Volk bis heute als der Erfinder des Tofu verehrt.
Zehn Gründe, warum man das Huainanzi heute noch lesen sollte
Das Huainanzi ist nicht nur historisch interessant, sondern bietet eine Lektüre, die das eigene Denken anregt.
1. Es ist ein Schlüsseltext der frühen chinesischen Ideengeschichte
Das Huainanzi zeigt, wie in der frühen Han-Zeit verschiedene Denkschulen systematisch zusammenfließen. Wer verstehen will, wie sich die chinesische Staatsphilosophie entwickelte, kommt an diesem Werk nicht vorbei.
2. Es bietet eine seltene Synthese mehrerer Philosophien
Im Text verschmelzen Daoismus, Konfuzianismus, Yin-Yang-Kosmologie und legalistische Elemente. Anders als reine Schultexte ist es ein bewußt angelegtes Integrationsprojekt – politisch wie philosophisch.
3. Es verbindet Metaphysik und Politik
Das Werk zeigt, wie kosmologische Vorstellungen die konkrete Konzeption der Regierung leiten können. Es beantwortet die Frage: Wie soll ein Herrscher regieren, wenn die Natur selbst nach bestimmten Mustern und Abläufen funktioniert? Diese Verbindung von Weltordnung und Gesellschaft bleibt auch heute philosophisch relevant.
4. Es entwickelt ein alternatives Führungsmodell
Statt Kontrolle und Dauerintervention propagiert das Werk das Prinzip des Wei Wuwei – nicht-erzwungenes Handeln oder Handeln durch Nichthandeln. In Zeiten von Überregulierung, Mikromanagement und überbordender Bürokratie wirkt dieses Konzept überraschend progressiv.
5. Es enthält eine frühe Systemtheorie
Das Huainanzi denkt in Wechselwirkungen: Himmel, Erde und Mensch bilden ein dynamisches Gefüge. Politik wird als Teil eines komplexen Systems verstanden – ein Ansatz, der heutigen ökologischen und systemtheoretischen Denkweisen nahekommt.
6. Es reflektiert Kulturkritik ohne Kulturverweigerung
Anders als radikale Daoisten kritisiert das Werk zwar die gesellschaftliche Überformung und die Entfremdung der Menschen von der Natur, lehnt die Institutionen aber nicht komplett ab. Es schlägt Reformen vor, keine Weltflucht. Diese Balance ist auch für die heutige Gesellschaftskritik interessant.
7. Es zeigt politische Spannungen der Han-Zeit
Das Werk entstand unter Patronage von Liu An und kann als ideologischer Gegenentwurf zur späteren konfuzianischen Staatsdoktrin unter Kaiser Wu von Han gelesen werden.
Man liest nicht nur abstrakte Philosophie, sondern eine politische Positionsbestimmung.
8. Es ist literarisch anspruchsvoll
Das Werk arbeitet mit Parallelismen, Metaphern, Anekdoten und verdichteten Bildern. Es ist nicht nur philosophisch, sondern auch stilistisch ein Meisterstück früher Prosaliteratur.
9. Es weitert den Blick auf den Daoismus
Viele Menschen heute halten den Daoismus für eine mystische, religiöse oder spirituelle Angelegenheit. Das Huainanzi zeigt einen politischen Daoismus, der den Staat weg von starren Strukturen und Hierarchien zu nachhaltiger Freiheitsliebe bewegen will.
10. Es stellt zeitlose Fragen
Das Werk fragt:
· Wie viel Regulierung braucht eine Gesellschaft?
· Wann zerstört Moral ihre eigene Grundlage?
· Wie bleibt Führung wirksam, ohne autoritär zu werden?
· Wie kann menschliches Handeln in größere Zusammenhänge eingebettet sein?
Diese Fragen veralten nicht – sie stellen sich jeder Generation auf’s Neue.
Kurz gesagt: Man sollte das Huainanzi lesen, weil es historische Tiefenschärfe, politische Reflexion, systemisches Denken und philosophische Synthese in einzigartiger Weise verbindet.
Bislang gab es keine Übersetzung des Huainanzi ins Deutsche. Seit 2020 arbeitet Viktor Kalinke an einer zweisprachigen, kommentierten Ausgabe, die in drei Bänden erscheinen wird. Im Leipziger Literaturverlag wird die Veröffentlichung des ersten Bandes für 2027 geplant. Bereits jetzt erscheinen als sog. "Preprint" die einzelnen Kapitel als eBook (pdf). Damit kann der Prozess der Übersetzungsarbeit mitverfolgt werden. Wir laden interessierte Leser ein, die digitale Vorabveröffentlichung zu nutzen, um Einblicke in das Werk zu gewinnen, Fragen zu stellen und dem Verlag Anregungen für die gedruckte Veröffentlichung zu geben. Folgende Kapitel sind bereits erhältlich: