Kapitel 2 des Huainanzi. Aus dem Chinesischen von Viktor Kalinke
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Das zweite Kapitel des Huainanzi behandelt vor allem kosmologische Ursprünge, das Verhältnis von Sein und Nichtsein sowie die Lebensweise des Weisen. Zu Beginn beschreibt der Text den Zustand vor der Entstehung der Welt: ein formloses, stilles Nichtsein, aus dem durch die Bewegung von Yin und Yang Himmel, Erde und die zehntausend Dinge hervorgehen. Alles geht aus einem ursprünglichen Naturzustand hervor und befindet sich in ständigem Wandel – ähnlich wie Wasser zu Eis wird und wieder zurück zu Wasser. Gleichzeitig wird die Relativität menschlicher Wahrnehmung diskutiert, etwa anhand von Traum-Metaphern oder Geschichten über Verwandlungen zwischen Mensch und Tier. Ein wichtiges Thema ist das Ideal des Weisen oder Herrschers, der im Einklang mit dem Dao lebt. Er greift möglichst wenig ein, bewahrt innere Ruhe und läßt die Dinge sich gemäß ihrer Natur entwickeln. Der Text beschreibt wie im Laozi eine ideale Urzeit, eine Archotopie, in der Menschen spontan im Einklang mit Himmel und Erde lebten und weder Gesetze noch Strafen nötig waren. Während Kapitel 1 das Dao als kosmischen Ursprung entfaltet, richtet Kapitel 2 den Blick stärker auf die Entfaltung des ursprünglichen Zustands 真 (zhen) im Menschen und in der Gesellschaft. Es geht weniger um Kosmogonie als um Anthropologie und Kulturkritik.
Die Übersetzung des zweiten Kapitels zeichnet sich stilistisch durch eine bewusst rhythmische, stark bildhafte Sprache aus, die die parallele Struktur des klassischen Chinesisch im Deutschen nachbildet. Häufig verwendet werden Reihungen, Parallelismen, Antithesen sowie Metaphern und Bilder (z. B. Naturvergleiche, kosmische Bewegungen oder Alegorien), wodurch der Text einen fast hymnischen oder meditativ-poetischen Ton erhält. Die Übersetzung auch im Deutschen kurze, rhythmische Satzgruppen und anschauliche Bildfelder („gestaltlos, konturlos“, „sprießend, schwellend, knospend, blühend“), die an die Verdichtung der chinesischen Vorlage erinnern. Gleichzeitig bleibt die Übersetzung philologisch eng am Original orientiert: Syntaktische Parallelismen, Begriffspaare (z. B. Yin/Yang, Sein/Nichtsein) und Schlüsselbegriffe werden möglichst direkt wiedergegeben und nur sparsam interpretierend paraphrasiert.
Liu An 劉安 (180 – 122): war der König von Huainan, einem großen Fürstenstaat auf dem Gebiet der heutigen Provinz Anhui. Liu An’s Großvater war Kaiser Gaozu. Sein Vater, Fürst Liu Chang, vom Temperament her jähzornig, hatte sich in jungen Jahren an einer Verschwörung gegen den Kaiser beteiligt, fiel in Ungnade und sollte verbannt werden, doch er zog den Hungertod vor. Zu dieser Zeit gaben sich die Prinzen Ausschweifungen hin und beschäftigten sich mit Frauen, der Jagd und Pferden. Liu An jedoch zeigte sich dem Studium gegenüber aufgeschlossen, widmete sich der Literatur, Philosophie und Musik, begeisterte sich für für Fu-Gedichte, meisterte die Künste der Weissagung und Alchemie. Angeregt von Gesprächen mit seinen Gästen, förderte Liu An eine Gruppe von Gelehrten, allesamt herausragende Talente aus dem ganzen Land, gemeinsam das Huainanzi zu verfassen, eine philosophische, sprachlich raffinierte Enzyklopädie zu Daoismus, Politik, Naturphilosophie, Astronomie, Ethik, Geschichte und Staatskunst – um es 139 v.u.Z. dem frisch gekrönten Kaiser Wu, einem Neffen von Liu An, zur Thronbesteigung zu überreichen. Heute bietet das Huainanzi ein Spiegelbild des altchinesischen Denkens, in dem der Daoismus und Elemente des Konfuzianismus, der Yin-Yang-Lehre sowie des Legalismus zusammenfließen. Damit leistete Liu An einen der bedeutendsten Beiträge zur chinesischen Literaturgeschichte. Der Kaiser jedoch schmähte sein eigenständiges Denken und Engagement für einen dezentralen Staat. Im Jahr 122 v.u.Z. wurde Liu An der Verschwörung beschuldigt. Er nahm sich – der kaiserlichen Geschichtsschreibung zufolge – das Leben, um einer Bestrafung zuvorzukommen. In der daoistischen Philosophie und Spiritualität blieben Liu An und sein bahnbrechendes Meisterwerk in Erinnerung. Außerdem wird er im Volk bis heute als der Erfinder des Tofu verehrt.
Viktor Kalinke: geb. in Jena, Studium der Psychologie und Mathematik in Dresden, Leipzig und Beijing, Kreativitäts-Preis der Hans-Sauer-Stiftung, Promotion, Professur, lebt in Leipzig, übersetzte und kommentierte das Daodejing von Laozi, das Buch Zhuangzi sowie das Kapitel Fangnei aus dem Ishinpo.