Kapitel 5 des Huainanzi. Handbuch der Regierungskunst
Aus dem Chinesischen von Viktor Kalinke
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Das fünfte Kapitel des Huainanzi könnte auch unter der Überschrift „Kosmos, Kalender und Herrschaft“ stehen – es entfaltet einen vollständigen Jahreszyklus von Frühling bis Winter und beschreibt systematisch für jeden Monat die kosmischen Zeichen und natürlichen Erscheinungen sowie die notwendigen rituellen Handlungen und politischen Maßnahmen. Der Text verbindet Astronomie, Kalenderkunde, Staatslehre, Landwirtschaft und Ritual zu einem umfassenden Modell harmonischer Weltordnung. Die Grundidee des Kapitels besteht darin, daß jede Jahreszeit ihre eigene kosmische Qualität besitzt. Gutes Regieren bedeutet demnach, das menschliche Handeln auf diese Rhythmen abzustimmen. Jeder Monat wird mit Himmelsrichtungen, Farben, Tönen, Elementen, Opfertieren, Planeten- und Sternkonstellationen verbunden. Der Herrscher erscheint als Vermittler zwischen Himmel, Erde und menschlicher Gesellschaft. Wenn er die „Anordnungen der Jahreszeit“ richtig ausführt, entsteht Einklang. Ordnet er Maßnahmen, die im Sommer passend wären, im Winter an, Maßnahmen für den Herbst im Frühling usw., entsteht ein Mißverhältnis, das nicht nur mit Naturkatastrophen wie Dürren oder Überschwemmungen, sondern auch mit politischen Unruhen einhergehen kann. Im Gegensatz zu Europa, wo die absolute Macht eine Ausweitung der Privilegien des Adels und der militärischen Stärke darstellte, betrachtete China die Macht des Kaisers der Natur untergeordnet. Sein Handeln wurde als untrennbarer Bestandteil der kosmischen Ordnung angesehen. Daher war der Kaiser verpflichtet, bestimmte Rituale durchzuführen, um seine Legitimität zu beweisen, seine Stellung innerhalb des Ganzen zu bekräftigen und gleichzeitig die natürliche Ordnung selbst zu bestätigen. Er galt als „Sohn des Himmels“, der den Auftrag des Himmels oder der Natur (Tianming 天命) ausführte. Gefordert wurde nicht, daß der Kaiser von edler Abstammung war; tatsächlich wurden mehrere Dynastien von Menschen aus einfachen Verhältnissen gegründet. Dürre oder Überschwemmungen galten als Zeichen des Mißfallens der Natur. Wurde der Kaiser gestürzt, so wurde dies als Verlust des Mandats des Himmels gewertet. Daher wurde eine erfolgreiche Rebellion als Zeichen dafür gedeutet, daß das Mandat des Himmels auf die nachfolgende Dynastie übergegangen sei. Im Prinzip waren die Herrscher damit zu einer guten und gerechten Regierung angehalten. Vor diesem Hintergrund enthält Kapitel 5 des Huainanzi zahlreiche praktische Folgerungen. Es widmet sich der Landwirtschaft, dem Strafrecht, der Steuerpolitik, den Opferritualen, der Musik, der Jagd, der Marktaufsicht, dem Wasserbau, dem Militärwesen und der sozialen Fürsorge.
Liu An 劉安 (180 – 122): war der König von Huainan, einem großen Fürstenstaat auf dem Gebiet der heutigen Provinz Anhui. Liu An’s Großvater war Kaiser Gaozu. Sein Vater, Fürst Liu Chang, vom Temperament her jähzornig, hatte sich in jungen Jahren an einer Verschwörung gegen den Kaiser beteiligt, fiel in Ungnade und sollte verbannt werden, doch er zog den Hungertod vor. Zu dieser Zeit gaben sich die Prinzen Ausschweifungen hin und beschäftigten sich mit Frauen, der Jagd und Pferden. Liu An jedoch zeigte sich dem Studium gegenüber aufgeschlossen, widmete sich der Literatur, Philosophie und Musik, begeisterte sich für für Fu-Gedichte, meisterte die Künste der Weissagung und Alchemie. Angeregt von Gesprächen mit seinen Gästen, förderte Liu An eine Gruppe von Gelehrten, allesamt herausragende Talente aus dem ganzen Land, gemeinsam das Huainanzi zu verfassen, eine philosophische, sprachlich raffinierte Enzyklopädie zu Daoismus, Politik, Naturphilosophie, Astronomie, Ethik, Geschichte und Staatskunst – um es 139 v.u.Z. dem frisch gekrönten Kaiser Wu, einem Neffen von Liu An, zur Thronbesteigung zu überreichen. Heute bietet das Huainanzi ein Spiegelbild des altchinesischen Denkens, in dem der Daoismus und Elemente des Konfuzianismus, der Yin-Yang-Lehre sowie des Legalismus zusammenfließen. Damit leistete Liu An einen der bedeutendsten Beiträge zur chinesischen Literaturgeschichte. Der Kaiser jedoch schmähte sein eigenständiges Denken und Engagement für einen dezentralen Staat. Im Jahr 122 v.u.Z. wurde Liu An der Verschwörung beschuldigt. Er nahm sich – der kaiserlichen Geschichtsschreibung zufolge – das Leben, um einer Bestrafung zuvorzukommen. In der daoistischen Philosophie und Spiritualität blieben Liu An und sein bahnbrechendes Meisterwerk in Erinnerung. Außerdem wird er im Volk bis heute als der Erfinder des Tofu verehrt.
Viktor Kalinke: geb. in Jena, Studium der Psychologie und Mathematik in Dresden, Leipzig und Beijing, Kreativitäts-Preis der Hans-Sauer-Stiftung, Promotion, Professur, lebt in Leipzig, übersetzte und kommentierte das Daodejing von Laozi, das Buch Zhuangzi sowie das Kapitel Fangnei aus dem Ishinpo.