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Kalinke, Viktor: Gottes Fleisch 2

ISBN:
978-3-86660-037-9
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Band 2: Die Verkettung von Ehe- und Sexualstrafrecht

Im zweiten Band seines Essays beleuchtet Viktor Kalinke die Verknüpfung zwischen den alten Texten zum Familienrecht mit dem Straf- und Rachedenken. Auswirkungen auf die Grundlagen unserer gegenwärtigen Rechtsphilosophie werden diskutiert.

 Welche Macht- und Rechtsverhältnisse definierten die Rolle von Mann und Frau zu Beginn der zivilisatorischen Entwicklung? Was verraten Prozeßurkunden und literarische Fragmente über das Geschlechterverhältnis in Babylonien? Heutzutage ist vom vermeintlich modernen Phänomen der Patchwork-Familie die Rede. Von konservativer Seite wird ein Szenario des Verfalls familialer Bindungen entworfen, um die Kernfamilie als "christlichen Wert" zu verteidigen. Spielten zusammengesetzte Familienformen in der antiken Rechtssprechung keine Rolle? Welche Schutzklauseln sah z.B. der Kodex Hammurabi für Kinder und geschiedene Frauen vor? Das im Deuteronomium überlieferte "mosaische Gesetz" führt die vom Nomadenleben motivierten Begriffe der "Reinheit" und "Blutschande" in das rechtsphilosophische Denken ein. Mit der Bibel weltweit verbreitet, zählen sie zu den unhinterfragten Grundlagen des westlichen Denkens.

Viktor Kalinke: geb. in Jena, Studium der Psychologie und Mathematik in Dresden, Leipzig und Beijing, Kreativitäts-Preis der Hans-Sauer-Stiftung, Mitbegründer der Edition + Galerie Erata, Promotion, Professur, lebt in Leipzig.

"Dear Viktor, I find myself unable to stop reading your book; it is written with such intelligence, deep knowledge and this slight ironical look we so much need ourdays that I hope it will get all the attention it deserves. What a pleasure to find I have for so many years enjoyed reading texts that you are now, as a young generation , re-reading and de-coding anew for us all. Congratulations!“ Yvette Centeno

Leseprobe:

Der verlorene Ursprung

Der Kodex Hammurabi stellt den Höhepunkt der überlieferten Rechtssprechung in einer entwickelten patriarchalen Gesellschaft dar. Welche Macht- und Rechtsverhältnisse zu dieser Zeit die Rolle von Mann und Frau definierten, ist nur fragmentarisch aus Prozeßurkunden und literarischen Texten bekannt oder muß aus archäologischen Funden erschlossen werden. Nach dem Ende des babylonischen Reiches folgten wesentlich gröbere Rechtssysteme. Der Kodex Hammurabi widmet sich zusammengesetzten Familienformen und sieht Schutzklauseln für Kinder und (geschiedene) Frauen vor. Er erweist sich, von archaischen Straf- und Beweisführungsmethoden abgesehen, in dieser Hinsicht funktionaler als das mosaische Gesetz, das in der Bibel weite Verbreitung gefunden hat und bis in die Gegenwart rechtsphilosophische Grundlagen für das westliche Denken liefert.

Woher kommt die Vormacht der Männer?

URSPRÜNGLICH HERRSCHTE POLYANDRIE

Welche Kulturen in den drei Jahrtausenden vor Christus den Raum zwischen Persischem Golf und Mittelmeer auch beherrschten: entlang des "fruchtbaren Halbmondes", der sich vom Zweistromland, dem waldreichen Libanon bis nach Palästina erstreckt, auf der anatolischen Hochebene und vor allem in Syrien wurden zahlreiche Frauenidole gefunden, meist aus Terrakotta geformt, manchmal aus Stein gehauen oder in Metall gegossen. Berühmt geworden ist die vollbrüstige Über-Mutter aus Catal Hüyük aus dem 6. Jahrtausend v. Chr., die gerade ein Kind geboren hat und dabei auf einem Thron sitzt, dessen Armlehnen von zwei Panthern geformt werden. Aus neolithischer Zeit sind Amulette und Statuetten von Paaren bekannt, die sich liebevoll im Bett umarmen und miteinander verschmelzen. Gewagte Stellungen werden mit schelmenhafter Unbefangenheit abgebildet. Mutterschaft und weibliche Sexualität wurden voneinander getrennt wahrgenommen. Junge Frauen in aufreizenden Posen heben sich deutlich von jungen Müttern ab, die stolz ihr Neugeborenes stillen.
Sumerische Gottheiten wie Gatumdu, die "Mutter von Lagasch", Nisaba1 von Eresch, Nunbarschegunu2 von Nippur, Belili und Bilulu sind ohne Ausnahme weiblich. Zwar gesellen sich ihnen Gatten zu, diese werden jedoch als nachrangig dargestellt. Ob die Plastiken der Fruchtbarkeitsbeschwörung galten oder sexueller Neugier, von der moderne Betrachter geleitet sein mögen, läßt sich auf Grundlage der archäologischen Funde allein nicht entscheiden.

Die älteste überlieferte Erzählung des Zweistromlandes handelt von Gilgamesch3, dem sagenumwobenen König der Stadt Uruk, der Tiefblickende, der alles Verborgene kannte, zu zwei Dritteln Gott und zu einem Drittel Mensch. Auf Sumerisch hieß die Dichtung ursprünglich Sha Naqba Imuru4 und Shutur Eli Sharri5. Die anfangs mündlich weitergegebenen Stoffe des Epos reichen bis ins 3.Jahrtausend zurück und haben nur bruchstückhaft in den sumerisch verfaßten Kurzepen überdauert.6 Im letzten Drittel des 2. Jahrtausends v. Chr. verlieh der Priester Sin-leqe-unnini7 dem Epos seine klassische Gestalt auf elf Tontafeln. Ohne Zweifel hat sich Sin-leqe-unnini für seine Bearbeitung auf die altbabylonischen Fragmente gestützt, aber er hat auch zeitgenössische Momente einfließen lassen. Das allgemeine Ansehen, das Frauen bis hin zur Vergötterung genossen, hatte bereits nachgelassen. Im ersten Kapitel wird Gilgamesch als Held vorgeführt:

Uruks stärkster sproß, ein gehörnter bulle, der alles aufspießt!8

Gilgamesch befehligt nicht nur das Heer, entdeckt nicht nur Wege durch die Gebirgsketten, weiht nicht nur die von der Sintflut verwüsteten Tempel neu und lehrt die Menschen nicht nur die Riten. Mit zunehmender Machtfülle, die ihm sein Status verleiht, tritt er als Tyrann auf. Um ihn zu begrenzen, denunziert ihn das Epos als "geilen Bock", der das "Recht auf die erste Nacht" für sich in Anspruch nimmt. Damit ist der Zorn der Frauen gegen ihn gerechtfertigt. Parallelen zur europäischen Aufklärung, als Voltaire dem Feudaladel lüsterne Ausschweifungen als Zeichen der Tyrannei unterstellte, drängen sich auf, aber sind historisch zufällig. Tatsächlich ist ein "Recht auf die erste Nacht" in den archäologischen Quellen nirgends verbürgt. Sexuelle Unterstellungen gehören zu den Urfiktionen der Menschheit.

"Gilgamesch läßt keinen sohn frei zu seinem vater mehr gehn,
mit jedem tag wird seine tyrannei härter ...
Gilgamesch aber läßt keine tochter mehr frei zu ihrer mutter gehen.
Und die Frauen bekundeten den göttinnen ihren unmut,
sie brachten ihnen die klagen gegen ihn vor:
"Obwohl weise und klug, läßt Gilgamesch in seiner macht und herrschaft
kein mädchen frei zu ihrem bräutigam mehr gehen."
9

Noch genießen weibliche Gottheiten hohen Respekt. Aruru, die Große Mutter, formt aus Lehm einen neuen Menschen, der dazu bestimmt ist, Gilgamesch ein Gegenspieler zu sein. Enkidu, wie ein Tier mit Fell bedeckt, wächst unter wilden Tieren auf und stört die Jäger. Auch an dieser Stelle wartet die Erzählung mit einer Wendung ins Sexuelle auf. Sie ist bereits in den altbabylonischen Fassungen enthalten: Der Vater des Jägers empfiehlt seinem Sohn nicht die Gewalt eines Mannes, um Enkidu zu bändigen, sondern eine Hure, damit sie ihn verführe und der Tierwelt entfremde:

"Zieh los und nimm den weg, der nach Uruk führt,
aber vertrau nicht auf die kraft eines mannes!
Geh, mein sohn, und hol dir eine junge hure,
ihre reize schlagen selbst die mächtigsten in ihren bann!"
10

Gilgamesch, dem der Jäger sein Leid klagt, schickt Schamchat11 zu Enkidu in die Steppe. Indem ihm die Hure beiwohnt, führt sie ihn an die Zivilisation heran:

Und Schamchat löste ihr um die hüften geschlungenes tuch,
sie öffnete ihm ihr geschlecht, und er sah den reiz einer frau;
sie schreckte nicht vor ihm zurück, sie raubte ihm seinen atem,
sie breitete ihr gewand aus, sie war ein rücken, ein hügel,
und er bestieg sie,
sie gab ihm, diesem wilden, was die list einer frau alles geben kann,
und vor lust begann er zu stammeln und stöhnte;
sechs lange tage und sieben längere nächte
blieb Enkidu und schlief mit Schamchat.
Als sein hunger nach ihren freuden gestillt war,
schaute er sich um nach seiner herde;
die gazellen sahen Enkidu, und setzten zur flucht an,
all die wilden tiere der steppe scheuten vor ihm zurück.
Enkidu hatte seinen so reinen körper besudelt ..
.12

Hier taucht zum ersten Mal in der Literaturgeschichte das Motiv der Reinheit auf - und mit welcher Ambivalenz! Aus Sicht der Stadtbewohner ist Enkidu ein Wilder, halb Mensch halb Tier, der durch die Liebe - hier ohne Umschweife die körperliche Liebe - erst völlig zum Menschen wird. Aus Sicht Enkidus entfremdet ihn die Sexualität den Tieren und nimmt ihm die Unschuld des Naturmenschen. Der Perspektivwechsel schafft eine paradoxe Spannung, die auch in den Moralkonstruktionen der Neuzeit nicht gelöst ist. Wer sich der Reinheit verschreibt, darf die sexuelle Seite der Liebe nicht gutheißen; wer sich der Liebe verschreibt, ist ein Teil unserer Zivilisation und wird als Mensch anerkannt. Was hier so harmlos klingt, eignet sich zu jeglicher Denunziation. Enkidu, in die Stadt gebracht, gekleidet und gesalbt, wird zu einem zivilisierten Menschen.

Mit öl eingerieben verwandelte er sich in einen von uns.13

Mit der kosmetischen Zivilisation übernimmt Enkidu die kosmetische Moral. Er verteidigt das Recht der jungen Männer, als Bräutigam selbst die erste Nacht mit der Braut zu verbringen, statt Gilgamesch, dem König, den Vortritt zu lassen.

Während Gilgamesch schon bereit war, sich mit der braut nachts zu treffen,
und das bett für die göttin der hochzeit14 schon aufgeschlagen war ...
Enkidu blockierte die tür des hauses mit seinem fuß
und hinderte Gilgamesch daran einzutreten
.15

Die beiden Helden geraten in ein Handgemenge, doch der Kampf endet unentschieden. Sie küssen sich und werden Freunde.
Die Szene spielt auf hieros gamos an, die Heilige Hochzeit oder sogenannte Tempelprostitution, die Herodot benutzte, um die Babylonier bei den Hellenen zu diffamieren. Der orientalischen Liebes- und Kriegsgöttin Ischtar16, Schwester des Wettergottes, wurde als Morgenstern in ihrer Funktion der "Herrin der Krieger" mit Opfergaben wie Streitäxten und Keulen gehuldigt. Als Abendstern verkörperte sie hetärisch-aggressive17 Vitalität, sexuelle wie landwirtschaftliche Fruchtbarkeit. Mythologische Quellen berichten, daß es Ischtar eines Tages danach gelüstet, ihre Herrschaft auszuweiten auf die Unterwelt, das Reich des Todes, das eigentlich ihrer Schwester Ereschkigal gehört. Ereschkigal befiehlt Namtar, dem Wächter der Unterwelt, Ischtar am Tor ihres Schmuckes, ihres Gewandes und ihrer Insignien zu berauben. Damit verliert Ischtar ihre Macht und bedarf der Hilfe des Gottes Ea18, der sie mit einer List befreit und an die Oberwelt zurückholt. Ereschkigal aber fordert einen Ersatz. Daraufhin liefert Ischtar ihren Gemahl Dumuzi19 für eine bestimmte Zeit des Jahres an die Unterwelt aus.

Der offensichtlichen Kränkung zum Trotz war es für die Herrschenden attraktiv, sich mit Dumuzi zu identifizieren. Etliche Königshymnen vom Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. besingen die erotischen Qualitäten der Ehe zwischen König und Göttin.20 Zur ideologischen Legitimation irdischer Macht erwies sich diese Denkfigur als äußerst geschickt: Der König demütigte sich einerseits selbst, indem er sich mit dem scheinbar schwachen Dumuzi gleichsetzte.21 Das Volk mußte den König nicht direkt vergöttlichen, denn dieser Glaube wäre über die unausweichliche Sterblichkeit des Königs gestolpert. Andererseits konnte er sich als Gemahl der Göttin in sexueller Ekstase feiern lassen. Der Ischtar-Kult breitete sich ca. im Laufe des 15. Jahrhunderts v. Chr. bis in den Mittelmeerraum aus.

Das Verhältnis der Menschen zu den Göttern war keineswegs ungetrübt oder nur von Bewunderung und Anbetung erfüllt. Die Götter konkurrierten um Schönheit, Ansehen und Macht mit den irdischen Helden, deren Idealisierung sie verkörperten. In der symbolischen Auseinandersetzung zwischen Menschen und Göttern wurden auch schiefe Töne laut, mit denen die vermeintlich Schwächeren die vermeintlich Überlegenen in Mißkredit zu bringen trachteten. Der Verrat Ischtars an ihrem Ehemann ist das Thema zahlreicher altbabylonischer Klagelieder. Sie bildeten ein populäres Motiv, das auch in das Gilgamesch-Epos Eingang fand. Wie Ischtar sucht Gilgamesch die Unsterblichkeit, indem er die Unterwelt besiegen will. Wenn aber bereits die Voll-Göttin scheitert, so muß erst recht der Zwei-Drittel-Gott Gilgamesch scheitern. Im Epos beleidigt Gilgamesch die Himmelskönigin Ischtar als Hure, als sie, ihn bewundernd, um seine Hand anhält.

"Was hätte ich davon, wenn ich dich heiraten würde?
Du bist ein kohlebecken, dessen glut bei frost erlischt ...
ein schuh, der den fuß seines trägers nur wund scheuert.
Welchen deiner liebhaber hast du denn für lange geliebt?
Welcher deiner tapferen krieger kam in den himmel?
Komm, laß mich die geschichte deiner liebhaber erzählen:
Der, der krüge voller rahm auf seiner schulter trug ...
Dumuzi, den geliebten deiner jugend,
hast du jahr um jahr einen tag festgesetzt, wo wir um ihn klagen.
Den blauen eichelhäher, den du liebtest,
hast du geschlagen und ihm seinen flügel gekappt:
jetzt hüpft er im wald herum und schreit: kappi22, kappi!"
23

Gilgamesch zählt vier weitere Geliebte auf: den vollendeten Löwen, das heißblütige Pferd, den fürsorglichen Hirten und Hüter der Schafe sowie den Gärtner des göttlichen Gartens. Ischtar hat sie geliebt und nach kurzer Zeit geschmäht. Nun schmäht Gilgamesch sie. Daraufhin erst beschließen die Götter, auf Ischtars Geheiß, den Himmelsstier gegen Enkidu und Gilgamesch loszuschicken. Die beiden Helden besiegen und töten den Stier, die stärkste Waffe der Götter - gleichsam ein Sieg der männlichen Menschen über die höchste weibliche Gottheit und ein Symbol für den Sieg des Patriarchats. Um die Menschen zu bändigen, fordern Anu, Enlil, Ea und Schamasch - nunmehr höchster Rat der Götter -, daß einer der beiden, Enkidu, sofort sterben soll. Vor seinem Tod schimpft Enkidu über Schamchat, die ihn der Wildnis entwöhnte und zum Menschen machte.

"Komm, Schamchat, ich will dein los für dich bestimmen,
ein schicksal, wie das du für alle ewigkeit zu ertragen hast:
Ich werde dich mit einem mächtigen fluch verfluchen,
mein fluch soll dich jetzt und für alle zeiten treffen!
Niemals sollst du einen hausstand gründen, wie du ihn dir wünschst,
niemals inmitten einer familie dein leben verbringen!
Niemals sollst du in den harem junger frauen eintreten!
Daß deine schönen brüste abgestandenes bier besudle ...
Daß man dir deine verdreckte schambinde zum geschenk mache.
Denn du hast mich, der ich unbefleckt war, schwach gemacht!"
24

Der Vater des Jägers hatte Recht behalten: Gegen die Reize einer Frau kommen die mächtigsten Männer nicht an. In der Beschwörung der Reinheit und verlorenen Unschuld liegt die Verzweiflung eines Mannes, der sich seiner körperlichen und intellektuellen Stärke bewußt ist und zugleich um seine Ohnmacht weiß, wenn ihn eine Frau verführt. Es gelingt dem Sonnengott, Enkidu eines Besseren zu belehren, denn schließlich habe die Hure ihn göttlich empfangen. Daraufhin besinnt sich der Held und segnet die Hure - ein Ausdruck uralter Ambivalenz, die Männer gegenüber weiblicher Macht zwischen Verachtung und Idealisierung schwanken läßt.

Enkidu hörte die worte des heldenhaften Schamasch;
er überdachte sie und sein zorniges herz wurde ruhig,
er überdachte sie und sein wütendes herz wurde ruhig:
"Komm, Schamchat, ich will dein los für dich bestimmen!
Mein mund, der dich verfluchte, soll dich nun auch segnen!
Statthalter sollen dich lieben und fürsten auch!
...
Ischtar, die geschickteste der göttinnen, soll dir eintritt verschaffen
zu dem mann, dessen haus mit reichtümern angehäuft ist!
Für dich soll er seine erste frau verlassen, und sei sie mutter von sieben kindern!"
25

Vielmännerei ist ein Hauptthema des Gilgamesch-Epos. Wird sie erst zur moralischen Herabwürdigung und Denunziation behauptet - ein Zeichen des entwickelten Patriarchats, das die Kontrolle über Frauen und deren Sexualität für sich beansprucht - gesteht Enkidu der Frau ein Recht auf lustvolle Sexualität zu, gepaart mit Wohlstand, den sie freilich einem Mann verdanken solle.
Die sumerischen Götterpaare entsprechen nicht dem Bild, das später von der patriarchalen Familie Babyloniens überliefert ist. Außer den zitierten Passagen des Gilgamesch-Epos und einer juristischen Tontafel aus der Zeit um 2350 v. Chr., auf die ich noch zu sprechen komme, sind keine Zeugnisse bekannt, ob im urzeitlichen Sumer polyandrische Verhältnisse verbreitet waren. Tempelprostitution ist ein literarischer Mythos. Inwiefern Polyandrie zwangsläufig mit einer matriarchalen - oder matrilinearen? - Gesellschaftsform einherging, muß ebenso offen bleiben. Die Frage entspringt einem Denken, das im neuzeitlichen Diskurs vom Geschlechterkampf befangen ist. Vermutlich bestand eine Vielfalt familialer Formen nebeneinander, darunter auch polygame und polyandrische. Letztere gerieten in Verruf mit der Durchsetzung des Patriarchats.

IN DIE NASE BEISSEN KOSTET GELD, VERFÜHRUNG KOSTET DAS LEBEN
Die ältesten bislang gefundenen Fragmente von Gesetzestafeln des Zweistromlandes - die Reformen des Königs Urukagina26 von Lagasch, der Kodex des Ur-Nammu27, des Begründers von Ur III - stammen aus der zweiten Hälfte des 3.vorchristlichen Jahrtausends. Die Rechtssammlungen von Urukagina und Ur-Nammu weisen eine ähnliche Struktur wie der spätere Kodex Hammurabi auf: Der Herrscher preist sich als Schützer der Rechte von Armen, Witwen und Waisen, beschränkt Eingriffe der zur Selbstherrlichkeit neigenden Obrigkeit, erleichtert die Abgabenlast, hebt Schulden auf und verspricht dem Volk Freiheit. Urukagina rühmt sich, nicht nur die Korruption der Beamten und Tempeldiener beseitigt, sondern auch Dieben, Wucherern und Mördern das Handwerk gelegt zu haben. Im Eherecht verkündete er die Abschaffung der Polyandrie, die ursprünglich in Sumer üblich gewesen sein soll.28 Davon zeugt folgendes Fragment:

"Die Frauen früherer Tage hatten zwei Ehemänner. Diesen Greuel habe ich beseitigt. Heute werden derartige Frauen dafür gesteinigt, mit Steinen, auf denen derartige Schandtaten geschrieben stehen. Wenn eine Frau zu einem Mann ... [unleserlich], werden ihre Zähne mit gebrannten Ziegeln gerieben, und diese Ziegel werden im großen Stadttor [wo das Gericht tagt] aufgehängt."29

Urukagina treibt dem Volk die Polyandrie mit einer Härte aus, die im altorientalischen Rechtsverständnis einmalig ist. Bei Körperverletzung fällt das frühe Strafrecht dagegen milde aus: Es verhängt lediglich eine Geldbuße.30 Räuber und Mörder werden als Sklaven der Familie des Opfers übereignet.31 Für Ehebruch fordert Ur-Nammu wie Urukagina die Todesstrafe für die Frau, wenn auch in der Ausführung weniger brutal:

§4 Wenn die Ehefrau eines Mannes durch ihre Reize einen anderen verführt und mit ihm geschlafen hat, wird man die Frau töten, der Mann aber wird freigelassen.32

Dieser Spruch symbolisiert die patriarchale Herrschaft und ihr Interesse an der Treue der Ehefrauen, die als Eigentum des Mannes betrachtet wurden. Von der Treue der Ehefrau hängt die Rechtmäßigkeit des Nachwuchses in der patrilinearen Familie ab. Falsche Anschuldigungen werden mit einer Geldbuße in Silber geahndet.33

In der dritten und letzten sumerischen Dynastie begann, was im Zweistromland zur Regel wurde: die vertraglich fixierte, schriftlich kodifizierte Sicherung von Ansprüchen. In der Serie ana ittišu34, einer Sammlung von Übungstexten für Kopisten, tauchen unter anderem sechs "Familiengesetze" auf, die das Verhältnis der Geschlechter und der Generationen in der Übergangszeit um 2000 v. Chr. beschreiben. Danach wird das Verlöbnis zwischen einem Mann und einer Frau von deren Vätern ausgehandelt. Eine Frau, die gegen ihren Gatten Abscheu empfindet und sich von ihm trennen will, wird in den Fluß geworfen.35 Ein Mann hat der Frau, von der er sich trennt, nur eine halbe Mine Silber zu zahlen.36 Trotz dieser Asymmetrie galt die Frau in Mesopotamien als rechtlich und wirtschaftlich eigenständig.37 Sie durfte über eigenen Besitz verfügen und Verträge abschließen. Allerdings waren ihr nicht alle Berufe zugänglich, beispielsweise war es ihr verwehrt, Schreiber zu werden. Damit blieb ihr zugleich der Zutritt in die Verwaltung versperrt. Die Frau hatte Rechte, aber blieb ohne Einfluß.
Noch in sumerischer Sprache verfaßt sind die Rechtssprüche des Königs Lipit-Ischtar38 aus Isin, die der Gliederung nach ebenfalls dem Kodex des Hammurabi ähneln.39

"Wie weit dieser Codex den Codex Hammurabi beeinflußt hat, kann nicht mit Sicherheit beantwortet werden. Einerseits hat der Codex Hammurabi keine Bestimmungen des Codes Lipit-Ischtar wörtlich übernommen, andererseits lassen viele inhaltliche Übereinstimmungen erkennen, daß der Codex Hammurabi vom Codex Lipit-Ischtar viele Anregungen empfangen hat."40

In einem Prolog beruft sich König Lipit-Ischtar auf die Götter Anu und Enlil, die ihn eingesetzt hätten, damit er Sumer und Akkad Gerechtigkeit bringe. Als Epilog beschließt eine Selbstpreisung des Königs die Spruchsammlung.  Von den einzelnen Bestimmungen, die auch familienrechtliche Fragen betreffen, ist etwa ein Fünftel erhalten geblieben. Wie schon in der spätsumerischen Zeit darf sich die Ehefrau nicht selbst scheiden lassen. Ihr Vater kann jedoch die Auflösung eines Verlöbnisses bewirken, indem er den doppelten Brautpreis an den künftigen Schwiegersohn zurückzahlt (§34 CL). Der Ehemann dagegen darf seine Frau jederzeit und ohne Angabe von Gründen verstoßen. Heiratet er eine zweite Frau, so ist er zum Unterhalt der ersten verpflichtet.

Anmerkungen und Quellen:
1 sumerisch: "Getreide"
2 sumerisch: "scheckige Gerste"
3 In den ältesten Nennungen auch "Bilgamesch": "der Alte ist ein junger Mann" (Rollinger 2001, S. 286), vgl. Laozi (chin.): "der alte Meister", "das alte Kind".
4 "der Alles in der Tiefe sah"
5 "der Außergewöhnlichste aller Könige", Überlieferung: Pennsylvania-Tafel, Yale-Tafel, Sippar-Tafel (Meissner-Fragment und CT 46/16)
6 Gilgamesch und Agga von Kisch; Gilgamesch, Enkidu und die Unterwelt; Gilgamesch und der Himmelsstier, Gilgamesch und Huwawa, Tod des Gilgamesch
7 "Mondgott Sin, nimm mein Gebet an", in mythischer Verklärung auch als der erste Weise nach der Sintflut bezeichnet, lebte zwischen 1300 und 1100 v. Chr.
8 Gilgamesch I.30, Übersetzung hier und fortfolgend: Schrott 2001, S. 178 ff.
9 Gilgamesch I.85-91
10 Gilgamesch I.138-141
11 akkadisch: "die Wollüstige, die Üppige"
12 Gilgamesch I.188-200
13 Gilgamesch II.55 (Pennsylvenia-Fragment)
14 Ischchara: Raoul Schrott (S. 270) identifiziert sie mit Ischtar. Wolfram von Soden (S. 28) erkennt in ihr nur eine Göttin, die mit Ischtar verwandt ist.
15 Gilgamesch II.108-112
16 auch: Ištar, sumerisch: Inanna, akkadisch: Ischchara, hurritisch: Šawoška
17 Haas 2002, S. 104
18 sumerisch: Enki, Gott des Süßwasserozeans, der listenreichste unter den Göttern
19 "der rechte Sohn", in der Bibel: Tammuz (Ez 8.14)
20 Das heißt aber nicht, daß es tatsächlich auch zu Akten ritueller geschlechtlicher Vereinigung von König und Ischtar-Priesterin gekommen sein muß, wie James G. Frazer glaubte. Es handelte sich lediglich um ein literarisches Motiv.
21 vgl. DDJ 39 und 42: "Daher dient dem Edlen das Gemeine als Wurzel, dient dem Hohen das Niedrige als Fundament. Darum sprechen die Fürsten und Könige von sich selbst als verlassen, bedürftig und unwürdig."
22 kappi: "o mein Flügel"
23 Gilgamesch VI.32-50
24 Gilgamesch VII.101-130
25 Gilgamesch VII.148-161
26 um 2350 v. Chr.
27 2050 - 2030 v. Chr.
28 Edzard 1965, S. 84; vgl. Gilgamesch-Epos
29 Urukagina, nach: Abrahamsohn 2000, S. 53
30 §§15-19 CU, ebenso §42 CE
31 Falkenstein 1956, nach: Abrahamsohn 2000, S. 117
32 Kodex Ur-Nammu, nach: K. Abrahamsohn 2000, S. 67
33 §11 Kodex Ur-Nammu
34 Winckler 1904, Landsberger, S. 101, Abrahamsohn 2000
35 Serie ana ittišu, nach: Abrahamsohn 2000, S. 90
36 Serie ana ittišu, nach: Abrahamsohn 2000, S. 91
37 Ditilla-Urkunden, nach: Abrahamsohn 2000, S. 95
38 1885 - 1875 v. Chr.
39 vgl. Lutzmann 1982, S. 23 ff.
40 Abrahamsohn 2000, S. 130


Inhaltsverzeichnis:

Der verlorene Ursprung 

Woher kommt die Vormacht der Männer?
Ursprünglich herrschte Polyandrie
In die Nase beissen kostet Geld, Verführung kostet das Leben
Privateigentum gebiert Einsamkeit
Kodex Hammurabi - orientalisches Leitbild
Ein Stein, der Klarheit schafft
In den Fluss gehen
Gleichheit, Gerechtigkeit, Talion
Die Ehe ist eine Eigentumsfrage
Die Ehe ist gelebte Sexualität
Erste Verkopplungen von Ehe- und Strafrecht
Ehe und Ehebruch sind Privatsache
Frauen- und Kinderschutz sind im öffentlichen Interesse
Inzest ist eine Frage des Zeitpunkts
Mittelassyrische Vergröberungen: Er gibt ihr, wenn er will

Deuteronomistische Reinheitsgebote

Josias Erfindung des einzigen Gottes
Was von widerspenstigen Söhnen zu lernen ist
Woher kommen die Israeliten?
Heiratspolitik als Geschichtsmetapher
Geschichte und Geschichtsschreibung unter Josia
Rechtliche Folgen des Monotheismus
Reinheit als Strafmotiv
Es gibt keinen Menschen, der nicht sündigt
Lass nicht zweierlei Art sich paaren
Die deuteronomistische Variante der Talion
Hammurabi versus Deuteronomium
Er soll sie zur Frau haben, weil er ihr Gewalt angetan hat
Wer ihrer überdrüssig wird, gebe ihr den Scheidebrief
Novellen: Blutschande und Schamverletzung

Stadtbürgertum und Fremdenfurcht

Attische Exklusionen
Beschneidung der Demographie zugunsten der Demokratie
Mitgift, Brautbad, Hochzeitsnacht
Wer mit wem - das ist die Frage
Was geschah mit Ehebrechern in Athen?
Familien- und Strafgesetze im vorchristlichen Rom
Ehebruch ist kein Delikt
Nach Augustus hat der Gehörnte Pflichten
Wer sich nicht mehren will, der wird dazu gezwungen
Verfahrensweisen: C, A, N. L.
Ringsum Mauern, nach oben abgedeckt

Verschärfungen der romantischen Liebe

Fleischliches Gesetz, geistliche Gnade
Negative Selbstreferenzen definieren das Christentum
Jesu Stellung zum Gesetz
Fragen der Echtheit
Spaltungen an der Frage des Rechts
Wozu kleine Tode nützlich sind
Die Verrückung der ethischen Imperative
Dionysos als Bruder Jesu? Ein Ausblick
Christliche Geringschätzung der Ehe
Eine folgenreiche Zeitverschiebung
Zeitweilige Gleichrangigkeit der Geschlechter
Wer eine Geschiedene freit, bricht die Ehe
Schätzte Jesus Vater und Mutter?
Die heilige Abwesenheit des Vaters
Die Opferung der Familie zugunsten des Widerstands
Die Utopie des unschuldigen Richters
Gnade der Talion
Wer soll uns richten?
Legalistische Parallelen
Ein frühchristliches Grundsatzurteil
Doppeltes Spiel
Wiedereinsetzung der Generalprävention
Die Verschleierung der Talion im Himmelreich
Tatbestände gegen die Seligkeit
Das jüngste Gericht und der Geist der Wahrheit

Juristische Moralisierung der Sexualität

Wie das Christentum dem Imperator diente
Ehrgeizig, machtbewusst, sittenstreng
Die Instrumentalisierung der Kirche
Die Ehe entehrt den Priester
Was Justinian von der Familie hält
Der Vater hat kein Recht, allein zu entscheiden
Gnade dem, der sich bessert
Keuschheit und Lust
Erst Ausschweifung, dann Enteignung
Wer die heilige Ehe zerstört ...
Unschuldige Mädchen
Schlimmer als Mord
Exkurs: Sexualstrafen außerhalb Roms
Ungewöhnliche Sexualpraktiken
Steht die Ehe höher? 
Sanktionen für die Polygamie
Naturkinder und Bastarde
Kümmert euch um die Kinder

Tarifbuße und Reformation

Die Verschmelzung überlieferter Rechtstraditionen
Ehelich beygelegen
Statt Scheidung: Trennung von Bett und Tisch
Buße und Beichte
Wie es gelang, eine unmögliche Sexualmoral durchzusetzen
Keuschheitssünden
Die Erfindung der Beichte
Tarifliche Regelungen
Die Zauberinnen sollst du nicht leben lassen
Leibeigenschaft und der Mythos von der ersten Nacht
Die Rede vom Herrenrecht
Antike Sklaven lebten glücklicher
Gebühren für die Freiheit
Der Fisch schlüpft durch Löcher
Frühe Proteste
Die Unschuld der Sünde
Halbherzige Rehabilitation der körperlichen Liebe
Der Papst kann das Dickwerden nicht verbieten
Immer sind die anderen schöner, klüger und gesünder
Protestantische Schandtaten
Knüttel, Flegel und ausgezogene Messer
Der Papst ist schuld, er findet keine Antworten

Abkürzungen 
Literatur
Register

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