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Kalinke, Viktor: Empörte Flut

ISBN:
978-3-86660-080-7
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Roman. Mit Tuschezeichnungen von Christiane Werner

Eine apokalyptische Sintflut, die Westeuropa unter Wasser setzt, ereilt die Helden dieses Romans während einer Urlaubsreise: Herrn Klopsig und die adlige Kunstliebhaberin Frau Edelsüß verschlägt es nach Berlin, wo die Flut an der ehemaligen Zonengrenze stoppt - ein Ereignis, das von der Regierung zum Anlaß genommen wird, die LIBERALE DIKTATUR auszurufen. Nicht nur Rauchen und Autofahren, sogar das Fallenlassen von Papier auf Sandwegen wird bei Strafe verboten. Herr Klopsig und Frau Edelsüß erleben eine Welt, in der Europa halb überflutet, Afrika zu einer Stätte der Hochkultur und Rußland erneut zur Weltmacht aufgestiegen ist. Mit wachem Möglichkeitssinn und voller Witz lotet Viktor Kalinke den Spielraum zum Zusammenleben nach einer zukünftigen Apokalypse aus.

Viktor Kalinke: geb. in Jena, Studium der Psychologie und Mathematik in Dresden, Leipzig und Beijing, Kreativitäts-Preis der Hans-Sauer-Stiftung, Mitbegründer der Edition + Galerie Erata, Promotion, Professur, lebt in Leipzig.

 "Und da das alles immerfort ineinander spielt, die Katastrophe des einen Kapitels im nächsten schon wieder in ein nächstes Abenteuer mündet, darf der Leser sicher sein, dass er ziemlich bald die Fäden verliert und durch die Erlebnisse der Beiden fährt wie durch eine Achterbahn. Eine echte Burlesque..."
Liebe in Zeiten der Weltuntergänge: Empörte Flut - Rezension von Ralf Julke ...


Leseprobe:

Geschwisterliebe

Frau Edelsüß war eine blonde Frau und etwas dunkelhäutig. Mitunter ärgerte sie sich über ihr natürliches Blond und färbte sich die Haare schwarz. Dann wirkte sie arabisch oder kau­kasisch. Sie war jünger als Herr Klopsig und mit puber­tärer Lust ausgestattet. Die beiden flogen mit bloßen Armen durch die Lüfte, indem sie sich am Ellbogen einhakelten und mit der je freien Hand durch die Wolken paddelten. Wo sie landeten, be­fanden sich weit ausgestreckte Barockgärten mit Was­ser­spielen, Hecken, Labyrinthen. Doch sie hatten es nicht nötig, sich zu verstecken. Sie liebten sich auf offener Wiese. Ihnen war, als könnten sie viele andere einladen, sie zu begleiten, und dennoch würden sie sich nicht verlieren. Wenn sie schlechte Laune hatten, nannten Herr Klopsig und Frau Edelsüß ihr Verhältnis Liebe ohne Grenzen, wenn sie gute Laune hatten, nann­ten sie es gren­zenlose Liebe.

Die narzistische Falle

Vor den Gemälden Menzels stehend, flüsterte Frau Edelsüß ins Ohr von Herrn Klopsig, er hindere sie am geistigen Ar­beiten. Ein interessanter Fall, dach­te Herr Klopsig, der seiner Gestalt nach zwar etwas unförmig, vom Verstand her dafür nicht weniger scharf war. Er arbeitete bei der Bahn, als Dispatcher. Doch damit sollte es nicht mehr lange wei­ter­gehen.

Frau Edelsüß war in letzter Zeit etwas abgemagert. Die übrigen Besucher der Galerie rückten auf Ab­stand zu den bei­den. Die Bilder verdunsteten, graues Leinen zurück­lassend. Ihr geistiges Sein: Wohl erkannte er ihr Ringen um Ab­he­bung vom Alltäglichen, ihr Ringen um Abstraktion – sie abstrahierte von der Not, sich zu ernähren; von der Not, mit anderen Menschen zu sprechen. Herrn Klopsig be­rührten ihre Mager­keit und ihr Schweigen. Sie er­nähr­te sich ängstlich, von Zigaretten, Kaffee, manchmal einem Apfel. Es schien, sie wol­le abmagern, um in be­stimm­ten Augenblicken nicht gesehen zu werden. Sie sprach, als kränk­ten sie ihre eigenen Worte, als bedeuteten sie eine Festlegung, vor der sie zu­rück­scheute, die niedere Realität aber, der not­ge­drun­gene Umgang mit ihr, ließe kein Aus­weichen zu.

Es lastete ein Fluch auf ihrem Sprechen: Sie glaubte, weniger sagen zu können, als sie dachte. Sprach­li­chen Solipsismus nannte sie das. Herr Klopsig wußte, daß es nicht stimmte. Nur Fremden gegenüber ver­mied sie gestischen Aus­druck. Ge­sicht, Kör­per, Bewegung blieben ausgespart, wenn sie sprach. Sie weinte trocke­nen Auges. Ihre Magerkeit, ihr Schweigen, ihre Fremdheit im Ir­di­schen, ihre Scheu und Flüchtigkeit, ihr gelles Kichern rührten und berührten Herrn Klopsig. Nähe war nötig, um die Gleichgültigkeit der Buchstaben zu über­win­den.

Fremden erschien Frau Edelsüß von bitterem Charakter. Sie täusch­ten sich. Einen gab es, der geeignet war, sie zu erken­nen, er wuchs ihr ans Herz. Menzels fiktive Wirk­lichkeit kehr­te auf die mit Leinen be­spann­ten Rahmen zurück, Muskeln der Stahl­ar­beiter, Flöten­kon­zer­te am preußi­schen Hof. Sie halfen den beiden aus der narzi­sti­schen Falle heraus. 


Das neue Zeitalter

Ein neues Zeitalter hatte begonnen. Niemand hatte daran gedacht, doch nun war es da. Wie konnte es geschehen? Zu­erst kam die Sintflut. Nicht die biblische, sondern die neu­zeit­liche Überflutung ganz West- und halb Mittel­euro­pas. Auf dem verbleibenden Festland wurde das Autofahren verboten. Die Leute nahmen es hin und bastelten fortan an ihren Booten und Surfbrettern herum, glaubten, das wäre alles. Herr Klopsig ar­beitete bei der Bahn, dort genoß er freie Fahrt auf allen Strecken, die von der Sintflut verschont geblieben waren. Das Auto­ver­bot berührte ihn nicht, im Gegenteil, er be­grüß­te es. Die Re­gierung fühlte sich ermutigt.

Als nächstes knöpfte sie sich das Trinken vor. Nein, die Zustände der Prohibition kehrten nicht wieder: Es gab keinen Widerstand, keinen Untergrund. Gering alko­ho­lische Ge­tränke wie Bier und Wein blieben legal – verboten wurden De­stillate. Die Leute waren so gesättigt und schwach, be­schäf­tigt mit ihren davon schwim­menden Eigen­tums­wohnungen und Liebesgeschichten, daß niemand auf die Idee kam, Schwarz­brennereien zu gründen, um den Stoff für noch mehr Geld zu brennen. Es wäre eine phan­ta­stische Um­ver­tei­lung geworden. Neue proletarische Kreise wären zur Elite aufgestiegen, erst in der Mafia, dann in der Regierung. All das blieb aus.

Statt dessen beschlossen die Oberen, schamlos mutig, das Fallen­lassen von Papier auf die Sandwege unter Strafe zu stellen. Was wäre ein Gesetz ohne Strafen anderes als ein horn­loses Nashorn? Binnen eines Jahres folgte die Wieder­ein­führung der Todesstrafe. Die Leute jubelten. Die Todes­strafe wollten sie schon immer zurück haben. Endlich wie­der Köpfe rollen sehen. Die Todesstrafe – gepaart mit dem universellen menschlichen Bedürfnis nach Sauberkeit und Ord­nung – entsprach vollkommen dem Volkswillen. Von we­gen, De­mo­kra­tie und Diktatur seien Gegensätze. Diktatur erschien den Machthabern als der voll­­endete Ausdruck der De­mo­­kratie: sie war unverstellt und schran­kenlos. Eine neue Verfassung wurde verabschiedet: die Ver­fassung der liberalen Dik­tatur.

An den gebohnerten, im staubigen Sonnenlicht glän­zen­den, menschenleeren Sandwegen war zweifelsfrei zu er­ken­nen, daß das neue Zeitalter ausgebrochen war. An den Gullydeckeln wurden Soldaten mit Maschinengewehren postiert, die darüber wachten, daß niemand eine Zigarettenspitze oder ein Pa­pier­taschentuch hineinwarf. Die kleinste Verunreinigung konnte zu einer Verstopfung im Kanal­system und einer erneuten Überflutung Berlins führen. Das Rauchen im öffentlichen Raum hatte die Regierung im übrigen schon vor der Sintflut unter Strafe gestellt. Die Zü­ge und Schiffe füllten sich mit Ge­set­­zes­brechern, das heißt die Güter­züge und die Con­tai­ner­­schiffe.

Der Bahnhofs­vor­ste­her, ein alter Schul­kamerad von Herrn Klopsig, ihm seit langem als freund­licher Arbeits­kollege vertraut, lächelte. Jetzt hatte er endlich alle Hände voll zu tun. Herr Klopsig lächelte zurück, dachte, er könne, indem er ihm helfe, das System unterminieren. Herr Klopsig sah die furcht­samen Gesichter in den Öffnungen und Ritzen der Waggons. Die lächelnde Visage des Bahn­hofwarts. Die ge­spen­stisch glän­zenden leeren Straßen.

Zur Demokratie gehörte der Dreck, er zeugte vom Leben. Der Tod hatte keine Zeugen. Nur den Bahnhofswart, der die Weichen so stellte, daß die Waggons direkt in den Schlund des Verbrennungsofens hineinrollten. Und Herrn Klopsig, der mitmachte, um zu protestieren, zu sabotieren. Aber da­raus wurde nichts.

Einmal, als der Bahnhofsvorsteher eingeschlafen war, stell­te Herr Klopsig die Weiche um und manövrierte den Zug auf ein Abstellgleis, hoffte, daß die zahlenmäßig über­legene Meute der zum Tode verurteilten Sandweg­be­schmut­zer aufbegehren würde. Statt dessen blickte sie furcht­sam, in Schreckstarre, durch die Ritzen im Holz und nichts geschah. Sie fragten demütig, wann die Fahrt weiter­gehen würde.

Ehe Herr Klopsig sich versah, hatte ein Ge­heimdienstler den Mißstand erkannt, war hinzugeeilt, lotste den Waggon in den Orkus und feuerte Herrn Klopsig von sei­ner wun­der­baren Arbeitsstelle als Dispatcher bei der Bahn. Beinahe wäre er selbst vorm Tribunal gelandet und verurteilt worden. Diesmal hatte er Glück.

Später erzählte Herr Klopsig, wenn er nach dem Grund seiner kurz­zeitigen Arbeitslosigkeit gefragt wurde, er habe seinen Beruf bei der Bahn wegen der Sintflut verloren. Was nur halb stimmte. Tatsächlich fuhren die Züge nach der Sint­flut lediglich in Richtung Rußland. Im übrigen Europa wa­ren die Bö­den zu sumpfig geworden. Herr Klopsig hätte ohnehin seinen Be­ruf bei der Bahn aufgeben oder nach Osten umziehen müs­sen. Bald schon hatte er sich eine neue Existenz­grund­lage ge­schaf­­fen.

Hotel Berlin

In Berlin erwarben Herr Klopsig und Frau Edelsüß die Kon­zes­­­sion zum Verkauf märkischer Weine am Märkischen Markt. Noch nie hatte sich jemand darum be­worben, die meisten Wirte handelten mit Bier. Jetzt, nach der Sintflut, war die Bewilligung besonders günstig zu ergattern. Zur Über­nach­­tung wählten Herr Klopsig und Frau Edelsüß das Mär­kische Hotel. Über­haupt schien die Mark nun zur führenden Wirt­schafts­region halb Mittel­euro­pas aufzusteigen, denn der Rest hatte mit dem Aufpusten von Gummibooten und dem Füllen von Schöpf­­eimern genug zu tun.

Vorsichtig betraten die beiden das Hotelzimmer. Auf­grund der Flut­welle, die zugleich eine Flucht­welle ausgelöst hatte, wur­den in sämtlichen Hotels, un­ab­hängig von der Stern­chen­zahl, alle Zimmer doppelt belegt. Das Wasserblaue Kreuz stellte die erforderlichen Liegen und Pritschen zur Ver­fügung. Das Zimmer von Herrn Klopsig und Frau Edelsüß war schon belegt, nach der neuen Regelung also erst zur Hälfte. Ein Mann und eine Frau hatten sich im Doppelbett eingenistet. Für Herrn Klopsig und Frau Edelsüß blieben zwei Matten auf dem Fußboden übrig. Alles schien bestens, es paßte genau, man würde sich schon vertragen.

Herr Klopsig schritt vor den Spiegel, um sein Haar zurechtzuzupfen. Frau Edelsüß stand hinter ihm, umschlang mit verliebten Augen seine Schultern. Wechsel. Sie stand vorm Spiegel und zupfte sich zurecht, er umschlang von hinten ihre Hüften, streichelte ihre Schulterblätter unter der karierten Bluse. Sie lächelte. Der fremde Mann wandte sich verlegen ab. Er war mittleren Alters, hochgeschossen und trug einen strengen Scheitel. Herr Klopsig und Frau Edelsüß versuchten, die anderen beiden kennen­zu­lernen. Vielleicht waren sie bereit zu ge­mein­sa­men Spielereien? Wenn ringsum die Welt unter Wasser stand, mußte man sich etwas Gutes tun. Herr Klopsig lehnte am Waschbecken, Frau Edelsüß, im rechten Winkel zu ihm, ging auf Distanz und suchte wortlos die Nähe des strenggescheitelten Mannes. Sie lächelte. Schein­bar verlegen, tatsächlich ver­wegen.

Die andere Frau sagte: „Ich dachte, ihr seid ein Pärchen.“ Frau Edelsüß schüttelte den Kopf. Das konnte alles hei­ßen.

Die Concierge trat ein und flüsterte den beiden anderen etwas zu. In Windeseile packten sie ihre Sachen und ver­schwan­den. Frau Edelsüß rannte dem fremden Mann hinter­her. Herr Klopsig rannte Frau Edelsüß nach. Durch den Flur des Hotels, um die Ecke. Frau Edelsüß tauchte hinter einer Seiten­­tür ins Dunkel. Herr Klopsig lief geradeaus weiter. Ge­lang­­­te in einen Saal mit Säulen, in die Disco-Sauna: zahllose Män­ner und Frauen tanzten nackt zu einer ma­schi­nen­haft rhythmischen Musik. Sie setzten die Schritte, als hät­ten sie das schon oft getan, jeder für sich, ohne Berührung. Jemand flitzte durch die Reihen, vielleicht Frau Edelsüß, vielleicht jemand anderes. Herr Klopsig konnte im ver­ne­bel­ten, schumm­rigen Disco-Saunalicht kaum etwas erkennen. Eine Auf­sichts­­dame in Gummischuhen ver­suchte, den Störenfried mit einem Stöckchen auf die Schulter zu klopfen.

Herr Klopsig kehrte um, ging hin­un­ter auf die Straße. Frau Edelsüß war ihm ent­schwunden. Sie würde schon wiederkommen. Liebe ohne Grenze schert sich nicht um Schwänze, dachte er beinahe heiter, von einer poetischen Muse geküßt. Trotz ihrer ge­legentlichen Amouren hatten sie sich nie getrennt. Es war eine Art katholisches Schei­dungs­verbot, das die beiden lebten – obwohl sie, wie der aufmerksame Leser weiß, niemals be­ab­sich­tig­ten, ein­ander zu heiraten. Herr Klopsig hätte sich beruhigen können.

Am Märkischen Markt stieß er auf seinen Verkaufsstand „Märkischer Wein“. Schiffe voller Flücht­linge hielten hier und alle woll­ten sich erfrischen und stärken, die vergangenen Strapazen vergessen. Was hilft da besser als Wein? Herr Klopsig über­legte, ob er ihn nicht als Marke anmelden sollte: Mär­kischer Wein am Märkischen Markt. Ob dies noch nötig war in der heutigen Zeit? Herr Klopsig schritt an der Ware vorbei, begutachtete die schlichten Reklame­schil­der, auf denen die mär­kische Weinqualität gepriesen wurde und dachte: Siehe, jetzt sind wir in Berlin, wir haben es geschafft!

An der nächsten Straßen­biegung traf Herr Klopsig die andere Frau, die aus dem gemeinsamen Hotel­zim­mer davon­gerannt war. Sie hockte ebenfalls an einem Stand. Es war ein um­funk­tio­nier­ter Tapeziertisch, auf dem sie ihre Pros­pekte und Körb­chen ausgebreitet hatte. Herr Klopsig konnte nicht erkennen, was sie feilbot. Sie beugte sich über den Tapeziertisch, als wollte sie Herrn Klopsig etwas zeigen. Ihre Brüste schwappten über den Aus­schnitt. Herr Klop­sig spürte, wie ein klar de­fi­nier­tes Verlangen in ihm an­schwoll. Er beging den Fehler, seinen Blick von den Brü­sten abzuwenden und der Frau ins Ge­sicht zu sehen. Er fand es unansehnlich. Sie war eine Hexe.

Rasch lief Herr Klopsig zurück an seinen Stand und küm­merte sich um die zahlreichen durstigen Kunden. Von Frau Edelsüß und dem strenggescheitelten, hochgeschossenen Mann erblickte er keine Spur.



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