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Pacheco, Luiz: Gemeinschaft

ISBN:
978-3-86660-264-9
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Erzählung, zweisprachig Portugiesisch - Deutsch
Aus dem Portugiesischen von Nicole Cyron
Mit Zeichnungen von Marion Quitz


Luiz Pacheco war ein leidenschaftlicher und polemischer Literaturkritiker, Verleger und Schriftsteller. Er wollte die Taue, die das freie Denken, die Literatur und die Kunst an einen Anker gebunden hatten, zerfetzen. Er war das Messer, und das Meer war der Lebensraum für einen freien und ehrlichen  Ausdruck. Die dafür notwendige Zerstörung von etablierten Regeln und Moralvorstellungen blieb keine Philosophie, war nicht visionär, sondern die Essenz einer Logik, die er alltäglich lebte. Er brachte die (un)mögliche Freiheit eines Menschen zum Ausdruck. Gemeinschaft wurde 1964 im Küstenort Setubal verfasst. Pacheco lebte zu diesem Zeitpunkt in kolossaler Armut. Schreibend wütet er. Verantwortungsgefühl gibt es nicht, ebenso wenig Scham oder Treue. In eindringlicher Prosa schildert er seine derzeitige Situation, die aus einem Bett besteht, das er mit Maria Irene, Schwester der Frau, mit der er vorher zusammengelebt hatte, und drei Kindern teilt, wobei zwei aus der vorherigen Bindung stammen. Im Licht einer Nachttischlampe umgeben von vier Körpern beschreibt er weißes Papier mit roter Tinte.

Luiz Pacheco (1925-2008): geb. in Lissabon, Studium der romanischen Philologie (ohne Abschluss), Literaturkritiker, Schriftsteller, Übersetzer, 1950 Gründung des Verlags „Contraponto“, scharfer Kritiker intellektueller Unredlichkeit und des Nepotismus in der Kultur während und nach der Salazar-Diktatur, erklärter Libertin.

Nicole Cyron: geb. 1971 in Hannover, Studium der Übersetzungs­wissenschaft in Lissabon, Masterstudium  Romanistik in Leipzig (noch nicht abgeschlossen), Übersetzungen: Lissabonner Dichter (Anthologie, hrsg. mit Ana Maria Delgado), Der Dichterhut von Fernando Pessoa.

Marion Quitz: geb. 1969 in Burg, Besuch der sorbischen Oberschule, Studium der Malerei bei Sighard Gille, der Konzeptuellen Kunst bei Jochen Gerz und der Neuen Medien bei Alba d’Urbano an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. www.quitz.de


Leseprobe:

Ich strecke den Fuß aus und mit der Ferse berühre ich eine warme und weiche Wange; ich drehe mich auf die linke Seite mit dem Rücken zum Licht der Lampe; ein ruhiger und sanfter Atem haucht mich an; ich mache eine zufällige Geste im Dunkeln und die Hand, unwillkürliches Greifwerkzeug aus Fingern, Puls, klopfendem Blut, fällt auf eine nackte, weiche Brust oder ein Baby-Köpfchen mit einem schwarzen Haarbüschel auf dem Scheitel der Glatze und einer pulsierenden Fontanelle; wir atmen uns gegenseitig in den Mund, tauschen Arme und Beine, Ausdünstungen miteinander, für­ein­­ander, so aneinander geschmiegt, so eingewickelt und ver­wickelt in dieselbe Wärme, als ob unsere Venen und Arterien das­selbe zir­kulierende Blut transportierten, in demselben belebenden Saft still im Takt klopften.

Das ist ein mächtiges Tier, ein gefräßiges Tentakeltier, das jetzt schlafend seine Arme und Beine wie ein Tintenfisch um sich wirft, ich sage: Ein exzentrischer Tintenfisch ohne Kopf in der Mitte, ohne ein bestimmtes (natürliches) Gefüge; ein großer un­för­miger Kör­per, der aus verschiedenen Mündern atmet, ruht (ver­las­sen) und schläft, seufzt, stöhnt. Manchmal wimmert er. Nicht alles ist sichtbar, sondern steckt in Kleidung oder bricht teilweise aus ihr hervor. Es ähnelt (ich denke, es ähnelt) einer Ex­plo­sion, die eine Gruppe von innehaltenden Menschen getroffen hat und was jetzt dort ist, sind Reste verstümmelter Körper: Ein Kin­der­bein­chen, ein nackter einziger Arm, eine geschlossene Faust (ein Auf Wie­der­­sehen?... eine Drohung?...), ein von einem zer­knit­terten weißen Hemd kaum bedeckter Oberkörper. Oder es könnte viel­leicht auch ein plötzlicher Erdrutsch gewesen sein, eine Lawine aus schmut­zigem Schnee, der uns alle bedeckte, zufällig, teilweise, und dort  blieben wir, still und pulsierend und warten, still und zu­ver­sichtlich, auf die unwahrscheinliche, immer (und die Stun­den ver­ge­hen!) unwahrscheinlichere, ungewisse Rettung, war­ten auf das Licht von morgen, das stets kommt, das letzt­endlich immer kommt, für Lebende und Tote, für Schweigende und Ge­schwät­zige, für Gerissene und Verschüttete, für die, die eine Mor­gen­­däm­me­rung schon aufgegeben haben und für die, die noch gegen jegliche Logik, gegen jegliche Menge an Hoffnung, noch im­mer vertrauen und auf sie warten.

Wir sind fünf in einem Bett. Am Kopfende ich, die Frau, das Neu­geborene; am Fußende der Junge und die Jüngste. Ich berühre mit dem Fuß ein Gewinde aus zartem und weichem Fleisch: Da ist das Bein­chen von Lina, die vor mir schläft. Ich mache das Licht aus, müde den Blödsinn zu lesen, den man nur auf Portu­gie­sisch lesen kann und drehe mich auf die linke Seite: Da ist ein leicht ge­hauch­ter Atem, der in der Dunkelheit um Küsse bittet und mich in den Schlaf wiegt. Wir drehen uns um, wühlen, sind von der Angst er­­­­grif­fen, am Leben zu sein, von der Freude über Träume, wer weiß!, und treffen aufeinander, brüten Fleisch, Fleisch, das nicht un­­­seres ist, das eine Übertreibung ist, ein Zuviel an unserem Kör­per, aber hier, so nah und so warm, ist es, als wäre es auch unser Fleisch, das von unseren Fingern gepackt (pulsierend, pochend) sich schwei­gend (schlafend, vertrauensvoll) an unseren Schweiß lehnt.


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