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Zivlak, Jovan: Winterbericht

ISBN:
978-3-86660-167-3
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Gedichte. Zweisprachig. Aus dem Serbischen von Robert Hodel, Zlatko Krasni, Elke Schwarz-Mahmuti, Aslan Mahmuti, Danica Nain-Rudovic, Richard Pietraß, Michael Speier, Drago Tešević und Helmut Weinberger

Jovan Zivlak gilt als Vertreter einer philosophisch orientierten, hermetischen Dichtung. Seine Poesie ist eine Kunst der Diskretion, sie konstruiert das Menschliche, widmet und richtet es als Rahmen ein. Der Dichter stürzt sich nicht auf das Leben, um es selbstgefällig in literarischen Stoff umzumünzen. In der Poesie Jovan Zivlaks gibt es antike Dichter, Zeitgenossen, Klassiker. Mit Pindar sieht er den Menschen als „eines Schattens Traum“, mit Hölderlin den Gesang als unschuldigsten aller Berufe; mit Celan gesteht er, daß ein Dichter vor seinem Tode, "alle Blockpfeifen dieser Welt gespielt haben sollte". Zivlak kapituliert nicht. Statt sich von der entfesselten, blindwütig um sich greifenden Gewalt umrollen zu lassen, findet er Metaphern.

Zivlak versteht die Dichtung als seelische Nahrung. Sein poetisches "Nein" ist ein Indiz dafür, daß Poesie (für manche) noch immer zum Überleben wichtig ist. Hinter seiner knorrigen, beinahe rauhen Sprache verstecken sich Zerbrechlichkeit und Zärtlichkeit. 

Jovan Zivlak: geb. 1947 in Nakovo im nordserbischen Banat, Studium der serbischen Sprache und Literatur an der Universität Novi Sad, Chefredakteur der Studentenzeitung Indeks und verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift Polja, Leiter des Verlagshauses Svetovi. Zurzeit leitet er den Verlag Adresa. Begründer und Redakteur der Zeitschrift Zlatna greda, seit 2005 Direktor des Internationalen Literaturfestivals Novi Sad. Von 2002 bis 2010 war er Präsident des Schriftstellerverbandes der Vojvodina.

"Als würde ein Eindruck des Erstickens, des Erwürgens, unter der Last der historischen Aktualität bestehen, so wie wir sie leben und so wie sie sich in das private Leben einmischt." Lionel Ray

 "Zugleich steht das lyrische Ich mit diesem Sensemann in einer organischen Beziehung - die Sense ist insofern auch Symbol einer gewachsenen Tradition - doch umso intensiver ist der Wunsch, ihren Schwung aufzuhalten." Robert Hodel


Leseprobe:

BOG JE SIĆUŠAN

za Danijela Dragojevića

 

bog je sićušan. u vodi i u

vazduhu snalazi se jednako.

kad je na zemlji okrzne me i odleprša.

veseo je beskrajno iz nu¸nosti.

bezbroj puta bude na jednom mestu

ne znam ni kad ode ni kad dođe.

zaposlen je mnogo. čita klasike i svakim

danom ponešto nauči.

sve velike umetnike poznaje lično

većinu citira bez problema. moja dela

ne zna napamet ali pamti moje lice.

zna moju visinu

obim grudi

kapacitet.

ponekad sa mnom na posebnom mestu porazgovara

nije bogzna kako oduševljen. čini mi se da

pomalo pati što napredujem sporo.

¸eli mi sve najbolje u ¸ivotu i u radu.

kad ga sretnem u mnoštvu oslovim ga učtivo

pitam šta ima novo i odlazim ¸urno.

poznajem ga dobro. prenosim ti njegov pozdrav. 


Gott ist winzig

                                    für Daniel Dragojević

 

Gott ist winzig. Im Wasser und in der Luft

kommt er gleichermaßen zurecht.

Wenn er auf der Erde ist

streift er mich und schwebt davon.

Unendlich fröhlich ist er aus Not.

Unzählige Male verweilt er an einem Ort,

ich weiß nicht, wann er geht noch wann er kommt.

Beschäftigt ist er sehr, liest Klassiker

und mit jeden Tag lernt er etwas dazu.

Alle großen Künstler kennt er persönlich,

die meisten zitiert er ohne Probleme. Meine Werke

kennt er nicht auswendig, aber mein Gesicht.

Er kennt meine Körpergröße

meinen Brustumfang

meine Kapazität.

Manchmal redet er mit mir an einem besonderen Ort.

Er ist nicht besonders begeistert. Mir scheint’s,

dass er ein wenig leidet, weil ich nur schleppend vorwärts komme.

Er wünscht mir alles Beste im Leben und bei der Arbeit.

Wenn ich ihm in der Menge begegne, spreche ich ihn höflich an,

frage, was es Neues gibt und gehe hastig weiter.

Ich kenne ihn gut. Ich richte dir seinen Gruß aus.

 

Übersetzt von Drago Tešević 

 

 

AMIN

 

kakvu smrt da izabere

beslovesno telo

dobro okupano.

prašuma u kojoj ¸ivi vrsta

zver nazvana tim i tim imenom

avaj

besmrtna je. neporecivi duh

iznad visova i nizina

nesamerljivi i večno ¸ivi

amin

besmrtan je.

ulazim u kadu i moja smrt započinje.

jedinstvena moja majka i mojih bli¸njih

odnegovana i vrla saputnica

šapuće mi mile reči.

trljam uši postojim li. jesam li čuo nešto

novo o smrti.

moja majka i otac rekoše mi: kupaj se sine

neka te dobri duh opomene

iziđi na vreme ili ostani.


Amen

 

Welchen Tod soll

ein gut gebadeter

vernunftloser Körper wählen.

Ein Urwald, in dem eine Gattung lebt,

und ein Raubtier benannt mit diesem oder jenem Namen, ist

o weh

unsterblich. Der unleugbare Geist, der

über Höhen und Niederungen

Unermessliche und ewig Lebende,

Amen

ist unsterblich.

Ich steige in die Badewanne und mein Sterben beginnt.

Meine und meiner Nächsten einmalige Mutter,

die Feingepflegte und tugendhafte Reisegefährtin

flüstert mir liebe Worte zu.

Ich reibe mir die Ohren, existiere ich? Habe ich

etwas Neues über den Tod gehört?

Mutter und Vater sagten zu mir: Bade, mein Sohn,

der gute Geist möge dich mahnen

steige rechtzeitig aus oder bleibe.

 

Übersetzt von Drago Tešević

 


OPSADNO STANJE

 

jedno divlje pleme luta zemljom.

vrač je rekao: priroda je umorna.

zemlja je umorna.

treba otići. treba tra¸iti.

ko dođe prvi u prednosti je.

ne sluša nikog. ne zatvara vrata

ko ne razume zna više.

ko ne čuje slušao je i sad se odmara.

ne lutaj ne tra¸i. nikog nisam čuo

da to izgovara hiljaditi put bez prestanka.

ne gledaj ne slušaj. nikog nisam video da je

krenuo tim putem bez osvrtanja.

ruke dr¸im na kolenima. opsadno stanje još

uvek traje. znam da nikom neću videti lice.

u mraku mogu čuti samo disanje. ali ne diše

niko. u tami mogu videti bljesak predmeta.

ali predmete ne poseduje niko.

čekam vrača da se vrati.

ako dođe doći će izdaleka.

ako progovori reći će: daljina je daljina.

znam to rastojanje. znam taj način prila¸enja.

kopile. pasji sine. ne govori.

zatvori vrata i priđi bli¸e.


Belagerungszustand
 

Ein wilder Stamm irrt durchs Land.

Der Zauberer hat gesagt: die Natur ist müde.

Die Erde ist müde.

Man soll aufbrechen. Man soll suchen.

Wer zuerst kommt, hat den Vorrang.

Er selbst hört auf niemanden, schließt die Tür nicht.

Wer nichts versteht, weiß mehr.

Wer nichts hört, der hat zugehört und ruht nun aus.

Irre nicht, suche nicht. Ich habe doch niemanden gehört, 

der das tausendmal hintereinander gesagt hätte.

Schaue nicht hin, höre nicht zu. Habe niemanden gesehen,

der ohne sich umzuschauen diesen Weg gegangen ist.

Meine Hände halte ich auf den Knien. Der Belagerungszustand

dauert noch immer an. Ich weiß, dass ich niemandes Gesicht sehen werde.

In der Finsternis kann ich nur das Atmen wahrnehmen. Aber

niemand atmet. In dem Dunkel kann ich nur das Glitzern der Gegendstände sehen.

Aber niemand besitzt die Gegendstände.

Ich warte, dass der Zauberer zurückkehrt.

Wenn er wiederkehrt, würde er von weit her kommen.

Wenn er zu sprechen beginnt, würde er sagen: Ferne ist Ferne.

Ich kenne diese Entfernung. Ich kenne diese Art des Herankommens.

Bastard. Hundesohn. Rede nicht.

Schließe die Tür und trete näher.

 Ü
Übersetzt von Drago Tešević








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