Ihr Warenkorb
keine Produkte
[<<Erster] [<zurück] [weiter>] [Letzter>>] 249 Artikel in dieser Kategorie

Salzbrenner, Uwe: Hinter der Membran

ISBN:
978-3-86660-171-0
Lieferbar:
sofort lieferbar sofort lieferbar
19,95 EUR
-> in Deutschland kostenfreier Versand

Novellen

Diese Geschichten handeln von merkwürdigen Ereignissen, auf Reisen, nach einem Verkehrsunfall, bei der Arbeitssuche, im Gefängnis der eigenen Wohnung. Was Uwe Salzbrenner erzählt, wirkt dem Leben abgelauscht, ohne Verklärung oder Drama. Den Autor interessiert und verblüfft - im Leben wie beim Schreiben -, wie notwendig wir Menschen uns etwas vormachen. Sofort erhält man zwei Bereiche, den des Alltags und den des Traums. Wo sie sich überschneiden, ist die Welt verändert und zuweilen unverhofft stimmig, selbst wenn die Figuren in ihrem Grunde verstört erscheinen oder in Notlagen geraten.

- Tod nach Swedenborg. Ein Verkehrsunfall und der Morgen danach. Längst reden die Freunde, die Nachbarin und die Witwe aneinander vorbei. Besonders Rothkogler hat mit dem Verunglückten, seinem früheren Schulkameraden Schneble, ein Problem. Mit allen Tricks versucht er, es für sich zu behalten.

- Diese Arbeit ist es nicht. Ein Mann erhält von einer Firma eine Absage, bei der er sich gar nicht beworben hat. Der Brief fordert ihn heraus, unbedingt diese Arbeit zu bekommen.

- Kontinentalverschiebung. Ein Dreizehnjähriger im Urlaub mit der Mutter in einem arabischen Land. Was Kaspar auf der Fahrt durch die Fremde sieht, kommt ihm nicht nur eigenartig, sondern bald bedrohlich vor.

- Im Kriegsgebiet. Zwei Frauen und zwei Männer unterwegs in einer Krisenregion, die durch ausländisches Militär befriedet wird. Eine Lehrreise durch grandiose Natur in einer Zone der Gewalt, in der Hoffnung, als andere Menschen zurückzukehren.

- Der helle Ort. Eine Frau, allein auf einem Campingplatz, beobachtet einen Mann aus dem Nachbardorf. Er beobachtet sie ebenfalls.

- Hinter der Membran. Ein Rentnerehepaar auf einer Etage eingesperrt mit den Nachbarn, einer jungen Frau mit Kind und einem jüngeren Mann.

Uwe Salzbrenner: geb. 1960 in Hoyerswerda. Abitur, Maschinist für Kraftwerksanlagen, Diplomingenieur für Elektrotechnik. Schreibt seit 1993 für Zeitungen. Wohnt in Dresden. Veröffentlichungen: Warten auf Gelegenheit (2001), Männergesellschaft (2004), Der Regenmacher von Agios Germanos (2005).

Hinter der Membran: Sechs Novellen über die Verstörungen der Bewohner einer befremdlichen Gegenwart
Ralf Julke
⇒ 
www.l-iz.de/Bildung/Bücher/2013/12/Uwe-Salzbrenner-Hinter-der-Membran-Sechs-Novellen-53005.html


Leseprobe:

Diese Arbeit ist es nicht

Karger erhielt neben anderen Briefen die Absage einer Firma, bei der er sich gar nicht beworben hatte. Wie sich herausstellte, war ihm der Betrieb trotz des einprägsamen Namens unbekannt. Die stets etwas niedrig eingeschätzte Tätigkeit wäre ihm im Traum nicht einge­kom­men. Sogleich fühlte er sich ausspioniert und ergriffen – auf unbe­kanntem Weg war seine Adresse ins falsche Büro gelangt –, aber ebenso erheitert und ausgelassen. Deutlich hatte er die Empfindung, dass ihn etwas nach oben und draußen zog, als wäre er mit Helium gefüllt. Hier trat etwas in sein Leben, das ihn herausforderte. Eine Wendung, viel­leicht ein Abenteuer. Er war seit zehn Monaten arbeitslos. So be­schloss er, das Schreiben für bare Münze zu nehmen und es gleichzeitig zu ignorieren. Die Firma würde unter Umständen Schwierigkeiten be­kommen, auf der Ablehnung zu beharren oder ihren Standpunkt ein zweites Mal zu begründen.

Diese Form des Entschlusses hätte er nicht Denken nennen mögen. Das war nicht Kargers Stärke. Er hatte gelernt, Impulsen zu folgen und sich um Widersprüche nicht zu scheren, wobei ein ungewisses Gefühl, selten ein Gefühl der Unsicherheit das Grübeln ersetzte. Er ging gewöhn­lich rasch los und erledigte die Sache, zu der es ihn im Inneren längst trieb. So dürfte es auch diesmal geschehen: Er musste nur vor­sprechen, und das Problem würde sich zu seinen Gunsten aufklären.

Am nächsten Tag zog er, der Arbeit entsprechend, haltbare Kleidung an. Den Betrieb fand er mühelos. Der Pförtner war unentbehrlich in seinem Kabuff und bat einen Kollegen, Karger in die Verwaltung zu begleiten. Dieser vierschrötige Mann offenbarte sich in einem Gespräch, das er unterwegs durch sein Mobiltelefon führte, als Schichtleiter der Betriebswache, der mit großer Herablassung, jedoch zum eigenen Vergnügen als Bote oder Springer durch die Firma spazierte. Sie gingen in ein Gebäude, fuhren mit dem Lift in den zweiten Stock. Hinter dem Fahrstuhlschacht wechselten kurze und lange Gänge auf verwirrende Weise, als wären sie längst in einem zweiten oder dritten Haus. Der Mann öffnete eine der Türen und ging pfeifend davon. Knisternd stieg von seinem Kittel ein kaum sichtbarer Faden Rauch auf.

Das Großraumbüro war bis auf einen Platz leer. Das Mädchen dort hätte, Kargers Ansicht nach, vermutlich eher in ein Restaurant oder eine Hotelbar gepasst: kurzes Kleid, lange Fingernägel. Es besaß keiner­lei Autorität, dagegen die offenkundige Gabe, sich rasch diesem oder jenem zuzuwenden. Den für ihren Beruf essentiellen Spruch kannte die junge Frau dennoch.

»Sie haben einen Termin?«

»Man hat mir geschrieben«, sagte Karger, eine Spur barscher als gewollt, und wies das Schreiben vor.

»Alles klar«, sagte die Sekretärin, obwohl nichts klar sein konnte, was Kargers Anwesenheit betraf. Sie verfügte wohl zur Gabe der Zuwendung über ausreichend Leichtfertigkeit. Sie zuckte mit den Schultern und schaute an ihm vorbei, vielleicht gerade noch auf sein Ohr, was ihn früher stets geärgert hatte. »Heute ist Mittwoch, der Chef ist drin. Wir können Sie gerne ein­stellen. Kein Problem, nicht das geringste. Wir suchen immer gutes Personal.« Sie blickte auf ihren Bild­schirm, tippte mit der rechten Hand. »Bloß … im Augen­blick ist nichts frei.«

Im Chefzimmer hörte Karger diesen Satz noch einmal.

Der Chef war ein kleiner, schmaler Mann von beeindruckender Eleganz. Er trug keinen Kittel, sondern ein weißes Hemd mit offenem Kragen und saß auf einem Drehsessel hingefläzt hinter einem leeren, nierenförmig geschwungenen Konferenztisch, die von ihm weg gewölbte Front abwehrend wie ein Messer. Wie der Schichtleiter und die Sekretärin schien er aufgekratzt, fast heiter, als machte es große Freude, in diesem Unternehmen zu arbeiten. Allerdings schien die Störung ihn zu verun­sichern. Betont nachlässig zeigte er auf den einzigen Besucherstuhl.

Karger schob ihm das Schreiben über den Tisch. Er habe keine Bewerbung abgegeben, erklärte er gebührend unwirsch. »Aber ich will die Arbeit trotzdem.«

Seinem Gegenüber schienen die Verwicklungen des Verfahrens, die Karger empörten und antrieben, nicht einzuleuchten. Oder er war darüber erhaben. Karger spürte, er wurde gemustert. Die Segeltuchjacke war vermutlich richtig gewesen. Die Segeltuchjacke war wahrscheinlich falsch. Dr. Wall, so stand es draußen an der Tür geschrieben, brachte am Ende der Musterung ein Nicken und ein Kopfschütteln zu Stande und schien in seinem Hemd plötzlich zu frieren.

»Kennen Sie sich mit Maschinen aus?«

»Ja sicher.« Karger war verblüfft. »Allerdings nicht sehr gut, nur so, wie man Auto fährt.«

»Das reicht.« Wall, jetzt sichtbar müde und verstimmt, holte ein abgegriffenes Blatt Papier aus der Schublade des seitlich von ihm stehenden Schreibtisches. Ein Diagramm, das einen weit verzweigten Baum aus Kästchen und Linien zeigte. Leise zischend ließ der Mann einen fahren, als verlöre er ebenso Schwebegas.

Bald hatten sie einen lächerlichen Wochenlohn ausgehandelt. Karger hatte den Betrag so niedrig angesetzt, um Wall zu überraschen. Vor Schreck brach ihm der Schweiß aus: Es war eine Beleidigung, den anderen auf seinen Geiz hinzuweisen. Doch der Chef deklarierte den Betrag als Provisorium für die Zeit, die Karger für das Erlernen der Geräte benötige. Dabei würde es bleiben. Karger war unsicher, wer nun wen betrogen hatte.

 

An den ersten beiden Tagen reinigte Karger mit einem urtümlichen Staubsaugerwischgerät die Ankunftshalle des alten Flughafens. Es war ihm unmöglich, den Erfolg seiner Arbeit einzuschätzen, denn es brannte nur noch in einer Kammer Licht, der gewaltige Raum verschwand bereits in der Dunkelheit. Angeblich war das Wachs im Sprühwasser in der Lage, den Fußboden zu versiegeln. Anschließend wurde er mit moder­ner Technik ins ehemalige Sozialrathaus geschickt, das einem Gefängnis glich, der Fußboden hauchdünn gummiert, mit handteller­großen Nop­pen, von denen die Stiefelspuren schlecht beseitigt werden konnten.

In der zweiten Woche fuhr Karger einen mannshohen Automaten durch das Turbinenhaus des Kraftwerkes und polierte die Kacheln. Es standen keine Turbinen mehr im Saal, stattdessen konnte er durch die Lücken in der Bretterabdeckung mehrere Meter tief auf Rohrleitungen und gelb gestrichene Käfige schauen. Er brachte sein Essen mit und zog sich in der ehemaligen Waschkaue um, ging allerdings zum Duschen nach Hause, da das warme Wasser abgestellt blieb. Während er seinen Overall in den Spind hängte oder herausholte, sah er keine anderen Ar­beiter. In der Woche darauf ließ er ein kleines grünes Gerät den rissigen Beton schrubben, auf den er durch die Bretter und an den Rohren vorbei herabgeblickt hatte. Der Fußboden des Kellers war seit Jahren nicht gestrichen worden.

Einige Tage zog er die heulende Öffnung eines Saugschlauches durch benachbarte Gänge, Bühnen und Kanäle, um sie von Staub zu reinigen. Es war die fünfte Maschine, die er führte und für deren Betrieb er wenig zu lernen brauchte. Eine Viertelstunde jeweils vorm ersten Einsatz. Mehrmals musste er den Dreck mit dem Feuerwehrschlauch weg­sprit­zen, bald einen kreisrunden Schacht leer schaufeln. Es war dort finster und kalt, es roch nach Asche und stehendem Wasser. Einige Fenster der Nordwand ließen sich nicht schließen. Früher, bei beheizten Kesseln, hatte das niemanden gestört. Ab und zu wärmte sich Karger unter der Treppe des Transformatorenhauses auf, wo nach wie vor ein Heizkörper tickte. War er morgens müde, ging er auf das Klo, das in einer blecher­nen Hütte auf fünf Metern Höhe an der Wand hing, und versuchte, noch eine Viertelstunde zu schlafen. Er war jetzt morgens oft müde. Man konnte beinahe sagen, er arbeite nicht. Einmal gab es einen Schlag. Es rüttelte am Blech, eigentlich in den Rohren, als wollte jemand mit Luft die Anlage durchblasen. Karger sah den Vierschrötigen, den Schichtlei­ter pfeifend zu den Aschetrichtern wandern.

An einem Mittwoch stand wieder der Flughafen auf dem Auftrags­zettel, das Sprühwachs, dazu eine Staubsaugerdurchsicht. Jetzt blieb auch das letzte Büro schwarz. Bestürzt ließ Karger das Gerät stehen und begann, die Halle zu untersuchen. Die meisten Türen waren verschlossen, hinter anderen öffneten sich staubfreie Räume, als wären dort Kollegen tätig gewesen. Er folgte einem ungewissen Antrieb, fuhr den Staub­sauger nach draußen, schloss ihn in den bereitgestellten Container und ging halb im Fluge los, um Dr. Wall rechtzeitig zu erreichen und für sein Anliegen zu gewinnen. Ohne Widerstand und ohne erkennbares Vergnügen erhielt Karger die Kündigung ...



Für weitere Informationen besuchen Sie bitte die Homepage zu diesem Autor.
Webshop by Gambio.de © 2012