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Baumann, Benjamin: Lehrkraftzersetzung
Baumann, Benjamin: Lehrkraftzersetzung
Gedichte
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„Lehrkraftzersetzung“ entfaltet ein Panorama der Gegenwart zwischen Klassenzimmer, Weltpolitik und existenzieller Selbstbefragung. Ausgehend von der Figur der Lehrkraft - als normative Rolle, als gesellschaftliche Funktion, als zerrissene (und zerreißende) Identität - weitet sich der Blick auf globale Konflikte, historische Traumata und moralische Verwerfungen. Migration im Mittelmeerraum, die Shoah, Srebrenica, der 7. Oktober 2023, digitale Abstumpfung, Konsumkultur und der schleichende Verlust demokratischer Sensibilität ergeben ein Kaleidoskop der absurden Gleichzeitigkeit von Ungleichzeitigem. Immer wieder kehrt das Motiv des „Wir“: ein kollektives, schuldig gewordenes, mitleidendes, zugleich erodierendes Subjekt, das inmitten seines Vorsatzes erfahrbar wird, sich einer redlichen Stellungahme zu unterziehen. Dabei kommt es immer wieder zu Fluchten. Wenn neben die weltpolitischen Szenerien intime Erinnerungen rücken - an die Eltern und das Aufwachsen in der Nachwendezeit-, durchdringen sich Privates und Historisches. In der Frage, wie wir leben, lehren und sprechen angesichts einer historischen Situation, in der Gewalt, Voyeurismusund das Wissen um eigene Gleichgültigkeiten ineinandergreifen, verdichtet sich das zentrale Motiv als Suche nach der Möglichkeit ethischer Verantwortung. Der dringliche Grundton wird mitunter von elegischenReflexionen getragen. Die Gedichte oszillieren zwischen Pathos und Ironie, Zorn und Zärtlichkeit. Immer wieder regt sich ein utopischer Impuls: die Entschlossenheit zur Verwirklichung eines „poetischen Weltverhältnisses“, das zugleich unter gravierenden Vorbehalten steht. Sprachlich arbeitet Baumann mit starken Wiederholungsfiguren, Collage-Techniken und der Montage heterogener Diskurse: Nachrichtenmeldungen, politische Zitate, Popkultur, Alltagsbeobachtungen und biblische Anspielungen stoßen hart aufeinander. Parataktische Reihungen, abrupte Zeilenbrüche und typografische Verschiebungen erzeugen einen Rhythmus, der zwischen Predigt, Protokoll und liturgischem Sprech changiert. Die Gedichte reflektieren ihre eigene Wirksamkeit als Protestform, als Gegenrede zur „Gedankenlosigkeit“, als Raum der Freiheit im Widerspruch zur gesellschaftlichen Unfreiheit.
Auffällig ist das Wechselspiel zwischen emphatischem Ernst und brüchiger Provokation, das den Leser immer wieder aus einer bequemen Lektürehaltung herausreißt. „Lehrkraftzersetzung“ reflektiert die Kontroverse als demokratische Performance, fordert Widerspruchund Selbstprüfung - und wird dort am stärksten wirken, wo Lesende bereit sind, sich in ein unbequemes „Wir“ einschließen zu lassen.
Benjamin Baumann wurde 1985 als jüngstes von vier Geschwistern in der westsächsischen Kleinstadt Rodewisch geboren. Er studierte ab 2005 an der TU Dresden Philosophie, Soziologie, Ev. Theologie und Germanistik, später an der FSU Jena schloss er einen Master of Arts in Angewandter Ethik mit einer Arbeit zur Normativität der Sprache innerhalb der philosophischen Theoriebildung ab. Baumann arbeitete in verschiedenen Brotjobs, etwa im Einzelhandel, als Pokerspieler oder Nachhilfelehrer. Als Arbeiterkind und sogenannter "Bildungsaufsteiger" beschäftigt er sich literarisch unter anderem mit den Phänomenen klassistischer Diskriminierung etwa im Online-Essay "Bärchenwurst & Lyrik" (Ferrar & Fields). Seit 2013 publiziert Baumann literarische Texte in Zeitschriften und Anthologien wie Die Novelle, Kritische Ausgabe, &radieschen, eXperimenta u.a. 2015 begann er, mit politischen Texten auf die Bühne zu gehen und gewann etliche Poetry Slams im deutschsprachigen Raum. Seit 2023 ist er Fellow bei Teach First Deutschland und engagiert sich für Bildungsgerechtigkeit unter anderem an der Lene-Voigt-Schule in Leipzig. Seine Texte kreisen um die Absurdität von Alltag und Weltwissen, Privatsorge und der Notwendigkeit sowie den Grenzen globaler Empathie. 2024 wurde er für sein Debüt "Kollateralschädel" mit dem Preis des Literaturfests Meißen ausgezeichnet, 2025 gehörte der Band zu den Lyrikempfehlungen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.
Bisherige Veröffentlichungen:
- 2013: was es ist, in: Die Novelle. Zeitschrift für Experimentelles Nr. 1, 119, Bonn.
- 2015: Kaffee oder Tee oder beides, in: &radieschen. Zeitschrift für Literatur Nr. 36, 30-31, Wien.
- 2016: Vom Vater, in: Lars Ruppel (Hrsg.): Geblitzdingst. Slam Poetry über Demenz, 56-60, Berlin.
- 2016: Long poem, in: Rüdiger Heins & Mario Andreotti (Hrsg.): eXperimenta. Magazin für Literatur, Kunst und Gesellschaft, 2/2016: Arbeitswelt, 18-29, Edition Maya: Bingen [online abrufbar unter: https://experimenta.de/archiv/2016/experimenta-02_16_Februar_ES.pdf].
- 2016: Clausnitzer Demokratie in drei Akten, in: Rüdiger Heins & Mario Andreotti (Hrsg.): eXperimenta. Magazin für Literatur, Kunst und Gesellschaft, 4/2016: Analogie, 40-42, Edition Maya: Bingen (online abrufbar unter: https://experimenta.de/archiv/2016/experimenta-04_16_April_ES.pdf].
- 2017: Politische Logik / Bücherverbrennung / 1492-2016, in: Kritische Ausgabe. Zeitschrift für Germanistik und Literatur, Nr. 31 Untergrund, 88, 92 & 103, Bonn.
- 2018: Nach Auschwitz, in: Rüdiger Heins & Mario Andreotti (Hrsg.): eXperimenta, Magazin für Literatur, Kunst und Gesellschaft, 2/2018: Die Kunst des Vergessens, 26-30, Edition Maya: Bingen [online abrufbar unter: https://d-nb.info/1197160086/34].
- 2021: Es war still, in: Kritische Ausgabe. Zeitschrift für Germanistik und Literatur, Nr. 32 Macht, Bonn.
- 2021: Bärchenwurst, Kunst & Klassismus. Ein Essay aus dem Prekariat, in: Ferrar&Fields Mag. Bilingual Magazine for Art, Society & Politics, Online-Artikel vom 12.12. 2021 abrufbar unter: https://ferrarsundfields.de/2021/12/12/baerchenwurst-kunst-klassismus-ein-essay-aus-dem-prekariat/.
- 2022: Ende, in: Norbert Weiß (Hrsg.): Signum. Blätter für Literatur und Kritik, 23. Jg. Heft 1 2022, S. 115f., Dresden.
- 2023: Man stelle sich vor, in: Lyrikmond (online), achter Lyrikmond-Wettbewerb (1.Preis): www.lyrikmond.de/gedichte-thema-15-225.php#2949.
- 2023: hagerer Freund, in: Rüdiger Heins (Hrsg.): 365 Tage Liebe, Edition Maya: Bingen.
- 2024: Kollateralschädel, Leipzig: sisifo
im Modus eines guten Gesprächs leben
gegen die Nacht Geschichten erzählen
von Yerewan aus den Ararat sehen
in einem Café am Bosporus
selbst schmecken wie Kaffee;
jemandem ein Bahnhof sein
jemandem das Meer sein nicht
ankommen; nichts sagen
nur rauschen
1 Atembefehle
wir sind
das im Mittelmeer ertrunkene Kind
I
Die Abschaffung der Macht
als Ordnungselement unserer Gesellschaft
ist die Bedingung für die Möglichkeit eines neuen Friedens.
Das besitzergreifende Weltverhältnis ist
durch ein poetischen Weltverhältnis zu ersetzen.
Die eigene Meinung sagt, was sie denkt.
Die Kunst stellt in den Raum, was gedacht werden kann.
Die Kunst ermöglicht uns,
das Fremde als etwas Eigenes zu betrachten;
das Eigene als etwas Fremdes.
Dies sei die Utopie
& Ausgangspunkt unserer Erkenntnis.
wir sind
die um das im Mittelmeer ertrunkene Kind
trauernde Mutter
wir sind
der um das im Mittelmeer ertrunkene Kind
trauernde Vater
wir sind
die in Sobibor & Treblinka
ausgelöschte Familie
wir sind
die in Rafah
ausgelöschte Familie
wir sind
die aus der Wüste des Sudan
fliehende Gemeinschaft
wir sind
die Weglosigkeit in der Wüste
wir sind
die Ausweglosigkeit im Sandsturm einer Dünennacht
wir sind
die verbrannten Leiber
von denen der Rauch aufstieg
wir sind
das gleißende Licht
einer Explosion
auf der Netzhaut
eines Kindes
wir sind
die Schatten an den Wänden
Nagasakis und Hiroshimas
II
George W. Bush
sagte einmal hinsichtlich
des Irak-Krieges
er schlafe wie ein Baby
woraufhin
sein Außenminister Colin Powell (†)
antwortete
er schlafe auch wie ein Baby
er wache alle zwei Stunden auf
und schreie
der Journalistin
Wiktorija Roschtschyna
fehlten innere Organe
& Augen
als die russischen Behörden
sie den Ukrainern
übergaben
es gibt eine
Banalität des Bösen
; aber nicht für alle
wir könnten solange die Menschenwürde achten
bis wir die Menschenwürde achteten
wir können aber auch so tun
als sei nichts
gewesen
auch nicht
wir
dann haben wir sie erschossen
Mommy, Daddy und die Kinder
auf dem Rücksitz
wir hatten Schilder aufgestellt
auf denen stand: Stop
auf englisch und arabisch
aber die Menschen konnten
zum Teil gar nicht lesen und
fuhren durch die Checkpoints
dann haben wir sie erschossen
Mommy, Daddy und die Kinder
auf dem Rücksitz
(Arte: Es war einmal im Irak)
and the star-spangled banner
in triumph shall wave
O´er the land of the free
and the home of the brave
If U have money
U can grab ´em by the pussy
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