Gedichte. Aus dem Italienischen von Stefanie Golisch
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Die Gedichtsammlung „Zitternder Leib“ von Gëzim Hajdari ist eine vielstimmige, existentiell grundierte Auseinandersetzung mit Exil, Identität und der elementaren Erfahrung von Entwurzelung. Im Zentrum steht ein lyrisches Ich, das zwischen Albanien und Italien, zwischen Herkunft und Fremde, zwischen Erinnerung und Gegenwart zerrissen ist. Wiederkehrende Motive sind Stein, Schnee, Feuer, Blut, Schatten und Horizont – Bilder einer archaischen, oft kargen Landschaft, die zugleich innere Zustände spiegeln. Der „zitternde Leib“ fungiert als letzte Gewissheit in einer Welt, in der Sprache, Nation, Religion und Geschichte brüchig geworden sind. Heimat erscheint nicht mehr als geographischer Ort, sondern als schmerzhaftes Echo im Körper, als Narbengewebe aus Erinnerung und Verlust. Thematisch streift Hajdari politische Verfolgung, Diktaturerfahrung, Migration und die existentielle Kälte des Exils. Die Stadt Tirana wird zur ambivalenten Mutterfigur – Geliebte und Tyrannin zugleich –, während Italien als Zuflucht und zugleich als weiterer Ort der Fremdheit erscheint. Immer wieder fragt das lyrische Ich nach Zugehörigkeit, nach der Möglichkeit von Rückkehr, nach einer Sprache, die nicht „Worte aus Stein“ hervorbringt. Der rote Faden des Bandes ist die Suche nach Identität in einem Zustand radikaler Zwischenexistenz: zwischen Lebenden und Toten, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Selbstverlust und Selbstbehauptung.
Der Grundton ist herb, klagend, oft von düsterer Intensität, zugleich getragen von einer unbeirrbaren Sehnsucht nach Würde, Licht und Neubeginn. Trotz aller Verzweiflung bleibt eine utopische Spannung spürbar – der Wunsch nach einem „neuen Feuer“, nach einer Wiedergeburt aus der Asche. Diese Spannung verleiht dem Band eine dramatische, fast prophetische Energie. Sprachlich zeichnet sich Hajdaris Lyrik durch große Bildkraft und archaische Verdichtung aus. Die Gedichte arbeiten mit Wiederholungen, Anrufungen („Gib mir…“, „Wie soll ich…“), litaneiartigen Rhythmen und starken Naturmetaphern. Stein, Schnee und Schatten werden zu Chiffren einer metaphysischen Erfahrung von Härte und Verlorenheit. Auffällig ist die Parallelität der Sprachen: Hajdari schreibt seine Texte gleichzeitig auf Albanisch und Italienisch; es gibt keine eindeutige „Ursprungssprache“. Dadurch entsteht eine Poetik des Dazwischen, eine doppelte Resonanz, die auch im Deutschen spürbar bleibt. Die Verse sind meist frei, ohne festes Metrum, getragen von einem ernsten, beschwörenden Ton, der zwischen Gebet, Klage und Anklage oszilliert. Die italienischen und albanischen Veröffentlichungen Hajdaris haben eine intensive, wenn auch unterschiedliche Resonanz ausgelöst. In Italien wird er als bedeutende Stimme der Migrationsliteratur und als eigenständiger Dichter des Mittelmeerraums rezipiert; seine gesellschaftskritische Haltung und die Verbindung von politischer Erfahrung und metaphysischer Dimension werden hervorgehoben. In Albanien hingegen ist die Aufnahme ambivalenter: Während er international anerkannt und vielfach ausgezeichnet wurde, wird sein Werk im Herkunftsland aufgrund seiner kritischen Auseinandersetzung mit politischen Entwicklungen teilweise marginalisiert. Heute gilt Hajdari als eine zentrale lyrische Stimme des Exils, deren Werk über nationale Grenzen hinauswirkt und Leser durch seine existenzielle Dringlichkeit nachhaltig beeindruckt.
Gëzim Hajdari ist ein albanischer Lyriker, der seit 1992 im Exil in Italien lebt und seine Gedichte zweisprachig verfasst und publiziert: in seiner Muttersprache und auf Italienisch. Hajdari studierte in seiner Heimat albanische Literatur und schloss nach seiner Auswanderung in Rom ein zweites Studium in moderner italienischer Literatur ab. Nach dem Sturz des kommunistischen Regimes in Albanien war er zu Beginn der 1990er Jahre politisch auf Seiten der Opposition aktiv. Die Enttäuschung über die realen Entwicklungen ließen ihn jedoch rasch auf Distanz gehen. Die Diktaturerfahrung ist konstitutiv für sein Werk, in dem sich die politische und existentielle Dimension des Unbehaustseinszu einer sehr persönlichen Ästhetik des Widerstands verflechten.Sein Werk wurde mit zahlreichen literarischen Preisen bedacht und seine Bücher wurden ins Deutsche, Spanische, Englische und Französische übersetzt.Einladungen aus der ganzen Welt führten ihn im Rahmen von Lesungen und Vorträgen in viele Länder, nicht jedoch nach Albanien. Dort wird sein literarisches Werk aufgrund seiner gesellschaftskritischen Dimension weitgehend ignoriert. Hajdari lebt in Frosinone in der Nähe von Rom. Im Jahre 2025 wurde ihm eine lebenslange Ehrenpension der italienischen Regierung zugesprochen.
Stefanie Golisch, Autorin und Übersetzerin aus dem Englischen, Italienischen und Französischen. Zuletzt erschien: (auf Italienisch)Stefanie Golisch, I viventi, Edizioni Ensemble, Roma, 2024.(auf Deutsch) Christian Bobin, Selbstporträt am Heizkörper, Leipzig: sisifo, 2024.
*
Canto il mio corpo presente
nato da questo freddo spazio
che nulla promette.
Di notte,
visioni di bianchi templi
mi richiamano nel vuoto.
Ho sognato campi solitari
per cercare i segni confusi
e capire la maschera dei cieli
che ama gli abissi.
Non so perché guardo a lungo
la linea sottile dell’orizzonte
o le cime brulle con uccelli neri.
Dove si nasconde ciò che non trovo
sulle tremule alghe
o nei licheni bianchi?
Procedo nel verde consumato
e non porto nulla oltre il mio corpo.
Non lascerò nulla!
*
Ich singe meinen zitternden Leib,
den dieser kalte Ort
ohne Versprechen gebar.
Nachts
rufen Bilder weißer Tempel
michin die Leere zurück.
Im Traum suchte ich in einsamen Feldern
nach denrätselhaften Zeichen,
die Maske des Himmels wollte ich begreifen
die Abgründe liebt.
Ich weiß nicht, weshalb mein Blick auf
der dünnen Linie des Horizonts ruht,
den kahlen Wipfeln mit denschwarzen Vögeln.
Wo verbirgt sich, was ich nicht finden kann,
auf zitternden Algen,
weißen Flechten?
Immer tiefer dringe ich in das müde Grün
mit nichts anderem als meinem Leib allein.
Nichts bleibt zurück von mir!
*
Non riesco a liberarmi
dal buio dei sassi,
offerto dal mio tempo
di fango e ombre.
Sulla collina di sabbia
gli uccelli gridano arrochiti.
Avrebbe senso ritornare
nel tuo sangue?
Come in altri tempi
ripeto parole di pietra.
Volti sconosciuti rimpiangono
un territorio
svanito per sempre.
*
Wie soll ich michbefreien
ausdem Dunkel der Steine,
dasmeine Zeitaus Schlamm und Schatten
mir bestimmt hat?
In den Hügeln aus Sand
schreien sich die Vögel heiser.
Hätte es Sinn,
zurückzukehrenin dein Blut?
Wie damals
wiederhole ich Worte aus Stein.
Fremde Gesichter weinen
um ein Land,
das für immer verschwunden ist.
*
Ich, Glocke des Meeres,
der Stille und Stimmen,
welche die Zeit verschloss.
Und kein Gott hört
die Wasserund die Feuertöne
meines Fleisches.
Im Westen
ist jedes neue Frühjahr
eine alte Wunde.
In Schatten und Stein gehauen,
vergehen meine italienischen Nächte
im Strom des Blutes.
Seit Jahren in Todesangst.
Die Stimmen der Orakel haben gelogen,
wo sind nur die vertrauten Gesichter,
die nicht wiederkehren? (und niemals
wiederkehren werden!)
Unfruchtbare Träume
in der Dunkelheit des verlassenen Zimmers.
Jeden Tag werde ich ein wenig verrückter.