Sergej Jessenin
Viktor Kalinke empfiehlt die Lektüre der Gedichte von Sergej Jessenin:
Die Gedichte von Sergej Jessenin gehören zu den eindringlichsten Stimmen der russischen Lyrik des 20. Jahrhunderts. Ihre Lektüre lohnt sich nicht nur wegen ihrer Schönheit, sondern auch wegen ihrer emotionalen und historischen Tiefe. Die Gedichte sprechen unmittelbar an – auch heute noch: Oft schlicht formuliert, aber tief bewegend – voller Sehnsucht, Melancholie und Lebenshunger. Universelle Themen wie Heimat, Verlust, Liebe und Entfremdung spielen ebenso eine Rolle wie die russische Landschaft, die bei Jessenin zu einem eigenen Topos wird. Schließlich wirken die Gedichte authentisch, der Dichter offenbart in ihnen eine radikale Ehrlichkeit. Jessenins Sprache wirkt auf den ersten Blick einfach, ist aber kunstvoll gestaltet. Er greift bewußt auf einfache, bäuerliche Sprache zurück. Rhythmus und Klang sind ihm wichtig – viele Gedichte wirken wie Lieder. Sprachliche Bilder vermitteln eine tiefe emotionale Bedeutung. Wiederholungen verstärken Gefühle und erzeugen eine fast hypnotische Wirkung. Kurz: Jessenins Sprache steht im Kontrast zu vielen avantgardistischen Strömungen seiner Zeit – sie bleibt für jeden Leser zugänglich. Geboren in einem russischen Dorf prägt ihn lebenslang die Sehnsucht nach ländlicher Einfachheit. Vor der Oktoberrevolution stellt die Idealisierung des einfachen Lebens neben religiösen und naturmystischen Motiven seinen Hauptanreiz zum Schreiben dar. Nach der Revolution zeigt er sich in seiner Hoffnung auf Erneuerung zunehmend desillusioniert. Die Konflikte zwischen der bäuerlichen und der urbanen Welt verschärfen sich unter dem Zeichen der verheerenden Modernisierung, die Rußland erfährt. Entfremdung und kulturelle Selbstzerstörung werden zum Thema. So wirken Jessenins späte Gedichte oft düsterer und persönlicher, von innerer Zerrissenheit gezeichnet. Die Übertragungen ins Deutsche, die Erich Ahrndt besorgt hat, zeichnen sich durch die Bewahrung der Musikalität der Texte aus: Ahrndt bildet Rhythmus und Reimstrukturen nach, behält den volkstümlichen Ton bei statt ihn zu „veredeln“. Nur manche der raueren oder dialektalen Elemente des Originals werden abgeschwächt, so daß die Gedichte im Deutschen manchmal etwas klarer und zugleich weniger roh als im Russischen erscheinen. Insgesamt ist eine Übersetzung entstanden, die nah am Original bleibt, aber zugleich im Deutschen flüssig und poetisch eigenständig funktioniert. Als Herausgeber hat sich Erich Ahrndt im vorliegenden Band erkennbar davon leiten lassen, ein möglichst repräsentatives Bild von Jessenins Entwicklung zu geben: Im Buch finden sich Beispiele sowohl der frühen, naturverbundenen Dorflyrik, der visionären, revolutionären Texte um 1917/18 („Inonien“) als auch späte, selbstreflexive Gedichte, in denen Jessenin über Großstadt, Selbstzweifel und Todesnähe spricht.
Sergej Jessenin: geb. 1895 in Konstantinowo (heute Jessenino), Gouvernement Rjasan, Schüler in kirchlichem Internat, bereits als Jugendlicher erste Gedichte, Buchhandlungsgehilfe in Moskau, 1915 Umzug nach Petrograd, Kontakt zu Dichtern (u. a. literarische Kreise), 1917 zunächst von der Revolution begeistert, sieht Chance auf Erneuerung und schreibt visionäre Texte, Reisen, wird wegen seines Auftretens, seines Alkoholkonsums und seiner Texte als "Rabauke" oder "Hooligan" bezeichnet fünf Ehen, zwei eheliche und drei uneheliche Kinder, Vandalismus und Trunksucht, 1925 Suizid in einem Leningrader Hotel.