[<<Erster] [<zurück] [weiter>] [Letzter>>] 242 Artikel in dieser Kategorie

Llansol, Maria Gabriela: Lissabonleipzig 1

ISBN:
978-3-86660-140-6
Lieferbar:
sofort lieferbar sofort lieferbar
19,95 EUR
-> in Deutschland kostenfreier Versand

Bd. 1: Die unerwartete Begegnung des Verschiedenartigen. Aus dem Portugiesischen von Markus Sahr

Festeinband, Fadenheftung, Lesebändchen

Llansol empfand die Konventionen der traditionellen Literatur als einengend und die üblichen Romanthemen als verbraucht. Sie interessierte sich nicht für realistische Wirklichkeitsbeschreibungen, sondern für den Gebrauch der Sprache als schwindelfreies Mittel zur Erfassung der Vielfalt des Wirklichen und des Lebensprozesses. Das Schreiben selbst war ihre Realität. In ihrem Tagebuch bekannte sie 1985: „Literatur an sich gibt es nicht. Der Schreibende muß nur wissen, in welche Welt er eintauchen möchte, und ob es passende Mittel gibt, anderen Menschen den Zugang zu ihr zu verschaffen.“ In Llansols Texten entsteht der Gegenentwurf zu einer von Nationalismen geprägten Weltsicht, indem sie Figuren aus der europäischen Geschichte wie Meister Eckart, Johann Sebastian Bach und Thomas Müntzer über die Zeit hinweg mit Spinoza und Emily Dickinson in Dialog setzt. Llansol besingt nicht den Ruhm der portugiesischen Entdecker, sondern lenkt ihren Blick auf die sozialen Verwerfungen der Neuzeit, die Kämpfe zwischen Fürsten und Bauern. Besonders die mitteldeutsche Landschaft hat ihre Phantasie erregt. Es ist einzigartig in der portugiesischen Literatur, daß ein Autor anhand der Figuren von Fernando Pessoa und J. S. Bach die geistige Verwandtschaft zwischen Leipzig und Lissabon herausarbeitet. Lisboaleipzig ist in zwei Bänden 1994 auf Portugiesisch erschienen. Hiermit legen wir, unterstützt von Prof. João Barrento, erstmals eine deutschsprachige Ausgabe in der profunden Übersetzung von Markus Sahr vor.

Maria Gabriela Llansol: geb. 1931 in Lissabon, gest. 2008 in Sintra, studierte Rechts- und Erziehungswissenschaften, ging 1965 mit ihrem Mann ins Exil nach Belgien, wandte sich der Literatur, Philosophie, Geschichte und der mittelalterlichen Mystik zu, unterrichtete benachteiligte Kinder, kehrte zehn Jahre nach der Nelkenrevolution nach Portugal zurück, veröffentlichte über 30 Bücher, übersetzte Baudelaire, Apollinaire und Rimbaud u.a. ins Portugiesische, zahlreiche Preise, darunter den renommierten APE-Preis für den besten Roman 1990 und 2007; als sie starb, hinterließ sie eine Katze und Hunderte handgeschriebener Notizhefte, die heute im Espaço Llansol in Sintra aufgearbeitet und erforscht werden.

"Intense and sublime!" José Manuel Barroso

Lissabonleipzig: Ein paar durchaus experimentelle Begegnungen mit Bach, Pessoa und dem Leben im belgischen Exil - Ralf Julke, L-IZ
⇒ 
www.l-iz.de/Bildung/Bücher/2012/03/Lissabonleipzig-Begegnungen-mit-Bach-Pessoa-40714.html

Leseprobe:

____________ neben meinem Arbeitstisch steht der Tisch, wo Bach Kinder unterrichten könnte,
wenn es Kinder gäbe. In der Mitte zwischen beiden würde ich die unsichtbare Trennlinie einer Achse einzeichnen, die er sie gerne überschreiten sehen würde; doch als sie hereinkamen ___ wahre Maschinen an Härte ____________ erstarrte alles im Raum und nahm plötzlich wieder seinen eigenen Hauch an.
Sie brachten eine eisige Welle von Aggressivität und abscheulicher winziger Macht in die Umgebung.
Der Arbeitstisch der Schrift, der Arbeitstisch der Musik drehten sich verzweifelt um sich selbst und verknäulten sich ineinander. Was auf keinen Fall geschehen darf, denn der einzige Leib der Sprache, der den Faden der Musik enthält, kann nur einverleibt werden von dem, der den Unterschied erahnt.
Daher haben wir in regelmäßigen Abständen immer wieder Sehnsucht nach einem wahren Kind. Und Kinder zu haben, ist nicht dasselbe. (15. Januar 1983 – Herbais)

Als Bach mir noch einmal den Traum erzählt, den er hatte, ehe er seine erste Frau heiratete, versuche ich, mich nicht dafür zu rechtfertigen, keine Mutter zu sein. Ich hatte mich in der Grotte versteckt, mit dem Anfang meiner Musik (er besteht immer darauf, daß die Musik nicht im Körper drinnen ist, sondern an seinen äußersten Enden – Fingern, Kehle, Knöcheln).
Gegenüber gab es eine sandige Fläche, wo Frauen-Mütter schrien und sich weigerten, eine Karavelle zu besteigen, da jemand sie gezwungen hatte, fortzugehen und die begrabenen Kinder an Land zurückzulassen. „Ringe und Fesseln von Ehemännern und Kindern“, dachte ich. Unschlüssige Wesen, die niemals das Maß gemessen haben, das sie in sich hatten.
Ein gesichtsloses Kind entwischte und kam in die Grotte. Ich wickelte es in meinen Röcken ein und wünschte, mich in die gewaltige Kraft zu verlieben, die es meinem Willen nach haben sollte. Ich hüllte es in die Kühnheit, die uns erwartet. Ich bedeckte den Kopf und zog es an die Brust, denn das Sprudeln des Wortes begann größer zu werden als das der Milch.
Woher sollte mir die Milch auch kommen, wenn das Kind nicht mein eigenes war? Mit meinen wachsenden, noch unfähigen Musikerfingern formte ich das Gesicht, das ihm fehlte.
Künftige Augen von Aossê , künftiges Gehör von Hölderlin, künftige Stimme von Anna, künftige Haltung eines Armen.
„Ich habe große Angst, seine Mutter zu sein“, sagte ich zu mir selbst. Ich fühlte mich auf einmal von großer Angst durchdrungen, denn wer stillt, stellt sich die Chimäre nicht vor, die er an der Brust trägt. (28. Juni 1984 – Herbais)

Infausta öffnete die Tür und sagte zu ihnen:
– Bach ist gestorben, doch er hat einen einzigen Sohn hinterlassen – die Stille. – Sie schien in übertragenem Sinn zu sprechen, indem sie die letzten Gegenstände ergriff, die sie Aossê und den Mäandern seiner Spekulation zu übergeben dachte.
Und fragte sie, ob sie noch immer abfahren wollten, ob die Gestalt der Karavelle der Realität entspreche – wenn es sie gäbe. (15. April 1983 – Herbais)

Infausta kannte mich, ehe sie mich tatsächlich kennenlernte:
„sanft ist die Schiffahrt im Juni, mit ihrer Besatzung von Personen und Früchten.“
Man sah immer mehr Meer und mehr Erde, ohne einen Konflikt zwischen ihnen; Schreiben und Komponieren
wurden zu einer zweiten Natur ______ Schreiben ist im Mittelpunkt des Körpers__________, und die nebensächlichen Leidenschaften beruhigten sich.
„Dein Gesicht wird älter mit dem Umblättern der Seite, und ich frage dich jeden Tag, wohin du gehen wirst, denn immer sah ich, wie du in deiner anscheinenden Unbewegtheit doch Sinn und Ort wechseln willst.“
Ich erinnerte mich an viele Begebenheiten, doch im Augenblick des Schreibens vergaß ich sie, oder mein Schreiben kam also nicht von der Erinnerung.
„Dein Leben entspricht dem Sinn, den du ihm geben möchtest; es gelingt dir nicht, aus dem Zustand beständiger, fließender und fortlebender Lektüre herauszukommen“.
Laut lesen hat mit der Akustik zu tun – lehrte mich Bach –, es gibt Wellen und Schwingungen in seiner Gestaltung, die nie geschrieben erscheinen. Doch ich will keine Lektüre, die ein Rezitativ wäre. (3. Juni 1978 – Jodoigne)

„Ein Teil meines Lebens paßte sich dem Innenhof an“.
Da ich diesen Satz schreibe, sehe ich den Innenhof, doch wer nicht liest, weiß nicht, wessen Leben es ist, das sich dem Raum des Innenhofs anpaßte. Es könnte das von Infausta sein, von Hadewijch , von Ana de Peñalosa , und es könnte auch mein eigenes sein.
Viele von denen, die mich lesen, haben Schwierigkeiten, sich einzulassen auf den Pakt der Lektüre, den meine Texte voraussetzen: den, zu wissen, wer gerade spricht. Und es zu wissen ohne einen Schatten von Zweifel.
Meine Texte setzen einen Pakt von Unbehaglichkeit voraus ______ sie sind nun einmal genau so, wenn ich will, daß sie existieren_____;
das Wort „Unbehaglichkeit“ ist dennoch verfänglich, es verweist auf Unbequemlichkeit und beklommenes Herz, in der Hoffnung auf einen heiteren Freund. Ich muß zugeben, daß sich mein Text, indem er das ausdrückende Subjekt im Ungewissen läßt, tatsächlich an die Beklommenheit des Herzens richtet und es in den Schatten des Zweifels versetzt. Doch wenn das Herz auf dem Lesen besteht, so deshalb, weil es einen ästhetischen Glanz in ihm gibt, der den nächsten Schritt erleuchtet und es sich auf das richtige und unwiderlegbare Detail stützen läßt. (10. August 1993 – Colares)

Ein Teil meines Lebens paßte sich dem Innenhof und der Wohnung in Jodoigne an; er ist gerade;
er verläuft rechtmäßig und unparteiisch; ein anderer Teil läßt mich aus mir herausgehen, nahezu täglich; ich würde gerne ins Weite aufbrechen, und rasch, doch würde ich nicht ohne eine Notwendigkeit, nicht ohne Grund mit einer Landschaft konfrontiert sein wollen. Die Teile geraten aus dem Gleichgewicht.

In diesem Augenblick etwa habe ich die Landschaft von Müntzer und von Ibn’ Arabi bereits hinter mir gelassen; und ich verlange allmählich nach der Begegnung mit einem anderen Meister, den ich morgen verlassen werde. Doch was ich in diesen Tagen, Ende September, wirklich zu wissen suche, ist, was das exakte Maß eines vollständig verbrachten Tages ist. Ich will jedoch nicht, daß diese Suche zu einer Befragung wird, sondern nur, daß sie die Form von Unbehaglichkeit sei, wie ein Stich in den Nieren oder ein Anzeichen von Befremden.
In diesem Sinne sage ich, daß das Leben hier ein gerades ist und unparteiisch verläuft. Wir haben es hier mit einer halboffenen Wunde zu tun. Manchmal sehe ich sie auf dem Tisch, ein anderes Mal scheint sie ein Fleck auf dem Fußboden zu sein, ein anderes Mal ist sie nicht da – doch sie ist da –, verborgen, im Kleiderschrank, wie es den Leben geschieht, die nach außen keine Stimme haben, im Innern jedoch die Wirkung eines endlosen Leuchtens hervorbringen.
Mein Leben ist wie dieses Licht, das Helligkeit in das andere Zimmer durchläßt. Daher ist es diesem Tag angemessen, dem nächsten, dem Tag darauf, und bringt Ähnlichkeit hervor, ohne die Last der Monotonie. Ich habe das Gefühl, in der ganzen Wohnung und auf den Möbeln einfache Stückchen loser Texte zu hinterlassen, die von vorneherein niemals ein Buch sein werden.
Ich fand dieses Schriftstück gestern, nachdem ich das Geschirr abgewaschen hatte: _________ im Fuß von Eleanora öffnete sich ein Wundmal; eine Liebeswunde, die sie als Zeichen dafür liest, bereit zu sein, um aufzustehen,
die Stickerei mit dem Bild des Falken hinzulegen,
und wegzugehen. „Das Tuch, das ich sticke, sagt sie mir, ist der leichteste Teil dieses Vogels. Ich unterscheide deutlich mehrere Punkte der Wirklichkeit. Als ich die Tür zur Speisekammer öffne, entdecke ich, daß die Kunst, eine Frau aus mir zu machen, bedeutet, in meinem Schatten mein Gegenbild an Macht wachsen zu lassen. Luís M. sagt mir in der Liebe: ‚schenk mir deinen Willen, und ich werde dir die Kraft schenkenʻ. Ich betrachte mich im Spiegel, und falls sein Widerschein mich dazu anhielte, wieder mit der Stickerei zu beginnen _______“.
„Weißt du, wer der Falke ist?“, unterbreche ich sie. Sie hört mich nicht, doch sie antwortet mir, daß sie auf die Liebe warten muß, daß die Rhythmen des Schlafs verschieden und die Gesichter der Liebe veränderlich sind.
Eine stille Unruhe ergreift uns von oben und jemand kommt, um uns zu rufen: „Es ist Zeit für das Abendessen.“ Eleanora lacht: „Ist es Zeit für das Abendessen oder dafür, aufzubrechen zu dem, den ich liebe?“
Eleonora, was du denkst, denke ich schon nicht mehr. Laß dich nicht täuschen, denn kleine Worte können den Schatten von großen besitzen. Wahrscheinlich ist die Bewegung dieser Kraft, die du für gewaltig hältst, noch fast nicht vorhanden.
Ich kann nicht, Anna. Da ist eine Stimme, draußen, die sich mit meiner kreuzte, meiner armen Stimme ohne Ort, und sie hat noch Kraft für „wo bist du, mein Geliebter“, fragte ich, doch meine feste und stille Absicht war, es endgültig zu unterlassen, irgendeines dieser Worte auszusprechen, denn sie sind ein durchsichtiger Schleier, der mein Unterscheidungsvermögen erstickt, doch ich kann nicht, Anna.
Ich ergriff ihre Hand, damit sie zur Stickerei zurückkehrte. Wieder würde man uns zum Abendessen rufen.
Denk nur daran, Eleanora, was das, was sich verflüchtigt, bewirkt. Wenn du dich in deinem eigenen Körper verflüchtigst, wer wird dann die Stimme der Liebe bei ihrer nächsten Wiederkehr hören? Die Liebe löst und hat keine Schuldigkeit. Sie läßt zum Himmel hinaufsteigen und löst auf.
„Doch wie ohne sie leben?“, fragt sie mich noch.
„Doch wie mit ihr leben, wenn niemand ihre Begegnung überlebt?“, frage ich sie________
Ich lasse den Text auf dem Bett liegen.
Ich werde hinuntergehen, um das Abendessen für Augusto zuzubereiten. Auf jeder Stufe der Treppe werde ich mich von diesen Bildern lösen, indem ich standhaft daran denke, daß Schreiben heißt, die Lektüre auf ihrem Weg zu führen, so daß der, der liest, die Begegnung mit ihr überlebt. Wenn ich nur der Körper wäre, der liest ____________ dieser Gedanke macht mich zutiefst traurig. Ich würde Eleonora gerne unterweisen. (25. September 1978 – Jodoigne)



Für weitere Informationen besuchen Sie bitte die Homepage zu diesem Autor.
Webshop by Gambio.de © 2012