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Beck, Patrick: Windheim

ISBN:
978-3-86660-291-5
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Roman, 140 Seiten

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Und dieses Haus, sagt ein anderer, dieser Block, eine legendäre Zeit war das, der hat sich vom Land losgerissen, plötzlich riss der Wind den Block los, trieb ihn aufs Meer hinaus. Niemand konnte mehr fliehen, das passierte mitten in der Nacht, als wir geschlafen haben. Wir haben geschlafen und für uns ist der Block weiter in seinen Fundamenten gestanden. Eine seltsame Erfahrung ist das für uns gewesen, als es hell wurde und wir aus dem Fenster geblickt und erkannt haben, dass nur das Meer um uns war, kein Land weit und breit, nur Wasser, Wellen, Wind. Und da ist uns klar geworden, dass wir mitten auf dem Meer trieben, dass wir in einem Haus mitten auf dem Meer trieben. Da ist also niemand dabei gewesen, der ein Haus steuern konnte, niemand, der ein Schiff steuern konnte, niemand der segeln konnte, und auch niemand, der Luv und Lee oder einen Achterstek von einem Sextanten unterscheiden konnte, niemand, niemand.

„Prägnant, von einer eigenartigen Struktur. Poetisch.“ Viktor Kalinke

"Die Idee zu diesem Buch entstand im November 2019 im Marseille. Der Himmel war strahlend blau, der Mistral wehte über mehrere Tage hinweg. Ein so starken Wind über eine so lange Zeit - das war neu für mich. Der Wind war so stark, dass die Fähren zum Chateau d’if nicht fuhren - die Festung, in der der Graf von Monte Christo eingekerkert war. Man musste aufpassen, dass man nicht über seine eigene Füße fiel, der Wind drückte den einen Fuß vor der anderen. Marseille ist auch die Stadt der Cité Radieuse von Le Corbusier. Eine Wohnmaschine, die man nicht mehr verlassen muss - ausgestattet mit Restaurant, Schule, Einkaufsetage usw. Wind und Wohnmaschine fügten sich von selbst zu einer Idee zusammen. Ein merkwürdiger Wind schließt die Bewohner eines Wohnblocks auf Jahre ein. Der Text « Windheim » ist der Roman dieser Idee." (Patrick Beck)

Patrick Beck: 1975 in Zwickau geboren, lebt nach einem Jurastudium und Aufenthalten in Leipzig, Speyer und London in Dresden. Lyrik, Essay, Drama.


Leseprobe:

0.

Wir atmen ein, wir atmen aus, sagt einer, aber was, fragt er, was ist Atmen? Wenn er sich das nicht fragt, dann weiß er es, aber wenn ihn einer fragt, was ist Atmen, dann versagt er jämmerlich. Er ist also vor dem Spiegel gestanden, um sein Atmen zu beobachten und zu untersuchen, doch ist dieser Spiegel beschlagen – mit Nebel, mit Tautropfen. Er hat sich im eigenen Atem nicht mehr gesehen. Wir blasen Wasser aus uns heraus, sagt er. Wir trinken viel und trotzdem blasen wir das Wasser weg. Wir saugen den Wind von draußen in unsere Lungenbläschen und dann blasen wir das Wasser aus. In dieser Pause zwischen Einatmen und Ausatmen, da nehmen wir aus der Luft die Moleküle, die wir brauchen, und tauschen sie gegen Moleküle aus, die wir auch brauchen. Natürlich, wir tauschen auch unsere Gefühle und unsere Gedanken, sagt er, wir blasen sie aus uns heraus, mit dem Wasser und dem Kohlendioxid, um gleich wieder das gerade ausgeblasene Wasser und Kohlendioxid und die ausgeblasenen Gefühle wieder einzusaugen. Aber da draußen, da draußen in der Welt, da hat der Wind deine Gedanken und Gefühle gewirbelt und gemischt mit den Gefühlen und den Gedanken der anderen, die saugen wir ein. Von weither und aus der Nähe. Die der Lebenden und der Toten. Und unser Blut verteilt sie. Bringt sie in unsere Fingerspitzen, in unsere Herzen. Alles. Ohne Ausnahme. Liebe. Hass. Gier. Sehnsucht. Glück. Ohne Filter. Schutzlos sind wir. Der ganze gewaltige Schwall der Gefühle überschwemmt die Lungenflügel. Den linken. Den rechten. Selbst wenn wir irgendwo allein in einem Wald sind. Die anderen sind auch da. Alle anderen. Jeder. Immer. Werden vom Wind hergeblasen. Wir haben nur eine Atmosphäre. Die anderen waren immer schon da. Vor der ersten Begegnung. Selbst, als wir noch ein Embryo im Bauch waren, und unsere Mütter für uns geatmet haben, da waren wir schon die anderen, sagt er. Wo sind wir? Wo sind die anderen? Vielleicht ist dies das Atmen, sagt er. Sich das zu fragen. Wo sind wir? Und die anderen, die atmen auch ihn, die atmen ihn auch ein, sagt er. Dann, nach einer Pause, fügt er hinzu: Wenn er im Wald ist, dann ist er selbst auch Wald.

1.

Kran. Der Block. Sagt ein anderer. Den hat er gebaut. Er ist im Kran gesessen. Hat Beton und Eisen hinauf gelenkt. Helme, vertikal, Maschinen, Material, warten, belegte Brötchen, warten. Damals begann der Wind zu wehen, sagt er. Fast jeden Tag schien der Wind schärfer zu werden. Helme sind vom Kopf geflogen und Mörtel von der Maurerkelle. Der Wind drehte den Kran und er ist dort oben gesessen. Die ganze Zeit pfiff und klapperte es, der Kran schaukelte und drehte. Vielleicht war es kein Schaukeln, war es ein Schwingen, vielleicht eher ein Schwingen. Vielleicht so, als ob eine Blüte mit Hummel auf einer Wiese im Wind schwingt. Und genauso hat er sich da gefühlt, sagt er, wie eine Hummel in der Blüte. Das muss er zugeben: Oft hat er ziemlich große Angst gehabt, dass der Wind die Kabine abreißt und ihn wegträgt. Sie haben den Block fertig gebaut, haben das Richtfest gefeiert, mit einer richtig großen Blaskapelle und mit Kranz. Das Zelt und die Stühle, die sind einfach weggeflogen, aber den Kranz und den Hammer, die hatten sie fest angekettet. Die Kästen, die Flaschen, die warf der Wind um, rollte und schlug sie scheppernd gegen die herum- liegenden Rohre. Sekt, Bier, Rohr. Auf der Flasche, die er in der Hand gehalten hat, da spielte der Wind mit mehr Stimmen, als die Blaskapelle Musiker gehabt hat. Und fast jeder hat eine Flasche oder ein Glas in der Hand gehalten. Der Wind verwirbelte die Flaschen, die Rohre, die Rede, den Staub. Ganz nah an der Rede ist er gestanden, hat nur die Worte gehört, nicht die Rede. Nach der Rede ist er wieder auf den Kran geklettert, sagt er. Eigentlich wehte der Wind da schon viel zu stark. Da hätte er nicht mehr hinauf steigen dürfen. Immer wieder schlug der Wind den einen Fuß gegen den anderen. Einmal hat er es gerade so noch geschafft, ist noch mit einer Hand an einer Sprosse gehangen, wie das letzte Blatt im Herbst. Aber zum Glück ließ der Wind etwas nach. Nach oben ist es kürzer als nach unten gewesen. Er ist weiter geklettert. Hat es geschafft, sich in die Kranführerkabine gerettet. Herunter hat er nicht mehr gekonnt. Er hat gesehen, wie die anderen alle gegangen sind. Die Nacht schob sich auf den Block, auf den Kran. Da ist ihm diese Angst wieder gekommen, dass der Wind die Kabine abreißt. Ihn davonträgt. Aber die Kabine ist fest mit dem Kran verschraubt, hat er gedacht, die fliegt nicht einfach so weg. Aber dann hat er gedacht, dass der ganze Kran wegfliegen kann. Der Wind blies in die Baustelle hinein und der Kran, der konnte wegfliegen wie der Fallschirm einer Pusteblume. Er hat Angst gehabt, dass er mit dem Kran wegfliegt und aufsteigt und immer weiter aufsteigt. Über die Nacht. Über das Meer. Das Meer atmete ein, er hat die Luft angehalten, der Wind atmete aus. Vielleicht würde er auf einer Insel landen, auf einem Vulkan, der gerade die Meeresoberfläche durchbrochen hatte. Lava und Asche. Stein und Staub. Sonst nichts. Er wäre der Erste. Noch bevor der Wind die Sporen, die Samen und die Eidechsen dort absetzen würde. Alles neu. Aber, hat er dann gedacht, viel schlimmer ist es, wenn der Wind nicht aufhört und der Kran nicht wegfliegt. So ein Kran, das hat er damals gedacht, sieht ein Kran nicht aus wie ein Grabkreuz?


3.

Es ist ein Wunder, sagt da ein anderer, dass nicht das ganze Haus wegfliegt. Mit einem Mal einfach so wegfliegt. Aber das kann vielleicht nicht einfach wegfliegen. Im Moment des Abhebens verschwindet der Sturm mit einem Schlag, in genau demselben Moment, in dem das Haus abhebt, verschwindet der Sturm wieder, das Haus würde wieder an die selbe Stelle zurücksinken, und der Sturm beginnt wieder, sofort beginnt er wieder, und in diesem Moment des Wiederbeginns würde das Haus sofort wieder abheben, und im selben Moment verschwindet der Sturm natürlich wieder und das Haus würde sofort wieder zurücksinken. Aber vielleicht passiert genau das jeden Tag und jede Sekunde, sagt er. Das Haus schwebt für einen Moment und sinkt wieder zurück. Hebt für einen winzigen Moment ab, ein so winziger Moment, dass wir es gar nicht bemerken. Irgendwie merken wir es vielleicht doch. Manchmal hat er das Gefühl, dass der ganze Block schwankt, der ganze gewaltige Block und alle Menschen darin schwanken, so wie jetzt gerade eben, jetzt gerade eben knirscht und klirrt es, und diese Lampe da, sie zittert, die Wasserpalme zittert und die Gardine in der Stube zittert, der Hund, die Uhr und der Bleistift zittern. Der ganze Block schwankt, die Menschen schwanken, schwanken und zittern. Eine zitternde Existenz ist das, eine völlig unscharfe Existenz wie in einer verwackelten Fotografie. Ein ewiges Schwanken zwischen dem sicheren Haus und dem gefährlichen Wind, ein ewiges Zittern zwischen Leben und Zerstörung. Er kann es nicht genau sagen, niemand kann es sagen, wo wir uns gerade befinden, ob im Leben oder in der Zerstörung. Dazwischen, sagt er, wir befinden uns vielleicht genau zwischen Leben und Zerstörung. Das Schreckliche ist, sagt er, dass unser Leben die Zerstörung verursacht, dass das Leben das Leben zerstört. Wir sind dazwischen. Es ist Unsinn, sagt er, dass wir unten an der Tür einen Wächter haben. An dieser Tür, die das Leben von der Zerstörung scheidet, man braucht keinen Wächter, wenn man dazwischen ist. Aber der umgekehrte Fall stimmt auch. Dass wir diese Tür und diesen Wächter unbedingt brauchen. Diese Tür erinnert uns immer daran, dass wir dazwischen leben, dass wir immer auf der Schwelle leben. Wir bemerken es nicht, dass wir schwanken, weil wir uns daran gewöhnt haben. Wir haben uns so sehr an diese unscharfe Existenz gewöhnt, dass sie für uns zur festen Existenz wurde. Aber genau auf dieses Schwanken müssen wir achten, müssen uns immer bewusst sein, dass unser Haus schwankt, der Weg, der Tee, der Schlaf, dass der Gedanke schwankt, der Grabstein und der Traum.


Dieser Artikel wird voraussichtlich ab dem Mittwoch, 15. Februar 2023 lieferbar sein.
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