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Balté, Teresa: Das Aquarium aus Papier

ISBN:
978-3-86660-251-9
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bücher für klein und groß

band 1


Mit 23 Aquarellen von Hein Semke


Nina hatte Sebastian zu mir gebracht. Wir setzten uns auf die Veranda und überlegten, was wir tun könnten. Am liebsten wollte er eine Geschichte hören. 


Es war Oktober. Es regnete. Im Herbst regnet es immer viel.

So viel wie heute?

Fast. Auf alle Fälle fällt Vieles vom Himmel herab. Regen, Schnee, Hagel… oder Blätter von den Bäumen. Und es war Sonntag.

Und es regnete? Wo war denn die Sonne?, fragte Sebastian.

Hinter den Wolken versteckt oder versunken.

Ein Regentag also!, sagte er.

Ja. Ein grauer, trüber Tag. Hein mochte keinen Regen, wenn er ar­bei­tete.

Wer war Hein?

Der Maler. Der Maler, der malen wollte.

Was wollte er denn malen?

Das wusste er selbst noch nicht. Nur dass er malen wollte. Er machte das Licht im Zimmer an. Maler brauchen Licht, Tageslicht oder elek­trisches Licht. Und manchmal Wasser, wenn sie mit Wasserfarben malen.

Regenwasser?, möchte Sebastian wissen.

Oder Wasser aus der Leitung, antwortete ich. Und sie brauchen Pinsel und Papier. Blätter…

Der Maler mischte Herbstfarben...

Herbstfarben?

Gelb, Grün, Braun, Feuerorange. Und malte Farbflecken, Farbflächen, Farb­­formen… ein Blatt. Nein! Das Grün streckte sich lang, spannte feuer­­­­orange Flossen in alle Richtungen aus… öffnete ein Auge, einen Mund und grüßte:

„Hallo!“

Überrascht sah es der Maler an: in der Mitte des Papierblattes schwe­bend, schwimmend – ein Fisch.

Ein Fisch?, wunderte sich Sebastian.

Ja. Der Maler konnte kaum daran glauben: Ein Fisch. Ein Blatt, das ein Fisch wurde, zu einem Fisch wurde. Ein Fisch, der aus seinen Händen wuchs. ‚Er ist mir aus den Händen ent­schlüpft‘, dachte Hein. Und malte langsam das Wasser. Die blaue Was­ser­farbe des Meeres um den Blattfisch herum.

Kann man einen Blattfisch umblättern?, wollte Sebastian wissen.

Wieso?

Kann man ein Blatt umblättern?

Nun…

Und einen Fisch?

Bücher kann man umblättern, erklärte ich. Schlag das Buch mal auf und schau hinein:  Bücher haben Blätter.

Und Blätter können Bilder haben. Fischbilder wie hier. Also kann ich Fische umblättern!, meinte Sebastian.

Wenn du es meinst... Bilderbücher kann man umblättern, sagte ich. ‚Ein Buch mit Bildern von schwim­menden Fischen‘, dachte der Maler.

„Ein Fischbuch!“, sagte er plötzlich. „Das male ich!“

Jetzt wusste er, was er malen würde.


„Warum Fische? Wir =Alle= sind Fische – Groß – Klein – Hässlich – Schön. Wir =Alle= fangen uns eines tags im Netz, das nur uns zusteht. So bekommen wir =unser Gesicht=. Der Rest ist Wasser aus dem =Alles= kam, zu dem =Alles= zurückfindet.“ (Hein Semke)

Teresa Balté (geb. 1942): geb. in Lissabon. Studium der Germanistik und Musik in Lissabon, Hamburg und Chicago. Lehrtätigkeit an der ELTE, Buda­pest, und an der UNL, Lissabon. Übersetzerin und Autorin.

Hein Semke (1899-1995): geb. in Hamburg. Studium der Bildhauerei und Kera­mik in Hamburg und Stuttgart. Arbeitete seit 1932 in Lissabon. Zahl­reiche Ausstellungen hauptsächlich in Portugal. Werke in öffent­lichen Räumen, Museen und privaten Sammlungen.


Aus dem Nachwort

Ein Bilderbuch, illustriert von einer Geschichte? Gewöhnlich ist das Gegenteil der Fall: der Autor schreibt einen Text, und später wird er vielleicht von einem Künstler illustriert. Als Hein Semke mir jedoch 1980 die Serie von 22 Fischbildern zeigte, schaute ich auf die Blätter, die er auf dem Boden aus­ge­breitet hatte, und dachte sofort an die Möglichkeit, jedes von ihnen mit einer kurzen Geschichte oder das Ganze mit einer einzigen, umfangreicheren zu begleiten, in der die dargestellten Fische miteinander agierten.

Die Idee kam nicht aus heiterem Himmel. Der Bildhauer hatte damals bereits einen Teil seiner insgesamt fünfunddreißig „Künstlerbücher“ vollendet, in denen an der Seite seiner Zeichnungen, Aquarelle, Monotypen, Collagen und Holzschnitte auch eigene Texte erschienen: Gedichte, Aphorismen, Märchen, auto­bio­gra­phi­sche Berichte, Reflexionen. Im Sommer 1969 hatte Hein Semke zwei Bücher fertiggestellt, in denen der Fisch das zentrale Motiv darstellte: Fische – ja – Fische, ein kleines Heft mit Farb­stift­zeichnungen, und Fische und Fische, ein Album mit Monotypen und Aquarellen in einer Größe von 70 x 100 cm, wie die meisten seiner „Künstlerbücher“.

Der Vorschlag, die Fischserie von 1980 mit einem fremden Text zu illu­strieren, stieß auf Gegenliebe. Die 22 Arbeiten Semkes, wie die früheren Ar­bei­ten durch die Meeresfauna inspiriert – fast alle Fische kom­men in der Natur vor –, in ihrem visuellen Reichtum der kritischen und ironischen Dar­stellung in Fische – ja – Fische jedoch überlegen, wurden Teile eines Puzzles, das ich nach und nach legte, bis sich eine Geschichte abzeichnete, bei der die Fische, wie im Buch des Künstlers, menschliche Wesenzüge annahmen.

Erst drei Jahre später entwickelte ich das Projekt. Eine Fantasie, die Tiere und Men­schen, die Geschichte der Fische und unsere eigene vermischt. Die Geschichte der Fische, in der ein Echo der Lebensphilosophie zu hören ist, der Hein Semke in seinem Werk direkt Ausdruck verleiht. Und unsere eigene Geschichte, gleichermaßen bio­graphisch und autobiographisch, die aus meinem täglichen Zusammen­leben mit dem Künstler resultiert – vom starken Darjeeling bis zur Musik von Johannes Brahms. Ich schrieb den Text auf Deutsch, denn er ist Hein Semke gewidmet. 1997 übertrug ich ihn in meine eigene Sprache, da sich ein portugiesischer Verlag dafür interessierte.* Hier wird erstmals das Original veröffentlicht.

Die im Buch reproduzierten 22 Fischaquarelle Hein Semkes befinden sich in der Kunst­bibliothek der Calouste Gulbenkian Stiftung, Lissabon. Für die freund­­­liche Überlassung der Bilder möchte ich mich an dieser Stelle be­dan­ken.


Dieser Artikel wird voraussichtlich ab dem Dienstag, 24. Dezember 2019 lieferbar sein.
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