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Popovic, Milorad: Scheidewege

ISBN:
978-3-86660-212-0
Bearbeitung:
ca. 1-2 Tage ca. 1-2 Tage
19,95 EUR
-> in Deutschland kostenfreier Versand

Gedichte, zweisprachig.
Aus dem Montenegrinischen von Cornelia Marks

Ein sehr umfangreicher Sammelband des Lyrikers – er enthält 7 Gedichtzyklen mit insgesamt 183 Gedichten - hier wird eine Auswahl vorgelegt, die von der Übersetzerin Cornelia Marks getroffen wurde.

Milorad Popović: Dichter und Essayist, geboren 1957 in Lipa Cucka bei Cetinje, Montenegro, ist einer der Begründer des montenegrinischen P.E.N.-Klubs, Vorsitzender des Verbandes freier Schriftsteller Montenegros, Direktor des „Offenen Kulturforums Cetinje“ („Otvoreni kulturni forum Cetinje“, OKF), Herausgeber zeitgenössischer südslawischer Literatur sowie der Zeitschrift für Literatur, Kultur und gesellschaftliche Fragen „Ars“. Seine Lyrik wurde ins Englische, Italienische, Deutsche, Türkische, Tschechische, Polnische, Litauische, Ungarische, Rumänische, Albanische, Bulgarische und Mazedonische übersetzt. 

„Wie kaum einem anderen südslawischen Schriftsteller und Intellektuellen in der Zeit des postjugoslawischen Kataklysmus, gelingt es Mijo Popović, seine nationale (montenegrinische) Idee so zu kultivieren, dass kritische Nüchternheit und Erkenntnis, ironisches Bewusstsein, die Ablehnung, niederen Partikularismus-Bestrebungen zu frönen, und die philosophische Tiefe (ein Merkmal des spezifischen Lyrismus in der Poesie von Popović) niemals zulassen werden, dass sie sich je in Nationalismus verwandelt.“ Ivan Lovrenović

„Diese, wahrscheinlich gewissermaßen auch zu strenge, Auswahl des Dichters, als Summe der lyrischen Gesänge Popovićs, stellt eine der sicherlich wertvollsten und bedeutendsten Gedichtsammlungen in der modernen Lyrikwelt Montenegros dar.“ Pavle Goranović

Leseprobe:

Borhes[1]

 

On koristi uši

kao što drugi čitalac

koristi oči.

Koristi ušne školjke

kao ¸ive zjenice

da bi pretra¸ivao neku riječ

neku rečenicu, odlomak

kako bi potvrdio pamćenje.

Glasno analizuje stilsko sredstvo

ne bi li čitača

(svoju bilje¸nicu)

prisilio na vlastitu definiciju

Kiplingovog tigra duha.

Piše jezikom

tim nevidljivim mastilom

(u najmanje četrdeset verzija)

kao što drugi pišu perom.

Piš sa¸eto

ali nenametljivo eruditski

i vrlo smiješo –

ponekad okrutno

da bi sabrao misli.

Dopuštao je

da mu riječi

ote¸ale u unutarnjem ogledalu

ponizno i spokojno

dolaze i odlaze.

 

Borges[2]

 

Er benutzt die Ohren

wie andere Leser

die Augen benutzen.

Er benutzt die Ohrmuscheln

wie lebendige Pupillen

um ein Wort abzusuchen

einen Satz, einen Abschnitt

um das Gedächtnis zu bestätigen.

Lautstark analysiert er das künstlerische Mittel

um den Leser

sein Notizbuch

zu einer eigenen Deutung

von Kiplings Tiger zu zwingen.

Er schreibt mit der Zunge

mit jener unsichtbaren Tinte

(in mindestens vierzig Versionen)

wie andere mit der Feder schreiben.

Er schreibt knapp gefasst

doch dezent gelehrsam

und sehr amüsant  –

manchmal brutal

um seine Gedanken zu sammeln.

Er ließ zu

dass seine Worte

schwer geworden  im inneren Spiegel

demütig und gelassen

kommen und gehen.

  

Samoubistvo

            Marini Cvetajevoj

 

I ptice mogu predskazati smrt.

Zlatasta sjenka konjske balege

sleđena je.

Jutro se ne osvrnu na vrbu.

Jutro na kraju.

Prva ratna godina.

Tvoj posljednji glas.

Pucanj.

 

U Jelabugu se zvijezda

izgubi.

U ribnjaku.

I razvedri rosnu poljanu

beskrajne stepe

 

Selbsttötung

                        Für Marina Zwetajewa

 

Auch Vögel können den Tod vorhersagen.

Der goldene Schatten von Pferdemist

ist gefroren.

Der Morgen schaut sich nicht nach der Weide um.

Der Morgen am Ende.

Das erste Kriegsjahr.

Dein letzter Ruf.

Ein Schuss.

 

In Jelabuga geht ein Stern

verloren.

Im Fischteich.

Und erhellt die taubenetzte Flur

der endlosen Steppe

 

 

Nepodnošljiva lakoća postojanja

 

Nije lako misliti slobodno kad imaš ¸enu

nije lako misliti slobodno kad imaš domovinu

nije lako misliti slobodno kad imaš prijatelje

nije lako govoriti slobodno kad imaš ¸enu

nije lako govoriti slobodno kad imaš domovinu

nije lako govoriti slobodno na trgovima, u bolnicama, u kasarnama

nije lako govoriti slobodno kad imaš sve

nije lako imati sve i ne govoriti ništa

nikome nije lako

osim Gospodu nad vojskama –

 

on je bez ijedne ideje

 

 

Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

 

Es ist nicht leicht, frei zu denken, wenn du eine Frau hast

es ist nicht leicht, frei zu denken, wenn du eine Heimat hast

es ist nicht leicht, frei zu denken, wenn du Freunde hast

es ist nicht leicht, frei zu reden, wenn du eine Frau hast

es ist nicht leicht, frei zu reden, wenn du eine Heimat hast

es ist nicht leicht, frei zu reden auf Plätzen, in Kliniken, in Kasernen

es ist nicht leicht, frei zu reden, wenn du alles hast

es ist nicht leicht, alles zu haben und nichts zu sagen

niemand hat es leicht

außer der Herr über die Armeen –

er hat keine einzige Idee

 

 

Melanholija

 

Svi ć me izdati i

ostaviti

gordog mračnog i

ostarjelog.

Ismijaće me

prljavog i prevarenog.

Ti ćeš me pratiti.

´enstveno.

 

Sunce će se izgubiti

suncokreti će glavu okretati

vrane će se smijati

šavovi na lobanji ć pucati

ledeni plač u tamnicama ću

slušati.

Ti me nećeš ostaviti.

Melanholijo.

 

Divno ¸ensko ime

 

 

Melancholie

 

Alle werden mich verraten und

verlassen

mich Stolzen, Finsteren und

Gealterten.

Sie werden verspotten

mich Schmutzigen und Betrogenen.

Du wirst mich begleiten.

In weiblicher Manier.

 

Die Sonne wird verschwinden

die Sonnenblumen werden die Köpfe verdrehen

die Krähen werden lachen

die Schädelnähte werden bersten

eisiges Weinen werd ich in den Kerkern

hören.

Du wirst mich nicht verlassen.

Melancholie.

 

Ein wunderschöner Frauenname.

 

 

 Izgnani pjesnici

 

Rođeni, kako su vas progonili

u provincije, gdje sjenke

jednostrano se zgusnu

ko maslinovo granje.

 

Kako su vas samo precjenjivali

kako su vas sna¸ili

kako samo nijesu znali da riječi su vjetrenjače

koje se okreću u pravcu povijenog ¸ita

i mijenjaju svoj oblik

posve sličan vodi.

 

Verbannte Dichter

 

Meine Liebsten, wie sie euch verbannten

in die Provinzen, wo die Schatten

sich einseitig verdichten

wie das Geäst der Olivenbäume.

 

Wie sie euch nur überschätzten

wie sie euch bestärkten

wie sie gar nicht wussten, dass Worte Windmühlen sind

die sich in Richtung des gewundenen Getreides drehen

und ihre Form verändern

ganz ähnlich dem Wasser.


Stepski Vuk

 

U moje divlje oči

ne gledaj:

ja sam vuk

koji je pojeo svoju nogu.

 

Otkad ne bje¸im

bijesne na mene

redovno pregledaju mi oči

jesam li prazan

jesam li posve prazan

 

i mio.

 

 

Der Steppenwolf

 

In meine wilden Augen

schauen sollst du nicht:

ich bin ein Wolf

der seinen Fuß aufgefressen hat.

 

Seitdem ich nicht mehr fliehe

sind sie zornig auf mich

mustern regelmäßig meine Augen

ob ich leer bin

ob ich ganz leer bin

und zahm.



[1] Pjesma je nastala zu Povijest čitanja, argentinskog pisca, Alberta Manguela

[2] Das Gedicht entstand zu Einer Geschichte des Lesens des argentinischen Schriftstellers Alberto Manguel

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