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Opfermann, Susanne & Breinig, Helmbrecht (Hg.): Gedichte für eine Neue Welt

ISBN:
978-3-86660-262-5
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Kanadische Gegenwartslyrik aus der Ronsdale Press

erscheint im Juli 2020 - jetzt zum Vorzugspreis vorbestellen


Seit vielen Jahren hat der kleine, aber angesehene und überaus aktive Literaturverlag Ronsdale Press in Vancouver es sich zur Aufgabe gemacht, Bücher aus dem gesamten literarischen Spektrum Kanadas zu ver­öffent­lichen, darunter zahlreiche Lyrikbände. Die in Gedichte für eine Neue Welt vorgestellten acht englischsprachigen Autorinnen und Autoren repräsentieren eine Vielfalt von Stilen und literarischen Ansätzen. Sie sind selbst repräsentativ für die multikulturelle kanadische Gesellschaft. Neben Indigenen (First Nations und Métis – ursprünglich Nachfahren von französischen Pelzhändlern und indigenen Frauen) wie Joanne Arnott, Connie Fife und Garry Gottfriedson ist mit Marya Fiamengo eine Dichterin mit kroatischen Wurzeln vertreten, und mit Inge Israel eine in Deutschland geborene jüdische Autorin, Kind russisch-polnischer Eltern. Pamela Porter war US-Amerikanerin, bevor sie nach Kanada emigrierte. Antony Di Nardo wurde im französischsprachigen Montreal geboren und ist sich seiner südeuropäischen Vorfahren bewusst. Den anglo-kanadischen Mainstream und zugleich das ländliche Kanada vertritt John Donlan. Alle schreiben über Spezifisches, das mit ihrer Herkunft und der Geschichte ihrer Vorfahren zusammenhängt, wie über Allgemeingültiges, das die Gesamtgesellschaft betrifft.

Die Herausgeber

Helmbrecht Breinig ist Professor für Amerikanistik i.R. an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Susanne Opfermann ist Professorin für Amerikanistik i.R. an der Goethe-Universität Frankfurt.


Kurzbiographien der Autorinnen und Autoren

Joanne Arnott (*1960)

Arnott wurde in Winnipeg geboren und lebt in British Columbia. Sie ist Métis, Angehörige der als eingeborene Ethnie anerkannten Nachfahren von Indigenen und europäischen, v.a. französischen Siedlern. Bisher hat sie acht Gedichtbände sowie Essays veröffentlicht. Sie engagiert sich gegen Rassismus und ist Gründungsmitglied des Aboriginal Writers Collective West       Coast. Arnotts Gedichte entstammen ihrem Band A Night for the Lady.

Antony Di Nardo (*1949)

Di Nardo wurde in Montreal geboren und begann seine Karriere als Journalist. Seine neueren Gedichte wurden ins Italie­nische und Französische übersetzt und mehrfach aus­gezeichnet. Er lebt in Sutton, Quebec, und Cobourg, Ontario. Seine Sammlung Skylight, aus der die hier abgedruckten Ge­dichte stammen, behandelt die Interaktion zwischen einer ge­fähr­deten natürlichen Welt und dem menschlichen Be­ob­achter.

John Donlan (*1944)

Donlan wuchs im ländlichen Ontario auf, wo sein Vater mit Pferden Holz rückte und die Nachbarn Stinktiere, Krähen und Stachelschweine als Haustiere hielten. Seine Naturgedichte zeigen seine Verbundenheit mit der kanadischen Wildnis und seine genaue Beobachtungsgabe. Er ist Lyriklektor bei Brick Books, einem führenden kanadischen Lyrik-Verlag. Bisher veröffentlichte er sechs Gedichtbände. Aus Out All Day wurden seine hier versammelten Texte ausgewählt.

Marya Fiamengo (1926-2017)

Fiamengo wurde in Vancouver als Tochter kroatischer Einwan­derer geboren. Sie lehrte Englisch an der University of British Columbia. Während der 1960er Jahre begann sie, sich für femi­nistische Themen zu interessieren. Die späteren ihrer neun Gedichtbände verbinden kontemplative Elemente und hi­s­tori­sches Bewusstsein mit politischem Engagement. Fiamengos Texte entstammen der gesammelten Ausgabe Visible Living: Poems Selected and New.

Connie Fife (1961 - 2017)

Fife gehörte zur indigenen Nation der Cree und stammte ur­sprüng­lich aus Saskatchewan; später lebte sie u.a. in British Columbia. Sie publizierte drei Gedichtbände, gab mehrere An­tho­logien von Literatur kanadischer First Nations-Frauen heraus und engagierte sich gegen die Diskriminierung von Ur­ein­­woh­nern in Kanada und anderen Ländern. Die Gedichte von Fife sind ihrem Band Poems for a New World entnommen.

Garry Gottfriedson (*1954)

Gottfriedson gehört zur indigenen Nation der Secwépemc (Shus­wap).  Er ist Dichter, Lehrer und Rancher aus British Co­lum­bia und wuchs in einer bekannten Ranching- und Rodeo-Familie auf. Zugleich ist er tief verwurzelt in der Spiritualität und den Traditionen seines Volkes. Bisher hat er zehn Ge­dicht­bände und ein Kinderbuch publiziert. Gottfriedsons Gedichte sind seinen Bänden Clinging to Bone und deaf heaven: poems ent­nommen.

Inge Israel (1927-2019)

Israel wurde in Deutschland als Kind russisch-polnischer Juden geboren. Sie wuchs in Frankreich und Irland auf und lebte in Däne­mark, bevor sie sich in Kanada niederließ. Ihre ersten Gedichtbände und einen Band mit Kurzgeschichten schrieb sie auf Französisch; später wechselte sie zum Englischen. 1998 wur­de sie zum Chevalier de l’Ordre des Arts et des Lettres ernannt. Aus ihrem Band Unmarked Doors wurden die Texte für diese Anthologie ausgewählt.

Pamela Porter (*1956)

Porter wurde in Albuquerque, New Mexico, geboren und lebte in den USA, bevor sie mit ihrem Mann nach Kanada emigrierte; sie leben in British Columbia. Sie hat mehrere Gedichtbände sowie zwei Versromane und Bücher für Jugendliche publiziert, die vielfach ausgezeichnet wurden. Sie unterrichtet an der Uni­versity of Victoria und engagiert sich für die Rettung und den Schutz von Tieren. Porters Gedichte sind ihrem Band Likely Stories entnommen.


Leseprobe:

Connie Fife

Those Poems

  

Where have all the poems gone?

the ones that heal a heart following long silences,

or those that shift the mind toward a heart to meet.

The ones that say fear is simply a conjured word.

The ones over there,

what are those poems doing in the distance?

The ones huddled in the corner.

Those hidden from sight,

up the embankment,

on the other side,

lining the ocean floor,

the bottom feeders.

Those that cower

just out of reach of pen and word.

I'm looking for any lost poems

needing a place for the night,

a cup of coffee,

some company,

a cigarette,

a newspaper to read.

The poems that want to burst

through the doorways,

the windows,

the walls,

the jailcells,

the asylums.

I'm looking for the poems

lying on their backs

under a full moon,

floating in a river under a burning sun

in the dead of winter.

The ones running down highways,

away from home,

or school,

or the police,

or the doctors,

or store owners

or me.

I'm searching for the poems I can hear laughing,

that I can hear wailing,

that I can hear sobbing,

that I can hear snickering,

that I can hear reprimanding,

that I can hear screaming,

that I can hear breathing beside me.

The ones I can hear making love in the other room.

Those speaking my name or someone else's.

The ones repetitiously saying your name.

I'm looking for the poems I left behind in the last city,

or the washroom,

the laundry mat,

the hotel room,

the home of a stranger,

the alley,

the bus,

the train,

the airplane,

the car.

Not here

with me

now.


The ones I forgot on the beach,

in bed this morning,

back in the bus depot locker,

the noisy bar called the American.

In the backseat of my friend's car,

under her dog,

under the boxes of books in the trunk.

Rolled up with my paintings.

I'm looking for those poems.

 

Diese Gedichte

 

Wo sind all die Gedichte hin?

Die, die ein Herz heilen nach langem Schweigen,

oder die, die dir den Sinn richten auf ein Herz, dem du begegnen sollst.

Die, die sagen, dass Angst nur ein Beschwörungswort ist.

Die da drüben,

was machen diese Gedichte da in der Ferne?

Die, die sich in der Ecke zusammendrängen.

Die, die man nicht sehen kann,

oben auf der Uferböschung,

auf der anderen Seite,

die, die den Meeresboden säumen,

die am Grund äsen.

Die, die knapp jenseits

von Stift und Wort kauern.

Ich suche alle Gedichte, die sich verlaufen haben,

die einen Schlafplatz brauchen,

eine Tasse Kaffee,

ein bisschen Gesellschaft,

eine Zigarette,

eine Zeitung zum Lesen.

Die Gedichte, die durch die Türen

brechen wollen,

durch die Fenster,

die Wände,

die Gefängniszellen,

die Anstalten.

Ich suche die Gedichte,

die auf dem Rücken liegen

unter dem Vollmond,

auf einem Fluß treiben unter sengender Sonne

mitten im Winter.

Die, die auf den Landstraßen rennen,

weg von zu Hause,

oder der Schule,

oder der Polizei,

oder den Ärzten,

oder Ladenbesitzern,

oder mir.

Ich suche die Gedichte, die ich lachen hören kann,

die ich wimmern hören kann,

die ich schluchzen hören kann,

die ich kichern hören kann,

die ich meckern hören kann,

die ich schreien hören kann,

die ich atmen hören kann, neben mir.

Die, die ich hören kann, wie sie sich lieben im anderen Zimmer.

Die, die meinen Namen sagen oder den einer anderen.

Die, die immer wieder deinen Namen sagen.

Ich suche die Gedichte, die ich in der letzten Stadt gelassen habe,

oder im Waschraum,

im Waschsalon,

im Hotelzimmer,

im Haus eines Fremden,

in der Gasse,

im Bus,

im Zug,

im Flugzeug,

im Auto.

Nicht hier

bei mir

jetzt.


Die, die ich am Strand vergessen habe,

heute morgen im Bett,

vorhin im Schließfach am Busbahnhof,

in der lauten Bar, die die Amerikanische heißt.

Auf dem Rücksitz im Auto meiner Freundin,

unter ihrem Hund,

unter den Bücherkisten im Kofferraum.

Zusammengerollt mit meinen Bildern.

 

Ich suche diese Gedichte.

 

Berries and Ripened Poems


In the likelihood we should meet again

I have prepared a bowl of ripened poems

with which to ease our hunger,

laid out a tablecloth made from memories

each one tasting of wild berries wrapped in early morning dew.

I have sewn stars into a tapestry above each door frame,

drawn back the clouds and pulled the sheets

made from a laughing moon across the bed

beside which stands an empty gourd

waiting to be filled by our stories carried

across the heartlands of distance we will have travelled.


vancouver, july 1999



Beeren und reife Gedichte

Für den möglichen Fall, dass wir einander wieder begegnen,

habe ich eine Schale reifer Gedichte vorbereitet,

mit denen wir unseren Hunger stillen können,

habe ein aus Erinnerungen gewebtes Tischtuch aufgelegt,

jede schmeckt nach wilden Beeren in frühem Morgentau.

Ich habe Sterne in einen Wandteppich über jeden

Türrahmen genäht,

die Wolken zurückgezogen und die Laken,

die aus einem lachenden Mond gemacht sind, über das Bett gelegt,

neben dem ein leerer Kürbis steht,

in Erwartung unserer Geschichten, die wir getragen haben

durch das Herzland der Entfernung, die wir gereist sein werden.

 

vancouver, juli 1999

 

 

 

 

 

 

 

 

 


 



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