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Maulpoix, Jean-Michel: Die rote Schwalbe

ISBN:
978-3-86660-243-4
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Aus dem Französischen von Margret Millischer
zweisprachig
Originaltitel: "L’Hirondelle rouge" ( Mercure de France, 2017)

Erscheint im Frühjahr 2019 - jetzt zum Vorzugspreis vorbestellen !

Aufgebaut nach dem gleichen Kapitelschema wie Une Histoire de Bleu (4 – 1 – 4) behandeln die etwa halbseitigen poèmes en prose primär das Thema Altern, Tod, Vergänglichkeit, Einsamkeit – im zweiten Teil hingegen ein Aufbegehren dagegen und ein Bekenntnis zur Liebe und zum Leben. Ausgangspunkt ist der schmerzhaft erlebte Tod von Vater und Mutter, das Erschrecken vor der eigenen Endlichkeit und ein Heraufbeschwören von Erinnerungen, den traurigen aus den letzten Lebensjahren der Eltern ebenso wie den lang vergangenen aus Kindheit und Jugend. Maulpoix‘ Sprache ist kunstvoll, bezieht sich auf alle Sinneseindrücke -Töne, Farben - und die Sprache als Werkzeug des Dichters, der angesichts von Tod und Trauer gegen Ohnmacht und Sprachlosigkeit ankämpft.

Jean-Michel Maulpoix:
geb. 1952, gehört zu den wichtigsten Vertretern der zeitgenössischen französischen Poesie. Der Dichter, der sich selbst als „kritischer Lyriker“ einstuft und in der Nachfolge von Char, Michaux, Réda, Jaccottet u.a. steht, behält eine kritische Distanz zu sich selbst und bewahrt doch seinen lyrischen Tonfall. Zu seinen deutschsprachigen Vorbildern zählen Rainer Maria Rilke und Paul Celan, über die er jeweils eine Einführung bei Gallimard/Foliothèque verfasst hat.

Zu den wichtigsten Gedichtsammlungen Maulpoix’ zählen Un Dimanche après-midi dans la tête, Une Histoire de bleu (bei Poésie Gallimard wiederaufgelegt)und sein Lieblingsbuch Pas sur la neige. Mehrere kritische Bücher (vor allem Du Lyrisme, Le Poète perplexe und Adieux au poème, alle bei Corti erschienen) markieren den Weg eines Dichters, der niemals Schreiben und Nachdenken voneinander trennte, was nicht zuletzt das von ihm selbst gegründete „l'Observatoire de la poésiecontemporaine“ (Arbeitskreis zur zeitgenössischen Poesie) an der Universität Paris X-Nanterre belegt, wo Maulpoix seit zehn Jahren unterrichtete. Derzeit ist er Professor an der Universität Paris 3 – Sorbonne Nouvelle
.  Seine viel besuchte Webseite:
http://maulpoix.net gibt einen Überblick über sein umfangreiches Schaffen.

Margret Millischer: Jean-Michel Maulpoix war der erste Autor, den ich vor zehn Jahren übersetzt habe. Auch damals handelte es sich um einen Gedichtband im Prosa mit dem Titel „Une Histoire de Bleu / Eine Geschichte vom Blau“ (2008 beim Leipziger Literaturverlag erschienen). Als nächstes übersetzte ich seinen Rilke-Kommentar, daran anschließend von J.M. Rilke auf Französisch verfasste Briefe „Lettres à une amie vénitienne / Briefe an eine venezianische Freundin“, zu denen J.M. Maulpoix das Vorwort schrieb und schließlich seine „Pas sur la neige/Schritte im Schnee“ (Leipziger Literaturverlag, 2012) Ich kenne den Autor persönlich, er war wiederholt in Wien zu Lesungen im Institut Français eingeladen. Im Mai dieses Jahres übergab er mir in Paris sein letztes erschienenes Werk „L’hirondelle rouge“ (2017), in dem er den Tod seiner kürzlich nacheinander verstorbenen Eltern verarbeitet. Da auch meine Mutter im Oktober gestorben ist, gingen mir einige der Gedichte persönlich sehr nahe.

Leseprobe:


KAPITEL 2 UND 3

Wie ein Dieb in der Nacht

23

Kommt näher, schaut genau: Das Denken ist von fahler Hautfarbe, gebrochenes Weiß wie Horn, Muschel oder Elfenbein, hart und kalt beim Angreifen, mit feinen Rissen und zwei schwarzen Löchern vorne, zwei Höhlen für Kummer und Leid, zwei schreckliche tiefe Schächte, in denen sich der Wind verfängt. Der verlorene Wind, der Schrei von hier und der Sternenstaub von dort…

Nicht weit entfernt davon waren bis vor kurzem die Stimme, der Atem, Singen und Lachen manchmal … Und dorthin entschwanden unser belangloses Geplauder und unsere verstiegenen Gedankengänge…

Mitleid mit dem Denken! Kein menschlicher Kopf kann es behalten. Kein Gehäuse, kein Graben und kein noch so fest vernähter Knochenbau mit noch so festen Nähten. Und das Leben hängt in Zeiten wie diesen nur noch an einem Tränenfaden.

 

24

Etwa so, als hätten die Bremsen deines Fahrrades oben auf der Anhöhe ausgelassen. Unaufhörlich legst du an Geschwindigkeit zu. Die Zeit, die vorüberrast, bleicht deine Schläfen. Du rollst nicht mehr, du gleitest dahin. Dein Leben ist aus Schnee, Sand und fließendem Wasser.

Das Unbekannte kommt näher und näher. Es verkleidet sich nicht mehr – in ferne Gegenden blaue Himmel, Hirngespinste. Es sitzt da, auf dem Sessel und wartet auf dich vor der Tür.

Was soll ich zu ihm sagen? Das Elend ist nur sprachlos genau? Die Herzmaschine setzt ihre Arbeit fort. Draußen schläft das Land. Dort ist der Regen lautlos. Gesang ist nur möglich mit einem Knebel in dem Mund.

Auch du wartest hinter der Tür, horchst mit dem Ohr schon ans Holz gelehnt. Du hast einen Termin ausgemacht. Du kommst bald dran, von diesem Abgrund wirst du nicht heilen.

 

25

Er starb im November und ich hatte mir Schnee für ihn gewünscht, dick und stumm, in dichten Flocken. Diesen schönen weißen Schnee, bei dem man verstummt oder leise spricht, und unter dem der Tod warten kann, ohne Bewegung, ohne ein Wort zu viel.

Eine Rodel, ein Schlitten, ein paar Hunde. Warum diese Bilder und woher kommen sie? Aus welchen Kinderbüchern, in denen meine Daseinsberechtigungen Zuflucht gefunden haben?

Wäre ich Musiker, könnte ich noch zu ihm sprechen. Ich würde Kopf und Hände ganz anders gegen das Holz lehnen, drücken, vielleicht könnte ich das unheimliche, gewichtlose Volk der Schatten dort drüben sogar zum Tanzen oder Weinen bringen.

Doch ich habe derzeit keine andere Wahl als zu schreiben. Dem Abwesenden einen Strauß aus Tintenblumen zu schenken: diese Prosagedichte, meine eigene Stimme und sonst nichts.

 

26

Langsamer vergeht die Zeit: Der Schmerz macht sich darin breit. Heftig und gemächlich setzt er sich fest, will nicht mehr gehen. Er ist nicht bereit, zu verzeihen.

Vielleicht ist die Zeit stehengeblieben? Dort eingezwängt. Festgehalten vom Übermaß an Kummer. Doppelter Knoten im Hals.

Er muss erst seine Beute verdauen. Das wird Tage, ja Wochen, Monate oder Jahre dauern.

Die Traurigkeit, heißt es, bleibt für immer.

Sogar die Bitterkeit wurde eine Art des friedlichen Seins, befreit von Feindseligkeit und Bedauern.

Auf meinem verstimmten Klavier versuche ich noch Phrasen. Ich spiele falsch, meine Finger sind ungelenk, starr, genauso erstarrt wie Herz und Denken.

Nennen wir das Nacht- oder Abendmusik … wie einst kleine Stücke gespielt im zitternden Kerzenlicht.

„Doch sag mir, was soll das heißen, eines natürlichen Todes zu sterben, wenn das Herz nicht mehr weiterkann?“

 

27

Ich begleite ihn: Ich tauche in den Schlund der Nacht. Wie viel Zeit brauche ich, um ihn dort zu erreichen? Wie viele Tage?

Warum hat er denn nicht am Weihnachtstag die Augen für immer geschlossen? Am schönsten Abend, erfüllt von Sternen und Kinderlachen?

Was wusste er in dieser Nacht, in der er starb, nachdem er in ganzer Länge im Gang hingefallen war?

Unser Bedürfnis nach Worten ist der Odem des Lebens.

Wann kommt wohl das Alter, wenn sich das Blut aus dem Gesicht zurückzieht und die Haut die Farbe alten Pergaments annimmt?

Unser Leben schließt in Fotografien und gefalteten Briefen in einer Metallkiste oder Kartonschachtel.

Freunde, wenn ihr diese Zeilen lest, seid nicht traurig.

Seid euch nur darüber klar, dass jeder sein Bestes gibt.

Doch oft weiß die Liebe nicht, wie sie sich mitteilen soll. Und bisweilen folgt sie dunklen Wegen.

 

28

Anfang März sind die Bäume heuer noch blasslila und schwarz. Mit Mühe machen sie sich vom Winter frei, warten trostlos auf den Frühling und glauben nicht daran. Darüber schwebt ein Himmel ohne Ferne, Gestirne und Schwung.

Die Toten mit ihrem Gepäck, die am Bahnhof von Verdun oder Montbard unter ihrem neuen Steinbett warten, wohin gehen sie?

Die Erde ist flach und platt, festgetreten, von Furchen durchzogen, entschlafen in der Nacht, beschwert mit all seinem Schattenvolk, das ins Ungewisse geht.

Die Erde ist reglos, wie der Rücken einer alten Frau mit einem Holzbündel. Ist das Licht aus der Ferne das der Sonnen oder der Strohhütte in den Märchen?

Dort oben bleibt die Tür geschlossen: Der Engel und der Gott haben die Flucht ergriffen.

 

29

Horch genau auf die Abendstille. Der Tag tritt ab. Die Stimmen verstummen. Der blaue Himmel erzeugt ein wenig Glut. Die Bäume rauchen eine Stunde oder zwei. Die Ziegeldächer schimmern noch weiter. Der Schmerz nimmt ab, wenn die graue Nacht anbricht.

Die gesichtslosen Götter stehen Schlange an der Friedhofstür. Sie kauen ein paar trockene Brotkrümel, herabgefallen von einem leeren Himmel.

In uns sind die Ufer, Meere, Inseln und lange liegende Frauenkörper, die aufstehen und singen und ihre Leinwand in unseren Schlaf weben.

Die Oberfläche der Welt ist ein stehendes Gewässer. Die Haut und das Menschenleben sind am zartesten an den leicht verletzlichen Stellen, genau dort, wo uns die Worte abgehen.

Eingegraben in die schwarze Erde bleiben ein paar Brunnen klaren Wassers.

 

30

Ich erinnere mich: es war in Dun-sur-Meuse, Anfang der 80er Jahre … Der Vater steht da und weint, das Kinn gegen die Brust gedrückt, mit beiden Händen auf den Bettpfosten, gegenüber der Sarg, bedeckt mit rotem Samt und Kränzen, in dem kleinen Raum mit der niedrigen Decke …

Und rundherum seine Brüder ganz in Schwarz und der Großvater verwaist.

Das war im Sommer. Ein schwarzer Schmetterling flatterte durch die Kirche. War es der Tod, der mit den Flügeln schlug?

Vor dem Grab, wie ein Töpfer vor dem Brennofen, stand ein junger blonder Mann, im Unterhemd, Arme und Gesicht dunkelbraun. Er hielt eine Schaufel in der Hand und wartete auf die Großmutter.

Dieser Artikel wird voraussichtlich ab dem Samstag, 30. März 2019 lieferbar sein.
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