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Mihailovic, Dragoslav: Wie ein Fleck zurückblieb

ISBN:
978-3-86660-229-8
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Erzählungen, ausgewählt, übersetzt und mit einer Einleitung versehen von Robert Hodel

384 S.

Der vorliegende Band versammelt zwölf Erzählungen des serbischen Schriftstellers Dragoslav Mihailović. Die Texte sind lebendiger Ausdruck eines halben Jahrhunderts süd­euro­päischer Geschichte und sie zeugen, ob sie nun im Milieu von Ob­dach­losen, Bergleuten, Häftlingen, Partisanen oder Lehrkräften in der Provinz handeln, von einer tiefen Menschlichkeit. Mihailović ist seinen Figuren nahe und dennoch leben sie ihr eigenes Leben, als wären sie der Wirklichkeit selbst entnommen. Den zwölf Geschichten ist eine Einführung voran­gestellt, die auf Gesprächen mit dem Schriftsteller beruht. Mihailovićs Lebensweg beginnt in Armut, Verwaisung und Gefängnis­haft in einem der berüchtigsten Arbeitslager nach dem Zweiten Welt­krieg, führt über Studium und verschiedene Erwerbs­tätigkeiten – vom Waage­meister, Eierhändler und Impresario eines Wanderzirkus bis zum Buch­verkäufer und Redakteur kleiner Zeitschriften – zu ersten literarischen Erfol­gen, spitzt sich 1969 in einer direkten Konfrontation mit Josip Broz Tito zu und mündet in den folgenden Jahr­zehnten in eine breite Aner­kennung als Autor und Publizist.

Dragoslav Mihailović: geb. 1930 in Ćuprija, gehört zu den wichtigsten Autoren der serbischen Literatur. Sein 1968 erschienener Roman Als die Kürbisse blühten wurde in die meisten europäischen und auch in andere Sprachen übersetzt. Viele seiner Werke – so Der Kranz der Petrija, Einführung in die Arbeit, Aller retour und Die Gestiefelten – liegen in Verfilmungen vor. Mit seinem fünfbändigen dokumentarischen Werk über die Lagerinsel Goli otok, ist Mihailović seit den Achtzigerjahren zu einer Stimme in der jugoslawischen und postjugoslawischen Öffentlichkeit geworden. Er lebt als freier Schriftsteller in Belgrad.

Robert Hodel: geb. 1959, Studium der Slavistik, Philosophie und Ethnologie in Bern, St. Petersburg, und Novi Sad, Professor für Slavistik in Hamburg. Übersetzungen: Vor dem Fenster unten sind Volk und Macht: Russische Poesie; Hundert Gramm Seele: Serbische Poesie; Momčilo Nastasijević.


Stimmen zum Buch:

"Die Auswahl der Erzählungen ist hervorragend. Mit den zwölf Geschichten stellt Hodel eine Anthologie vor, die nicht nur unterschiedliche Phasen, sondern auch unterschiedliche Erzählstrategien des Mihailovićschen Werks erfasst. Hodel weiß, wie ein Übersetzer die Ausrichtung der Erzählform des „skaz“ auf eine fremde Rede, ihre Zweistimmigkeit und ihre innere, versteckte Dialogizität bewahren muss. Aus einem professionellen Interesse heraus hat sich eine Freundschaft und ein tiefes wechselseitiges Vertrauen mit dem Schriftsteller entwickelt. Es gibt wenig Menschen, vielleicht kein anderer mehr, dem Mihailović seine Lebens- und Schaffensgeheimnisse so weitgehend anvertraut hat. Deshalb ist Robert Hodel heute imstande, die zweifellos beste und gründlichste Biographie über Dragoslav Mihailović vorzulegen." Jovan Delić, in: Literaturzeitung (Knji¸evne novine), März-April 2018

„... Ihr (schön langes) Vorwort zu den Erzählungen von Dragoslav Mihailovic hat mich Leser bedrückt und zugleich erhoben; es ist eine heroisch-bescheidene Leistung, die es verdient, in den Annalen zu bleiben. Es hat mir geholfen, auf schmerzhafte Weise (s. Goli otok) einiges der Balkangeschichte besser ins innere Auge zu fassen. Allein vor der Biographie, der gewaltigen, immer wieder lebensgefährlichen, des D.M. kann unsereiner nur in den Schatten treten. Und dann die Aufgabe (das Aufgeben) der jugoslavischen Idee mit ruhigen plausiblen Gründen, ohne Nationalismus: so habe ich es noch nie gelesen. (Nebenbei: ich kenne Ćuprija an der Morava gut, auch Ravanica, Despotovac.) Ein souveräner Autor, zugleich, auch im Alter, ein Menschenkind, voll Freude und Weh, wie so ausgeprägt wohl fast nur (in Europa) balkanwärts zu finden..“
Brief von Peter Handke an Robert Hodel vom 4. Juni 2018


Leseprobe:

Bauernbengel, Pferde und Hauer

Mein Name ist ´ika Isegrim. Eigentlich heiße ich ´ivojin Stanimirović, aber ich werde schon von klein auf Isegrim genannt. Das liegt wahrscheinlich an mei­nem Aussehen. Heute ähnele ich allerdings eher einer Oma als einem Wolf; das kommt vom Krieg her, als mir Mile Lepin in Gvozdens Wirtshaus mit dem Stuhl die Nase eingehauen hat; seit damals ist sie platt und krumm; das war nicht immer so. Aber vielleicht ist es auch deshalb, weil ich in der Nähe von Okno von klein auf wie ein Wolf durch die Berge gezogen bin, ich weiß es nicht.

Als Junge war ich ein ziemlicher Rüpel. Mein Vater schickte mich zwar noch in Ćuprija ans Gymnasium, aber daraus ist nichts geworden. Zwei Klassen konnte ich noch irgendwie zu Ende bringen, doch in der dritten war Schluss. Zuerst musste ich wiederholen und dann wurde ich von der Schule gejagt. Das war wegen meinem Kumpel Momčilo Teofilović, einem Walachen aus Dve Sestre, der nun gestorben ist; die Erde möge ihm leicht sein. Er hatte es damals so richtig auf mich abgesehen; er war ein Jahr älter als ich und hackte ständig auf mir herum. Zwei ganze Jahre lang musste ich von ihm Prügel einstecken, ich konnte den Hals nicht strecken. Was habe ich da nicht alles versucht; nichts hat geholfen, rein gar nichts.

Momčilos Vater hieß Sreten Teofilović, sein Spitzname war ebenfalls Wa­lach, und er hatte ein Wirtshaus im Dorf Dve Sestre. Die Alten erzählten damals, bei Dve Sestre seien einst zwei Schwestern umgekommen – weiß Gott, wann das gewesen ist. Sie hätten Schafe gehütet, als plötzlich Osmanen aufge­taucht und zu ihnen gestürzt seien, um ihrer habhaft zu werden. Die Mädchen sprangen in einen Abgrund und kamen zu Tode. Zuerst wurde die Felswand “Zwei Schwestern“ genannt, und als dann direkt darunter ein Dorf entstand, taufte man auch das Dorf so. Weiß Gott, wann das gewesen ist, daran kann sich keiner erinnern. Aber man erzählt noch immer davon.

Das Dorf Dve Sestre ist drei Kilometer von Okno entfernt, und Sretens Ehefrau war Serbin, deshalb besuchten sein Wirthaus Serben wie Walachen, Bauern wie Bergleute, Kumpel aus Okno wie aus anderen Bergwerken; die beiden haben weiß Gott tüchtig gearbeitet. Sreten Walach trieb mit den Wirtsleuten aus Ćuprija und Paraćin auch ein bisschen Handel, ständig schick­te er ihnen mit dem Zug irgendwelche Waren zu oder bekam von ihnen etwas zu­gestellt. So kam es, dass er oder sein Sohn Momčilo oft bei uns an der Bahnstation ausstiegen.

Stieg Sreten aus, kam ich ungeschoren davon. Stieg aber Momčilo aus, setzte es Prügel. Wenn er auf den Personenzug aus Ćuprija wartete, wartete er immer auch auf mich, wie ich aus der Schule kam. Und er sagte dann zu mir:

„Isegrim. Hast mir schon wieder ein Lamm geklaut, Isegrim.“

Darauf gingen wir auf Miladins Feld neben dem Bahnhof, wo er mich ver­drosch.

Ich musste derart heulen, dass ich glaubte, es müsste bis zum Himmel schreien. Doch es war offenbar nicht sehr weit zu hören, denn kaum hatte mich Momčilo ein paar Tage in Ruhe gelassen, passte er mich wieder ab und führte mich wieder auf Miladins Feld. Und wieder musste ich weinen.

Mit unserer Schule war es so: Von Okno nach Ćuprija sind es fünf­und­dreißig Kilometer. Jeden Morgen stehen wir um vier Uhr auf und um halb fünf, fünf nehmen wir den Zug nach Ćuprija. Du verbringst den ganzen Tag in der Schule, wartest nachmittags am Bahnhof, steigst in denselben Zug, der nun nach Okno fährt, und du kommst nach Hause, wenn es wieder dunkel ist. Und frag bloß nicht, was war, wenn der Zug Verspätung hatte.

Hey, so was hältst du nicht lange aus, selbst wenn du Gottes leiblicher Onkel bist, geschweige denn als Kind. Ich hielt es zwei Jahre aus. Als aber Momčilo mich abzupassen begann, konnte ich nicht mehr. So musste ich die dritte Klasse erst wiederholen und danach habe ich es auch nicht mehr ge­schafft, sie abzuschließen. Eigentlich hat mich die Schule auch nie groß ge­juckt, was soll ich da lügen.

Als ich in jenem Jahr das Zeugnis nach Hause brachte, schmierte mir Vater erst mal eine mit dem Gürtel und dann lief er schnurstracks zum Hauer Sveta Mladenović. Nach genau zwei Tagen stieg ich noch im Morgengrauen bei Onkelchen Sveta als jüngster Bergjunge in die Grube.

Den ganzen Sommer über baute ich mit der Spitzhacke Kohle ab und belud mit der Schaufel den Hunt. Jetzt ist unsere Grube leider Gottes schon seit mehreren Jahren geschlossen und mein Okno ist völlig verfallen. Das Herz bricht einem, wenn man es sieht. Damals jedoch sah unsere Kohle aus wie Glas. Es hieß, mit ihr würden auch die Herrschaften und selbst Minister hei­zen. Und weiß Gott, auch Okno war anders. Ich schiebe also den voll beladenen Hunt zur Drehscheibe, wo er an die Winde gehängt wird oder wo ihn die Pfer­de übernehmen, wenn wir weiter oben sind, und ich greife mir einen leeren Hunt und kehre zu meiner Nummer zurück. Wenn du dreizehn, vierzehn bist, Mann, und so malochen musst, fühlst du dich nicht gerade in deinem Element.

Irgendwie habe ich es aber trotzdem gemocht, Mensch. Damals gab es in der Grube noch Pferde; Mensch, ich habe diese unglücklichen Kreaturen ein­fach ins Herz geschlossen. Sie waren noch jung, die armen Burschen, doch in dieser düsteren Finsternis wurden sie alle schnell blind – wie Maulwürfe. Viel­leicht lag es aber auch an dem ständigen Wechsel zwischen hell und dunkel. Und waren sie erst einmal unten, führte man sie nicht mehr hinaus – auch ihre Ställe lagen unten –, den Sonnengott sahen sie erst wieder, wenn sie so eingefallen waren, dass sie nur noch für die Schlachtbank taugten. Und dann schauten sie dich mit diesen klugen blinden Augen an, als könnten sie dich sehen.

Das hat mich so traurig gemacht, Mensch – schon als Kind war ich irgend­wie gefühlsduselig –, dass ich sogar weinen musste, mein Gott. Mir scheint, dass keine zwei, drei Tage in der Grube vergingen, ohne dass ich nicht ein paar Tränen verdrückte.

Besonders gerne mochte ich einen gewissen Lisko. Das war ein hässlicher, gewaltiger Fuchs mit weißer Blesse auf der Stirn, aber gescheit wie ein Mensch. Pferde sind ohnehin kluge Tiere, aber dieser Lisko war noch pfiffiger als alle andern.

„Hallo, Lisko“, grüße ich ihn, und er spitzt die Ohren: er erkennt mich an der Stimme. Nein, was sag ich da, bereits am Gang erkennt er mich. Sobald ich auf die Drehscheibe komme, wendet er mir den Kopf zu, als könne er mich sehen.

Ich gewöhne ihn daran, dass ich ihm jeden Tag etwas Futter mitbringe. Ich stibitze meiner Mutter ein Stück Brot oder etwas Maisfladen, den sie für die Hunde zurückgelegt hat, und stecke alles in die Tasche. Sobald ich näher kom­me, grummelt er, beschnuppert mich und gibt mir einen Stups mit dem Kopf.

Ich hole etwas raus und strecke es ihm entgegen, dabei achte ich darauf, dass mich der Fuhrmann nicht sieht.

„Hier, Lisko, iss, Lisko.“ Und ich streichle ihn und küsse ihn auf die Backen. „Iss, mein Lisko, so bleibst du gesund und stark. So hältst du die zwei Jahre noch aus, bis ich die kleine Matura mache, dann werden du und ich …“, und ich wage ihm nicht zu sagen, was wir vorhaben, sondern zeige mit der Hand nach oben, als ob er mich sehen könnte. Und weil ich ein Trottel war, habe ich das natürlich alles geglaubt. Ich sah klar vor mir, wie wir ins Freie kommen, ich wusste nur nicht, wie ich ihn rauben sollte. „Und dann werden wir in die Bučina fliehen“, flüstere ich ihm zu. Das ist ein Bergmassiv oberhalb von Okno. „Dort gibt es einen großen Wald, die Wiesen flimmern nur so vor wilden Blumen, und das Gras reicht mir bis zur Brust. Dort gibt es einen alten Walachen, einen Wundarzt, Opa Paun, er kuriert Pferde und Menschen, nur er weiß, wie. Er wird deine Augen heilen, und dann fangen wir an, das Leben zu genießen. Du grast auf den Wiesen und ich werfe mich neben dich und glotze in den Himmel. Wir werden es schön haben.“

Doch der Sommer nahm allzu schnell ein Ende und der Tag rückte näher, an dem ich wieder zur Schule musste.

Kurz vor Schulanfang sagte ich zu meinem Vater:

„Vater, bitte, schick mich nicht mehr zur Schule. Ich will da nicht mehr hin.“

Mein Vater war ein ziemlich eigensinniger Mensch. Als Kind und auch später, als er schon älter war, lebte er beständig in der Hoffnung, noch etwas lernen zu können und irgendwann etwas darzustellen. Bereits auf dem Dorf, bei meinem Opa in Višnjevica, hatte er dicke Bücher gelesen. Doch mein Opa war ein Bauernbengel, mit einem Haus voller Kinder, und mein Milenko musste zuerst auf dem Hof bleiben und dann, als noch sehr junger Mann, in die Grube steigen. Und die ganzen Jahre hoffte er, dass endlich seine Zeit kommen würde. Doch das Leben nahm seinen Lauf. Er heiratete, ging zur Armee, zog in den Balkankrieg und etwas später in den Großen Krieg. Er kehrte verwundet und bereits erschöpft zurück, sodass er es nur noch schaffte, mit Frau und Kindern – ich bin 1913 geboren und meine Schwester Anka 1915 – von Višnjevica nach Okno herunterzusteigen. Und von dort ist er nicht mehr weggekommen.

So war mein Vater bis zu seinem neunundzwanzigsten Lebensjahr ein Hauer. Dann wurde er lungenkrank. In der Zeit verstarb auch Opa im Dorf, Vater verkaufte seinen Anteil und machte im Bergwerk einen Gemischtwaren­laden auf. Der war nicht einmal vier mal vier Meter groß, so klein war er.

Irgendwie hat Vater auch sonderbar gesprochen, sodass man ihn kaum verstand. Und wenn wir uns bei ihm einschmeicheln wollten, ahmten wir ihn nach.

Mein Vater fragte mich:

„Du trägst dich also immer noch mit der Absicht, Hauer zu werden?“ So nannten die Bauernbengel die Bergarbeiter. „Hast du bemerkt, wie schwarz und hart das Brot des Hauers ist? Ziehst du das Hauerleben wirklich dem Leben eines Herrn in meinem Laden vor?“

„Vater“, sage ich, „viel besser für mich ist, ein Herr in deinem Laden zu werden, doch bricht für mich eine solche Zeit an, dass sie keiner von uns überleben wird, weder du noch ich. Wenn es so weitergeht, wird dein Sohn todmüde umfallen, und schuld daran wird Momčilo Teofilović sein, Sreten Walachs Sohn.“

„Was für schwarze Zeiten bringt dir denn Sretens Sohn?“

Es ist soundso, sage ich. „Er schlägt mich jeden Tag, Vater. Wegen ihm hängt mir die Schule und das ganze Leben zum Hals heraus. Er lässt mich nicht leben, Vater, ich geh vor die Hunde.“

Mein Vater bot im Laden Tabak, Papier, Salz und Zucker, Öl und Gas an. Das nackte Elend. Doch die Nase trug er hoch.

„Das ist nicht hinzunehmen“, sagt er. „Was für eine Schande, dass sich ein kleiner Walachenlümmel anmaßt, dich zu schlagen. Schlag zurück.“

„Das möchte ich auch, Vater“, sage ich, „aber wie kann ich es, wenn ich ihm nur bis zum Bauchnabel reiche?“

„Auch wenn du ihm nur bis zum Nabel reichst“, sagt mein Vater, „bist du doch mein Sohn.“

So ging ich wieder zur Schule.




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