[<<Erster] [<zurück] [weiter>] [Letzter>>] 242 Artikel in dieser Kategorie

Crnjanski, Milos: Bei den Hyperboreern - Band 1

ISBN:
978-3-86660-159-8
Lieferbar:
sofort lieferbar sofort lieferbar
34,95 EUR
-> in Deutschland kostenfreier Versand

Roman. Aus dem Serbischen von Elvira Veselinovic

ERSTER TEIL

Festeinband, 370 Seiten

Die Hyperboreer (griech.: „jenseits des Nordwinds“) sind ein sagenumwobenes Volk, dem die Griechen ein glückliches Dasein im hohen Norden andichteten: „Im Land der Hyperboräer scheint immer die Sonne, die Bewohner leben in beständigem Glück, kennen keine Trauer und sind unsterblich.“ (Pindar)

In seinem Spätwerk Bei den Hyperboreern schildert Crnjanski seine Eindrücke von Skandinavien, das er 1937 bereiste, aus der Perspektive eines serbischen Exilanten in Rom während des Zweiten Weltkriegs. „Und während ich da so sitze oder träume zu sitzen, erinnere ich mich, daß die Tundra in Spitzbergen, wenn sie blüht, viel bunter ist als der Pincio, den ich über dem Tiber erblicke.“

Die Bombardierung der europäischen Metrolopolen und die Judenverfolgung bedeuteten für Crnjanski den unwieder­bring­lichen Untergang Arkadiens. In diesem Buch geht es Crnjanski nicht darum, dem Verlorenen nachzutrauern, sondern eine letzte Hoffnung hochzuhalten, eine Wunschvorstellung, Utopie oder realistische Traumerzählung. „Offensichtlich bedeutet dies, daß es für den Menschen nötig ist zu wissen, daß er irgendwohin nicht mehr zurückkehren kann, um zu erkennen, wie glücklich er dort war.“

Miloš Crnjanski zählt zu den herausragenden Autoren der serbischen Avantgarde. Seine poetische Prosa hat die moderne serbische Literatursprache geradezu erschaffen. Der Roman Bei den Hyperboreern kann als Synthese seines poetischen Werks betrachtet werden, in dem Visionen einer friedlichen Welt kontrastiert werden mit Schilderungen sozialer Mißstände, Rassismus und Krieg. Crnjanski zeigt sich als Autor von internationalem Rang.

Miloš Crnjanski (1893-1977): geb. in Csongrád (Ungarn), studierte Philosophie und Kunstgeschichte in Wien, Belgrad und Paris, ab 1928 Kulturattaché in Berlin, Rom und Lissabon für das Königreich Jugoslawien, Emigration nach London, 1965 Rückkehr nach Belgrad.

Elvira Veselinović: zweisprachig in Deutschland und Jugoslawien aufgewachsen, Studium in Köln und Galway (Irland), Promotion, freiberufliche Übersetzerin und Sprachlehrerin in Berlin.

„Die besondere Anziehungskraft des Werkes besteht darin, daß sich die Genre vermischen: lyrische Prosa mündet in Essays, die in eine dramatische Form übergehen, welche wiederum von lyrischen Passagen besänftigt werden.“ Cornelia Marks

Leseprobe:

RÖMISCHE NÄCHTE UND TAGE 

Zu Beginn des letzten Krieges lebte ich in Italien. Ich wohne in Rom, in der Nä­he des Vatikans, gegenüber einem Armenvorort, der Borgo heißt. Er stinkt im Som­­mer nach Urin, im Winter ist es kalt und er zittert.

Ich wohne in der Nähe eines ehemaliges Senators, der, schwerkrank, im Sterben liegt, im Erdgeschoss. Mir hat er die obere Etage vermietet, die in Rom Herren­etage heißt, und in der größtenteils Ausländer wohnen (il piano sig­no­rile). Von meinen Fenstern aus sehe ich den Borgo und die Kuppel des Peters­domes, die Idee Michelangelos. Die Römer nennen sie la cupola.

Beim Senator, in dessen Haus ich lebe, faulen die Nerven in den Zehen, und das verursacht schreckliche Schmerzen, so dass er sich vor dem Tod sehr quält. Mit derselben Krankheit, hören wir, liegt auch Papst Pius der XI. gerade auf dem Sterbebett. Sie sind Schulfreunde und werden vom selben Arzt behandelt. Der Papst schickt dem Kindheitsfreund seinen Segen und lässt ihm ausrichten, dass er sich tapfer halten soll. Der Senator tröstet den Papst damit, der Papst werde noch lange leben, da er in seiner Jugend Bergsteiger war. Der Arzt sagt, die Antwort auf die Frage, wer zuerst sterben würde, sei wie ein Treffer in der Lotterie.

Ganz Rom weiß, dass der Papst im Sterben liegt, und ganz Rom spielt Lot­terie mit den Papstjahren. Sie warten nur noch auf das Todesdatum, damit sie die Kombination für das terno, quaterno, die Tombola erstellen können. Die aber­gläubischen Römer glauben, dass man mit den Lebensjahren des Papstes sicher die Lotterie gewinnen kann.

Ganz Borgo hat keine Öfen und geht morgens aus dem Haus, vor meine Fen­ster, um sich an der Sonne zu wärmen. Die Armen stehen vor meinen Fenstern und hüpfen und zittern. In Rom sind manchmal die Nächte sogar im Frühling kalt, geschweige denn im Winter. Die Leute rennen im Kreis, pusten in ihre Hände, sie tänzeln, blaugefroren. Die Frauen rufen einander quer über die Stra­ßen manchmal Flüche zu, während die Straßenbahnen quietschend vor­bei­fahren. Sie beruhigen sich erst, wenn die Sonne scheint, dann lehnen sie sich an die Wand und schließen genussvoll die Augen.

Auch ich leide zu dieser Zeit an schrecklichen Schmerzen im Bein und gehe zum selben Arzt, dem berühmten, der auch den Papst behandelt. Er untersucht mich, nimmt mir Blut und Urin ab, dann röntgt er meine Brust. Er fragt mich nach allem möglichen aus und sagt mir schließlich, ich solle ihm erzählen, wie ich lebe und was mein Beruf ist. Ich sage: tagsüber bin ich Beamter in einer ausländischen Botschaft, und abends schreibe ich; ich sammle meine Reise­berich­te aus  Dänemark, von Island, aus Schweden und Norwegen, von Spitz­bergen.

Für weitere Informationen besuchen Sie bitte die Homepage zu diesem Autor.
Webshop by Gambio.de © 2012