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Gehrisch, Peter: Die Bilder, die Wörter, das Schiff

ISBN:
978-3-86660-152-9
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Roman

In 35 Briefen an Dorothea erstattet Einarr Aichlein Berichte von Träumen und Abenteuern, verursacht vom Tee der Engels­trompete, den ihm ein Toxikologe in Breslau verabreicht hat. Von Flashbacks bedrängt, gerät er in rauschhafte Situationen, pflegt Austausch mit wandelnden Geistern wie der Heiligen Hedwig, Angelus Silesius, Andreas Gryphius, Gerhart Hauptmann, einer Argonauten-Gesellschaft und anderen skurrilen Personen. Zeitweise beherrscht ihn die fixe Idee, Odysseus zu sein, wie auch B. Traven, ein Mönch oder ein Fisch, der Sepia­schleier versprüht. Er glaubt Anna Seghers zu sehen und steigt mit ihr über Leitern in eine andere Welt. Zeichen auf seinem Weg in die vermeintliche Freiheit sind ihm Gespräche mit Toten auf einem Friedhof, die zu groteskem Leben erwacht sind. Die Begegnungen sollen ihm helfen, zu sich zu kommen. Stets hält er Ausschau nach einem versunkenen Land, das dann und wann aufblitzt als eine Gemarkung in Schlesien, Ithaka oder als fremd erscheinender Ort, bis ein phantastisches Schiff ihn in den schillernden Trichter einer Trompete lenkt.

Peter Gehrisch: geb. 1942 in Dresden, Mitherausgeber der Zeitschrift für Literatur und Kunst OSTRAGEHEGE, lebt in Dresden und Lwówek Śląski

 "Nach seinem Schelmenroman ist nun ein weiteres autobiografisch gefärbtes Buch erschienen: Peter Gehrisch erweist sich als faszinierender, manchmal etwas schwatzhafter Erzähler, der dem Wort wieder gerecht wird und um seine tiefere Bedeutung weiß." Heinz Weissflog


"Und wer ein bisschen eintaucht in die schlesische Literatur, weiß auch, dass sie zeitweise die wichtigste und eindrucksvollste im ganzen deutschen Sprachraum war. Opitz wäre hier stellvertretend zu nennen. Doch Gehrisch wäre nicht Gehrisch, wenn er auch hier nicht die Grenzen überschritte. Denn seit Jahren übersetzt er mit Fleiß die großen polnischen Dichter der Moderne ins Deutsche. Er kann also hin und her springen, sich von Bildern und Versen treiben lassen." Ralf Julke

Leseprobe:

01

Ich träumte den seltsamsten Traum einer Fahrt über sprudelnden Schaum, erzeugt, wie ich bald darauf sah, von Milliarden von Zungen, und – ohne Aufschub – Ihnen, Frau Dorothea, ver­traue ich an, zu welcher Erleuchtung ich kam. – Ich lag – ungeschaffen – im Dunst, ein Schein, ein diffuses Objekt. Aus der Tiefe stiegen Perlen und Perpendikel aus Tang. Und nirgendwo Land. Und nirgendwo Logik. Nur ein unergründlicher Leuchtturm schickte Licht in die Weite. Rauschen drang auf mich ein. Mir war grillenhaft einsam zumute. Wo bin ich? Was bin ich? Ich wollte meine Nase berühren. Doch: Weder sie noch meine Hand waren an der vermuteten Stelle. Erst, als ich in meine verdrehte Ge­danken­schlucht drang, fand ich mich selbst, und alles war greifbar vorhanden. Ich entdeckte die Lippen, die Zunge, die Zahnfront; ich stieß auf Gesichter, spannte die Ohren wie Segel und rief: Gebt Ant­wort! Wo ist das Land, das ich suche? – Aber ich hörte nur Wellenrau­schen, Gellen und – Schumm. Der Lichtkegel brach sich durch Algen, Schlick und zottelnden Schlamm in die Tiefe. Auf der Kalkschicht aus Muscheln fand ich auf Grund gesunkene Berge und Täler, Dörfer und Städte, grüne blühende Wiesen, durchschwommen von den spiegelnden Fischen der Zeit, etwas, das undeutlich sprach. Mir schien es ein Winken, als käme Erkennen von dort, das mir und meinem Vorhandensein galt. – Ich war überrascht, auf erregende Weise stimmte der Traum mit der Wirkung gesprochenen Worts überein, der Gesamtheit an Stimmen, die – ähnlich dem indischen Gleichnis – nur dieses Schumm wiedergeben, das keiner versteht, wenn er den Geistern sein Ohr ohne Augenmerk schenkt, Schumm, Om, schäumendes, unklares Summen und Rauschen, Geräuschen von überall her, bewirkt von den Lautsignalen romanischer, slawischer, ugrischer Herkunft, durch ihre Substanz vernetzt bis in tocharische Tiefen, illyrische, phrygische Spuren und ans andere Ufer des Ozeans, wo beglückendes Glucksen hinzutritt, bei Ket­schua, Tupi und Guarani. Die Gesamtheit dessen, was ich auf meinem Weg aufgefischt habe, Modulationen der Goten, Burgunder, Dal­matiner, überlieferte Kenntnis, von Fahrensleuten unklar herübergetra­gene Stimmen­schwänze, verknüpft noch mit fremderem, unzugänglichem Schall. Im tiefsten Grund der Empfindung traf ich auf Sprache, die ich von meiner Mutter her kannte, wenn sie in die vertraute Mundart zurücksank, die untergegangene Zungenzunft Schlesisch, mit der sie den Landstrich beschrieb, für mich ein orphischer Ort. Sein Inhalt war eine spirituelle Geheimkartothek, bewahrt im Schädeltopf oben, der den Zungenlappen beherbergt und – in der Deckenregion – das Land der eigenartigsten Bilder, der Kindheit, die ihre Wurzeln in Krieg und Vertreibung hat, um die sich Sinn und stetige Su­che nach einer Bedeutung bewegen.

Ich träumte von der Gesamtheit der Sprachen, die kein Mensch ohne Begrenzung aufnehmen kann, einem Meer, bestehend aus Schall, der sich zum Signifikanten hin wandelt, weil Sie ihn hören und hören wie das Gurgeln des Wassers in einem sprudelnden Grund. Sie wissen, Frau Dorothea, dieses gewohnte Geräusch wird Mutter- und Alltagssprache genannt. Fremde Sprache, erlernbar über Vokabeln und Regeln, ist, wie ich hörte, Stiefmut­tersprache, rational, ohne Mutter gezeugtes Geschlecht.

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