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Crnjanski, Milos: Ein Tropfen spanisches Blut

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978-3-86660-181-6 eBook
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Roman. Aus dem Serbischen von Hans Volk

In dieser faszinierenden Geschichte von Liebe und Verführung wird die Heldin des Romans, Lola Montez, dem Leser nach und nach als Synthese aus Gegensätzen und verführerischen Landschaften des Physischen und Metaphysischen, des Sinnlichen und Spirituellen, der Liebe und des Hasses enthüllt. Mit ihrem Auftritt auf der Bühne des Münchner Theaters, unrealistisch schön und charismatisch in einem wundersamen Kleid aus Spitze und schwarzer Seide, verwoben mit Gold und einem roten Faden, verführte sie nicht nur alle anwesenden bayerischen Herren, sondern auch den König selbst. Sie beherrschte nicht nur das Herz des Königs, sondern hetzte die ganze Hauptstadt gegen ihn auf – und die ganze katholische Kirche Bayerns.

„Über den Spanischen Blutstropfen kann man sagen, daß es sich um einen historischen Roman handele. Er ist jedoch kein historischer Roman. Wenn man aus der Realität heraus will, aus einem naturali­stischen Roman, geht man in die Phantasie. Wenn man sich eine spanische Schauspielerin vorstellt – sie war eigentlich keine Spanierin, sie war Irin – also wenn man eine solche Schauspielerin und einen König nimmt, und diese Schauspielerin wird seine Geliebte und macht eine Revolution in München – und München war damals eine Stadt für mich, in die ich oft gereist bin, nicht wegen der Politik, sondern wegen des Museums – dann stellte sich mir  schon damals die Frage – und ich war jung: Hat ein Mann über Sechzig, wenn er in Gegenwart einer Frau, die dreißig Jahre alt ist, Schönheit? Es ist in erster Linie ein Liebes­roman.“   Miloš Crnjanski

Milos Crnjanski (1893-1977): geb. in Csongrád (Österreich-Ungarn), studierte Philosophie und Kunstgeschichte in Wien, Belgrad und Paris, erzwungenermaßen k.u.k. Offizier im Ersten Weltkrieg, Anarchist und Sozialist, zahlreiche Romane, Reisebeschreibungen, Dramen und Essays, übersetzte klassische chinesische und japanische Lyrik, gründete verschiedene Zeitschriften, u.a. Puteve (Wege), ab 1928 Kulturattaché in Berlin, Rom und Lissabon, 1934 Herausgabe der Zeitschrift Ideje (Ideen), Emigration nach London, 1965 Rückkehr nach Belgrad.

Hans Volk (1917 – 2009) : geb. in Birkenfeld (Baden-Württemberg), lebte nach einer kaufmännischen Ausbildung in Hamburg, Leitungsfunktion bei Webasto, übersetzte als polyglotter Pensionär das Tagebuch über Carnojevic  von Miloš Crnjanski (Suhrkamp) und Pantelej auf der Juden­kirsche von Jevrem Brkovic (Kiepenheuer), beide erschienen 1993.

"Milos Crnjanski gehört - mit Ivo Andric und Miroslaw Krleza - zum Dreigestirn der jugoslawischen Klassiker der Moderne ..." Ilma Rakusa

Leseprobe:

I

Von Mitterndorf her rüttelte auf der staubigen Landstraße zwischen einer Allee alter Kastanienbäume schon geraume Zeit eine große, schwar­ze Reisekutsche.

An einer Wegbiegung unter einer mit spärlichem Wald be­wach­senen Anhöhe hielt sie plötzlich an, weil eine der schweren, breit­köpfigen, bayerischen Stuten zu lahmen begann.

Von dieser Biegung an verlor sich die Straße geradeaus im fernen, gelben Gezweig, und hinter der Kutsche fielen die Blätter so dicht, daß man auch die letzten Häuser des Dorfes nur noch durch diesen Regen gelben, verwelkten und staubigen Laubes sah. Aus dem Sumpf mit dem versengten, schweren Gras, der sich rechterhand eintönig in die Weite ausbreitete, ausgefüllt nur von ganz niedrigen, rotbraunen, ver­brann­ten Erdklumpen, die wie Füchse auf der Lauer aus­sahen, stieg die sump­fige Glut in die Staubwolken um den Wagen so heiß, daß die Pferde, nach­dem sie plötzlich stehen­geblieben waren, mit den Bäuchen schnauf­­­ten wie leere Blase­balge.

Die Hitze, die in das hügelige Gebiet zur Linken eingefal­len war bis hin zum Stadtrand von Dachau, dessen Häuser im Tal sichtbar wurden, als die Kutsche anhielt, war noch schlimmer. Der endlose Morast und Sumpf entlang des Weges machten diesen heißen Herbsttag un­er­träg­lich und lang.

Vom hohen Sitz, wo die drückende Glut bis ins Gehirn stieg, waren die Bediensteten wie tollwütig heruntergesprungen. Während sie ab­stiegen, zankten sie sich wie Verrückte, dann kletterten sie wieder nach oben. Der Kutscher, riesen­groß in seinem schwarzen Umhang, der vom Staub grau war, ging wie ein Seiltänzer über die schwere Deichsel, zwängte sich mit einem Bein zwischen die Pferde, hob ihre Hufe hoch ünd ließ sich schließlich zur Erde hinab. Ein buntes Geschöpf, vielleicht die Zofe, die neben ihm gesessen hatte, faßte sich verzweifelt an den Kopf. Ganz in Spitzen und prächti­gen Überröcken, schien sie aus rei­chem Hause zu sein. Ihren roten Sonnenschirm hochhaltend und die Arme voller Schach­teln, ging sie um den Wagen und brach in Tränen aus. Der große Schatten der schwarzen Kutsche, in der völli­ge Stille herrschte, konnte ihr keine Kühlung verschaffen.

Nachdem der Kutscher kopfüber auf der Deichsel gekniet und dann abgestiegen war, ein Steinchen aus einem Huf ge­kratzt hatte und dann, ganz blau geworden von der Anstren­gung und der Hitze, die Zügel entflocht und sich anschickte weiterzufahren, beugte sich die Zofe ins Fenster der Kutsche und begann unter Tränen, kreischend und vor Zorn heftig den Kopf schüttelnd, auf die Klinke zu hauen. Mit weit aufgeris­senen Augen unter den vom Staub ganz grau gewordenen Brauen und Wimpern schaute sie in das Dunkel der Kutsche und schnatter­te wü­tend: „Madame, lassen sie mich hinein. Lassen Sie mich hinein! Das ist Quä­lerei. Das ist Betrug. Ich bin es nicht ge­wohnt, so zu reisen. Ich kann es hier nicht mehr aushalten. Ich werde ersticken, ich werde sterben. Ich werde sterben“, ­rief sie noch lauter auf Französisch. „Die Augen bren­nen mir, als ob sie voll Asche wären. Ich kann sie nicht öffnen. Verdammt nochmal, da neben Ihnen ist Platz, ich bin nichts Geringeres als Sie“, fügte sie, immer lauter weinend, hinzu.

In der Kutsche indessen, im Halbdunkel des tiefen Sitzes, erzitterte ihre Mitreisende, eine junge Frau, deren Kopf einen Moment von warmer Helligkeit getroffen wurde, vor diesem Geschrei und begann, ihr den blauen Vorhang der Kutsche vor der Nase zuzuziehen. Man sah nur noch, wie drin­nen ihr großer, schwarzer Fächer immer schneller vor ihrem Busen flatterte, wie ein Rabe, wenn er vom Schnee auffliegen will.

„Steig auf, steig auf“, flüsterte sie dumpf und warf ihren Kopf in die blauen Kissen, offensichtlich in dem Wunsch zu träumen oder zu schla­fen. „Du weißt, daß ich niemanden ertragen kann, nicht einmal neben mir im Bett, wenn jemand atmet. Dich kann ich nicht einmal hier er­tragen. Niemanden kann ich ertragen, niemanden, hast du ver­stan­den? Es ist so schon schrecklich für mich, und du schwitzt ja schlim­mer als dieser Hund“, schrie sie am Ende durchs Fenster. 

Nachdem sie einen feuchten Schal vom Kopf gerissen hatte, mit dem sie die Stirn kühlte, tat diese junge Frau, die offensichtlich weder für diese Reise noch für diese Kutsche richtig gekleidet war, zu ihrem Hund gebeugt – als ob sie den silbernen Knauf ihrer Reitpeitsche, die in ihrem Schoß lag, ergreifen wollte. Doch sie konnte mit einer ärgerlichen Kopfbewegung davon Abstand nehmen, denn ihre Zofe raffte schon ihre Spitzen, Überröcke und Schachteln zusammen und kletterte, immer noch weinend, auf den Sitz neben dem Diener.

Nachdem sie in der Kutsche im Halbdunkel wieder allein war, warf die Dame wie halb tot den Kopf zurück. Ihr schwar­zes, enges Reisekleid war so aufgeknöpft, als wollte sie dem Spiegel hinter ihr die Schönheit einer marmornen Frauenstatue zeigen. Sie lag kraftlos, von der Glut­hitze erdrückt, neben ihrer schwarzen Dogge, die mit ihren ent­zündeten Augen den Kopf und die spitzen, kleinen Ohren aufgerichtet hatte, um sich dann gleich wieder müde zu ihren Füssen niederzulassen.

In der Schwüle der geschlossenen Kutsche war sie sehr schön, fast un­natürlich schön – die Blässe ihres Gesichtes, die herrlichen, rei­nen Züge englischer Knaben, das wunderbare, zarte Rouge ihres Mundes hinter dem spanischen Schleier. Die schwarzen Trauben ihres Haares schienen beim ersten Hinsehen einen blauen Schimmer zu haben, ähnlich wie Flügel eines Raben. Doch das Schönste an ihr war der Blick ihrer Augen, über die man allenthalben erzählte, wo sie auch hinkam. Es waren Augen blasser Veilchen, die funkelnd und gleisend blau wurden und leuchteten, wie blaue Blitze, wenn sie in der Nähe einschlagen. 

Die schwere, schwarze Kutsche fuhr wieder weiter. Sie wirbelte Staub auf und war von weither sichtbar.

In der vollkommenen Stille des Sumpfes und dieses schrecklichen Okto­bertages fuhr sie eintönig auf der leeren, staubigen Straße. Der rote Sonnenschirm schaukelte in einer Staubwolke über den Pferden. Hasen flüchteten aufgeschreckt über die Straße in das sumpfige Gras und zu der trockenen Anhöhe durch die Allee der Bäume, bis die Kutsche schließlich die ersten, schiefen Häuser von Dachau erreichte.

In die steile Hauptstraße einbiegend, über eine Brücke mit lose aufgelegten Balken, rissen die Pferde mit dem Donner ihrer schweren Hufe nicht nur die schwarze Dogge in der Kutsche aus dem Schlaf, sondern auch die Stille und Leere der alten Häuser, hinter denen sich hoch der schwarze Schatten der Kirche erhob. Noch ehe die Kutsche in der schrecklichen Gluthitze aus dem Gäßchen herauskam, hielten die Pferde von selbst vor einem großen Gasthaus an, von dem aus ihnen die Sonne den Duft dampfenden Heus und der Stallung herübertrug. Im Schatten der dichten Kastanien, unter alten Mauern und Zäunen, hörte man das Plätschern von Wasser.

Die Zofe schürzte ihre Röcke und eilte als erste mit ihrem roten Sonnenschirm von der Kutsche zu einem Brunnen neben dem großen Haus, unter dessen Vordach Köpfe herausspähten. Die Mauer um den Aus­lauf, aus dem das Wasser heraussprudelte, war schimmelig und grün von der Feuchtigkeit, aber sie war auch kühl. Von ihr aus fielen unsichtbare, aber unzählige Schwärme von Schnaken über das Mädchen her. Ohne sich um die Schreie „Mariette, Mariette“ ihrer Herrin zu kümmern, die ärgerlich und mit unterdrücktem Zorn nach ihr zu rufen begann, als ob eine Tote aus dem Sarg riefe, lief Mariette schnell den Straßengraben entlang, zertrat weiße Pilze, umfaßte den hölzernen Aus­lauf, aus dem das Wasser floß, und begann, sich die Augen zu be­netzen.

Der Kutscher ging wieder über die Deichsel, breitete seinen schwar­zen Umhang aus und brüllte dem Gastwirt, der auf der Terrasse er­schienen war, aus voller Kehle und mit rauher Stimme zu „Bier, Bier“, wobei er zweifellos kundtun wollte, daß unter seiner grünen Weste, auf die er mit seinen riesigen Pratzen klatschte, ein großes leeres Faß sei.

 Als auch die Dame aus der Kutsche herausspähte, sah auch sie die Reihe der alten Häuser und Dächer am Berg, die Grasfläche des Sumpfes im Tal und in der Ferne die dunklen Umrisse der Münchener Kirchen­kuppeln und der königlichen Schlösser. Erst als sie fernab die hohen Gebirge sah, über denen sich die Wolken türmten, spürte auch sie den Wunsch, aus der Kutsche zu steigen, als ob sie ahnte, daß die Hitze vorüber ginge.

Ihre schwarze Dogge sprang mit schäumenden Lefzen und blutigen Augen zuerst aus der Kutsche, denn sie witterte das Wasser ganz in der Nähe. Sie sprang mit der Wildheit, mit der einst ihre Vorfahren in den spanischen Kolonien aus den schweren Wagen sprangen, um In­dianer­blut zu trinken. Trotzdem blieb sie zitternd stehen, in der Erwartung, daß die Dame aus der Kutsche sie führen werde.

Noch immer wie in der Kutsche unsittsam aufge­knöpft, erschien dann auch sie, begab sich langsam in den Schatten der Kastanien, wobei sie sich mit dem schwarzen Fächer vor der Sonne schützte, alles ohne Hast. Sie faßte die Dogge fest am Genick und suchte ein Geschirr, aus dem sie ihrem Hund zu trinken geben könnte. Verwirrt von ihrer Schönheit und ihrem Aufzug, brachte der Gastwirt, ein etwas älterer Mann, mit einem Gesichtausdruck, als ob er ein Faß hochstemme, eilig ein Gefäß heraus, aus dem er sonst sonntags seinem Kaplan die Suppe reichte.

Dann tauchte sie die Schnauze der Dogge ins Wasser, drückte das Tier brutal nieder und flüsterte auf Spanisch, während der Gastwirt, erschrocken von ihrem Blick, wegging.

„Trink, Torro! Weißt du eigentlich, was Liebe wert ist? Du drängst dich an mich und zitterst, während ich dich streichle, aber es reicht schon, daß du Durst hast, und schon verläßt du mich, als ob es mich nicht gäbe. Sauf dich voll, noch, noch – du hast es selbst gewollt. Eines Tages werde ich dich zwingen, Feuer zu schlucken. Trink, sauf dich voll, noch, noch, du mußt.

Sie stieß die Schnauze des Hundes derart auf den Boden des Napfes, daß die Dogge sich unter Aufbietung aller Kräfte Iosriß.

Man hatte begonnen, für sie im Schatten unter den Kastanien­bäumen Tische aufzustellen, während sich um ihre Kutsche die Kinder der Nachbarn versammelten. Sie schaute schmunzelnd ihren schreck­lichen Hund an, dem die Augen brann­ten und die Zähne klapperten, erwiderte mit einem spöttischen Lächeln den Gruß eines Geistlichen, vielleicht des Dorfkap­lans, der auf der Terrasse erschienen war und sich artig vor ihr verbeugte, alsbald erschrocken, aber beherrscht, nicht nur wegen ihrer Schönheit, sondern auch wegen des grausamen Blickes der Frau, die ihn nicht einmal mehr ansah. In den Anblick der Berge, der Ebene und der Umgebung versunken, hatte sie zugestimmt, daß man hier in diesem kleinen, unbekannten Gasthaus ein wenig ausruhe. Als ihre Dogge mit glühendem Blick wieder zurückkam, wurde ihr Ge­sichts­ausdruck wieder sanfter, und sie schickte sich an, mit mildem Lächeln, ganz zerbrechlich, mit einem Gang, der der Bewegung einer müden, kranken Schlange glich, in den Schatten der Kastanienbäume zu gehen.­

Sie verweilte lange, nahm kaum etwas zu sich und würdig­te ihre Dienerschaft keines Blickes. Sie saß auf einer alten Mauer, unter der in der Tiefe Häuser, Obstgärten und Tauben­schläge waren, die sich hin­unter­zogen bis in die Dorfstraßen und die modrigen Gräben, in denen sich kaum eine Spur klaren Wassers erkennen ließ.

Wie ein Reiter auf dieser alten Mauer sitzend, von der die Eidechsen geflohen waren, beugte sie sich über die Tiefe, als ob sie hinabstürzen wollte, verharrte so und verlangte mit einem dumpfen „Mariette“ Schreib­­zeug. Und während ihre Dienerschaft aß und trank und der Gast­wirt Getränke heraustrug und um die zwar schnell, aber festlich gedeckten Tische herumging, begann sie nachdenklich zu schreiben, im Schatten, mit dem Blick auf die Berge, in de­nen sich ein Unwetter anbahnte.

Beim ersten Zeichen des Sonnenunterganges wollte sie sich noch einmal bei ihrem Geliebten melden, der sie bis Augsburg begleitet hatte, wo sie in einem verborgenen Gast­hof heimlich, damit man ihn nicht er­kann­te, zwei Tage und zwei Nächte verbracht hatten. Vor ihren Augen fast so wirklich, daß es schien, er sei greifbar nahe, war in ihren Ge­dan­ken der jüngste Prinz aus dem fürstlichen Hause Reuß erschienen, der ihretwegen die Eltern und die Schule verlassen wollte. Sie sah ihn in der Unschuld seiner zwanzig Jahre, wie er vor ihr auf den Knien lag, wie er ihre Glieder küßte, und wie er weinte. Sie sah ihn, wie er heimlich, als er ihr Gepäck richtete, in die Ledertasche unter die Tanzkostüme alles Gold steckte, das er insgeheim beim Vater und bei den Verwandten ein­ge­sammelt hatte, während sie ihm kichernd und nackt befahl, zu den Eltern zurückzukehren.

Während sie noch tiefer in die verbrannte und ausge­trocknete Um­gebung schaute, die in der schwülen Hitze vor dem Regen noch immer flimmerte, erfaßte sie mit einem Blick alles, was dort geschah und lebendig war. Und sie schrieb so schnell, daß ihr vom Gänsekiel zweimal Tinte auf die weiße Hand spritzte. 

Wir haben in einem alten Gasthaus, ich weiß nicht wo, Halt ge­macht, nur damit ich Ihnen, Durchlaucht, diesen Brief schreiben kann. Ich denke an die drei Abende, die ich in München geben werde, aber viel mehr an die Nächte, die ich mit Ihnen, Heinrich, verbracht habe. Ver­gessen Sie mich! Vergessen Sie mich so bald wie möglich. Wir haben uns unsrer Liebe nicht würdig erwiesen, wir haben uns der Gnade und Un­gnade der Sinne ergeben. Wir haben in dem Feuer ge­brannt, das Ihr Edelsinn weit mehr als Ihr Mut und Ihre Kraft in mir entflammt hat. Sie werden mich schnell vergessen, doch ich werde in meiner Phantasie mit Ihnen viel tiefere Freuden genießen, als ich sie empfinden durfte, während wir zusammen waren. Gott war gegen unsere Liebe.

Lola                        

Nachdem sie Sand über den beendeten Brief gestreut hatte, betrachtete sie ihn mit einem häßlichen Lächeln, das klar zeigte, daß ihr nichts an ihm gelegen war. Als sie sah, wie in der Ferne Blitze zuckten und sich Wolken auf­türmten wie vor einem Gewitter im Sommer, befahl sie, ein­zu­steigen und weiterzufahren.

„Es wird Regen geben“, sagte da auf Französisch, gespreizt aber freundlich, der Geistliche neben ihr, der im Schatten der Kasta­nien­bäume selbst wie ein schwarzer Schat­ten stand. Und nachdem er sah, daß sie ihn kaum beachtete, fügte er, artig seinen Hut ziehend, seinen Namen hinzu. Daraufhin, offenbar in der Meinung, daß ihn das nieder­schmettern würde, nannte sie leise ihren Namen: Maria Dolores Porrys y Montez. Zugleich ersah sie aber aus seinem milden Lächeln, daß er diesen Namen nie gehört hatte. Überzeugt, daß sie es mit einem Land­pfarrer zu tun hatte, wollte sie schon weitergehen, als dieser ihr zu­trau­lich sagte, daß er zum ersten Mal im Leben eine Spanierin sehe und daß er sie bewundere, wobei er nicht auf die Dogge achtete, die sich an­schickte, ihn anzuspringen.

„Kennen Sie das Gasthaus Zum Hirsch, zu dem ich reise?“, fragte ihn dann die Tänzerin, nur um etwas zu fra­gen, „und Monsieur Hauert, den Wirt?“

„Das ist das beste Münchner Gasthaus, Madame“, antwortete ihr der Geistliche mit seinem harmlosen Gesicht eines großen Kindes. „In ihm werden Sie alle Unannehmlichkeiten vergessen, falls Sie sie im letzten Gasthaus in unserem Land gehabt haben sollten.“

„Ich hatte keine Unannehmlichkeiten im letzten Gast­haus“, ant­wor­tete sie mit ärgerlicher Hinterhältigkeit, „in ihm habe ich näm­lich mit meinem Geliebten geschlafen“, fügte sie mit einem ersten La­chen hinzu, wohl in der Erwar­tung, daß der Geistliche das Weite suchen würde. „Ich habe ihm gerade einen Brief geschrieben.“

Am fremden Ort, der bei Sonnenuntergang aus der nachmittaglichen Schläfrigkeit aufzuwachen begann, beim Gebell der Hunde, dem Krähen der Hähne und dem Gackern der Hühner, die vor dem Regen auf die Zäune stiegen, fühlte sie etwas wie Angst im Hof des unbekannten Gast­hauses, in dem sie vorher nie gewesen war und von dem sie wußte, daß sie nie mehr hierher kommen würde.

„Sie sollten bei ihm bleiben“, erschreckte sie in­dessen die leise Stim­me des Geistlichen. „Wenn Sie auch in einem fremden Land sind, das sicher nicht so schön ist wie Ihr Spanien, sollten Sie heiraten.“

„Das habe ich schon einige Male getan. Glauben Sie mir, es ist immer dasselbe“, fügte sie hinzu, wobei sie beim Einsteigen in die Kutsche scham­los die Röcke hochhob.

„Wer keine Familie hat, dem möge Gott helfen“, sprach er weiter. „Gott, der alles geschaffen hat…“

„Aber teuflisch heiß“, unterbrach sie ihn, und während die Kutsche unter dem Geschrei ihrer Zofe anfuhr, warf sie ihm frech zu: „So, als ob neben Ihrem Lieben Gott auch der Satan dabeigewesen wäre.“

Sie lehnte sich bequem neben ihrer Dogge zurück, wäh­rend die Kutsche in die sumpfige Ebene hinunterfuhr, über der bereits der Regen prasselte, und hatte den Wunsch, weiter an ihre letzte Liebesnacht zu denken.

So in ihre Gedanken versunken, reiste sie in die Unge­wißheit, in eine völ­lige Ungewißheit ihres Lebens, immer weiter im Staub, auf den die Tropfen eines leichten Regens zu fallen begannen.

„Die Freuden, die er mit mir gehabt hat, werden ihm jetzt noch ver­lockender erscheinen, denn ich ließ ihn sich mit seiner Begierde quälen. Ich habe ihn zur Kreatur erniedrigt, ehe ich schwach wurde. Wozu nun dieser Vorwurf, mit dem ich mich beunruhige. Auch er war eine Ge­legen­heit, endlich wieder dieses Seelenbedürfnis zu befriedigen, das mich wieder heimsucht, das Bedürfnis, mich zu erhöhen, nach etwas zu lechzen. Ich konnte diesem Begehren nicht mehr widerstehen und auch nicht seinen Blicken. Er wird mich nie vergessen. Er wird mich lieben, denn ich war grausam. In seinen Gedanken nicht nur an meine weißen Brüste, sondern auch an meine Unnahbarkeit, werden Merkmale der Vollkommenheit, ja fast der Göttlichkeit vorkommen. Er wird leiden, nicht nur deshalb, weil er mit mir keine Stunden dieser Ekstase und dieser Verzückung mehr wird genießen können, sondern auch deshalb, weil er ohne mich nicht wissen wird, womit er weiterhin seine Seele betrügt.“ 

 

II 

Zum dritten Mal stand auf den Einladungskarten des Bayerischen Hof­theaters der Name Se?ora Dolores del Porrys y Montez.

Keiner in der Menge, die mit bloßen Schultern und in schwarzen Fräcken den Zuschauerraum füllte, ahnte indessen, daß ihre Spa­ni­schen Nationaltänze, wie auf dem Programm geschrieben war, das Schicksal sein würden, das sich in herrlichen, schwarzen Spitzen wie ein Schwarm Krähen niederließ, nach so vielen Skandalen und mit so vielen Leichen in Europa und München.

Vielleicht trug nur ein Mensch in diesem Gewimmel den bleichen Stempel von Tod und Liebe wahrnehmbar in seinem Gesicht. Unnatür­lich schweigsam und geistesabwesend an die vergoldete Brüstung der Loge gelehnt, bepackte dieser Jüng­ling einige Lakaien mit Blumen und befahl ihnen, die Rosen in die Garderobe der Tänzerin zu bringen, und als sie ihn fragten, von wem sie seien, sagte er kurz, fast flüsternd: „Graf Hirschberg, Studiosus.“ Dann stand er wieder angelehnt und mit abwe­sen­dem Blick. Er tanzte mit ihr, vielleicht wie ein Schlaf­wandler, aber nicht auf der Bühne, sondern über einem tiefen Abgrund. Über einem dunklen, rosaroten, duftenden Abgrund, der sich in seinem müden, überladenen Studentenhirn bei dem Wort Andalusien öffnete.

 

Über den Marmortreppen, wie auch unter den goldenen Blumen der Loge, verkörperte seine Persönlichkeit den Studen­ten, Phantasten, den künf­tigen Selbstmörder. Hinter ihm waren zwei Spiegel, und er konnte sich selbst auf einmal mehrmals lebendig sehen.

Prächtig gekleidet stand er im Getümmel der Leute, wie erstarrt in der Wärme des Theaters, in der er für einen Augenblick auch den Regen, der draußen niederging, vergaß und sein kaltes Verderben mit dieser Frau, das er vorausahnte, obwohl er erst ein paar Tage in ihrer Nähe war.

An ihm, an seinem noch sehr jungen Körper, schuf der schwarze Anzug eine gewisse Anmut, die an ein Kind erinnerte. Und bei allem Al­ter seiner Falten um den Mund, erkannte man auf den ersten Blick einen jungen, noch ganz von den Büchern geprägten Edelmann. Ab­ge­zehrt, sicher von den Zechereien, hatte er doch einen schönen Gesichts­ausdruck, der ganz darauf gerichtet war, griechisch aus­zu­sehen. Die affektierte Haltung seines Kopfes, der wie von den antiken Skulp­turen der Königlichen Glyptothek abgenommen schien, die feste, marmorne Stirn, die vollen Lippen und die zwei großen, tödlich ruhigen Augen, all das mußte ihm den Anblick einer Meduse verschaffen, doch das golde­ne, dunkelgoldene Haar schuf mit seiner Weichheit aus all diesem Dä­mo­nischen den Kopf eines jungen, romantischen Schauspielers. Er stand ruhig, allen Lorgnons ausgesetzt, und wich keinem aus.

Nachdem er in seinem Studentenmantel durch den Regen und den dunklen und kalten Hof der Schloßgebäude gegangen war, wo sich bei der Kirche Allerheiligen die Pforte für den Zutritt zu der Reihe der Logen befand, war ihm jetzt warm in diesem duftenden Zauber des Thea­ters. Es schien ihm, daß all jene unbarmherzige Realität da draußen nicht mehr bestehe, und er, unglücklich verliebt und voller Schul­den, nicht mehr in sie zurückkehren müsse. Er war im Zusammenleben mit Lola Montez ihr Page, aber nach einigen Tagen auch völlig unvernünftig geworden.

Sein Freund, sein bester Freund, Prinz Reuß, hatte ihn bestimmt, seine ,,Verlobte“ zu behüten. Das war eine jener schwierigen Pflichten, mit denen uns das Schicksal in der Jugend so oft in die Irre führt. Außer sich wegen der Briefe, die der Freund ihm schrieb, hatte er auf sie voll Scham mit Lügen geantwortet.

Nachdem er im Kampf mit dem Intendanten des Hoftheaters­, der ihren Tanz nicht zulassen wollte, den Verstand verloren hatte, wurde der junge Graf Hirschberg noch unberechenbarer, seit sie zu tanzen begonnen hatte. Er erstickte bei so vielen Rivalen, aber noch mehr vor dem Schatten dessen, der – so schien es ihm wenigstens – angefangen hat­te, bei ihr zu erscheinen und der in seinem Kopf Zeus war, natürlich fähig, ihm jede Nymphe zu entführen: Es war Ludwig I., sein König.

Allegorische Bilder, Girlanden, prunkvolle Lüster umgaben wie Krän­ze von Blumen und nackte Frauenbrüste die Zuschauer, die über die Logen und Galerien strömten. Schwarze Zylinder und wertvolle Fern­gläser aus Perlmutt und Gold lagen auf roten, samtenen Ballustraden, stets in Gefahr, auf ganz gewöhnliche Glatzköpfe zu fallen. Da und dort schwebte ein Programm aus federleichtem Papier langsam von oben herunter. Noch klebrig von Süßigkeiten, suchte es sich die Nase aus, auf die es fallen würde. Jene, die von den Adelslogen herun­terschauten, sahen meistens in die weiblichen Korsetts, jene, die von unten aus den Reihen der Bürgerlichen in die Logen schauten, sahen vor allem Doppel­kinne und Nasenlöcher. Als die Lichter ausgingen, erschien dem ein­samen, jungen Grafen Hirschberg diese ganze Bande wie tausend ab­ge­schnit­tene Köpfe.

Ein riesiger Kürassier, den Helm in der Hand, eingezwängt in weiße Gardehosen und hohe, gewichste Reitstiefel, ging auf dem roten Teppich an ihm vorbei, um sich auf seinen Platz zu setzen. Im Vorbei­gehen warf er dem Jüngling fast flüsternd zu: „Träumen Sie nicht, Hirschberg. Sie werden erst verrückt werden, wenn Sie gesehen haben, wie sie reitet. Den ganzen Vormittag bin ich heute mit der Señora Montez geritten. Frauen, die reiten, sind die süßesten Frauen. Und sie ist herrlich; leider hat sie mir gesagt, daß sie Sie liebt.“

In der Hofloge rasselten in diesem Augenblick Säbel und glänzten Helme. Wie Nibelungenhelden standen Offiziere hinter ihrem König. Lud­wig I. hatte sich niedergesetzt, sorgsam, in der Hoffnung, daß der Stuhl nicht quietschte. 

Der Vorhang ging sofort auf. Nun rannte, ungeschickt im Dunkeln, der junge Graf Hirschberg los und setzte sich in der dritten Reihe zu einer Dame.

„O Hirschberg, ich suche Sie“, flüsterte sie ihm zu, während auf der Bühne eine Sängerin immer lauter trillerte, „mein Mann ist schon um fünf Uhr weggegangen. Wo waren Sie, um Gottes Willen? Wir hätten bis jetzt allein sein können.“

Und heftig den Kopf schüttelnd, wohl um ihm zu zeigen, daß sie noch erschauern konnte von dem Druck seiner glühend heißen Finger auf ihrem langen, weißen Handschuh und auf die darin verhüllte, noch weißere Hand, bestreute sie sein Gesicht mit ihrem nach Lindenduft wohl­riechenden Puder. Begierig darauf, ihre Knie an seine zu drücken, hatte sie ihren Theaterumhang aus Straußenfedern über den Schoß ge­brei­­­tet, wobei sie gleichzeitig zischend aufseufzte, als ob ein Zahn schmer­­ze.

‚Nein, es ist unmöglich, daß er noch begehren und lie­ben kann“, sag­te sich indessen der junge Student, während er wie ein Somnambuler die Hand seiner Dame hielt und in das Gesicht des Königs starrte. „Er ist ganz hinfällig, er ist ganz alt, seine Lider und seine Augen hängen nur so herunter. Er hat nichts mehr von seinem heroischen, buhle­rischen Schnurr­bart, und diese struppige Löwenmähne auf dem Kopf sieht aus wie eine ungekämmte, gefärbte Perücke. Niemals wird Lola zu ihm sa­gen, was sie zu mir gesagt hat: »Hirsch­berg, ich zittere, ich brenne, aber ich darf Sie nicht lieben.«‘

Tatsächlich trug Ludwig I. in der elfenbeinfarbenen Loge nicht nur die Spuren seiner Kriege, seines Lebens und seiner Trinkgelage mit den Malern in Rom im Gesicht, sondern auch die graue Eintönigkeit des Tages, des Kalküls, des Feilschens, des Starrens auf Mauern, die sich erst erhoben, seit er wie in einen Wahn gefallen war, in dem Wunsch, Mün­chen wie Athen zu erbauen.

Mit dem gekrümmten Nacken, den hängenden Lippen, dem Haar­büschel direkt unter der Unterlippe und den großen Nasenlöchern über dem Schnurrbart, war er ganz in seinen schwarzen Stehkragen ver­sun­ken, in seinem Waffenrock, den er einst so stolz auf den Schlachtfeldern getragen hatte und der ihm bis zur Säbelspitze reichte, auf die jetzt gewiß der Bart fiel, und mit diesem wie eine Bürste gekämmten Bärt­chen über den Hasenlippen. Da der ganze Zuschauerraum auf ihn war­tete, daß er zu klatschen oder zu lachen beginne, war das ein wahrer Bühnen-Chatouilleur.

Graf Hirschfeld betrachtete ihn mit Haß, nur manchmal gemischt mit Mitleid, wenn der König über den Zuschauerraum blickte und, wie ihm schien, gerade auf ihn mit seniler Freundlichkeit und Wehmut.

In dem Augenblick, als sich der Vorhang nach dem ersten Akt senkte und die Lichter für den Zwischenakt mit spanischen Tänzen angingen, trat ein Theaterdiener von hinten an Hirschberg heran und drückte ihm heimlich ein Briefchen in die Hand. So wie er seine Freundin ohne Worte von dem Tag an verließ, als er Lola kennenlernte, so verließ er sie auch heute, ohne Knie an Knie, in einer wahren Verwirrung.

In dem Brief stand nur: Kommen Sie auf die Bühne – Lola.

Nachdem er in Frack und Paletot Hals über Kopf davongelaufen war, wollte der Jüngling außer Atem die Tür zu ih­rer Garderobe öffnen, die er gut kannte, wie auch die an die Tür gezeichneten Gänse, Bänke, Lieb­haber und Störche, doch sie rief seinen Namen aus einer dunklen Ecke hinter den Kulissen, wo sie, schon für den Tanz gekleidet, im Gewand grana­discher Zigeuner stand.

Sie war totenblaß in dieser Kaskade der Spitzen, der schwarzen Sei­de, dem golddurchwirkten Stoff, durchzogen von einem roten Faden, der wie ein blutiges Netz über alle diese Kleider lief. Sie stand da, fast kraftlos, nachdem sie auf eine Leiter getreten war und so ihre herr­li­chen Fesseln und kräftigen, marmornen Beine entblößte, voll Auf­ge­regt­­heit vor dem Heraustreten auf die Bühne und vor den riesigen Ab­grund des Zuschauerraumes. Händeringend flüsterte sie dem Jüngling zu, gekrümmt, als hätte sie eine schwere Wunde an der Brust, mit dem Ge­sicht einer spanischen Ikone, aufgeregt vor der Prozession, die sie draußen erwartete, die murmelte, die sich drückte und die darauf wartete, sie zu küssen.

„Heute tanze ich für den König, und wenn ich Erfolg habe, schwöre ich Ihnen, dann tanze ich künftig nur für Sie, aber nackt. Endlich werde ich mich irgendwo ruhig niederlassen können. Das Alter, mein Hirsch­berg, ist wie die Kin­der, es schweigt und leidet und vergöttert. Passen Sie auf, wie er mich mit den Blicken verschlingen wird, und wenn ich heute leben bleibe, sollen Sie wissen, daß ich Ihnen gehören werde...“

Und als der Jüngling sie vor Freude umarmen wollte, ohne sich um die Zofe und den Kulissenschieber zu kümmern, entzog sie sich seinen Händen. Gleichwohl hinterließ sie in ihm dieses unvergängliche, einzig­artige spanische Bild: eine entblößte Brust, einen Schleier aus weißen Spit­zen auf dem Kopf, ihr Antlitz und die blauen, großen Augen. Mit einem leisen Kichern sagte sie: „Wenn ich vorher ihm gehört habe.“

In dem Augenblick, als sich der Vorhang zu ihrem Tanz hob, eilte sie auf die Bühne und ließ ihn wie im Traum zurück. Ehe er zu sich kam, jagte ihre Gestalt erbebend und mit einem ver­hal­tenen, dumpfen spa­ni­schen Schrei, der die Leute zur Extase brachte, vor den Rampen­lichtern umher, wo­bei sie mit ihren leichten Röcken fast die königliche Loge streifte. Mit einer verrückten, tödlichen Leichtig­keit er­reichte sie im Sprung den Rand der Rampe, ließ dann sofort Kopf und Körper zurück­fallen, wobei sich jede andere Kreatur an ihrer Stelle bei diesem Fall das Kreuz gebrochen hätte. Es war, als tanzte sie Blut, junge Stute und Sonne, oder hätte sich dies bei ihrem ersten Wirbeln der Beine zumindest aus­gedacht. Zuerst stand sie zitternd, fast be­wegungs­los da, stampfte nur mit den Fersen auf den Boden auf, dann hob sie langsam, am Bein entlang und immer höher, den schwarzen Seidenrock über die festen Gelenke, über die Schönheit des kräftigen, herrlichen Knies. Dann hob sie die Arme hoch, schüttelte leise ihre Kastagnetten mit einem Klap­pern, als ob Trommeln zum Tode schlügen, während ihre weißen Hände wie Schwanenhälse über ihrem Kopf dahin­schieden.

Bis sie schließlich erbebte, wie von einem Pfeil getroffen niedersank, bei immerwährendem Kreisen um ein Bein auf die Knie fiel,so daß unter dem tobenden Beifall des Parterres und einigen Pfiffen von der Galerie her, ihre Brüste wie weiße Tauben aus dem Busen flogen.

Um sie besser sehen zu können, hatte sich Graf Hirschberg hinter einer Kulisse versteckt, von der aus er, ver­borgen zwischen zwei Blu­men­töpfen, sie mit den Blicken begleiten konnte. Seine seidene Hemd­brust beschlug sich mit Schweiß, sein Paletot schleifte hinter ihm im Staub. Mit dem silbernen Griff seines kurzen Stockes, ganz hingerissen von der Auf­regung, hatte er sich einen schmerz­haften Pfeil ins Bein gestoßen. Doch er war sich dessen über­haupt nicht bewußt, daß er sich so selbst Schmerz zufügte. Es war ihm, als stäche ihn jemand von hinten mit dem Messer, aber er wollte sich nicht bewegen.

Die Größe des dunklen Zuschauerraums, in dem es bei aller leiden­schaftlichen, spanischen Musik wie in einem Bie­nenstock oder einem Irrenhaus toste und brodelte, öffnete sich vor dem Jüngling wie ein Abgrund. Seinem Platz gegen­über sah er klar den Ausdruck des könig­lichen Gesichts. Und als Lola weiterschwebte, sah er auch die sonder­baren Augen Ludwigs I. – wahnsinnige, stechende und glänzende Augen. Der Mann, den Hirschberg jetzt betrachtete, war durch diesen Tanz min­destens zwanzig Jahre verjüngt. Auf ein Zeichen seines erhabenen Chatouilleurs fing das ganze Theater an zu klatschen.

Beim zweiten Tanz trug Lola eine männliche spanische Tracht. Ihre makellose Figur griechischer Liebesgöttinen und die kleinen Ohren, ihr Antlitz eines englischen Jünglings und die mitternachtsblaue Farbe ihrer Augen, die herrliche Straffheit der Schultern im Anzug eines spa­nischen Edlen brachten die Zuschauer in noch größere Ekstase als vor­her im fraulichen Gewand.

Der Triumph der Tänzerin, der Sieg ihres schönen Kör­pers waren an diesem Abend vollkommen im Dunkel des Zuschauerraumes. Und als sie beim dritten Tanz im Kostüm einer Araberin, einer Wasserträgerin, tanzte, exzentrisch und mit so wenig bekleidet, daß ihre Schenkel nackt blieben, ergriff der Wahnsinn alle Sitze im Theater. Als schließlich der letzte Beifall ertönte und der Vorhang fiel, wurde sie mit Blumen überschüttet, und sie zog sich atemlos in eine dunkle Ecke der staubigen und kalten Bühne zurück.

Graf Hirschberg, der wie verzaubert hinter den Kulissen gestanden hatte, ging hinter ihr her zur Garderobe. Er stand ganz unter dem Ein­druck des schrecklichen Unterschieds zwischen dem äußerlichen Glanz vor dem Bühnenvorhang, der Pracht ihrer Glieder und Kleider und der nackten, toten Bretter, der angeklebten Leisten, bemalten Ku­lissen, die nach Schweiß und Kleister stanken. Seine ganze schöne Stimmung war ihm verdorben.

Als sie ihn in ihre Garderobe ließ, stand vor ihm wie­der eine neue Lola Montez. Ganz rosig vom Waschen, zog sie sich ohne Scham vor dem Jüngling an, langsam verschwand ihre Nacktheit in ein blaues Samtkleid mit eingeschnürter Taille. Und während er bis zum Grunde seines Her­zens von ihrem Erfolg erschüttert war, lachte sie müde, viel und leicht­hin über jede Kleinigkeit.

Wie ein schwarzer Schatten versuchte Graf Hirschberg, sich ihr zu nähern und sie zu berühren. Doch sie wich ihm aus, hielt den Kopf gesenkt und lachte nur. Als er versuchte, sie zu halten und zu umarmen, sagte sie zu ihm, daß sie nach dem Tanz Hunger habe und zu gehen wünsche.

So verließen sie die Garderobe, die voll war von Attrap­pen alten Waf­­­fen und alten Ballettkleidern der Ballerinen, die Nebentreppe hinun­­­­ter. Bei einer Kehre, als sie sich wie in einer Totengruft allein zwischen den schweren Mauern befanden, bemerkte der Jüngling, daß die Wandlampe gerade ausging. Er wollte noch einmal versuchen, sie zu umarmen.

Da entzog sie sich ihm, wild und keuchend an ihrem Gürtel herum­fingernd. Sie trug ein Messer bei sich. In seinem Zylinder der Goldenen Jugend, dem schwarzen Paletot, mit dem über der Brust zerfetzten Hemd, bat Graf Hirschberg, jetzt fast in Tränen aufgelöst, sie möge ihm ver­zeihen. Einige Augenblicke hörte man nur, wie sie beide keuchend atmeten. Dann schreckte sie auf, ergriff ihren Umhang, der ihr von den Schultern gefallen war, und ging, ohne ein Wort zu sagen und sich müde an der Wand haltend, weiter. Sie war wieder sehr schön in ihrem wei­chen Abendumhang und sehr leicht und anmutig in den blauen Seiden­schuhen.

Hinter ihr her ging Graf Hirschberg ganz kleinlaut, genoß ihren Gang, ihr duftendes Wesen und bot ihr unerwar­tet wieder ritterlich den Arm. Da schaute auch sie ihm mit leuchtenden Pupillen ins Gesicht, und lachend wie ein Kind, drückte sie herzlich seinen Arm.

Nachdem sie durch die dunkle Vorhalle und dann hinaus in den regnerischen Nebel der Nacht gegangen waren, hin zu den langen Later­nen­­reihen der wartenden Kutschen, suchte er, mit den Augen seinen Kut­scher. Auf die Fassaden des überla­denen Rokokos des Resi­denz­thea­ters starrend, wartete sie inzwischen in der feuchten Dunkel­heit und blieb nachdenklich. Als er sie zur Kutsche brachte und der Kutscher die eiserne Wagen­schwelle auf den Boden herunterließ, sagte sie, sie sei zufrieden darüber, daß sie der Gesellschaft entron­nen waren. Er schlug ihr vor, irgendwohin zu gehen, wo sie allein wären. Doch sie schaute ihn mit spöttischem Lächeln an.

„Ich möchte“, sagte sie leise zu ihm, „falls Sie mich be­gleiten, daß Sie melden, ich sei sogleich schlafen gegangen.“

Immerhin, als sich die Kutsche in Bewegung setzte und dann auch die Laternen ausgingen, so daß die beiden in Dunkelheit versanken, reichte sie ihm selbst ihren Mund und verharrte, erschlafft an seine Schul­tern gesunken, mit ihrem bleichen Gesicht neben seinem, aus dem der Irrsinn sprach.

„Wahnsinn, Wahnsinn“, flüsterte sie dabei und versuchte ihre schwar­zen Haare, die ihr ins Gesicht fielen, beiseite ­zu schieben. „Vor einigen Tagen wußten Sie nicht einmal, daß es mich gibt, sie hatten mich nie gesehen, nicht begehrt, nicht gesucht. Sie wußten überhaupt nicht, daß es mich gibt, nun sprechen Sie über den Tod und über mich, im­mer über mich. Oh, das ist Lüge, alles Lüge. Ich hasse diesen Wahn­sinn, der euch Männer ergreift. Und ich sehe, daß Sie mich nicht achten, wenn Sie mich so schnell begehren.“

Es schien ihr unbegreiflich, daß dieser Mensch, der sie schon ein paar Tage wie ein Schatten begleitete, so schnell den Verstand, die Fröh­­lichkeit, den Wunsch nach ir­gend etwas anderem verlor. Hirsch­berg, der, blondhaarig und sehr jung, weit schöner erschien als Prinz Heinrich Reuß, ihr letzter Liebhaber, dem er im übrigen ein guter Freund war, empfand jedoch ganz gegenteilig. Für ihn war es schreck­lich, was er bisher nicht gewußt hatte, ihm er­schien es furchtbar, daß das Schicksal nicht ihn dazu ausgewählt hatte, mit ihr in Augsburg zu sein. Ihr ganzes schreckliches Leben in Spanien, in London, in Polen, worüber jetzt auch die Zeitungen schrieben und worü­ber man so viel flüsterte, alle ihre Skandale, alle ihre grausamen Erlebnisse, die Morde ihretwegen, die Selbstmorde ihretwegen, das alles, meinte er, müsse jetzt auch ihm ge­bühren. Er dachte, daß sie ihn sofort lieben müßte.

„Warten Sie“, sagte sie, „bis ich Sie ein wenig kennenlerne. In mir ist noch die Liebe Ihres besten Freundes. O Hirschberg, er hat mir so viel über Sie erzählt, er hat an Sie geglaubt. Was würde er sagen, wenn er uns jetzt zuhörte?“

Je mehr sie sich wehrte, umso tiefere Verzweiflung ergriff ihn. Das war keine verletzte Eitelkeit, sondern ein schreckliches Gefühl, keine Zeit verlieren zu dürfen, als ob etwas ständig darauf warte, ihm das bißchen Leben, das bißchen Freude und Vergnügen zu nehmen.

„Ich habe das Gefühl, als wäre ich in einem Boot, das von Ihnen weg­treibt, und Sie säßen in einem anderen, das von mir wegtreibt. Ich habe das Gefühl, daß mir Hände und Finger abbrechen, während ich ver­suche, sie zusammenzubringen und zu halten. Warten Sie nicht, war­ten Sie nicht. Sie wissen nicht, was aus uns werden wird. Gehen Sie jetzt mit mir, so lange ich Sie so sehr liebe, solange Sie für mich un­ge­wöhn­lich und unberührt sind. Können Sie überhaupt bis morgen warten? Ich glaube nicht, daß Sie morgen noch dieselbe sein werden. Es ist un­mög­lich, daß etwas so lange andauert. Dauern Feuersbrünste etwa lange? Sie werden eine andere sein, nicht diese, nicht diese selbe, nie mehr.“

Während sie ihm spöttisch zuhörte, schüttelte sie die Kutsche und fuhr immer schneller zu dem Gasthaus, in dem Se?ora Montez schon die dritte Woche wohnte.

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Dieser Artikel wird voraussichtlich ab dem Montag, 03. Januar 2022 lieferbar sein.
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