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Sahr, Markus: Wallis. Die wirkliche Farbe

ISBN:
978-3-86660-279-3
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Erzählung

Die Bilder von Alfred Wallis (1855 – 1942) galten als Kindergekrakel, wenn nicht als unerbetenes Geschmier auf dem Küchen­geschirr. Seine Schiffe auf irdenen Krügen wurden unter erheblicher Mühe wieder abgewaschen, um die Gefäße weiter zu benutzen. Wallis galt als exzentrisch, als „nicht richtig im Kopf“, seine Ver­gangenheit auf See als erfunden. Heute sind Wallis’ Bilder viele tausend Pfund wert und hängen in der Tate. Markus Sahr verführt den Leser zu einer Reise quer durch das Leben des Malers und setzt ihm ein einfühlsames literarisches Denkmal.

Markus Sahr: geb. 1962 in Mainz, ist freiberuflicher Übersetzer und Autor, war freier Journalist in Berlin und arbeitete als freelance Deutschlehrer in Lissabon und Bristol, seit 2020 hat er einen Lehrauftrag für besondere Auf­gaben am Fachbereich Translationswissenschaft der Universität Mainz in Germersheim.

Markus Sahr liest aus "Wallis" (live-Übertragung, ca. ab Minute 28 ff.)



Leseprobe:

1                                                                                                                                                                  
  Die „Alba“

 Tief unter Wasser war alles schwarz. Nur die Umrisse zweier riesiger Fische in einem hellen Grau. Große, vorübergleitende Körper, Flos­sen, Schwanzschlag des Rückens, verborgene Augen, wohin die Licht­­strahlen reichten. Ein Schwarm kleinerer Fische zog durch sie hin, silberglänzend im Grau. Auf sandigem Grund, zwischen Felsen, die Hummerkörbe. Das Licht verschwand, die Finsternis schloß sich. Nur stetes Pulsieren.

Zusammengekauert lag er in der Schlafbox hinter dem Küchen­tisch. Den Kopf auf einen Arm gestützt, die Bretterwand des Verschlags über sich, wie in einer Koje. Der Körper war unter Decken verborgen, nur Kopf und Arm, die zu einer Faust geballte Hand sind zu sehen. Er schien im Schlaf vor sich hin zu reden, zu träumen. Unruhig warf er sich auf der Couch hin und her.

Das Licht des Leuchtturms draußen flackerte schwach, zu schwach, um in einer Nacht wie dieser mehr zu sein als ein glimmender Punkt in der Bucht. Die Felsen, über denen der Leucht­turm aufragte, waren kaum zu erkennen, da war nur die Gischt, in der sich Welle auf Welle brach. Die See war aufgepeitscht. Die „Alba“, mit Kohle beladen, trieb nah an der Küste, dem Sturm im Süden entronnen. Viel zu rasch näherte das Schiff sich dem Strand. Die Bucht bot Schutz, doch nur dem, der die Felsen kannte. Das schwache Licht des Leuchtturms draußen half der fremden Be­satzung nicht. Das Schiff blieb ohne Anhaltspunkt, der metallene Rumpf wurde hier- und dorthin geworfen, auf der Suche nach Ankergrund. Scheinwerfer glitten über die Wellen, tauchten sie in ein schmutziges Gelb. Längst hatte man das Rettungsboot im Hafen zu Wasser gelassen. Ein scharfes Knirschen durchdrang das Schlagen der Glocken, ein Aufeinanderprallen von Fels und Metall. Hoch schlugen die Wellen über der Bordwand zusammen, brachen über das Deck. Das Schiff schien auf Grund gelaufen, die Maschinen stampften vergeblich. Die Wellen drohten, einen Teil des Schiffs auseinanderzubrechen. Die Besatzung ahnte, daß alle Bewegung nur noch ein Schlingern war. Durch die Wucht der Wellen, der Brandung. Der Kapitän sandte Signale, die Töne immer schriller. Das Rettungsboot kam aus dem Hafen in Sicht, schob sich langsam zu dem metallenen Rumpf, nun war es am Felsvorsprung, die Männer ruderten verzweifelt gegen die Strömung. Eine Glocke tönte von irgendwoher, Männer schrien. Längst waren die Anwohner an den Strand gekommen, standen mit den Füßen im Wasser. Das Rettungsboot war inzwischen nahe an der „Alba“ heran, Rauch aus dem Schornstein des Schiffs wurde über dem Meer zerrieben. Das Rettungsboot verschwand eine Weile hinter dem Heck. Von der fremden Besatzung war noch immer niemand zu sehen. Deutlich konnte er die Aufschrift „Alba“ vorn auf dem Schiffskörper lesen. Es war ein Schiff aus Ungarn, bis gestern hatte es im Hafen gelegen. Neben ihm wateten die Anwohner in tieferem Wasser. Da tauchte das Rettungsboot am Heck der „Alba“ auf, zur Seite gerissen. Ungeschützt trieb es auf den Fels­vorsprung und schlug sofort leck. Die Männer wurden aus dem Boot geschleudert wie Wurfgeschosse. Das Boot hing fest und bewegte sich nicht. Eine Glocke schlug. Immer mehr Nachbarn liefen am Strand zusammen, um den Schiffbrüchigen zu helfen. Die „Alba“ lag vor dem Strand auf Grund und ragte neben dem Felsen aus den Wellen.

Eine der Decken war aus der Schlafbox auf den Boden gefallen und hing von der Bettcouch herab. Zusammengekrümmt lag er da, in der Kälte, unfähig zu einer Bewegung. Noch immer schlug eine Glocke. Vor dem Fenster zur Straße rief eine Frauenstimme. Licht drang schwach durch die grau gewordenen Spitzenvorhänge. Er war wie erstarrt. In einer seltsam verdrehten Haltung lag er minutenlang da, im Geläut der Glocken. Ein Hustenanfall ließ ihn sich noch stärker zusammenkrümmen, es klang wie ein trockenes Bellen.


2

Sorgen

 Sie würden ihn ins Armenhaus bringen, und er wußte es. Er mußte genügend Geld hinterlassen, es mußte reichen für einen Sarg. Noch immer lag er mit dem kahlen Schädel auf einem Arm, drei Pullover übereinander, die Augen zur Decke. Er lag da wie ein Stück Karton voller Klagen. Unter einen Wagen geworfen. Belästigt von Jungs in der High Road. Jungs, die es im Zug auf ihn abgesehen hatten, bis er ausstieg, um nach Hause zu laufen. Jungs auf dem Pfad, der nach Tregenna führte. Jahre war es her, daß er irgendwo gewesen war. Und keine Ruhe im eigenen Haus. Einmal waren Steine gegen die Tür geflogen. Als er sie öffnete, hätte einer ihn beinahe am Kopf getrof­fen. Der Stein war in der Küche gelandet.

Seit Monaten träumte er nun von der „Alba“, verfolgte ihn der Anblick des Schiffbruchs. Auf Grund gelaufen hinter dem Haus. Einen Steinwurf von hier. Sein Blick traf auf den Herd in der Ecke, auf den Blasebalg neben der Feuerstelle. Das Feuer im Kamin war über Nacht heruntergebrannt. Die Asche glühte nicht mehr. 

Später hatte er erfahren, daß es ein Frachter aus Panama war, mit walisischer Kohle beladen, Kurs auf Italien. Fünf ungarische Seeleute blieben noch lange vermißt, zwei der Leichen tauchten nie wieder
auf.
Monat für Monat wurde die „Alba“ weiter zerstört. Mehr als ein Jahr war es her. Reporter vom Rundfunk waren ins Dorf gekommen, in den Zeitungen stand etwas vom Dank der ungarischen Regierung. Mit der Zeit hatten die Wellen das Wrack aufgebrochen, Teile des Schiffs wurden der Küste entlang an die Strände gespült. Auch das Rettungsboot war verloren. Drei Wochen seiner Rente hatte er für den Fonds eines neuen Boots gespendet.

Das Licht des zweiten, größeren Leuchtturms draußen in der Bucht war erst Wochen zuvor reduziert worden, das hatte eine nachträgliche Untersuchung ergeben. Der Kapitän der „Alba“ hatte die nächtlichen Lichter am Strand mit denen des Hafens ver­wechselt.

Der alte Mann setzte sich am Rand der Bettcouch auf. Der Kranz der wenigen Haare stand vom Hinterkopf ab wie eine Reihe borstiger Federn. Seine Augen tränten. Er wischte sich mit einem Taschentuch über die Wange, tupfte gegen die geschlossenen Lider. Beide waren nackt, der Mensch und sein Weib. Aber sie schämten sich nicht voreinander.

Sie würden ihn ins Armenhaus bringen, und er wußte es. Alles, woran er sich erinnerte, war, daß das Geld nach Susans Tod nicht mehr in der Truhe gewesen war. Weder das Geld in Gold und Silber noch die sauberen Linnen.

Er hatte das Haus überschrieben, es nach dem Tod seiner Frau überschreiben müssen. Das Haus, das er gekauft hatte mit ihr. In dem er gewohnt hatte mit ihr, die letzten zwanzig Jahre, und in dem er immer noch lebte, nun ohne sie. Einen Steinwurf vom Strand.

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