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Cornelius, Andreas F.: Veltenhöfer spricht ab fünf

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Roman

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Heidelberg - 02. Oktober 2009

Der vierundachtzigjährige Professor Veltenhöfer sitzt gewohnheitsgemäß auf einer seiner Bänke. Er tut, was er jeden Tag tut: spricht mit jemandem, beobachtet dabei die Vorübergehenden sowie die Natur und studiert das Leben per se. Bis zu elf Stunden verharrt er täglich draußen. Er hat eine Vorliebe für Holsten Bier und Schwimmlehrerinnen, wohingegen er sich über Desinteresse, die zunehmende Abstumpfung, den Mangel an Achtung sowie den braunen Sud erregt. Wer ist dieser Mensch? Ein Irrer? Ein Alltagsphilosoph ersten Ranges, ein zu Groll neigender Einzelgänger oder nur ein einsamer, alter Mann auf der Suche nach ein wenig Zuspruch und Respekt?
Ein zweiter Mann gesellt sich zu Veltenhöfer. Und damit beginnt ad hoc sozusagen eine einzigartige Tour ins Leben: pfeilgerade, von Null auf Hundert und gleichwohl illustrativ als auch spekulativ. Des Professors Weitsicht, sein skurriler Humor und ingeniösen Denkmodelle sind einzigartig. Veltenhöfer steigert sich in eine monodialogische Explikation, die nicht aufzuhören scheint und dennoch recht abrupt endet. Denn er bemerkt etwas, was sonst niemand bemerkt. Und das verwirrt ihn reichlich.

Andreas F. Cornelius: 1946 in Gerolstein geboren. Spitzendreher in der Stahlindustrie, Werkstoffprüfer, Schlagzeuger, Chauffeur, Mietwagenfahrer, Fotograf, Theaterautor, Sachgebietsleiter im medizinischen Einkauf der Universitätsklinik Heidelberg. Lange Zeit in Saarbrücken wohnend, nun in Eppelheim bei Heidelberg.


Leseproben:

Wann und in welchen Momenten, frage ich Sie jetzt allen Ernstes, ist unser Vorhandensein tatsächlich bedeutend oder beschert uns gar eine Art von Wohlbehagen? Wenn wir jemanden das Fell über die Ohren ziehen, in eine Frau eindringen, mit gesättigtem Bauch ein Restaurant verlassen, wenn wir weniger gebrechlich als unser Nachbar sind? Wenn wir den eigenen Namen in der Zeitung lesen oder einen lächerlichen Ehrentitel vor einem hirnlosen Auditorium entgegennehmen? Wenn wir zum stolzen Vater werden, obwohl wir wissen, dass sich die eigene Brut eines Tages gegen uns stellt und wider unseren Willen in ein Altenheim verfrachtet?

Nein, der Mensch ist kein Tier, er ist brutaler und grausamer als jede Kreatur, die jemals lebte. Und was wir Deutschen, ich sage ganz bewusst wir, weil ich mich von dieser Schuld niemals freisprechen kann und auch nicht möchte, an den Juden verbrochen haben, ist mit nichts zu sühnen. Mit absolut gar nichts. Hitler und seine Gefolgsleute waren keine Kranken, sondern Verbrecher und Unmenschen. Und keine Verhaltensforschungstheorie lässt sich für jene Untaten, jenen Völkermord missbrauchen. Wäre es so, würfe ich meine Professur in den Neckar und spränge hinterher.

Sie brauchen bloß Leute zu beobachten, die ins Aldi hineingehen oder herauskommen. Zwei Drittel sind übergewichtig. Und dann überlegen Sie einmal, wie viel an sogenannten Lebensmitteln diese lebenden Fleischberge in sich hineinstopfen und - ärger noch - wieder aus ihren Därmen in die Natur entleeren. Diese Vorstellung ist grauenhaft. Tonnenweise Fäkalien. Aber nicht bloß der Mensch scheidet unaufhörlich aus, sondern auch seine Hunde, Katzen und Kanarienvögel. Und dann noch das andere Getier: Hirschkäfer, Tauben, Ameisen, Grizzlybären und Bachforellen. Groß oder klein, sie müssen alle. Wie viel, glauben Sie, ich drücke es des grässlichen Umstandes wegen etwas drastisch aus, wird jeden Tag in die Welt geschissen?

Ich werde weder Jesus noch Buddha sein, sondern eine Kreatur, die ihr Leben schützt, die ihre Gewalt und Zähne, der Gewalt und den Zähnen ihres Gegners entgegensetzt. Und dies mit jeder nur denkbaren Konsequenz, auch der eventuell damit einhergehenden Gefängnisstrafe. Wer sich nicht an die Spielregeln hält, zieht den Kürzeren. Ganz wie in der Natur, nach der ich mich richte. Ein Mensch, der einen anderen überfällt, ist kein Bussard, der die Feldmaus jagt. Ergo hat er mit der Gegenwehr des Angegriffenen zu rechnen.

Womöglich verstehe ich als alter Mensch generell zu wenig von der Jugend und deren Bedürfnissen, bilde mir nur ein, etwas vom Leben, der Natur und den Vögeln zu wissen. Bedenken Sie: Niemand ist allwissend. Wie denn und wodurch denn auch? Und dennoch denken wir, die Wahrheit gepachtet zu haben. Dabei ist unser Denken kaum mehr als Flickschusterei. Wir nehmen von dem etwas, fügen etwas anderes hinzu, würzen das Ganze mit irgendwelchen Trivialitäten, freilich rhetorisch aufgeplustert, streuen einige Zitatenschätze darunter und schon betrachten wir uns als Geistesgrößen. Ein Irrsinn sondergleichen!

Wer spricht schon offen aus, dass man den Partner, Freund oder ein Mitglied der eigenen Familien nicht mehr erträgt, ertragen möchte, ertragen kann? Allein wie sich jener unterdessen am Tisch benimmt, auch im Beisein dritter gehen lässt und in den Ohren bohrt. Auch welch schäbige Unterwäsche er nunmehr trägt und wie aufgedunsen und ungepflegt er durch die Räume schlurft.Ja, dass man es geradezu als widerwärtig empfindet, von ihm, dem Menschen, den man dereinst schätzte und törichterweise sogar zu lieben glaubte, in der Öffentlichkeit begleitet zu werden, und sei es bloß auf dem Weg zur Garage oder dem Bäcker zwei Straßen weiter.

Einerseits schätze ich die Natur, andererseits bereitet es mir immer mehr Qualen, mich in ihr zu bewegen; einerseits verabscheue ich Menschen, andererseits möchte ich sie zu Ende studieren; einerseits denke ich, ich hätte genug Natur gehabt, andererseits sehne ich mich nach Plätzen, an denen ich noch nicht gewesen bin; dann wiederum ziehen mich die Menschen wieder an, wobei sie mich zugleich auch abstoßen. Was also tun?

Haben Sie überhaupt eine Vorstellung davon, wie erbärmlich und bejammernswert es für mich ist, auf einer Bank zu sitzen und darauf zu warten, dass sich jemand neben mir niederlässt, dem ich das erzähle, was ich Ihnen erzähle? Satz für Satz. Wort für Wort. Ein einst angesehener Verhaltensforscher, der auf die Unterhaltung eines Taxifahrers angewiesen ist, der darauf hofft, dass sich ein vom Einkaufen müder Mensch für eine Weile neben ihn setzt. Und bin ich im Wald unterwegs, ist es mitunter noch schlimmer. Manchmal schluchze ich in mein Taschentuch.

 




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