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Martyrien

ISBN:
978-3-86660-234-2
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Altgeorgische Heiligenlegenden: Das Martyrium der Königin Schuschanik, des heiligen Eustatius und des Abo von Tiflis
Aus dem Georgischen von
Neli Amaschukeli und Iwane Dschawachischwili
Herausgegeben von Viktor Kalinke, Imogen Pare & Lascha Bakradse

170 S., Festeinband, zahlreiche Abbildungen

„Ist der Märtyrertod denn nur ein Tod? Nein, er ist die Geburt zu einem neuen, unsterblichen Leben...“

Das vorliegende Buch verschafft dem deutschsprachigen Leser einen Zugang zu drei Meisterwerken der altgeorgischen Prosa. Im Mittelpunkt steht das Martyrium der heiligen Schuschanik, einer Königin, die ihrem Ehemann Widerstand leistete, als dieser aus politischem Kalkül konvertierte und auch sie zur Abkehr von ihrem Glauben zwingen wollte. Be­mer­kens­­wert erscheint dem heutigen Leser die feinsinnige Radikalität ihrer Selbst­bestimmung als Frau in einem patriachalen Umfeld. Die Martyrien geben ein lebendiges Zeugnis vom Verhältnis des Christentums zu anderen Religionen der damaligen Zeit wie dem persischen Zoroastrismus (Mazdaismus) und dem aufkommenden Islam. Den Überlieferungen ist eine Einleitung zu den historischen Geschehnissen in einer Region vorangestellt, die sich über Jahrhunderte hinweg als Spielball zwischen den herrschenden Großmächten befand. Wie sind individueller Glaube und gesellschaftliche Funktion der Kirche miteinander verzahnt? Spielen staatliche Verfolgung, Aufopferung des Einzelnen und kollektive Selbstbehauptung noch immer eine Rolle im politischen Geschehen? Was aus west- und mitteleuropäischer Perspektive peripher erscheint, erweist sich, wie bereits Goethe bemerkte, als zentral.

Das Buch ist mit zahlreichen Abbildungen sowie einem informativen Anhang ausgestattet, der eine Zeittafel, Begriffserklärungen sowie Beiträge von Adolf von Harnack und Neli Amaschukeli enthält.

Zu den Übersetzern:

Neli Amaschukeli  (georg.: ნელი ამაშუკელი, 1921 -2007)

Neli Amaschukeli wurde 1921 in Tbilissi geboren, studierte Deutsche Sprache und Literatur, Lehrstuhlinhaberin für Germanistik; sie war Präsidentin der Georgisch-Deutschen Gesellschaft und Mitglied der Internationalen Goethe-Gesellschaft in Weimar. Prof. Neli Amaschukeli ist als Übersetzerin und Vermittlerin zwischen georgischer und deutscher Kultur vielfach hervor­ge­tre­ten: Sie über­setzte u.a. altgeorgische Texte wie das Martyrium der Schuschanik und Der Recke im Tigerfell von Shota Rustaweli, die Gedichte Gedanken am Fluß Mtkwari von Nikolos Bara­ta­schwili und die georgische Fassung des alt­persischen Liebesromans Wis und Ramin, Geor­gische Romantiker, Neue Georgische Lyrik seit 1978  sowie Gedichte von Anna Kalandadse ins Deutsche. Im Jahr 1969 plante der Verlag Volk und Welt anläßlich der georgischen Kultur­tage in der DDR eine Anthologie mit georgischer Lyrik und Kurzprosa. Adolf Endler, Rainer Kirsch und Elke Erb hielten sich daraufhin drei Monate in Georgien auf, um eine Textauswahl des Georgischen Schriftstellerverbandes auf Grundlage einer Interlinearüber­set­zung von Neli Amaschukeli nachzudichten. 1971 erschien die Anthologie Georgische Poesie aus acht Jahrhunderten. Umgekehrt übertrug sie Die Wahlverwandtschaften von Goethe, Der Prozeß von Franz Kafka, Die Jünger Jesu von Leonhard Frank, Das Tagebuch der Anne Frank und die Ansichten eines Clowns von Heinrich Böll ins Georgische. Außer­dem übersetzte sie zwölf Opernlibretti, u.a. Mozarts Zauberflöte, sowie zahlreiche Essays und Sachbücher zur georgischen Kirchenmalerei, Film- und Theaterkunst, Musik, Literatur und Architektur sowie die Ilia Tschawtschawadse-Biographie von Giorgi Abaschidse aus dem Georgischem ins Deutsche und vice versa. In den 1970er Jahren wurden im Rahmen eines Kultur­austauschs in Saarbrücken etliche geor­gische Opern in der äquirhythmischen Übersetzung von Neli Amaschukeli von deutschen Sängern aufgeführt. Neli Amaschukeli wurde mit zahlreichen Preisen aus­ge­zeich­net, u.a. mit dem Albert-Schweit­zer-Friedenspreis, 2001 mit dem Georgischen Ehrenorden sowie 2005 mit dem Bundesverdienstkreuz Erster Klasse.

Iwane Dschawachischwili (georg.: ივანე ჯავახიშვილი, 1876 –1940)

Philologe, Historiker und Mitbegründer der Staatlichen Universität Tiflis, wurde als Sohn des Erziehungswissenschaftlers Aleksandre Dschawachischwili 1876 geboren, erwarb 1895 das Abitur in Tiflis, studierte bis 1899 Orientalische Sprachen in Sankt Petersburg, darauf folgte ein zweijähriges Auslandsstudium, 1898 Aufenthalt in Königsberg und Er­werb deut­scher Sprachkenntnisse, 1901-1902 Gasthörer an der Friedrich-Wilhelms-Uni­ver­sität Ber­lin bei Adolf von Harnack und Karl Krumbacher und über­set­zte altgeorgische Heiligen­legen­den ins Deutsche; Harnack bemühte sich, ihn für die Berliner Universität zu gewinnen; 1902 Expedition zum Berg Sinai mit Nikolai Jakowlewitsch Marr, um alt­geor­gischer Manuskripte zu bergen, 1903 bis 1917 war Iwane Dschawachischwili Privatdozent für Kartwelologie an der Armenisch-Georgisch-Iranischen Abteilung an der Universität Sankt Petersburg, engagierte sich für die Gründung der Staatlichen Universität Tiblissi, wo er 1918 die erste Vorlesung hielt („Die Persönlichkeit des Menschen und ihre Bedeutung im altgeorgisch-philosophischen Schrifttum“), 1919-1926 Rektor der Universität, 1918-1938 Dekan der historischen Fakultät, 1924 Unterstützung des August-Aufstands in Georgien, daher 1926 Ablösung als Rektor und mehrere Jahre Hausarrest, 1936 lehnte er es ab, Mitglied der KPdSU zu werden, 1936-1940 Leitung der historischen Abteilung des Staat­li­chen Museums Georgiens, 1939 Vollmitglied der Sowjetischen Akademie der Wis­sen­schaf­ten, Mitglied im Parlament der Georgischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Das Werk von Iwane Dschawachischwili umfaßt 170 wissenschaftliche Artikel und ca. 20 Mono­grafien: eine vierbändige Geschichte Georgiens, eine dreibändige Geschichte des geor­gischen Rechts, eine zweibändige Geschichte der Wirtschaft Georgiens, eine Geschichte der georgischen Musik, eine Studie zur Verwandtschaft der kart­weli­schen und  kau­ka­si­schen Sprachen, eine georgische Paläographie, eine georgische Münz- und Meßkunde, eine georgische Diplomatik und eine Arbeit über Quellen und Methoden der Geschichts­wissen­schaft.


Inhalt

Viktor Kalinke
Leidensbereitschaft und Machtkalkül................................................................ 7


Hintergründe und Randumstände der altgeorgischen Martyrien........................................ 7
Das Erbe Alexanders.................................................................................................. 9
Resonanzwellen des Zoroastrismus............................................................................. 12
Spielball in den römisch-persischen Kriegen ................................................................ 15
Christliche Märtyrer ................................................................................................... 16
Die Hinwendung zum Christentum................................................................................ 20
Erste Christen im Kaukasus........................................................................................ 24
Die Verfolgung orientalischer Christen........................................................................... 29
Der Einzug des Islam.................................................................................................. 30


Iakob Zurtaweli
Das Martyrium der heiligen Königin Schuschanik............................................ 35

Anonymus
Der Märtyrertod des heiligen Eustatius von Mzcheta ..................................... 51

Ioane Sabanisdse
Das Martyrium des heiligen Abo von Tiflis ........................................................ 71


Materialien ............................................................................................................. 99


Zum Martyrium der Schuschanik
Geschichtliches
Theologische Einordnung
Textgeschichtliches
Zur Übersetzung
Aus dem Nachwort von Neli Amaschukeli


Zum Martyrium des Eustatius
Geschichtliche Hintergründe
Die Legende
Zur Übersetzung
Aus der Einleitung von Adolf von Harnack


Zum Martyrium des Abo
Geschichtliche Hintergründe
Kleine Typologie des Martyriums
Tod als Zeugenschaft
Der Bericht als doppelte Zeugenschaft des Martyriums
Zur Übersetzung


Zu den Übersetzern
Neli Amaschukeli
Iwane Dschawachischwili


Zeittafel
Namen und Begriffserklärungen
Quellen



Leseprobe:

Leidensbereitschaft und Machtkalkül. Hintergründe der altgeorgischen Martyrien
Viktor Kalinke


»Es gibt keine nationale Kirche, deren Sprache, Literatur und Geschichte in Westeuropa so
unbekannt ist wie die georgische. Außer einigen Angaben über die georgische Bibel, meistens aus
zweiter oder dritter Hand geflossen, und einigen abgerissenen geschichtlichen Notizen (im
Zusammenhang mit der Geschichte Armeniens) fehlt uns jede Kunde. Und doch handelt es sich
um eine Kirche von mehreren Millionen Bekennern, die bereits im 5. Jahrhundert gestiftet worden
ist, sich durch die Anerkennung der chalcedonischen Formel früh von ihrer Mutterkirche, der
armenischen, emanzipiert, nicht nur mit der griechischen, sondern auch mit der syrischen Kirche
in direkter Verbindung gestanden und sich gegen Perser und Mongolen kräftig behauptet hat...
Die Zahl der georgischen Handschriften ist sehr beträchtlich. Allein in Tiflis befinden sich gegen
2000, die zum Teil bis zum 10. und 9. Jahrhundert hinaufreichen. Im ganzen Osten vom Sinai bis
Petersburg begegnen verstreute georgische Manuskripte, dazu auch einige im Abendland, vor
allem in Rom.«


Mit diesen Worten leitete Adolf von Harnack im Jahr 1901 seinen Bericht zum Martyrium
des Eustatius ein, zu dessen Übersetzung ins Deutsche er seinen Studenten Iwane
Dschawachischwili angeregt hatte. Seitdem sind über einhundert Jahre vergangen,
Georgien aber gehört für viele Leser noch immer zu den unbekannten Flecken auf der
literarischen Landkarte.

Der Name Georgien kam in Westeuropa seit der Zeit der Kreuzzüge auf und setzte sich
ab dem 13. Jahrhundert allmählich durch. Die Kreuzfahrer erkannten in den Georgiern das
Volk des heiligen Georg, wobei der »Weiße Georg«1 ursprünglich den Mondgott der vorchristlichen
Ära darstellte, der das Land als volkstümlicher, ritterlicher Held vor äußeren
Feinden beschützte und von den Christen zum Heiligen erklärt wurde.2 Die Türken und
Perser nannten das Land Gurdschistan und seine Bewohner Gurdschi, woraus die Russen die
Bezeichnung Grusija formten. Bei den Griechen hieß der westliche Landesteil Kolchis
(abgeleitet aus dem megrelischen Egr, »Ackerbauer«) und der östliche Iberien (phönizisch:
»jenseits des Meeres«, daher gleichlautend, doch nicht zu verwechseln mit der Pyrenäenhalbinsel).
Die Stämme, die sich zwischen dem achten und dem ersten Jahrhundert v.u.Z. in
Ostgeorgien niedergelassen hatten, nannten sich selbst Karten und das Land Kartli. Bis ins
6. Jahrhundert war Mzcheta ihre Hauptstadt, am Zusammenfluß des Aragwi und Mtkwari,
nahe des heutigen Tiflis gelegen, eine über dreitausend Jahre alte Siedlung am Knotenpunkt der Handelswege, die vom Kaspischen und vom Schwarzen Meer hierher führten und sich mit einem Abzweig der Seidenstraße sowie der Heerstraße kreuzten. Die heutige Selbstbezeichnung der Georgier als Kartweli und Georgien als Ssakartwelo geht auf diesen alten Stammesnamen zurück.

Das Erbe Alexanders
Von den Eroberungszügen Alexander des Großen im 4. Jahrhundert v.u.Z. blieb der
Kaukasus verschont. Nichtsdestotrotz stilisierte die Georgische Chronik, die im 18.
Jahrhundert redigiert wurde, das Land als Opfer der Kriegslust Alexanders:

»Alexander eroberte ganz Kartli und vernichtete alle Völkerschaften, die untereinander vermischt
in Kartli wohnten, und er vernichtete die fremden Völkerschaften, und die Frauen und
unmündigen Knaben, die unter fünfzehn Jahren waren, nahm er gefangen.«


Das Gegenteil war der Fall. Die militärischen Siege Alexanders südlich von Georgien hatten
zur Folge, daß Kolchis und Kartli unabhängig wurden. Hätte Alexander in Georgien einen
Völkermord veranstaltet, wie ihn die Chronik behauptet, wären zu dieser Zeit keine
selbständigen Staaten entstanden. Bemerkenswert ist zudem, daß die Chronik unterstellt,
vor Alexanders Ankunft seien die Sitten in Kartli verfallen gewesen: Bei der Eheschließung
und beim Ehebruch seien keine Verwandtschaftsverhältnisse beachtet worden; die Kartweler
hätten nicht nur alles Belebte gegessen, sondern seien auch Kannibalen gewesen, die
Tote verzehrt hätten.5

Offenbar erblickten die Verfasser der Chronik in den ehelichen Beziehungen und Eßgewohnheiten
einen Gradmesser für die zivilisatorische Entwicklung, die sie durch
Alexander eingeleitet und vom Christentum vollendet sahen. Als historisch läßt sich diese
Polemik nicht betrachten.

Tatsächlich zeitigte Alexanders Feldzug indirekte Folgen für Georgien. So gehörte
Armenien, mit dem der georgische Adel eng verflochten war, zu Alexanders Reich. Auf
diesem Wege verschafften sich persische Einflüsse in Georgien Geltung. Zu den »zivilisatorischen
Errungenschaften« gehörten Massenhochzeiten, die Alexander zwischen dem
griechischen und dem persischen Hochadel arrangierte, um die alte Feindschaft zwischen
Hellenen und Persern zu beschwichtigen. Berühmt geworden ist die »Hochzeit von Susa«,
bei der achtzig griechische und ägyptische Offiziere sowie Alexander selbst mit adligen
Perserinnen vermählt wurden.6 Es handelte sich um eine diplomatische Geste zur
Stabilisierung der eroberten Gebiete. Exogame Heiratsvorschriften waren bereits in
frühen Gentilordnungen gang und gäbe, um die Beziehungen zwischen benachbarten
Stämmen zu befrieden.7 Der Übergang zur Monogamie, der vom Christentum befördert
wurde, erschwerte die Hochzeitsdiplomatie der Adelsgesellschaften. Im Martyrium der
Schuschanik erkennen wir, wie ernstgemeint die Rebellion gegen die Fremdherrschaft war,
wenn deren Heiratsgewohnheiten von einer Königin boykottiert werden. Der christliche
Glaube lieferte die ideologische Überzeugung für diese Art des Widerstands.

[...]

Das Martyrium der heiligen Königin Schuschanik
Iakob Zurtaweli


Jetzt will ich euch wahrheitsgetreu erzählen vom Tod der heiligen und lieben Schuschanik.

1.
Es war im achten Jahr1 des persischen Königs, da der Fürst2 Varsken, Sohn des Arschuscha,
denn er war davor auch ein Christ, geboren von christlichen Eltern, an den Hof des Königs
ging. Zur Frau hatte er die Tochter Vardans, des armenischen Heerführers, von der ich
hier erzählen will. Nach dem Vater hieß sie Vardan, mit dem Kosenamen Schuschanik, und
sie war fromm und gottesfürchtig von Kind an, wie ich schon berichtet habe. Das gottlose
Tun ihres Mannes quälte ihr Herz und alle flehte sie an, daß sie für ihn beten, damit ihn
Gott aus seiner Verirrung auf den rechten Weg zu Christus führen möge.
Wer könnte anders als ich von diesem unglückseligen und dreimal mitleidswerten
Varsken berichten, den vollkommen Verlassenen, wie er sich von der unverlöschlichen
Hoffnung auf Christum entfernte, oder wer beklagt ihn nicht, der um Christi willen nicht
Marter noch Angst, nicht Schwert noch Gefangenschaft erfuhr.
Als er zum persischen König ging, war es nicht darum, daß der ihm Ehre erweise,
sondern er brachte sich selbst dem König zur Gabe dar, indem er dem wahren Gott absagte
und Feueranbeter wurde und sich so ganz von Christo trennte. Dieser Unglückselige bat
den persischen König um ein Weib für sich, das tat er, damit der König ihm wohlwolle, und
so sprach er: »Meine rechtmäßige Frau und meine Kinder bekehre ich auch zu deinem
Glauben, wie ich mich zu ihm bekehrt habe.« So versprach er etwas, was ihm Schuschanik
noch nicht gegeben hatte. Da freute sich der König und befahl, ihn mit seiner Tochter zu
verheiraten.

2.
Der Fürst entfernte sich vom persischen Hof. Als er die Grenze von Kartli erreichte und das
Land Hereti betrat, beschloß er, Nachricht zu geben, daß ihn die Asnauris, seine Söhne und
Diener dort empfangen sollten und er in ihrer Begleitung wie ein Treuer ins Land käme. Er
schickte seinen Knecht zu Pferd als Gesandten aus, nachdem er die Siedlung erreicht hatte,
die Zurtawi3 heißt.

[...]

Dieser Artikel wird voraussichtlich ab dem Donnerstag, 30. August 2018 lieferbar sein.
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